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Storys & Lyrik

Das Unglaubliche

Das Unglaubliche

Es war ein Edelmann, der behauptete bei jeder Gele­genheit, in grader Linie von keiner geringeren Ältermutter denn der Jungfrau Maria abzustammen: Hatte sich auch derowegen eine Schilderei malen lassen und in seiner Ahnenhalle aufgehängt. Darauf war seiner Vorfahren einer abgemalt vor der Heiligen Jungfrau kniend; der aber gingen auf einem fein geschwun­genen Spruchbändlein die Worte vom Mund: »Ste­hen Sie auf, Herr Vetter!«

Antwortete der Ritter, wie zu lesen stand: »Ich tue meine Schuldigkeit, Frau Muhme.«

Er war wohl ein ganzer Narr und wun­derte sich täglich, dass er noch vom Regen nass wurde wie andere Menschen, und dass jemalen der Wind es wagen durfte, ihm sein Hütlein vom Haupt zu ent­führen, als wäre er nicht mehr denn Hinz und Kunz. Er fuhr mit vier Gäulen, anders tat er es nicht, und saß dann bocksteif im Wagen, sah über Dorf und Gärten und die Menschen hin, die ihn bescheidentlich grüßten, als wäre es seinen Augen Schaden oder Schande, so sie wen streiften, der ehrlich von seiner Hände Arbeit lebte.

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Das vertuschte Verbrechen

George Barton
Das vertuschte Verbrechen

Jennie Becker lebte mit ihrem Ehemann Abraham Becker in der New Yorker Bronx und war Mutter mehrerer Kinder. Er arbeitete als Chauffeur, und nichts deutete darauf hin, dass sie nicht so glücklich verheiratet waren wie ein durchschnittliches Ehepaar. Es stimmt zwar, dass die Arbeit des Mannes ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit in Anspruch nahm, aber Mrs. Becker schien dies als selbstverständlich hinzunehmen und beschwerte sich nicht.

Jennie Becker war nicht unattraktiv, und einmal hörte man Becker halb im Scherz sagen, wenn er nicht aufpasse, könne er sie verlieren. Sicher ist, dass sie in der Nachbarschaft der East 150th Street, wo sie wohnten, sehr beliebt war. Sie war auch für ihre Zuneigung zu ihren Kindern bekannt. Am Morgen des 7. April 1922 verließ sie ihr Haus, um in die Stadt zu gehen. Sie war ordentlich und sauber, aber nicht modisch gekleidet. Sie trug ein blau-weißes Kleid, einen grauen Pullover, schwarze Schuhe und Strümpfe und einen hübschen Hut. Sie küsste jedes ihrer Kinder, bevor sie das Haus verließ.

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Ein Klondike-Claim – Kapitel 3

Nicholas Carter
Ein Klondike-Claim
Eine Detektivgeschichte
Street & Smith, New York, 1897

Kapitel 3
Stokes liefert einen Hinweis zu seinen Vermutungen

Fowler war so überrascht von dem Geschehen und seinem plötzlichen Sturz, dass er keinen einzigen Ton herausbrachte.

Er lag auf dem Boden und starrte keuchend, während Stokes sich über ihn kniete.

Als der mutige Mann aufstand, fügte er hinzu: »Steh auf, Kumpel, und renn so schnell du kannst zurück ins Hotel.«

Ohne abzuwarten, ob seinem Rat Folge geleistet wurde, lief Stokes die Straße hinunter, dem Geräusch der schnell entfernenden Weiterlesen

Die Frau in Grau

George Barton
Die Frau in Grau

Dies ist die Geschichte einer begabten und schönen Frau, die vor zwei oder drei Jahrzehnten in Washington lebte und deren Gerissenheit die gesamte Regierung der Vereinigten Staaten zu überlisten drohte.

Mrs. Mary Harris war eine der ältesten und vertrauenswürdigsten Angestellten des Bureau of Redemption des Finanzministeriums der Vereinigten Staaten. Sie war wegen der Genauigkeit und Schnelligkeit, mit der sie arbeitete, hoch geschätzt, und man kann sich eine Vorstellung von ihrer Stellung machen, wenn man weiß, dass sie ihre erste Ernennung keinem Geringeren als einem der früheren Präsidenten der Vereinigten Staaten verdankte. Zum Zeitpunkt des hier geschilderten Vorfalls war sie seit mehr als zwanzig Jahren im Dienst, und es war allgemein anerkannt, dass sie, wenn sie ihre Stelle behalten wollte, diese auf Lebenszeit erhalten musste.

In der Abteilung nannte man sie die Frau in Grau, weil sie sich in dieser Farbe zu kleiden pflegte, die nicht nur ordentlich und Weiterlesen

Ein Klondike-Claim – Kapitel 2

Nicholas Carter
Ein Klondike-Claim
Eine Detektivgeschichte
Street & Smith, New York, 1897

Kapitel 2
Von einem Lasso vor einer Kugel gerettet

Fowler rannte, wie jeder Mann es tun würde, dessen Leben in Gefahr war. Er hielt sich gut innerhalb der Waldeslinie, die das Ufer des Baches säumte, und war sich über eine Meile hinweg bewusst, dass die Verfolger hartnäckig und energisch hinter ihm her waren. Mehr als einmal gab es einen Schuss, der für ihn bestimmt war und nur durch die Bäume abgelenkt wurde.

Als er endlich die Stelle erreichte, an der das Boot am Ufer lag, war er beinahe erschöpft. Er zweifelte nicht daran, dass seine Feinde bald bei ihm sein würden, und da sein Kamerad keine Hilfe leisten konnte, löste er hastig das Boot, schob es ins Wasser Weiterlesen