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Die Jesse James Storys – Band 1 – Kapitel 4

W.B. Lawson
Die Jesse James Storys – Band 1
Jesse James, der Outlaw
Kapitel 4
Ein Zugüberfall

»Was ist los, Bulger?«, herrschte der Anführer der Outlaws den Jungen an.

»Die beste Chance, die du seit Ewigkeiten hattest, Jess – und sie liegt direkt vor uns!«, keuchte dieser. »Ich habe gerade erst Wind davon bekommen. Mein Bruder hat es mir gesteckt, der Telegrafist der Bahn in Winston.«

»Ja, ja, raus damit!«

»Ein Zug mit nur einem Passagierwaggon wird in einer Stunde in Winston einlaufen. Der Rest der Wagen entgleiste vor drei Stunden am Gap. Ein Express-Bote ist an Bord, mit einem riesigen Haufen Geld – John ist sich sicher. Passagiere sind kaum da, meistens nur Frauen.«

Plötzlich legte sich ein beklommenes Schweigen über die Bande, während die James-Brüder sich vielsagende Blicke zuwarfen. Es gab nur wenige in dieser verzweifelten Truppe, die so kaltblütig und gewissenlos waren wie sie. Auf die meisten wirkte die Aussicht auf ein neues Verbrechen noch immer ernüchternd.

»Warum zögerst du noch, Jess?«, rief Jim Cummings plötzlich mit einem Fluch. »Natürlich ziehen wir das Ding durch. Das hält uns in Übung für den großen Coup am Monatsende.«

»Natürlich machen wir das!«, rief Jess mit einer Stimme, die so hart wie eine stählerne Glocke klang. »Ich habe nur die Vorbereitungen durchgerechnet. Masken bereitmachen! Treibt sie an, Jim! Frank, du kümmerst dich um die Grünschnäbel und die Fremden.«

Einen Moment später, als wir paarweise aus der Senke ritten, bemerkte ich, dass das letzte Wort auf George Sheppard und mich gemünzt war. Wir wurden bei den unerfahrenen Jungs vom Land eingereiht. Dick Little ritt jedoch direkt hinter uns – und ich spürte seinen wachsamen Blick im Nacken.

Schon bald erreichten wir die Hauptstraße. Ein scharfer Galopp von vier Meilen brachte uns in die Nähe der Station von Winston. Hier machten wir an den Bahngleisen am Rande eines Waldes halt. Auf Befehl von Jesse James legte die gesamte Bande, mit Ausnahme von mir, die Masken an. Sie bestanden aus steifer Baumwolle mit grob geschnittenen Löchern für Augen und Mund. Zuerst schlossen wir die Reihen, während der Anführer eine schweigende Musterung abhielt. Dann wurden die Jungs vom Land, unter ihnen Sheppard und ich, auf beiden Seiten der Gleise postiert. Der Rest der Bande begann, Steine auf den Schienen aufzutürmen.

Wir erhielten den Befehl, einen Heidenlärm zu schlagen, sobald der Zug stand, und etwa zwanzig Schüsse abzugeben – jedoch niemanden zu erschießen, außer es ließe sich nicht vermeiden.

»Du brauchst nichts weiter zu tun als zuzusehen, Doc«, sagte Jesse bei seiner letzten Inspektion zu mir. »Es tut mir leid, dich hineingezogen zu haben, aber es ging nicht anders.« Zu Sheppard sagte er knapp: »Shep, ein alter Hase wie du fühlt sich hier bei den Anfängern sicher deplatziert, aber du weißt ja: Du bist noch auf Bewährung.« Sheppard brummte eine Bestätigung, und genau in diesem Moment war in der Ferne das Grollen des herannahenden Zuges zu hören.

Jesse James und seine Veteranen waren bereits abgesessen. Er stand nun mitten auf dem Gleis und schwenkte eine rote Laterne über seinem Kopf. Der Zug kam kaum zwölf Fuß vor dem Steinhaufen quietschend zum Halten.

»Runter von der Maschine, oder du bist ein toter Mann!«, brüllten Jim Cummings und Cole Younger, während sie auf den Maschinisten und den Heizer zusprangen. Angesichts der Mündungen gehorchten sie sofort.

»Ach, du lieber Gott! Das ist doch nicht etwa die James-Bande?«, stammelte der Maschinist mit schlotternden Knien.

»Darauf kannst du wetten, Alter!«, versetzte Jesse und sprang an ihm vorbei.

Sekunden später waren der Schaffner und die Bremser in der Gewalt der Desperados. Jesse und Frank James schlugen die Tür des Expresswagens ein und brüllten dem Boten entgegen, er solle herauskommen. Dieser wollte seine Fracht nicht kampflos aufgeben und zog den Revolver, doch zwei Kugeln, die zischend an seinen Ohren vorbeipfiffen, brachten ihn zur Vernunft. Zitternd öffnete er den Tresor, während die Revolverläufe der James-Brüder in seinen Hinterkopf stießen.

Draußen ballerten meine Gefährten wie wild in die Luft, fluchten und schrien unter den Fenstern der Passagierwagen. Drinnen gingen John und Bob Younger mit der Pistole im Anschlag durch die Reihen. Ich konnte deutlich in den beleuchteten Wagen sehen: Es war ein Bild des Terrors. Männer klammerten sich mit erhobenen Händen an ihre Sitze, Frauen schrien gellend, und draußen tobte das Pandämonium aus Schüssen und Gebrüll.

In weniger als zehn Minuten war alles vorbei. Jesse James und seine Männer sprangen vom Zug. Dem Personal wurde befohlen, weiterzufahren – was sie nach dem Räumen der Gleise in aller Eile taten.

»Wie viel haben die Passagiere abgeworfen, Bob?«, rief Jesse, während er seine Satteltaschen vollstopfte.

»Mager, Jess«, antwortete Bob Younger. »Kaum ein Dutzend Männer, und ich brachte es nicht übers Herz, die Frauen zur Kasse zu bitten.«

»Schon gut«, sagte Jesse. »Wir sind noch nie so tief gesunken, dass wir die guten Seelen berauben müssen. Jungs«, fügte er an die Bande gewandt hinzu. »Frank und ich zählen die Beute der Express-Gesellschaft später. Ihr vertraut uns doch?«

Ein zustimmendes Murmeln ging durch die Runde.

»Dann trefft uns heute in einer Woche am Haus unserer Mutter. Kommt einzeln. Und jetzt zerstreut euch!«

Die Trennung vollzog sich schnell und leise. Nur Jesse, Frank, George Sheppard, Cole Younger und ich blieben zusammen. Wir ritten querfeldein durch die Dunkelheit, zielsicher, als wäre es heller Tag. Schließlich erreichten wir eine verlassene Hütte auf einer Lichtung. Während Sheppard und ich Reisig für ein Feuer sammelten, flüsterte er mir zu: »Du hältst doch auch Ausschau nach dem kleinen Jungen, den Jess versteckt hält, oder?«

»Ja«, antwortete ich knapp. »Wenn du ihn suchst, dann bei den Youngers. Pst! Nichts mehr sagen.«

Hinter uns knackte ein Zweig. Jesse James war uns gefolgt. Seine Augen beobachteten uns in der Dunkelheit wie die eines Raubtiers.

Später in der Hütte, beim Braten von Speck am offenen Feuer, legte der Outlaw eine Hand auf meinen Arm.

»Was denkst du inzwischen über meine Chancen auf Besserung, Doc?«

»Sie stehen schlecht, Jess.«

Jesse lachte kurz und hart. Er erzählte von seiner Zeit bei Quantrills Guerillas, wie sie einen Lazarettzug kaperte und zweihundert kranke Soldaten kaltblütig hinrichteten. »Urteile selbst, ob es für jemanden wie mich noch Erlösung geben kann. Wie dem auch sei: Du bleibst bei uns, bis wir das Land verlassen. Es führt kein Weg daran vorbei.«

Am nächsten Morgen setzten wir die Reise fort. Als das Blockhaus in Sicht kam, wartete dort bereits ein einzelner Reiter namens Cutts. Jesse und seine engsten Vertrauten galoppierten voraus. Doch kaum hatte ich beim Erreichen der Veranda den Boden berührt, stürzten sich die vier Männer – Jesse, Frank, Cole und Cutts – mit einem wilden Schrei auf mich. Ehe ich begriff, was geschah, war ich überwältigt und an einen Pfeiler der Veranda gefesselt.

»Was soll das bedeuten?«, rief ich fassungslos.

»Du hast mich getäuscht!«, sagte Jesse mit einer Stimme, die eiskalt war. »Cutts war in Booneville. Er weiß alles. Du bist kein Arzt!«

Vier Revolvermündungen richteten sich gleichzeitig auf mein Herz.

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