Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 4 – Die Weltallschiffer – 7. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 4
Die Weltallschiffer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 7
Das Nihilit
Während der Fahrt hatte Richard sich noch nicht getraut, Experimente in der Kammer durchzuführen. Hier auf dem Mond fühlte er sich etwas sicherer.
Mitgenommen worden waren Katzen, Hunde, Hühner und andere Tiere. Nun wurde ein Huhn als Versuchsobjekt in die Kammer gebracht. Es flatterte herum. In dem Augenblick, als man die Außentür durch die Vorrichtung nur ein ganz kleines bisschen öffnete, saß das Huhn plötzlich unbeweglich da – es war erfroren. Man öffnete die Tür vollständig, schloss sie wieder und ließ erst warme, dann heiße Luft in den luftleeren Raum, der mehrfach wieder ausgepumpt und mit überhitzter Luft gefüllt werden musste, ehe ein an die Wand gehaltenes Thermometer anzeigte, dass er betreten werden durfte.
Das Huhn blieb steif gefroren. Es ließ sich selbst über dem heißesten Feuer nicht auftauen. Es erwies sich als nicht verbrennbar und zeigte auch noch andere Eigenschaften, die die nächsten Experimente besser erklären.
Ein Glasgefäß mit Wasser wurde der absoluten Kälte ausgesetzt. Augenblicklich gerann das Wasser zu Eis. Als man das Gefäß wieder hereinholte, war das Wasser oder das Eis aus dem Gefäß verschwunden. Doch dies war nur eine Täuschung. Man spürte das Eis noch, sah es aber nicht und verspürte auch keine Kälte mehr.
Die Gelehrten folgern: In der absoluten Kälte geht das Wasser in einen vierten, uns unbekannten Aggregatzustand über. Kommt es in diesen Aggregatzustand in unsere Wärme und Atmosphäre, wird es für unser Auge unsichtbar.
Wir unterscheiden drei Aggregatzustände: den gasförmigen, den flüssigen und den festen. Einige Substanzen beobachten wir oft genug in den verschiedenen Zuständen, zum Beispiel Wasser als Gas, also Dampf, als flüssiges Wasser oder als Eis. So können wir ziemlich jede anorganische Substanz von einem Aggregatzustand in den anderen überführen, auch viele Elemente. Selbst die Luft wird jetzt unter kolossalem Druck und extremer Kälte verflüssigt, aber sie fest herzustellen, wird uns wohl nie gelingen. Denn nie und unmöglich sind bei Erwägung solcher Dinge, die ins Reich der Naturwissenschaften gehören, gänzlich zu streichen.
Die Gelehrten des Weltallschiffes hätten allerdings von einem fünften Aggregatzustand sprechen sollen, denn ein vierter, uns bisher völlig unbekannter Zustand, für den auch noch immer ein Name fehlt, ist bereits entdeckt worden.
Im Jahre 1872 wurde im nördlichen Eismeer ein Wal – der Walfisch ist kein Fisch, sondern ein Säugetier – harpuniert. Der tödlich getroffene Wal schoss senkrecht in die Tiefe und kam nicht wieder zum Vorschein. Wohl aber vermochte man den in der Mitte abgebrochenen Schaft der Harpune wieder heraufzuholen, wozu die Leine einige tausend Fuß aufgewunden werden musste. Ob der Wal diese Tiefe erreicht hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls war dieses Stück Holz dort unten einem ungeheuren Druck ausgesetzt.
Dem Kapitän fiel sofort etwas an dem Eschenholz auf. Französische Gelehrte setzten ihre Versuche fort und stellten folgende Tatsache fest: Das Wasser wurde durch den enormen Druck nicht nur in das Holz hineingetrieben, sondern nahm darin auch einen ganz anderen Zustand an. Das Holz ist unverbrennbar geworden. Man kann das Wasser nicht durch Hitze verdampfen, auch nicht in der intensivsten Glut. Man kann das Holz zerkleinern und zermahlen, wie man will, das Wasser bleibt auch im Pulver enthalten. Dieses fühlt sich feucht an, aber Wasser und Holz können nicht mehr getrennt werden. Hier muss davon ausgegangen werden, dass das Wasser durch den Druck in einen anderen Aggregatzustand übergegangen ist, denn eine andere Erklärung gibt es nicht. Ein Stückchen Holz von jenem Schaft liegt noch heute im Pariser Museum und befindet sich noch immer in diesem rätselhaften Zustand. Die verblüffendste Eigenschaft des in Ätherkälte gefrorenen Wassers, das in irdischer Atmosphäre und Wärme unsichtbar wurde, sollte erst durch einen Zufall entdeckt werden.
Als man vielerlei Versuche vornahm, Quecksilber und Säuren gefrieren ließ und Nahrungsmittel sowie andere Dinge der Kälte des Weltraums aussetzte, kam Richard schließlich auch auf die Idee, ein Stück Tuch mit Wasser anzufeuchten und es in die Kältekammer zu legen. Als die warme Luft in den Raum drang, war es, als würde das Tuch in einen Nebel zerfließen, bis es schließlich ganz unsichtbar wurde, aber noch fühlbar blieb.
Das war erstaunlich. Also wurde auch der Gegenstand, in den Wasser drang oder den es einhüllte, beim Gefrieren unsichtbar! Plötzlich bemerkte Richard noch etwas ganz anderes und stieß einen Ruf des Staunens aus: Als er seine Hand vollends in das unsichtbare Tuch wickelte, war auch seine Hand ganz und gar verschwunden! Er legte diese unsichtbare Hand, die er nur noch fühlen konnte, auf die Seite eines Buches und konnte nun hindurchlesen. Es war, als ob gar nichts auf der Seite läge.
Man imprägnierte daraufhin ganze Anzüge mit Wasser, ließ sie im Ätherraum gefrieren, zog sie an – und der Mann war verschwunden. Nur Kopf und Hände schienen frei in der Luft zu schweben, darunter standen die Stiefel.
Hier gab es genug für die Gelehrten zu tun: Sie sollten eine Erklärung für diese Art von Lichtbrechung oder für die besonderen Strahlen suchen, die dieses Eis erzeugte. Wichtiger war jedoch die praktische Seite dieser Entdeckung. Eine neue Ära brach an, denn man hatte ein Mittel gefunden, um sich unsichtbar zu machen. Der Krieg und vieles andere würden sich vollkommen ändern. Das so verwandelte Wasser wurde Nihilit genannt, nihil ist ein lateinisches Wort und bedeutet nichts.
Die Mannschaft vergaß, dass sie sich auf dem Mond befand, und beachtete nicht mehr die Gebirge und Krater, über die das Schiff eine langsame Expeditionsfahrt unternahm. Man belustigte sich nur noch damit, sich unsichtbar zu machen, und jeder sorgte dafür, ein vollständiges Kostüm aus imprägniertem Äthereis zu bekommen. Dazu gehörten natürlich auch eine den ganzen Kopf verhüllende Maske und Handschuhe.
Am nächsten Tag ließ man das Luftschiff wieder vom Mond schleudern, was völlig glatt vonstattenging.
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