Archiv

Christoph Stoll – Waldesdunkel

Christoph Stoll – Waldesdunkel

Justus Hauer ist Kunstlehrer in Frankfurt. Gestern noch hat er im Lehrerkollegium seinen fünfzigsten Geburtstag gefeiert, aber nun ist auch das vorbei. Es sind endlich Sommerferien.

Justus fährt in seinem Mini Clubman Richtung Limburg und biegt, die Stadt hinter sich lassend, in Richtung Lahntal ab. Er hat seinen Labrador George II. im Auto dabei, als er die ersten Eichen des heimischen Waldstückes sieht, das früher sein Kinderspielplatz war und später sein Rückzugsort wurde.

Er kann in diesem Augenblick nicht sehen, dass in dem Waldstück das Fadenkreuz eines Zielfernrohrs mehrere Buchen- und Eichenstämme abschwenkt, um dann einen grün gestrichenen Hochstand präzise ins Visier zu nehmen. Danach bewegt sich das erbarmungslose Fadenkreuz noch einmal zum Boden, um dann auf der Höhe der Kanzel zur Ruhe zu kommen.

Justus sieht von der Kreisstraße aus das Protz-SUV seines Jagdpächters Michael von Flachau in der Einfahrt des Waldwegs zur sogenannten Mondwiese parken. Schließlich biegt er kurz vor dem Ort Lahnberg von der Landstraße ab, um zum alten Forsthaus Weiterlesen

Adventskalender 2024 – 18. Türchen

Die drei Königstöchter im blauen Berg
Ein nordisches Volksmärchen
Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten keine Kinder und waren darüber so traurig, dass sie fast keine fröhliche Stunde mehr hatten. Eines Tages stand der König auf dem Altan und schaute über das weite Land und alles, was ihm gehörte. Es war sehr viel und sah sehr schön aus; aber er dachte, er könne sich gar nicht darüber freuen, wenn er nicht wisse, was nach seinem Tode mit allem geschehen solle. Als er so dastand und nachdachte, kam eine alte Frau von der Straße und bat im Namen Gottes um ein Almosen. Sie grüßte den König, knickste und fragte, was dem Herrn König fehle, dass er so unglücklich aussehe.

»Ach, gute Frau, da kannst du mir nicht helfen«, sagte der König. »Es würde auch nichts nützen, wenn ich es dir sagen würde.«
Weiterlesen

Slatermans Westernkurier Ausgabe 12-2024

Auf ein Wort, Stranger, warum kennt eigentlich kaum jemand das Massaker von Newton?

Gute Frage, aber tatsächlich ist diese Auseinandersetzung, die man das Massaker von Newton, Kansas oder auch Schießerei im Hyde Park in Newton nennt, selbst in Amerika auch heute noch so gut wie unbekannt.

Warum ist das so?

Immerhin handelt es sich dabei um eine Schießerei, die mehr Tote und Verletzte forderte als der berühmte Showdown zwischen den Earp-Brüdern und Doc Holliday mit den Clantons in Tombstone im O.K. Corral oder jene Schießerei, in der die Bürger von Coffeeville die Dalton Bande bei einem versuchten Banküberfall regelrecht in Stücke schossen. Das Newton Massaker war sogar blutiger als Dallas Stoudemires legendärer Revolverfight in El Paso, der als »Vier Tote in fünf Sekunden Kampf« in die Pioniergeschichte einging.

Gründe genug, um in damaligen Gerichtsakten und Zeitungsartikeln zu stöbern, um herauszufinden, Weiterlesen

Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 1 – Der letzte Höhlenmensch – 6. Kapitel

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 1
Der letzte Höhlenmensch
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Im Leichentempel

Beim ersten Schritt prallte Richard entsetzt zurück. Der Mondschein drang durch ein offenes Fenster und fiel hell auf ein menschliches Gesicht – ein schreckliches Gesicht, wachsgelb und mumienartig eingetrocknet, aus dem ein zahnloser Mund ihm entgegengrinste und gläserne Augen ihn anstierten.

»Fürchte dich nicht, wir sind im Leichentempel der Farken«, flüsterte Maka, seine Hand wieder ergreifend, »es sind nur die ausgetrockneten Leichen großer Häuptlinge.«

Weiterlesen

Adventskalender 2024 – 17. Türchen

Schuhflicker im Glück

Es war einmal ein Schuhflickerlein, das lebte mit Frau und Kindern im Elend, denn sie hatten nichts zu brocken und zu beißen. Wie oft er auch mit seinem Werkzeugkorb durch die Straßen lief und rief: »Wer hat Schuhe zu bessern?« … so kam doch niemand, der seiner Arbeit begehrte. Des Lebens müde, beschloss er, sich zu ersäufen.

Wie er sich in den Strudel stürzen wollte, trat vor ihn sein Glück, hielt ihn zurück und sagte: »Was willst du tun?«

»Ach!«, seufzte er, »das Un­glück verfolgt mich und ich mag nicht mehr leben.« Sprach zu ihm das Glück: »Tue das nicht. Hier nimm dieses Messer! Disteln gibt es genug, und bei jeder Distel, welche du damit abschneidest, wirst du einen kleinen Groschen finden.«

Weiterlesen