Der silberne Bilderrahmen
I
Es klingelte. Martha Weiser ging zur Haustür und öffnete.
»Guten Tag, Frau Weiser! Mein Name ist Mertes, und dies ist Frau Czerny von der Allgemeinen. Ich selber bin Hauptkommissar bei der hiesigen Polizei. Dürfen wir reinkommen?«
Martha Weiser schaute sich die beiden Leute, die sich gerade vorgestellt hatten, genauer an. Hauptkommissar Mertes war etwa fünfundvierzig Jahre alt, groß, schlank, trug eine Nickelbrille und kurzes angegrautes Haar. Frau Czerny von der Zeitung hatte langes braunes Haar, war mittelgroß, schlank, hatte braune Augen und war höchstens fünfunddreißig Jahre alt.
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Oben
Regel 6: Der Sammler versichert sich, dass die Zielperson alleine ist. Ihre Angst erkennt er am gesenkten Blick, am zögerlichen Schritt und dem Meiden von Menschenansammlungen.
Ich wähle das rotblonde Mädchen. Ihre Haare sind kurz geschnitten. Passen aber irgendwie nicht zu ihrem kantigem Gesicht. Die Sommersprossen, die über ihre Nase tanzen, lassen sie wie ein Kind aussehen. Dabei ist sie sicher über zwanzig.
Als sie lächelt, sehe ich, dass einer ihrer Schneidezähne schief ist. Das macht sie auf eine merkwürdige Weise hübsch.
Human Capital
Eine Krimi-Kurzgeschichte von Peter Mair
I
»Wie kriege ich Walter Ott aus dem Knast?«, fragte sich Arthur Kluge.
Der zwei Meter große Privatdetektiv rutschte unruhig auf der Parkbank im Hofgarten hin und her. Er wartete auf seinen Partner Chaplin. Aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Nicht mal ein Spaziergänger.
Lag wahrscheinlich daran, dass über Nacht die Temperatur um zehn Grad gefallen war. Weiterlesen
Das verräterische Herz
Warum hält mich jeder für verrückt? Ich weiß, was ich gehört habe. Ich höre es immer noch. Wenn ich versuche zu schlafen, schleicht es sich hinterhältig und erbarmungslos in meinen Kopf. Unmerklich, fast zärtlich, beginnt es zu pulsieren. Doch dann beginnen die Schläge zu wachsen, steigern sich stetig zu einem voluminösen Pochen. Das bringt mich zur Raserei. Ich laufe in meiner Zelle auf und ab und trommle mit den Fäusten gegen die Wände. Die Mauern bleiben unbeeindruckt, meine Hände bluten. Das Pumpen wird lauter, immer lauter und ebenso meine Schreie. Die Tür geht auf! Ich werde von starken Händen gepackt und zu Boden gedrückt. Ein kleiner Stich, und alles um mich herum wird ruhig, so herrlich ruhig.
Ich kann nicht erklären, wann dieser Verdacht in mir entstand. Doch einmal geboren, fraß er sich in meine Gedanken, verbreitete sich wie ein unheilbarer Krebs und quälte mich Tag und Nacht. Meine Frau betrügt mich!
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Nächtliche Jagd
Müde saß ich in meinem Auto und war erleichtert, endlich den Heimweg antreten zu können. Meine Augen brannten und ich fragte mich, ob ich die rund einstündige Fahrt ohne Pause durchhielte. Hinter mir lag eine Betriebsfeier, die sich länger als befürchtet hingezogen hatte. Ich wollte nicht der Erste sein, der Abschiedsworte in die Runde rief, und so hatte ich bis nach Mitternacht warten müssen, bis endlich einige Kollegen aufbrachen. Mir lagen solche Feiern einfach nicht, vielleicht lag es am sinnleeren Gerede oder dem heimlichen Profilieren einiger Kollegen, zu dem es unweigerlich immer kam.
Genug jetzt, sagte ich mir und versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Müde rieb ich über mein Gesicht und schaltete das Radio ein. Ich suchte eine Weile einen Sender, der eine einigermaßen annehmbare Musik spielte. Die Straße, die mich zur Autobahn brachte, lag dunkel und gerade vor mir und lud dazu ein, mit Weiterlesen




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