Der Galgen
Morgen früh, bei Sonnenaufgang, werde ich wegen Mordes an einem Mann gehängt.
Bei Sonnenaufgang am neunten Juni, meinem Hochzeitstag. Ich soll am Hals aufgehängt werden, bis ich tot bin. Ich bin froh, dass dieser Staat noch nicht die Hinrichtung durch Elektrizität eingeführt hat. Ich ziehe es vor, meine letzten Augenblicke im Freien unter dem Himmel zu verbringen.
Der Bau des Galgens ist abgeschlossen; die Arbeiter sind weg, und es scheint sicher, dass die Hinrichtung bei Sonnenaufgang stattfinden wird. Doch jeder Schritt auf dem Korridor lässt mir das Herz bis zum Hals schlagen. Gladys arbeitet an einer Begnadigung. Ich bete darum, dass sie keinen Erfolg hat.
Der Gouverneur ist auf einem Angelausflug, fernab von Eisenbahn und Telegraf. Wenn sie ihn in den nächsten Stunden nicht ausfindig machen, werde ich gehängt. Gott gebe, dass sie ihn nicht finden!
Es ist Gladys’ Wille gegen meinen. Normalerweise gewinnt sie, aber jede vergehende Minute verringert ihre Chance, sich hierbei durchzusetzen. Es ist jetzt zehn Minuten vor Mitternacht. Dr. Brander, der Gefängnisseelsorger, hat mich gerade verlassen – zufrieden, der arme Kerl, dass es ihm gelungen sei, mich mit meinem Schicksal zu versöhnen. Hätte er gewusst, dass das hohe hölzerne Skelett draußen mit seiner schlaffen Schlinge in meinen Gedanken eine Zuflucht darstellt, hätte er sich voller Entsetzen von mir abgewandt.
Die nächsten fünf Stunden werden die längsten meines Lebens sein. Jeder Schritt im Korridor jagt mir Angst ein. Es ist nicht, weil ich des Verbrechens, für das ich verurteilt wurde, schuldig bin, dass ich gerne sterbe. Ich bin schuldig, aber das bedeutet nicht, dass ich den Tod verdiene.
Ich werde morgen bei Sonnenaufgang hängen, weil ich gehängt werden will!
Ich hätte mich retten können, weigerte mich jedoch – einzig deshalb, weil das Leben seinen Geschmack verloren hat; eine große Welle des Ekels vor dem Dasein besaß und besitzt mich noch immer. Ich schreibe diese Worte jetzt nieder, damit Gladys die Wahrheit erfährt. Sie hat versucht mich zu sehen, seit ich hierhergebracht wurde, aber ich habe den Besuch verweigert. Das ist ein Recht, das ein zum Tode Verurteilter hat: Besucher abzulehnen.
Vom Tag unserer Hochzeit an verlangte Gladys, jeden meiner Gedanken zu kennen, jede meiner Taten zu jeder Stunde des Tages. Wenn auch nur eine davon sich nicht um sie drehte, kritisierte, verurteilte oder weinte sie. Sie nahm mir mit bitteren Worten und ebenso bitteren Taten jene kleinen Rückzugsorte meiner Seele übel, die ich um meiner eigenen Selbstachtung willen für mich behielt.
Schließlich beschloss sie mir zu zeigen, dass es andere Männer gäbe, die sie zu schätzen wüssten, wenn ich es schon nicht täte. Eine Zeit lang war mein Heim danach zu jeder Tages- und Abendzeit von Lounge Lizards – diesen glatten Gesellschaftslöwen – bevölkert. Ich ertrug es wortlos, was sie zur Raserei trieb.
Lester Caine, ein junger Kerl, ehrlich und einfach, war ihr erstes Opfer. Als ich ihn das erste Mal dicht neben ihr auf der dämmrigen Veranda sitzen sah, hieß ich ihn herzlich willkommen. Wir rauchten und sprachen über unsere gemeinsame Zeit in der Armee. Ich fühlte, dass Gladys ruhig mit jemandem wie Lester flirten konnte, wenn es das war, was sie wollte; aber Lester kam danach nur noch wenige Male vorbei.
Zwei Monate lang gab es eine Abfolge von jungen Männern auf dem Grundstück. Unser Haus lag nicht weit vom Westmoor Country Club entfernt, und der Golfplatz reichte fast bis an unseren Seitenhof. Unsere Veranda war ein bequemer Ort, um reinzuschauen.
Plötzlich hörte all das auf. Gladys war viel unterwegs, aber da ihre Mutter nur wenige Kilometer entfernt wohnte, dachte ich mir nichts dabei. Sie wurde sehr still, war nachdenklich, geistesabwesend, errötete leicht und schien nicht sie selbst zu sein.
Zuerst war ich ziemlich verwundert, dann dämmerte mir plötzlich eine Erklärung für ihre Veränderung. Freude erfüllte meine Seele. Ich war außerordentlich sanft zu ihr, kaufte ihr ein kleines Auto zum Geburtstag und tat alles, was mir für ihren Komfort und ihr Vergnügen einfiel.
Schließlich, so sagte ich mir, war die emotionale Phase, die sie durchlaufen hatte, natürlich. Die Ehe ist für manche eine schwierigere Umstellung als für andere. Bei Gladys war es offensichtlich so gewesen. Wenn wir ein Kind bekämen, würde alles wieder gut werden.
Ein Kind – unser Kind! Es war wundervoll, daran zu denken. Sie hatte sich immer geweigert, das Thema in Betracht zu ziehen, mit der Begründung, sie wolle das Leben genießen, solange sie jung sei. Aber sie wusste, dass ich mir einen Sohn wünschte, der meinen Namen trägt, und eine Tochter, die ihre Schönheit erbt, und sie hatte sich in das Unvermeidliche gefügt. Eine Welle der Euphorie gab mir das Gefühl, auf Wolken zu gehen. Ich sehnte mich danach, das Thema anzusprechen, fühlte aber, dass das erste Wort darüber von ihr kommen sollte.
Ich verbrachte Stunden damit, mir zärtliche, liebevolle Dinge auszudenken, die ich für sie tun konnte. Sie nahm alles ruhig an, manchmal mit abgewandtem Gesicht und geröteten Wangen. Ich zog ihren regungslosen Körper in meine Arme und hielt sie fest, aber sie erwiderte meine leidenschaftliche Zuneigung nicht.
In dieser Phase schickte mich meine Firma auf eine zehntägige Reise, um ein Geschäft im Westen abzuschließen. Es fiel mir schwer, Gladys zu verlassen, aber jetzt, mehr denn je, spürte ich, dass wir Geld brauchen würden, und zwar viel davon. Wir vereinbarten, dass Gladys zu ihrer Mutter fahren sollte und ich nach meiner Rückkehr dort zu ihr stoßen würde.
Es ist die ewig gleiche Geschichte. Ich kam früher nach Hause als erwartet und ging direkt zu unserem Haus, in der Absicht, Gladys’ Zimmer neu dekorieren zu lassen, bevor ich sie heimholte.
Am Tor stand Gladys’ Wagen. Ich stürzte ins Haus, aber im Erdgeschoss war niemand, weder in Gladys’ Zimmer noch in meinem. Ich wollte gerade die Treppe hinuntergehen, als ich ein leises Lachen – das Lachen eines Mannes – aus dem dritten Stock hörte. Ich rannte hinauf und blieb vor der geschlossenen Tür des Gästezimmers stehen.
»Was soll das, vor mir wegzulaufen?«, fragte der Mann. »Du kannst nicht erst heiß und dann kalt zu mir sein.«
»Ich habe dir gesagt, du sollst nicht mehr hierherkommen. Es ist nicht sicher.«
»Ich habe keine Angst vor diesem Ehemann von dir. Du gehörst mir, und du wirst mir gehören.«
Ich hatte gespannt zugehört, konnte die Stimme des Mannes aber nicht erkennen.
»Geh jetzt«, flehte Gladys, »und ich komme heute Abend in dein Zimmer.«
»Auf gar keinen Fall! Ich bin jetzt hier und ich bleibe.«
»Lass mich los – du tust mir an der Schulter weh.«
Man hörte ein Gerangel. Ich probierte die Tür. Sie war verschlossen. Ich warf mich mit der Schulter dagegen. Das Schloss sprang auf.
Gladys stieß einen Schrei aus, sprang von dem Mann weg – einem Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Typ mit vollen Lippen, schwarzen Brauen, groß und weichlich. Als ich die Szene erfasste – die zerzauste Frau, der Mann mit dem geröteten Gesicht – überwältigte mich eine Welle des Ekels.
»Nun«, sagte der Mann höhnisch, »was willst du dagegen tun?«
»Wenn du sie jetzt mitnimmst und sie gut behandelst – nichts.«
»Und wenn ich sie nicht mitnehme?«
»Dann werde ich mich der Situation stellen, wenn es soweit ist.«
»Es ist soweit«, sagte er mit einem Lachen und ging hinaus.
Ich bin groß, schlank und wirke zerbrechlich, aber ich wusste, dass ich diesem überfütterten Biest gewachsen war. Ich hörte das Klappern seiner Schritte auf der Treppe. Dann folgte ich ihm.
Der Mann eilte auf eine Straßenbahn zu. Ich kurbelte Gladys’ Wagen an und folgte ihm. Es war leicht, die Straßenbahn im Sichtfeld und seinen gepflegten schwarzen Kopf im Auge zu behalten.
An der Hanson Street verließ er die Bahn. Ohne einen Blick zu ihm zu werfen, fuhr ich weiter geradeaus. Ich bog an der Ecke ab, rechtzeitig, um zu sehen, wie er ein Bürogebäude betrat. Ich war nicht weit hinter ihm, als er den Fahrstuhl nahm. Der Mann im Fahrstuhl nannte mir die Nummer seines Büros.
Er erzählte seiner Tippse gerade einen Witz, als ich eintrat, aber sein Lachen erstarb, als er mich sah.
»Du dreckiger Dieb! Du wirst nie wieder einen Mann um sein Geld betrügen!«
Sein erstaunter Blick, als ich ihm diese Worte entgegenschrie, war amüsant. Er versuchte, Schlag mit Schlag zu vergelten, aber ich meinte es ernst, als ich ihn anbrüllte: »Ich bin hierhergekommen, um dich zu töten!«
Einem überfütterten Biest das Leben auszuhauchen, ist für einen wütenden Mann nicht so schwer. In weniger als einer Viertelstunde war er tot. Die Polizei, die die Sekretärin gerufen hatte, füllte den Raum, noch bevor ich meine zerzauste Kleidung geordnet hatte.
Ich führte meinen Prozess praktisch selbst, und ich war geschickt genug, jedes Wort, das scheinbar zu meiner Verteidigung geäußert wurde, belastend gegen mich klingen zu lassen.
Gladys versuchte mich zu retten, indem sie die wahre Geschichte der Affäre erzählte, aber ich zeichnete ein Bild von ihr als einer ergebenen, aufopferungsvollen Ehefrau, die bereit war, sogar ihren makellosen Namen zu ruinieren, um ihren Ehemann zu retten. Ich genoss es zu sehen, wie sie zusammenzuckte, während ich das tat.
Sie und das große Biest hatten alles so geschickt angestellt, dass es keinerlei Beweise gab, die ihre Geschichte untermauerten. Auf der anderen Seite gab es die Aussage der Sekretärin, die mir half, und zudem war bekannt, dass ich in der Vergangenheit spekuliert und etwas Geld verloren hatte.
Ich machte das Beste aus allem, was gegen mich sprach, und es reichte aus. Ich wurde dazu verurteilt, am neunten Juni bei Sonnenaufgang gehängt zu werden.
Gladys kam während des Prozesses ins Gefängnis, um mich zu besuchen, aber ich schaffte es, mich genau so zu verhalten, als sei meine Geschichte die wahre und ihre die falsche. Und obwohl sie mich anflehte, die Wahrheit ans Licht kommen zu lassen, gab ich nicht zu, dass die Wahrheit nicht bereits ans Licht gekommen war. Das Urteil war ein schrecklicher Schock für sie. Ihre Mutter trug sie bewusstlos aus dem Gerichtssaal. Bevor sie zu sich kam, war ich bereits im Gefängnis.
Ich werde die Stunde des Sonnenaufgangs so willkommen heißen, wie ich keinen anderen Moment in meinem Leben willkommen geheißen habe. Erst dann wird die Angst vor einer Begnadigung von mir weichen. Gladys setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um den Gouverneur zu finden. Gott gebe, dass sie keinen Erfolg hat!
Es ist viertel vor fünf. Ich habe viel Zeit am Fenster verbracht und in die Dunkelheit hinausgestarrt. Was kommt nach dem Tod? Das ist wohl die Frage, die sich alle Menschen am Ende ihres Lebens stellen. Ich habe es nie getan. Es ist eine müßige Frage – eine, die keiner von uns beantworten kann. Aber ich glaube, es wird eine Erlösung von dem Ekel geben, der jene befällt, die Desillusionierung und Enttäuschung erfahren haben.
Zehn Minuten vor fünf – jetzt bin ich sicher vor jeder noch so geringen Chance auf eine Begnadigung!
Schritte auf dem Korridor! Ist es meine Eskorte zum Galgen oder – das, was ich auf Erden am meisten fürchte?

Schreibe einen Kommentar