Catherine Parr – Band 2 – Kapitel 2
Luise Mühlbach
Catherine Parr
Band 2
Drittes Buch
Die Schleife der Königin
Historischer Roman, M. Simion, Berlin 1851
2. Der König amüsiert sich!
Weg mit den Sorgen und dem rachedurstigen Gedanken! Der König will für eine kurze Zeit vergessen, dass er König ist. Er will sich dieser Last entledigen, die seine Schultern bedrückt und ihn zu einem Zwitterwesen macht, das weder Gott noch Mensch ist. Er will einmal ganz Mensch sein, ein freier, glücklicher, genießender Mensch.
Aber ach, der König ist es nicht allein, der seine Schultern bedrückt! Da ist auch die Last des Fleisches, die den Menschen niederdrückt und ihn zu einer schwerfälligen, grotesken Masse macht, die sich unbeholfen weiterrollt und bei jedem Schritt keuchend inne hält.
Man kann ein sehr mächtiger und gefürchteter König sein und doch ein sehr hilfloser, erbarmungswürdiger Mensch.
Das Königtum von Gottes Gnaden ist machtlos gegen das Menschentum von Gottes Zorn. Denn auch der König ist ein Sohn Adams, den der Zorn des Herrn aus dem Paradies vertrieben hat. Und sein Urenkel wird das Paradies nicht wiederfinden, das sein Ahnherr Adam verloren hat, weil er den Apfel der Schlange gegessen hat.
Die Höflinge nennen ihn einen schönen und bezaubernden Mann und die Frauen lächeln ihm zu und sagen ihm mit Seufzern und Blicken, dass sie ihn lieben, dass er für sie immer noch dieser schöne und verführerische Mann ist, wie vor zwanzig Jahren, als er noch jung, schön und schlank war. Doch ein König bleibt immer jung, ein König altert niemals. Der Kuss seiner verwelkten Lippen und der Druck seiner zitternden Hände sind für die Frauen seines Hofes immer ein Entzücken! Seht nur, wie sie lächeln und ihn anblicken! Wie Lady Jane, sonst so stolze und keusche Jungfrau, ihn mit ihren glühenden Augen wie mit einem Netz umstricken will. Wie die Herzogin von Richmond, dieses schöne und üppige Weib, zu des Königs lüsternen Scherzen und zweideutigen Wortspielen bezaubernd lacht!
Armer König, dem seine Beleibtheit das Tanzen verbietet, das er einst so gern und mit so viel Geschick getan hat! Armer König, dem sein Alter verbietet, zu singen, wie er es einst zum Entzücken seines Hofes so gern tat! Weil er kein genießender Mensch mehr sein konnte, ist er ein strafender König geworden; weil er kein Priester der Freude mehr sein konnte, ist er ein Priester Gottes geworden.
Doch es gibt immer wieder schöne, köstliche und genussreiche Stunden, in denen der Mensch in dem König wieder auflebt, in denen die Jugend die Augen aufschlägt und ihn mit einigen holden und seligen Freuden anlächelt.
Der König hat noch Augen, um die Schönheit zu sehen, und ein Herz, um sie zu empfinden.
Wie schön Lady Jane ist, diese weiße Lilie mit den dunklen Sternenaugen! Wie schön Lady Richmond ist, diese volle Purpurrose mit den weißen Perlenzähnen!
Sie lächeln ihm beide zu, und wenn der König ihnen schwört, dass er sie liebe, schlagen sie verschämt die Augen nieder und seufzen.
»Seufzt du, Jane, weil du mich liebst?«
»Oh Sire, Ihr spottet meiner. Es wäre ein Verbrechen, wenn ich euch liebte, denn Königin Catherine lebt.«
»Ja, sie lebt!«, murmelte der König, seine Stirn verfinsterte sich und sein Lächeln verschwand für einen Augenblick von seinen Lippen.
Lady Jane hatte einen Fehler begangen! Sie hatte den König an seine Frau erinnert, als es noch zu früh war, und ihn damit zugleich um seinen Tod gebeten.
John Heywood las dies auf dem Gesicht seines königlichen Herrn und beschloss, seinen Vorteil daraus zu ziehen. Er wollte die Aufmerksamkeit des Königs zerstreuen und ihn von diesen schönen, verführerischen Damen ablenken, die ihn mit ihrer bezaubernden Anmut umgaukelten.
»Ja, die Königin lebt!«, sagte er freudig. »Und gelobt sei Gott dafür! Denn wie langweilig und ernsthaft wäre es an diesem Hof, wenn es diese schöne Königin nicht gäbe, die so weise ist wie Methusalem und so unschuldig und gut wie ein neugeborenes Kind. Nicht wahr, Lady Jane? Ihr stimmt mir zu: Gelobt sei Gott, dass Königin Katharina lebt!«
»Ich sage es mit Euch!«, meinte Jane mit schlecht verhehltem Ärger.
»Und Ihr, König Heinrich, sagt Ihr es nicht auch?«
»Natürlich, Narr!«
»Ach, warum bin ich nicht König Heinrich!«, seufzte John Heywood. »König, ich beneide Euch nicht um Eure Krone und Euren Königsmantel, nicht um Eure Hofleute und Euer Geld. Ich beneide Euch nur darum, dass Ihr sagen könnt: Gelobt sei Gott, dass mein Weib noch lebt! Während ich immer nur die eine Phrase kenne: Gott sei es geklagt, mein Weib lebt noch! Ach, es ist sehr selten, König, dass ich einen Ehemann gehört habe, der anders gesprochen hätte! Ihr seid auch darin eine Ausnahme, König Heinrich, und Euer Volk hat Euch nie glühender und aufrichtiger geliebt, als wenn Ihr sagt: Ich danke Gott, dass meine Gemahlin lebt! Glaubt mir, Ihr seid vielleicht an Eurem Hof der einzige Mann, der es nachspricht, so sehr Eure Papageien Euch auch sonst nachbeten, was der Herr Oberpriester sagt!«
»Der einzige Mann, der sein Weib liebt!«, sagte Lady Richmond. »Seht doch den groben Schwätzer! Glaubt Ihr also nicht, dass wir Frauen es verdienen, geliebt zu werden?«
»Ich bin davon überzeugt, dass ihr es nicht tut!«
»Und wofür haltet ihr uns denn?«
»Für Katzen, die Gott, da er keine Katzenfelle mehr übrig hatte, in eine glatte Haut steckte!«
»Hütet Euch, John, dass wir Euch nicht unsere Krallen zeigen!«, rief die Herzogin lachend.
»Tut es immerhin, Mylady! Ich werde dann ein Kreuz schlagen, und ihr werdet verschwinden. Denn ihr wisst wohl, die Teufel können den Anblick des Heiligen Kreuzes nicht vertragen! Und ihr seid Teufel.«
John Heywood, der ein ausgezeichneter Sänger war, griff nach der Mandoline, die neben ihm lag, und begann zu singen. Es war ein Lied, wie es nur in jener Zeit und an Heinrichs zugleich üppigem und frommem Hof möglich war: die Liebesklage eines frommen Mönches, der vor dem Muttergottesbild liegt und ihr rät, lieber die Tochter der Freude als die Mutter eines Gottes zu sein. Ein Lied voller üppigster Anspielungen und beleidigender Scherze gegen Mönche und Frauen zugleich. Ein Lied, das den König lachen und die Damen erröten machte. In dem John Heywood all seinen heimlichen Zorn gegen Gardiner, den schleichenden, heuchlerischen Pfaffen, und gegen Lady Jane, die falsche und heimtückische Freundin der Königin, in glühenden Dithyramben ausgeströmt hatte.
Aber die Damen lachten nicht. Sie schleuderten flammende Blicke auf John Heywood und Lady Richmond forderte ernst und entschieden die Bestrafung des Verräters, der es gewagt hatte, die Frauen zu lästern.
Der König lachte noch mehr. Dieser Zorn der Damen war äußerst belustigend.
»Sire«, sagte die schöne Richmond, »er hat nicht uns, er hat das ganze Geschlecht beleidigt, und im Namen unseres Geschlechts fordere ich Rache für diesen Schimpf!«
»Ja, Rache!«, rief Lady Jane glühend.
»Rache!«, wiederholten die übrigen Damen.
»Seht doch, welche frommen und sanftmütigen Tauben ihr seid!«, rief John Heywood.
Der König sagte lachend: »Nun gut, Ihr sollt Euren Willen haben, Ihr sollt ihn züchtigen!«
»Ja, ja, peitscht mich mit Ruten, wie man einst den Messias peitschte, weil er den Pharisäern die Wahrheit gesagt hat! Seht, ich setze mir schon die Dornenkrone auf!«
Er nahm das Samtbarett des Königs mit einer ernsthaften Miene und setzte es auf.
»Ja, peitscht ihn, peitscht ihn!«, rief der König lachend und deutete auf die riesenhaften Vasen aus chinesischem Porzellan, die ungeheure Büschel Rosen enthielten. An deren langen Stielen erhob sich ein wahrer Wald drohender Stacheln.
»Kehrt diese großen Bouquets um, nehmt die Rosen in die Hand und peitscht ihn mit den Stielen!«, rief der König, und seine Augen leuchteten in grausamer Freude, denn diese Szene versprach interessant zu werden. Die Rosenstiele waren lang und hart, und die Stacheln daran waren spitz und scharf wie Dolche. Wie gut sie sich in sein Fleisch einbohren mussten und wie er schreien und sein Gesicht verzerren würde, der gute Narr!
»Ja, ja, er soll den Rock ausziehen und wir wollen ihn peitschen!«, rief die Herzogin von Richmond. Die Frauen riefen es ihr nach. Wie wild stürzten sie auf John Heywood zu und zwangen ihn, das seidene Oberkleid abzulegen. Dann eilten sie zu den Vasen, rissen die Rosenbüschel heraus und suchten sich geschäftig die längsten und stärksten Stiele aus. Sie jubelten laut, wenn die Stacheln groß und scharf waren und sich also tief in das Fleisch ihres Beleidigers bohren würden.
Das Lachen und der Beifall des Königs begeisterten sie immer mehr, machten sie immer aufgeregter und wilder. Ihre Wangen glühten, ihre Augen blitzten, sie glichen den Bacchantinnen, die mit ihrem Evoe, Evoe den Gott der tollen Fröhlichkeit umkreisen.
»Noch nicht! Schlagt noch nicht!«, rief der König. »Ihr müsst Euch erst stärken für die Anstrengung und Euren Arm befeuern für den kräftigen Hieb!«
Er nahm den großen goldenen Humpen, der vor ihm stand, und kredenzte ihn Lady Jane.
»Trinkt, Mylady, trinkt, damit Euer Arm stark wird!«
Und sie tranken alle und drückten mit einem begeisterten Lächeln ihre Lippen auf die Stelle, die zuvor der Mund des Königs berührt hatte. Nun flammten ihre Augen noch höher auf und ihre Wangen glühten feuriger.
Es war ein wunderbarer und pikanter Anblick, diese schönen, von Schadenfreude und Rachedurst erfüllten Damen zu sehen.
»Darin, Sire, dass Diana ihr Horn an der Seite trug, diese schönen Damen es aber ihre Männer auf der Stirn tragen lassen!«
Ein lautes Gelächter der Männer und ein Wutgeschrei der Damen waren die Antwort auf dieses neue Epigramm John Heywoods.
Sie stellten sich in zwei Reihen auf und bildeten so eine Gasse, durch welche John Heywood hindurchgehen sollte.
»Kommt, John Heywood, kommt und empfangt Eure Strafe!«
Sie hoben ihre dornigen Ruten drohend empor und schwangen sie mit zürnenden Gebärden hoch über ihren Häuptern.
Die Szene begann für John allerdings sehr pikant zu werden, denn diese Ruten hatten sehr spitze Dornen und er trug nur ein feines Batisthemd.
Er näherte sich mit beherztem Schritt dieser verhängnisvollen Gasse, durch die er hindurchschreiten sollte. Schon sah er, wie die Ruten nach ihm zückten, und es war ihm, als bohrten sich die Dornen bereits in seinen Rücken.
Er blieb stehen, wandte sich lachend dem König zu und sagte: »Sire, da Ihr mich verurteilt habt, von den Händen dieser Nymphen zu sterben, so fordere ich auch das Recht jedes Verurteilten: eine letzte Gnade.«
»Die wir Euch bewilligen, John.«
»Ich fordere, dass ich diesen holden Frauen eine Bedingung stellen kann, um mich peitschen zu können. Wollt Ihr mir das bewilligen, Majestät?«
»Ich bewillige es!«
»Und Ihr gebt mir Euer feierliches Königswort, dass diese Bedingung treulich gehalten und erfüllt werden soll?«
»Mein feierliches Königswort!«
»Nun denn«, sagte John Heywood, während er in die Gasse hineinschritt. »Nun denn, Myladys, meine Bedingung ist folgende: Diejenige von Euch, die die meisten Liebhaber hatte und ihren Mann am meisten gekrönt hat, soll den ersten Schlag auf meinen Rücken tun!«
Eine tiefe Stille trat ein. Die erhobenen Arme der schönen Frauen senkten sich, die Rosen fielen aus ihren Händen zu Boden und diese Frauen, die eben noch so blutrünstig und rachsüchtig gewesen waren, schienen nun die sanftesten und mildesten Wesen geworden zu sein.
Hätten ihre Blicke töten können, so hätte das Feuer derselben diesen armen John Heywood sicher verbrannt, der sie nun mit übermütigem Hohnlachen ansah und sich mitten in ihre Reihe stellte.
»Nun, Myladys, Ihr schlagt ihn nicht?«, fragte der König.
»Nein, Majestät, wir verachten ihn zu sehr, um ihn selbst züchtigen zu wollen!«, sagte die Herzogin von Richmond. »Wir werden das unseren Bedienten überlassen.«
»Dann bin ich sicher, von Euren guten Freunden gestraft zu werden, die gewiss nicht die Schuld tragen, dass keine von Euch meine Bedingung erfüllen konnte!«, rief John Heywood lachend.
»Auf diese Weise also würde Ihr Feind ungestraft Euch beleidigt haben?«, fragte der König. »Nein, nein, meine Damen, man soll nicht sagen, dass es einen Menschen in meinem Reich gibt, dem ich eine wohlverdiente Strafe erlassen hätte. Wir wollen ihm eine andere Strafe auferlegen. Er nennt sich einen Dichter und hat sich oft gerühmt, dass er seine Feder ebenso schnell wie seine Zunge laufen lassen könne. Nun denn, John, beweise uns also, dass du kein Lügner bist! Ich befehle dir, zum großen Hoffest, welches in einigen Tagen stattfindet, ein neues Interludium zu schreiben. Es soll imstande sein, den größten Miesepeter fröhlich zu machen, und die Damen sollen darüber so herzlich lachen, dass sie ihren Zorn ganz vergessen!«
»Oh«, sagte John kläglich. »Welch ein zweideutiges, liederliches Gedicht wird das sein müssen, das diese Damen erheitern und zum Lachen bringen kann! Mein König, um diesen lieben Damen zu gefallen, müssen wir ein wenig unserer Keuschheit, Sittsamkeit und jungfräulichen Schüchternheit vergessen und versuchen, so schlüpfrig wie möglich zu sprechen.«
»Ihr seid ein Elender!«, sagte Lady Jane. »Ein gemeiner, heuchlerischer Narr!«
»Graf Douglas, Ihre Tochter spricht mit Ihnen«, sagte John Heywood ruhig. »Sie schmeichelt Euch sehr, diese zärtliche Tochter!«
»Nun also, John«, fragte der König, »hast du meinen Befehl vernommen und wirst du ihn erfüllen? In vier Tagen sollte dieses Fest stattfinden, ich schiebe es noch auf zwei weitere Tage hinaus. In sechs Tagen hast du uns also ein neues Interludium zu schreiben. Und wenn er es nicht tut, Myladys, so sollt Ihr ihn peitschen, und zwar ohne Bedingung, bis aufs Blut!«
Nun vernahm man von außen eine Fanfare und das Geräusch vieler Hufschläge.
»Die Königin kommt zurück«, sagte John Heywood mit freudestrahlendem Gesicht und heftete seinen Blick voller Schadenfreude auf Lady Jane. »Es wird Euch nun nichts weiter übrig bleiben, als Eurer Gebieterin über die große Treppe pflichtschuldigst entgegenzugehen. Denn wie Ihr vorher so weise sagtet: Die Königin lebt!«
Ohne eine Antwort abzuwarten, sprang John Heywood auf und stürzte durch die Vorsäle und die Treppe hinunter, der Königin entgegen.
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