Nick Carter – Band 19 – Ein schauerlicher Fund – Kapitel 7
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein schauerlicher Fund
Ein Detektivroman
Kapitel 7
Das Geheimnis der Car
Ein Blick in das Gesicht des Mannes, der zitternd in seinen Armen lag, klärte den Detektiv darüber auf, dass Jeremy Stone vor Furcht und Schrecken schwach geworden war.
Rasch setzte der Detektiv seinen Freund auf den anderen Stuhl. Dann ergriff er seine Laterne und sprang vor den entstandenen Türspalt. Augenblicklich lag das Innere des Cars in hellem Lichtglanz vor ihm. Wenn der Anblick, der sich ihm bot, dem furchtlosen Mann auch nur ein Kopfschütteln des Befremdens abzwang, so konnte er doch recht gut begreifen, dass sich das Erschaute für die Nerven des wackeren Jeremy Stone als zu schauerlich erwiesen hatte.
Es war zumindest ein schreckenerregender Anblick, der sich ihm darbot.
Nun wünschte er auch, er hätte den Scherz mit Jeremy nicht so weit getrieben. Denn da er vorausgesetzt hatte, dass sich in Wirklichkeit in dem Waggon nichts befand oder höchstens einige Kisten mit gleichgültigem Inhalt, so hatte er sich an der Verblüffung des guten Museumsbesitzers weiden wollen, der so leichtsinnig aufs Ungewisse 10 000 Dollar gewagt hatte. »Unsinn, da müsste ich mich doch sehr irren. Doch ich will in den Wagen hineingehen und nachschauen.«
Am wenigsten war Nick Carter auf einen derartigen Anblick, wie er sich nun seinen Augen bot, vorbereitet und gefasst gewesen.
Was er vor sich erblickte, schien das Innere eines schön ausgestatteten Schlafzimmers zu sein – zwar klein, doch immerhin groß genug für den Zweck, dem es augenscheinlich hatte dienen sollen.
In der Mitte des Zimmers stand ein kleiner runder Tisch. In der von Nicks Standort am entferntesten gelegenen Ecke erhob sich ein Bett.
Was aber Jeremy Stone beinahe ohnmächtig hatte werden lassen, war nicht die Einrichtung des Zimmers, sondern vier um den Tisch sitzende Gestalten und eine weitere, welche auf dem Bett ausgestreckt lag. Wahrscheinlich handelte es sich um täuschend echt angefertigte Wachsfiguren, welche im Lichtstrahl der vom Detektiv gehaltenen Laterne zu leben schienen. Das war natürlich völlig ausgeschlossen, denn hätte es sich selbst um Menschen aus Fleisch und Blut gehandelt, so hätten sie sich längst nicht mehr am Leben befinden können.
»Leichname!«, war Jeremy Stones erster Gedanke gewesen.
Vielleicht hätte sich auch der Gedankengang des Detektivs in gleicher Richtung bewegt, wäre ihm eine derartige Annahme nicht allzu ungeheuerlich und unwahrscheinlich erschienen.
Er wendete sich auf dem Stuhl um und blickte lächelnd nach dem niedergekauert sitzenden Jeremy. Die Zähne des Schaustellers schlugen wie im Fieberfrost hörbar aufeinander und ein Schauer nach dem anderen glitt ihm über den Leib.
»Kommt herunter, Nick, um des Himmels willen, kommt herunter!«, stöhnte Jeremy Stone, außer sich vor Entsetzen und Furcht.
Doch Nick Carter lächelte nach wie vor.
»Pah, Jeremy, seid ein Mann!«, meinte der Detektiv dann ermunternd. »Hier gibt es nichts zu fürchten, denn es handelt sich um keine lebendigen Menschen!«
»Nein, gewiss nicht«, erwiderte der zitternde Stone entsetzt. »Aber um Leichen!«
»Unsinn, da müsste ich mich doch sehr irren. Doch ich will in die Car hineingehen und nachschauen.«
Der Museumsbesitzer richtete sich ein wenig auf.
»Wofür haltet Ihr denn die Gestalten?«
»Ich denke, es sind Wachsfiguren. Doch ich will mir gleich Gewissheit verschaffen.« Damit wendete sich Nick Carter auch schon wieder zum Wagen um und betrat durch die geöffnete Geheimtür dessen Inneres. Rasch näherte er sich dem runden Tisch, um welchen vier Personen in einer Haltung saßen, als befänden sie sich beim Kartenspiel.
Als er nähertrat, schlug ihm ein dumpfer, scharfer Geruch schwer auf die Sinne; es musste sich um ein Gewürz oder dergleichen handeln, wie er ein solches noch nie zuvor gerochen hatte, obwohl ihm doch alle möglichen Spezereien bekannt waren. Nun entsann er sich auch, dass er den Leichengeruch schon wahrgenommen hatte, als sich vorhin die Waggontür geöffnet hatte; doch das Entsetzen seines Genossen und dessen Schwächeanfall hatten ihn dies indessen wieder vergessen lassen.
Mit dem ihm eigenen, geistesgegenwärtigen Blick bemerkte Nick Carter auch sofort, dass die Kartenblätter auf dem Tisch an dessen Platte befestigt waren, sei es durch Wachs oder Gummi; ebenso waren die wie lebendig erscheinenden Gestalten auf ihren Sitzen durch ein Netzwerk von dünnen Drähten festgehalten, welche hinten an den Stuhllehnen gleichfalls befestigt waren.
Als Nick Carter näher trat, verstärkte sich der unheimlich scharfe Geruch bis zur Unerträglichkeit, und als er dicht bei den regungslosen Gestalten stand, da überwältigte ihn dieser beinahe.
Und im selben Moment machte Nick Carter eine der furchtbarsten Entdeckungen seines ganzen Lebens.
Die um den Tisch sitzenden Menschengestalten waren nicht aus Wachs gefertigt. Es waren keine von Menschenhand angefertigten Figuren. Sie waren …
Rasch wendete sich Nick Carter und schritt nach der Tür zurück, wo schon das Gesicht des Museumsbesitzers auftauchte.
»Bleibt, wo Ihr seid, Jeremy«, sagte er hastig mit tonloser Stimme. »Es ist viel schlimmer und entsetzlicher, als ich es vorauszusetzen wagte!«
»Um was handelt es sich?«, erkundigte sich Jeremy Stone in atemlosem Flüstern.
»Das weiß Gott allein. Ich kann Euch diese Frage nicht beantworten, ehe ich nicht näher nachgeschaut habe; doch ich will Euch jetzt nicht im Innern des Wagens um mich haben, bleibt, wo Ihr seid.«
»Jawohl!«
»Sagt, Jeremy, habt Ihr nicht etwa ein halbes Dutzend elektrische Glühbirnen mit isolierten Drähten, welche ich im Inneren des Wagens anbringen könnte, um helle Beleuchtung um mich zu haben?«
»Gewiss, hundert und noch mehr, wenn Ihr sie gebraucht. Ich beleuchte das ganze Museum damit«, entgegnete Stone rasch.
»Dann gebt mir so viele, wie ich am Kronleuchter anbringen kann. Wartet, ich will zusehen! Also neun im Ganzen.«
»Sind es wirklich Leichen, Nick?«
»Ja, es sind wohl Leichen, Jeremy. Doch so vollkommen sind sie einbalsamiert, dass ich jetzt noch nicht mit Bestimmtheit zu behaupten wage, ob es sich schließlich doch nicht um kunstvoll modellierte Wachspuppen handelt. Doch jetzt macht voran und holt die Glühbirnen.«
Gehorsam eilte Jeremy von dannen und kehrte nach kurzer Abwesenheit mit einem Arm voll Glühbirnen und isolierten Leitungsdrähten zurück. Eine Stehleiter wurde herbeigebracht, und innerhalb weniger Minuten hatte Nick Carter die Glühbirnen an dem Kronleuchter, der sich über dem runden Tisch im Wagen befand, befestigt. Die Leitungsdrähte wurden mit dem Strom verbunden und gleich darauf herrschte völlige Tageshelle im Inneren des unheimlichen Wagens.
Da Jeremy noch mehr Glühbirnen herbeigebracht hatte, befestigte der Detektiv drei davon an jeder schmalen Seite des Waggons.
»So«, meinte Nick Carter dann zu Jeremy, welcher mit offenem Mund dastand und nicht wusste, was er zu dem geheimnisvollen, unheimlichen Anblick sagen sollte. »Es ist nun so hell, dass man eine Nadelspitze finden muss. Wollt Ihr mit hereinkommen?«
»Nicht um mein Leben!«, stöhnte Jeremy. »Ich bin ohnehin schon nahe daran, ohnmächtig zu werden.«
»Dann bleibt, wo Ihr seid. Doch wenn Ihr mich durch Schwatzen belästigt, ehe ich Euch die Erlaubnis zum Sprechen gebe, schließe ich die Tür und lasse Euch allein im Dunkeln stehen.«
»Unbesorgt, ich schweige gern. Doch sagt, Nick, handelt es sich wirklich um Leichen?«, erkundigte sich Jeremy. »Ich meine, um richtige Leichen?«
»Gibt es auch andere?«, fragte der Detektiv ironisch zurück.
»Wer liegt denn dort auf dem Bett ausgestreckt?«, wisperte Jeremy.
»Ich habe bis jetzt noch nicht nachgesehen. Wie Ihr sehen könnt, wird die Gestalt durch ein Leintuch verdeckt.«
»So schaut nach und sagt mir, was Ihr gesehen habt. Dann will ich gern den Mund halten!«
»Still, nur still«, wehrte der Detektiv ab. »Ihr dürft mich nicht weiter unterbrechen, Jeremy, denn ich muss jetzt meine Gedanken beisammen halten!«
Jeremy Stone schwieg und Nick Carter wendete sich wieder dem Wageninneren zu, um dieses genau zu besichtigen. Der Wagen selbst hatte die übliche Länge von 34 Fuß und unterschied sich in nichts von der gewöhnlichen Bauart. Jeder Zoll an der Decke und an den Seitenwänden im Inneren war mit Silberplüsch ausgeschlagen, und diese Stofftapete war mit schweren Messingnägeln befestigt. Von jedem dieser Nägel hing eine kleine Seidenquaste herunter, die aus demselben Stoff hergestellt war.
Es sah aus, als ob die Wände ausgepolstert seien, doch ein Fingerdruck klärte den Detektiv darüber auf, dass der Seidenplüsch direkt an den hölzernen Innenwänden des Wagens befestigt worden war. An den Längsseiten und dem einen Ende waren Wandarme angebracht, um Lampen darin aufzunehmen, und jede dieser Lampen war anscheinend gebraucht worden. Am anderen, entgegengesetzten Ende des Wagens erhob sich zur Linken ein geräumiges Messingbett, dessen Ausstattung eine besonders kostbare war.
Das Bett befand sich in völliger Ordnung, obwohl eine durch ein Laken verdeckte Gestalt darauf ruhte. Was es war – ob Mann oder Frau oder überhaupt eine menschliche Gestalt –, konnte Nick Carter bis jetzt noch nicht entscheiden. Immerhin kamen darunter deutlich die Umrisse einer menschlichen Form zum Vorschein, und der Detektiv bezweifelte nicht im Geringsten, dass es sich wirklich um eine solche handelte.
Außerdem waren zwei zusammenklappbare Feldbettstellen vorhanden, gleichfalls in vollkommener Ordnung; sie waren mit Leder aufgepolstert und von neuester Machart. Eine von ihnen befand sich an der einen Längsseite des Wagens, nahe der großen Schiebetür, welche an der Außenseite durch Siegelplomben verschlossen war; die andere stand nahe dem Ende, durch welches der Detektiv hineingegangen war.
Ferner waren im Raum einige bequeme Sessel verteilt, und ebenso hing an der einen Längsseite ein Bücherregal, reichlich mit Bänden in Goldschnitt versehen.
An zwei Orten waren an der einen Längsseite des Cars Fenstervorhänge mit schweren Plüschgardinen darüber angebracht. Ein Griff überzeugte den Detektiv davon, dass sie sich quer durch den Wagen zusammenziehen ließen und auf diese Weise das Wageninnere in drei voneinander abgesonderte Räume teilten.
Hinter den Fenstergardinen nahm Nick Carter wahr, dass dort in den Holzwänden künstliche Öffnungen eingefügt waren, welche man mittels eines Handgriffs in mit geschliffenen Glasscheiben versehene Fenster umzuwandeln vermochte. Auf diese Weise war es den Insassen des Cars möglich, nicht nur frische Luft zu schöpfen, sondern auch die vorüberziehende Landschaft draußen zu betrachten.
Der Boden des Cars wurde von einem Ende zum anderen von einem Perserteppich bedeckt, der gleichfalls mit Messingnägeln befestigt worden war. Über diesem befanden sich noch einige kostbare Läufer.
»Well, Jeremy, was haltet Ihr von alledem?«, meinte Nick Carter, als er all diese Einzelheiten genau betrachtet hatte und nun im Begriff stand, sich dem Bett zuzuwenden, auf welchem die von einem Laken bedeckte Gestalt lag.
Doch Jeremy schüttelte kaum mit dem Kopf und antwortete mit keiner Silbe.
Gelassen schritt Nick Carter auf das Messingbett zu und mit raschem Griff entfernte er das verhüllende Leintuch.
Ein leiser Schrei der Überraschung und Bewunderung entrang sich seinen Lippen, denn er schaute auf das süßeste, holdeste Frauenantlitz der Welt – doch leider lag es im starren, eisigen Bann des Todes.
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