Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 2. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 2
Das Geisterschiff
»Ein Schiff! Gelobt sei Gott, ein Schiff!«, jauchzte der Matrose Gustav plötzlich mit heiserer Stimme und wandte den Kopf in eine neue Richtung.
Beide hatten zuvor lange nach Osten geblickt, wohin ein Vogelschwarm strebte, und darüber gerätselt, ob dies Landvögel seien. Nun sahen sie in der entgegengesetzten Richtung ein Schiff – und zwar nicht nur als fernen Punkt, sondern so nah, dass sie bereits die Segel unterscheiden konnten.
Da sie klugerweise gegen den leichten Wind gerudert hatten, trieb ihnen der Schoner schnell entgegen. Nach einer halben Stunde konnten sie ihn deutlich erkennen: Es war ein kleines Schiff, das nur wenige Segel gesetzt hatte und daher langsamer vorankam, als es der Wind erlaubt hätte. Eine weitere halbe Stunde später riefen sie es an – sie fühlten sich bereits gerettet!
Doch als sie näher kamen, sagte Richard betroffen: »Merkwürdig. Ich sehe zwar das Steuerrad, aber es steht kein Mann daran.«
Überhaupt war keine Seele auf dem niedrigen Deck zu sehen. Zwar ist es auf Schiffen nicht ungewöhnlich, dass das Deck bei ruhiger See und konstanter Brise verwaist wirkt, doch am Steuerrad muss zwingend ein Matrose stehen. Dass dieser hier fehlte, war ein Rätsel.
Ein starkes Tau hing außenbords herab. An ihm kletterten die Schiffbrüchigen hinauf und überließen ihr kleines Boot sich selbst. Gustav war zuerst oben. Der nachfolgende Steuermann hörte ihn einen Schrei des Schreckens ausstoßen, dann blieb auch er starr vor Entsetzen stehen.
Von ihrem kleinen Boot aus war ihnen der Anblick verborgen geblieben, der sich ihnen nun bot: Auf dem Deck lagen etwa zwanzig Männer lang ausgestreckt. Sie gaben kein Lebenszeichen von sich – sie wirkten tot, und doch seltsam lebendig. Es gab keine Spur von Todesqual oder Verwesung. Es schien, als seien sie mitten in ihrer Arbeit vom Schlag getroffen worden.
Tatsächlich musste es so sein: Noch vor einer Minute musste der Matrose, der nun kalt und starr neben dem Steuerrad lag, dieses fest im Griff gehabt haben. Das Schiff war bisher genau vor dem Wind gesegelt und wurde erst in dem Augenblick steuerlos, als die beiden Männer es betraten. Die Segel schlugen nun laut klatschend gegen die Rahen.
Doch nicht nur die Toten selbst versetzten die Seeleute in Angst, sondern auch deren Kleidung. War dies etwa kein moderner Schoner aus dem späten 19. Jahrhundert? Die Männer trugen die Tracht längst vergangener Zeiten: lange Schoßröcke mit Gürteln und blanken Knöpfen, kurze Kniehosen aus Samt, Wadenstrümpfe und Schnallenschuhe. Ihr langes Haar war in der Mitte gescheitelt, die Bärte glatt rasiert.
»Das ist der Fliegende Holländer«, flüsterte Gustav mit geisterhafter Stimme. »Am Tag sind sie tot, aber bei Nacht werden sie wieder lebendig!«
Obwohl auch Richard von Grauen gepackt wurde, ermannte er sich. Er sprang an das herrenlose Steuerrad, brachte den Schoner wieder auf Kurs und band die Speichen fest. Dann untersuchte er den Toten, der zuvor gesteuert hatte. In seinem feinen Kostüm aus unbekanntem Stoff und den seidenen Strümpfen glich er eher einem reichen Edelmann aus dem 18. Jahrhundert als einem Matrosen. Der Mann war eiskalt und steif, als wäre er erst vor wenigen Minuten gestorben.
Richard suchte unter Deck nach Antworten. Das Schiff war modern ausgerüstet und bestens verproviantiert; das Brot war sogar noch ganz frisch. Er fand jedoch keinerlei Schiffspapiere. In der Kajüte stieß er auf zwei weitere Leichen, darunter eine schöne junge Frau in einem weißen Nachtgewand.
Es war ein unbegreifliches Rätsel: Ein hochmodernes Schiff, ausgestattet mit allem, was die Neuzeit bot, aber besetzt mit einer Mannschaft aus einer längst vergangenen Zeit – wie Puppen in einem Wachsfigurenkabinett.
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