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Catherine Parr – Band 2 – Kapitel 3

Luise Mühlbach
Catherine Parr
Band 2
Drittes Buch
Die Schleife der Königin
Historischer Roman, M. Simion, Berlin 1851

3. Prinzessin Elisabeth

Sie schritt gerade die Stufen der großen Freitreppe hinauf und begrüßte John Heywood mit einem freundlichen Lächeln.

»Mylady«, sagte er laut, »ich habe Euch im Namen Seiner Majestät Geheimes mitzuteilen!«

»Geheimnisse?«, wiederholte Katharina und hielt auf dem Plateau inne. »Nun denn, tretet zurück, meine Damen und Herren. Wir wollen den geheimnisvollen Boten des Königs empfangen.«

Das Gefolge zog sich ehrerbietig in die Vorhalle zurück, während die Königin mit John Heywood allein blieb. »Nun sprecht, John!«

»Königin, achtet wohl auf meine Worte: Man hat ein Komplott gegen Euch geschmiedet. In wenigen Tagen, zum großen Hoffest, soll es zur Ausführung kommen. Achtet auf jedes Wort, das Ihr sprecht – ja, sogar auf Eure Gedanken! Hütet Euch vor jedem unbedachten Schritt, denn hinter Euch steht stets ein Lauscher. Sollte ein Vertrauter nötig sein, so wendet Euch an niemanden außer mir! Eine große Gefahr droht, und nur Besonnenheit wird Euch retten können.«

Diesmal lachte die Königin nicht. Sie blieb ernst, sie zitterte sogar. Ihre stolze Sicherheit war gewichen – sie trug nun selbst ein gefährliches Geheimnis in sich. Sie fürchtete die Entdeckung nicht nur für sich, sondern auch für jenen, den sie liebte. »Und worin besteht dieses Komplott?«, fragte sie bebend. »Noch kenne ich es nicht, ich weiß nur, dass es existiert. Aber ich werde es erforschen. Und wenn Eure Feinde Euch mit Späheraugen belauern, nun wohl, so werde ich meine Augen überall haben, um sie zu beobachten!«

»Und bin ich es allein, die sie bedrohen?«

»Nein, auch Euren Freund, Königin.« Katharina erbebte. »Welchen Freund, John?«

»Den Erzbischof Cranmer.«

»Ach, den Erzbischof!«, wiederholte sie aufatmend. »Und das ist alles, John? Nur gegen uns beide richtet sich ihr Hass?«

»Nur gegen Euch beide!«, sagte John Heywood traurig. Er hatte ihr erleichtertes Aufatmen wohl verstanden und wusste, dass sie um einen anderen gebangt hatte. »Doch bedenkt, Königin: Das Verderben Cranmers wäre zugleich Euer eigenes. So wie Ihr den Erzbischof schützt, schützt er Euch beim König – Euch und Eure Freunde!«

»Ich werde mich stets daran erinnern und ihm wie Euch eine treue Freundin sein. Denn Ihr beide seid meine einzigen Freunde, nicht wahr?«

»Nein, Majestät, ich sprach noch von einem Dritten: von Thomas Seymour.«

»O der!«, rief sie mit einem verzückten Lächeln. Dann flüsterte sie hastig: »Ihr sagtet, ich solle hier niemandem trauen außer Euch. Nun denn, ich will Euch einen Beweis meines Vertrauens geben. Erwartet mich heute zur Mitternacht im grünen Gartensaal. Ihr sollt mein Begleiter auf einer gefährlichen Wanderung sein. Habt Ihr den Mut dazu, John?«

»Mut genug, um für Euch zu sterben, Königin!«

»So kommt – aber vergesst Eure Waffen nicht!«

»Zu Befehl! Habt Ihr heute noch weitere Anweisungen für mich?«

»Das ist alles, John. Nur …«, fügte sie zögernd und mit leichtem Erröten hinzu, »solltet Ihr zufällig dem Grafen Sudley begegnen, sagt ihm, dass ich Euch Grüße für ihn aufgetragen habe.«

»Oh!«, seufzte John Heywood schwermütig. »Er hat mir heute das Leben gerettet, John«, sagte sie fast entschuldigend. »Es geziemt sich wohl, dass ich ihm dankbar bin.« Mit einem freundlichen Wink schritt sie durch das Portal ins Schloss.

»Nun sage noch einer, dass der Zufall nicht der boshafteste aller Teufel ist!«, murmelte John Heywood. »Gerade denjenigen, den die Königin am meisten meiden sollte, wirft ihr das Schicksal in den Weg – und sorgt auch noch dafür, dass sie ihm zu tiefstem Dank verpflichtet ist! Er hat ihr also das Leben gerettet? Wer weiß, ob er nicht eines Tages schuld daran ist, dass sie es verliert.«

Traurig senkte er das Haupt, als er plötzlich eine Stimme hinter sich hörte, die leise seinen Namen rief. Er wandte sich um und sah die junge Prinzessin Elisabeth auf sich zueilen. Sie war in diesem Augenblick von bestrickender Schönheit. Ihre Augen leuchteten in leidenschaftlichem Feuer, ihre Wangen glühten. Der Mode der Zeit entsprechend trug sie ein eng anliegendes, hochgeschlossenes Gewand, das die zarten Linien ihrer schlanken Gestalt betonte. Ihr frisches Gesicht wurde von einer Fülle hellblonder Locken eingerahmt, die wie sonnendurchfluteter Schnee zu beiden Seiten ihrer hohen Stirn herabfielen. Gehalten wurden sie von einem schwarzen Barett, dessen weiße Feder bis auf ihre Schulter reichte.

Trotz ihrer Jugend umgab sie eine Aura von Hoheit und Würde. Elisabeth war die wahre Tochter ihres Vaters geblieben: Obwohl Heinrich sie zur Bastardin erklärt und von der Thronfolge ausgeschlossen hatte, trug sie den Stempel ihres königlichen Blutes auf der stolzen Stirn. Doch wie sie nun vor John Heywood stand, war sie nicht die gebieterische Prinzessin, sondern eine schüchterne, errötende junge Frau, die zögerte, ihr erstes Geheimnis preiszugeben.

»John Heywood«, sagte sie, »Ihr habt oft beteuert, dass Ihr mich liebt. Meine arme Mutter vertraute Euch und rief Euch als Zeugen ihrer Unschuld an. Ihr konntet sie damals nicht retten – wollt Ihr nun der Tochter Anna Boleyns dienen und ihr ein treuer Freund sein?«

»Ich will es«, sagte Heywood feierlich. »So wahr Gott über uns ist, ich werde Euch niemals verraten.«

»Hört also mein Geheimnis – ein Geheimnis, das außer Gott niemand kennt und dessen Verrat mich auf das Schafott führen könnte! Schwört mir, unter keinem Vorwand ein Wort davon zu offenbaren, selbst nicht auf Eurem Sterbebett oder in der Beichte!«

»Was das betrifft, Prinzessin«, entgegnete John lachend, »seid Ihr völlig sicher. Ich beichte nie – an dieser Speise des Klerus habe ich mir längst den Magen verdorben. Und was mein Sterbebett angeht: Unter der frommen Regierung Heinrichs VIII. weiß man nie, ob man ein solches überhaupt erreicht oder die Reise in die Ewigkeit nicht viel bequemer mit der Hilfe des Henkers antritt.«

»Oh, seid ernsthaft, John! Legt die Narrenmaske ab! Schwört mir bei dem Geist meiner Mutter!«

»Nun denn, ich schwöre es.«

»Ich danke Euch. Nun kommt näher, damit kein Lufthauch meine Worte weiterträgt. John … ich liebe.«

Sie bemerkte sein ungläubiges Lächeln. »Ihr glaubt mir nicht? Ihr denkt an meine vierzehn Jahre und meint, ein Kind wisse nichts von den Gefühlen einer Frau? Doch bedenkt: Schmerz und Unglück haben mein Herz früh gereift. In mir tobt ein verzehrendes Feuer! Der König hat mir eine glanzvolle Zukunft geraubt, so gönne man mir wenigstens eine glückliche. Wenn ich schon niemals Königin sein soll, so will ich doch ein geliebtes Weib sein!«

»Oh, Ihr irrt Euch in Euch selbst!«, sagte John traurig. »Ihr wollt nur lieben, weil Ihr nicht herrschen dürft. Ihr wollt die Liebe als Opium nutzen, um Euren Durst nach Ruhm zu stillen. Doch Ihr seid nicht geboren, um nur eine Gattin zu sein. Eure Stirn ist viel zu stolz für eine bloße Myrtenkrone! Überlegt wohl, Prinzessin. Noch steht Euer Fuß auf einer Stufe des Throns. Zieht ihn nicht freiwillig zurück! Prinzessin Elisabeth kann eines Tages Königin werden – sofern sie ihren Namen nicht gegen einen geringeren eintauscht.«

»John Heywood«, sagte sie mit einem reizenden Lächeln, »ich sagte Euch doch: Ich liebe ihn!«

»Nun, so liebt ihn meinetwegen im Stillen, aber lehrt Eure Liebe die Entsagung.«

»John, er weiß es schon!«

»Ach, arme Prinzessin! Ihr seid wie ein Kind, das mutig in die Flammen greift, weil es nicht weiß, dass Feuer brennt.«

»Lass es brennen, John! Lieber im Feuer verglühen, als vor Kälte langsam dahinsterben! Er weiß es – und ich liebe ihn.«

»Nun gut – aber heiratet ihn wenigstens nicht!«, rief John mürrisch. »Heiraten?«, rief sie erstaunt. »Daran dachte ich noch gar nicht.« Sie hielt inne und sann nach. »Ich fürchte, ich habe da einen dummen Fehler gemacht«, murmelte Heywood. »Ich habe ihr einen neuen Gedanken eingeflößt. Heinrich hat recht getan, mich zum Narren zu ernennen – gerade wenn wir uns am weisesten dünken, sind wir die größten Toren.«

»John«, sagte Elisabeth schließlich mit glühenden Blicken, »Ihr hattet recht: Wenn man sich liebt, muss man heiraten!«

»Aber ich sagte genau das Gegenteil!«

»Einerlei! Das gehört der Zukunft an. Heute habe ich ihm eine Zusammenkunft versprochen.«

»Eine Zusammenkunft? Ihr werdet doch nicht so tollkühn sein!«

»König Heinrichs Tochter bricht niemals ein Wort. Suchet nicht, mich umzustimmen. Wenn Ihr mir nicht beistehen wollt, suche ich mir einen anderen Vertrauten.«

»Nein, nein! Wenn es sein muss, dann lieber ich als ein Fremder. Sagt mir, was zu tun ist.«

Sie erklärte ihm den Weg durch den geheimen Korridor zum verlassenen Turm. »Ich habe einen Schlüssel zur Gartentür vorbereitet. Hier ist er. Gebt ihn ihm. Er soll heute Nacht um Mitternacht zu mir kommen.«

»Gut, Prinzessin. Doch Ihr habt das Wichtigste vergessen: den Namen!«

»Mein Gott, erratet Ihr ihn nicht? Es gibt an diesem Hof nur einen Einzigen, der es verdient, von einer Königstochter geliebt zu werden!«

»Und dieser heißt?«

»Thomas Seymour, Graf Sudley!«, flüsterte sie und verschwand im Schloss.

John Heywood blieb wie gelähmt stehen. »Thomas Seymour! Er ist ein Zauberer, der alle Frauen betört! Die Königin liebt ihn, die Prinzessin liebt ihn – und die Herzogin von Richmond ebenso! Er ist ein Verräter, der beiden das Gleiche gelobt. Und nun muss ausgerechnet ich der Vertraute beider Frauen sein. Doch ich werde mich hüten, seine Untreue zu offenbaren. Ich werde die eine Liebe durch die andere bekämpfen, um die Königin zu retten. Ich werde ihre Briefe empfangen, sie aber verbrennen, um sie vor dem Schafott zu bewahren.«

»Warum starrt Ihr so zum Himmel empor?«, unterbrach ihn eine Stimme. Es war Thomas Seymour höchstpersönlich. »Sucht Ihr dort oben ein neues Epigramm auf die Pfaffen?« John Heywood sah nicht weg. »Nein, Mylord, ich beobachte einen Habicht. Er hat zwei Tauben in seinen Fängen. Zwei Tauben für einen Habicht – ist das nicht wider die Natur?« Seymour warf ihm einen misstrauischen Blick zu. »Wie dumm dieses Tier ist«, fuhr John fort. »Da er beide Krallen besetzt hat, kann er keine der Tauben wirklich genießen. Sobald er die eine reißen will, entwischt ihm die andere. Am Ende wird er gar nichts haben, weil er zu raubgierig war.«

»Und nach diesem Habicht schaut Ihr? Vielleicht ist er gar nicht dort oben, sondern ganz in Eurer Nähe?«, fragte Seymour bedeutungsvoll. »Vielleicht. Doch der Besitzer des Taubenschlags hat bereits sein Gewehr geladen. Er wird den Habicht töten, weil er ihm seine Lieblinge raubte.«

»Genug!«, rief der Graf ungeduldig. »Ich nehme keinen Rat von einem Narren an.«

»Recht so, Mylord. Nur Toren hören auf die Weisheit. Hier, nehmt diesen Schlüssel. Er öffnet die Tür zu Eurem Glück – heute Mitternacht im Turm. Eine Dame erwartet Euch mit heißen Lippen.«

»Von wem kommt diese Botschaft?«, fragte Seymour erhitzt. »Wer erwartet mich?«

»Oh, Ihr wisst es nicht? Gibt es also mehrere? Nun denn: Es ist die jüngere der beiden Tauben, die Euch rufen lässt!«

»Prinzessin Elisabeth?«

»Ihr habt den Namen ausgesprochen, nicht ich!«, sagte John Heywood und eilte davon.

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