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Catherine Parr – Band 2 – Kapitel 4

Luise Mühlbach
Catherine Parr
Band 2
Drittes Buch
Die Schleife der Königin
Historischer Roman, M. Simion, Berlin 1851

4. Gammer Gurtons Nadel

Diese Wohnung John Heywoods lag in dem zweiten, dem inneren Hof des großen Palastes von Whitehall, und dieser Flügel desselben umfasste alle Wohnungen der königlichen höheren Diener, zu welchen der Narr des Königs, welcher Titel damals ebenso viel bedeutete, wie jetzt ein Kammerherrntitel, durchaus gerechnet wurde.

John Heywood durchschritt langsam und in tief-ernsten Gedanken diesen zweiten Hof, als plötzlich laute zankende Stimmen und der helle und eigentümliche Klang einer Ohrfeige ihn aus seinem Nachdenken störten.

Er blieb stehen und horchte.

Sein vorher so ernstes Gesicht hatte nun seinen gewohnten heiteren und schlauen Ausdruck wieder angenommen, seine großen Augen leuchteten wieder in Humor und Schadenfreude.

»Es ist schon wieder meine süße, liebreizende Haushälterin, die Gammer Gurton«, sagte John Heywood lachend, »und sie zankt schon wieder mit diesem armen, langbeinigen, triefäugigen, vortrefflichen Hodge, meinem Diener. Ah, ah, gestern überraschte ich sie, wie sie ihm einen Kuss applizierte, wobei er ein so weinerliches Gesicht machte, als ob eine Biene ihn gestochen habe! Heute höre ich, wie sie ihm eine Ohrfeige gibt! Vielleicht lacht er jetzt, und denkt, es ist ein Rosenblatt, welches ihm die Wange kühlt. Der Hodge ist ein so wunderlicher Kauz! Aber wir wollen einmal sehen, was es heute gibt und welche Posse heute aufgeführt wird.«

Er schlich sich leise die Treppe hinauf und öffnete die Tür seines Zimmers, welche er rasch und leise wieder hinter sich ins Schloss drückte.

Frau Gammer Gurton, welche sich im Nebenzimmer befand, hatte nichts gehört, nichts gesehen, und wäre der Himmel in diesem Moment eingestürzt, sie würde es kaum bemerkt haben, denn sie hatte nur Auge und Sinn für diesen langen, schmächtigen, vor Angst zitternden Burschen, welcher ihr gegenüber stand, und sie aus großen wasserblauen Augen anglotzte. Ihre ganze Seele lag in ihrer Zunge, und diese Zunge bewegte sich wie ein Mühlrad so schnell, sie rollte, wie ein Donner so mächtig!

Wie konnte also Frau Gammer Gurton wohl Zeit und Ohren haben, ihren Herrn zu hören, welcher leise in sein Zimmer gekommen und leise zu der nur angelehnten Tür geschlichen war, welche sein Gemach von dem der Haushälterin trennte!

»Wie«, schrie Frau Gammer Gurton, »du blöder Schuft, du willst mich glauben machen, die Katze sei es gewesen, welche meine Nähnadel fortgebracht hat? Als ob meine Nähnadel eine Maus wäre und nach Speck riecht, du dummer triefäugiger Narr!«

»Ach, Ihr nennt mich einen Narren,« rief Hodge mit einem Lachen, welches machte, dass sein Mund eine angenehme Linie durch sein Gesicht von einem Ohr zum anderen Ohr zog. »Ihr nennt mich einen Narren, welches eine große Ehre für mich ist, denn alsdann bin ich der würdige Diener meines Herrn. Und was das Triefäugige anbetrifft, so muss das daher kommen, weil ich den ganzen Tag nichts vor die Augen bekomme als Euch, Gammer Gurton, Euch mit Eurem Vollmondgesicht, Euch, wie Ihr gleich einer Fregatte durch die Stube segelt und mit dem Enterhaken Eurer Hände alles zertrümmert, außer Eurem eigenen Spiegel!«

»Das sollst du mir büßen, du zweideutiger, fadenscheiniger Lümmel!«, schrie Frau Gammer Gurton, indem sie mit geballter Faust auf Hodge zusprang.

Aber der schlaue Diener John Heywoods hatte dies vorhergesehen; er war schon unter den großen Tisch geschlüpft, welcher in der Mitte des Zimmers stand. Als die Haushälterin dennoch herbeistürzte, um ihn aus seiner improvisierten Festung hervorzuholen, kniff er sie so beherzt ins Bein, dass sie mit einem Schrei zurücksprang und ganz schmerzbewältigt in den lederbezogenen Riesenlehnstuhl sank, welcher neben ihrem Nähtisch am Fenster stand.

»Du bist ein Ungeheuer, Hodge«, ächzte sie matt. »Ein herzloses, abscheuliches Ungeheuer! Du hast mir meine Nähnadel gestohlen, du allein! Denn du wusstest sehr wohl, dass es meine letzte war, und dass, wenn ich sie nicht habe, ich erst zum Kaufmann gehen muss, um mir Nähnadeln zu kaufen! Und das willst du bloß, du wetterwendisches Tier. Du willst nur, dass ich ausgehe, damit du Zeit hast, mit Tib zu schäkern!«

»Tib? Wer ist Tib?«, fragte Hodge, indem er seinen langen Hals unter dem Tisch hervorreckte und Frau Gammer Gurton mit gut geheucheltem Erstaunen anglotzte.

»Nun fragt mich diese Fischotter gar noch, wer Tib ist!«, schrie die erboste Frau. »Nun denn, ich will’s dir sagen! Tib ist die Köchin vom Haushofmeister da drüben. Ein schwarzäugiger, falscher, koketter kleiner Satan, welche schlecht und erbärmlich genug ist, einer ehrbaren und tugendhaften Frau, wie ich bin, ihren Liebhaber wegzufischen, einen Liebhaber, welcher ein so erbärmliches, kleines Ding ist, dass man denken sollte, niemand außer mir könnte ihn sehen und ausfindig machen, und ich hätte es auch nicht getan, wenn ich nicht schon seit vierzig Jahren meine Augen ans Suchen gewöhnt hätte, und seit vierzig Jahren umherschaute nach dem Mann, der endlich mich unter die Haube bringen und eine respektable Mistress aus mir machen sollte. Da sind denn nun zuletzt meine Augen auf diesem Gespenst von einem Mann haften geblieben, und weil ich nichts fand, habe ich endlich dich entdeckt, dich, du Spinnengewebe von einem Mann!«

»Was, Ihr nennt mich ein Spinnengewebe?«, schrie Hodge, indem er unter dem Tisch hervorkroch und sich drohend in seiner ganzen Länge vor Gammer Gurtons Lehnstuhl hinstellte. »Ihr nennt mich ein Spinnengewebe? Nun, ich schwöre Euch, dass Ihr nun und nimmermehr die Spinne sein sollt, welche in diesem Gewebe wohnt. Denn Ihr seid eine Kreuzspinne, eine abscheuliche, dicke, alte Kreuzspinne, für welche ein Spinnengewebe, wie Hodge es ist, viel zu fein, und viel zu zierlich ist! Seid daher ruhig, Kreuzspinne, und zieht anderswo Eure Netze aus! In meinem Netz sollt Ihr nicht wohnen, sondern Tib! Denn ja, ich kenne Tib! Es ist ein liebes reizendes Kind von vierzehn Jahren, ein Kind, so rasch und flink wie ein Zicklein, mit Lippen so rot wie die Korallen, welche Ihr um Euren fetten Wulst von Hals tragt, mit Augen, welche noch heller als Eure Nase glänzen, und mit einer Gestalt so schlank und zierlich, dass man sie aus einem Eurer Finger schnitzen könnte. Ja, ja, ich kenne Tib, sie ist ein zärtliches, gutes Kind, welche niemals so hartherzig sein würde, den Mann zu beschimpfen, welchen sie liebt, und niemals so kleinlich und erbärmlich denken könnte, einen Mann, welchen sie nicht liebt, heiraten zu wollen, bloß weil er ein Mann ist! Ja, ich kenne Tib, und jetzt gleich will ich zu ihr gehen, und sie fragen, ob sie einen guten, ehrlichen Burschen heiraten will, der zwar etwas mager ist, aber ohne Zweifel fetter werden wird, wenn er eine andere Kost bekommt, als diesen mageren, abscheulichen Fraß, den ihm Frau Gammer Gurton gibt, einen Burschen, der zwar triefäugig ist, aber bald von dieser Krankheit genesen wird, wenn er Gammer Gurton nicht mehr sieht, welche auf seine Augen wie stinkende Zwiebeln wirkt, und macht, dass seine Augen immer rot sind und immer weinen! Lebt wohl, alte Zwiebel, ich gehe zu Tib!«

Aber Frau Gammer Gurton wirbelte wie ein Kreisel von ihrem Lehnstuhl empor und zu Hodge hin, den sie beim Rockschoß fasste und ihn zum Bleiben bannte.

»Wage es einmal zu Tib zu gehen! Wage es, diese Tür zu überschreiten, und du sollst sehen, dass die sanfte, friedfertige und geduldige Gammer Gurton sich in eine Löwin verwandeln wird, wenn man ihr das heiligste und teuerste Besitztum, ihren Mann entreißen will! Denn du bist mein Mann insofern als ich dein Wort habe, dass du mich heiraten willst!«

»Aber ich habe Euch nicht gesagt, wann und wo ich es tun will, Gammer Gurton, und so könnt Ihr warten bis in alle Ewigkeit, denn erst im Himmel will ich Euer Mann werden!«

»Das ist eine abscheuliche, heimtückische Lüge!«, schrie Frau Gammer Gurton. »Eine nichtswürdige Lüge, sage ich! Denn hast du nicht so lange vor mir gekniet und gebettelt, bis ich dir versprechen musste, ein Testament zu machen, und darin Hodge, meinen lieben Ehemann, zum alleinigen Erben all meines Hab und Guts einzusetzen und ihm alles zu hinterlassen, was ich in meinem tugendhaften und arbeitsamen Leben gesammelt habe?«

»Aber Ihr habt es nicht gemacht, das Testament, Ihr seid wortbrüchig gewesen, und also werde ich es auch sein!«

»Ja, ich habe es gemacht, du Windspiel. Ich habe es gemacht, und just heute wollte ich mit dir zum Friedensrichter gehen, und es unterzeichnen lassen, und morgen wollten wir alsdann uns trauen lassen!«

»Ihr habt das Testament gemacht, Ihr allerliebste Weltkugel?«, sagte Hodge zärtlich, indem er versuchte, mit seinem langen, spindeldürren Arm die Riesentaille seiner Geliebten zu umschlingen. »Ihr habt das Testament gemacht und mich zu Eurem Erben eingesetzt? Komm denn, Gammer, kommt und lasst uns zum Friedensrichter gehen!«

»Aber siehst du denn nicht«, sagte Gammer Gurton mit einem zärtlichen Katergeschnurre, »siehst du denn nicht, dass du mir die Halskrause zerdrückst, wenn du mich so umarmst? Lass mich also los und hilf mir schnell die Nähnadel suchen, denn ohne die Nähnadel können wir nicht zum Friedensrichter gehen!«

»Was, ohne die Nähnadel nicht zum Friedensrichter?«

»Nein, denn sieh nur dieses Loch, welches mir Gib, die Katze, vorher in meine schönste Haube gerissen hat, als ich die Haube aus dem Kasten geholt und auf den Tisch gelegt hatte! Ich kann doch mit solchem Loch in der Haube nicht zum Friedensrichter gehen! Suche also, Hodge, suche, damit ich meine Haube flicken und mit dir zum Friedensrichter gehen kann!«

»Herrgott, wo ist sie nur, die unglückliche Nadel! Ich muss sie haben, ich muss sie finden, damit Gammer Gurton ihr Testament zum Friedensrichter tragen kann!«

Und Hodge suchte in rasender Verzweiflung am Fußboden umher nach der verlorenen Nadel, und Gammer Gurton schob die große Brille auf die rotglühende Nase und spähte auf dem Tisch umher. So eifrig war sie im Suchen, dass sie sogar ihre Zunge ein wenig in Ruhe legte, und eine tiefe Stille im Zimmer herrschen ließ!

Plötzlich wurde diese Stille durch eine Stimme unterbrochen, welche vom Hof her ertönte! Es war eine feine, liebliche Stimme, welche rief: »Hodge, lieber Hodge, bist du da? Komm doch ein wenig zu mir in den Hof! Ich habe Lust, ein wenig mit dir zu lachen!«

Es war, als ob ein elektrischer Schlag mit dieser Stimme durch das Zimmer führe, und beide, Gammer Gurton und Hodge, zu gleicher Zeit getroffen hätte.

Beide zuckten sie zusammen und standen, im Suchen inne haltend, wie erstarrt, ganz unbeweglich da.

Hodge besonders, der arme Hodge, war wie vom Blitz getroffen! Seine großen wasserblauen Augen schienen aus ihren Höhlen hervortreten zu wollen, seine langen Arme hingen schlotternd und klappernd, wie die Dreschflegel hernieder, seine halb eingeknickten Knie schienen schon in der Erwartung des herannahenden Sturmes zusammenbrechen zu wollen.

Dieser Sturm ließ in der Tat nicht lange auf sich warten!

»Das ist Tib!«, schrie Frau Gammer Gurton, wie eine Löwin auf Hodge zuspringend und ihn mit beiden Armen an den Schultern packend. »Das ist Tib, du fadenscheiniges, erbärmliches Windspiel! Nun, hatte ich also nicht recht, wenn ich dich einen treulosen nichtswürdigen Schuft nannte, welcher die Unschuld nicht schont, und die Herzen der Weiber zerbricht, wie Zwieback, den er zu seinem Behagen hinunterschluckt! Hatte ich nicht recht zu sagen, dass du nur auf mein Ausgehen lauerst, um hinüber zu gehen zu Tib und mit ihr zu schäkern?«

»Hodge, mein lieber, vielgeliebter Hodge«, rief die Stimme da unten, und diesmal lauter, noch zärtlicher. »Hodge, so komme doch endlich zu mir in den Hof, wie du es mir versprochen hast! Komm und hole dir den Kuss, um den du mich heute Morgen gebeten hast!«

»Ich will eine verdammte Fischotter sein, wenn ich sie gebeten habe, und auch nur ein Wort von dem verstehe, was sie sagt!«, meinte Hodge ganz verblüfft und zitternd.

»Ach, du verstehst nicht ein Wort von dem, was sie sagt?«, schrie Gammer Gurton. »Nun, ich verstehe es aber! Ich verstehe, dass alles zwischen uns aus und vorbei ist, und dass ich mich lossage von dir, du Moloch du! Ich verstehe, dass ich nicht hingehen und mein Testament machen will, um deine Frau zu werden, und über dieses Knochenstück von Gemahl mich tot zu ärgern, damit aus dir ein lachender Erbe werde! Nein, nein, es ist vorbei! Ich gehe nicht zum Friedensrichter, und ich zerreiße mein Testament!«

»Ach, sie zerreißt ihr Testament!«, heulte Hodge! »Und also habe ich mich umsonst gequält, umsonst das schauderhafte Glück ertragen, von diesem alten Uhu geliebt zu werden! Oh, oh, sie will kein Testament machen, und Hodge wird der jämmerliche Kerl bleiben, der er immer war!«

Gammer Gurton lachte höhnisch. »Ach, du siehst also endlich ein, welch ein erbärmlicher Wicht du bist, und wie sehr sich eine noble und hübsche Person, wie ich es bin, herablässt, wenn sie sich entschließt, ein solches Unkraut aufzulesen und zu ihrem Mann zu machen!«

»Ja, ja, ich sehe es ein!«, sagte Hodge weinerlich. »Und ich bitte Euch, lest mich auf, und nehmt mich, und vor allen Dingen macht Euer Testament!«

»Nein, ich will dich nicht nehmen, und ich will nicht mein Testament machen! Es ist vorbei, sage ich dir, und du kannst jetzt immerhin zu Tib gehen, welche dich so zärtlich gerufen hat! Aber zuerst gib mir meine Nähnadel wieder, du Elster du! Gib her meine Nähnadel, welche du mir gestohlen hast, jetzt nützt sie Dir nichts mehr, denn es ist nicht nötig, dass ich ausgehe, damit du zu Tib gehen kannst! Wir haben nichts mehr miteinander zu teilen, und du kannst gehen, wohin du willst! Meine Nähnadel, sage ich, meine Nähnadel, oder ich hänge dich als Vogelscheuche auf meinem Erbsenfeld aus, dass die Spatzen vor Angst davonfliegen sollen! Meine Nähnadel, oder …«

Sie hob die geballte Faust drohend gegen ihn empor, überzeugt, dass Hodge dieses Mal, wie immer vor dieser drohenden Waffe seiner eifersüchtigen und empfindsamen Geliebten sich unter das Bett oder unter den Tisch flüchten würde.

Aber dies Mal hatte sie sich geirrt. Hodge, welcher sah, dass alles verloren sei, fühlte endlich seine Geduld erschöpft und seine Furcht verwandelte sich nun in eine verzweiflungsvolle Wut. Das Lamm hatte sich in einen Tiger verwandelt, und mit Tigerwut stürzte er auf Gammer Gurton hin, ihre Faust beiseite schleudernd und mit einem derben Schlag ihre eigene Wange treffend.

Das Signal war gegeben und der Kampf begann, von beiden Seiten mit gleicher Erbitterung, gleicher Kraft geführt, nur dass Hodges knochige Hand weit empfindlicher die Fleischmasse der Frau Gammer Gurton traf und immer gewiss war, irgendeinen Punkt dieser großen Masse zu treffen, während Gammer Gurtons weiche Hand selten diese schmale, fadenscheinige Gestalt, welche geschickt jeden Schlag parierte, zu treffen wusste.

»Haltet ein, Ihr Narren«, schrie plötzlich eine Stentorstimme, 0187seht Ihr denn nicht, Ihr Kobolde, dass Euer Herr und Meister da ist? Ruhe, Ruhe also, Ihr Teufel, und schlagt Euch nicht, sondern liebet Euch untereinander.«

»Es ist der Herr!«, rief Gammer Gurton, ganz zerknirscht ihre Faust sinken lassend.

»Jagt mich nicht aus dem Dienst, Herr«, jammerte Hodge, »verstoßt mich nicht, weil ich diese alte Hexe endlich einmal durchgebläut habe. Sie hat es seit langem verdient, und ein Engel selbst muss endlich die Geduld verlieren!«

»Ich dich aus dem Dienst jagen?«, rief John Heywood, indem er sich die vom Lachen feuchten Augen trocknete. »Nein, Hodge, du bist eine wahre Perle, eine Fundgrube von Spaß und Lustigkeit, und Ihr habt mir beide, ohne es zu wissen, den köstlichsten Stoff zu einem Stück gegeben, welches ich auf Befehl des Königs in sechs Tagen schreiben muss. Ich bin also euch Dank schuldig und diesen Dank will ich denn sogleich abtragen. Hört mich wohl an, mein verliebtes, zärtliches Taubenpaar, und merkt, was ich euch zu sagen habe! Man kann nicht immer den Wolf an seinem Fell erkennen, denn er zieht zuweilen einen Schafspelz an, auch kann man nicht immer den Menschen an seiner Stimme erkennen, denn er borgt sie sich zuweilen von seinem Nächsten. So kenne ich zum Beispiel einen gewissen John Heywood, welcher ganz genau die Stimme einer gewissen kleinen Tib nachahmen kann, und genau süß wie sie selber zu flöten versteht: ›Hodge, mein vielgeliebter Hodge!‹«

Und er wiederholte ihnen genau und mit demselben Ton und Ausdruck die Worte, welche die Stimme vorher gerufen!

»Ach, Ihr wart es, Herr?«, rief Hodge mit einem grinsenden Lachen. »Die Tib da auf dem Hofe, die Tib, um welche wir uns geprügelt haben.«

»Die Tib war ich, Hodge, ich, welcher eurem ganzen Gezänk beigewohnt hatte und welcher es ungeheuer spaßhaft fand, euch die Stimme der Tib wie einen Kanonenschlag mitten in euren verliebten Kampf hineinzudonnern! Ach, ach, Hodge, das war eine gute Bombe, nicht wahr, und wie ich sagte: ›Hodge, mein vielgeliebter Hodge!‹ fielst du wie eine Kornähre um, welche ein Mistkäfer mit seinem Atem angeweht! Nein, nein, meine würdige und tugendhafte Frau Gammer Gurton, es war nicht Tib, welche den schönen Hodge rief, vielmehr sah ich die Tib schon, als euer Streit begann, durch das Hoftor fortgehen!«

»Es war nicht Tib«, schrie Gammer Gurton ganz gerührt, und liebeselig. »Es war nicht Tib, und sie ist nicht einmal im Hof, und Hodge konnte also nicht einmal zu ihr hinuntergehen, während ich nach Nähnadeln zum Kaufmann ging! Oh Hodge, Hodge, wirst du mir das verzeihen, wirst du diese harten Worte vergessen, welche ich in der Wut meines Schmerzes gesprochen, und wirst du mich wieder lieben können?«

»Ich werde es versuchen«, sagte Hodge gravitätisch, »und ohne Zweifel wird es mir gelingen, vorausgesetzt, dass Ihr gleich heute zum Friedensrichter geht und Euer Testament macht!«

»Ich mache mein Testament, und morgen gehen wir zum Priester, nicht wahr, mein Engel?«

»Ja, morgen gehen wir zum Priester!«, knurrte Hodge, indem er sich mit einer fürchterlichen Grimasse hinter die Ohren kratzte.

»Und nun komm, mein Engel, und gib mir einen Kuss der Versöhnung!«

Sie breitete die Arme aus und da Hodge nicht zu ihr kam, sondern unbeweglich und steif auf seiner Stelle blieb, ging sie zu Hodge und schloss ihn zärtlich an ihr Herz.

Plötzlich stieß sie einen Schrei aus und ließ Hodge los. Sie hatte da an ihrem Busen einen fürchterlichen Schmerz gehabt, es war, als ob ein kleiner Dolch sich in ihre Brust bohrt!

Und da war sie, die verlorene Nähnadel, und Hodge war also unschuldig und rein, wie der junge Tag! Er hatte nicht die Nähnadel mutwillig entwand, damit Frau Gammer Gurton gezwungen sei, ihr Haus zu verlassen, um beim Kaufmann neue Nähnadeln einzuholen, er hatte nicht zu Tib gehen wollen, denn Tib war nicht einmal im Hof, sondern fortgegangen.

»O Hodge, Hodge, guter Hodge, du unschuldige Taube, wirst du mir verzeihen?«

»Kommt zum Friedensrichter, Gammer Gurton und ich verzeihe Euch!«

Wie sie sich zärtlich in die Arme sanken, zog sich ihr Herr leise in sein Gemach zurück und schloss die Tür.

»Nun, da hätte ich ja den schönsten und herrlichsten Stoff zu einem Stück, und König Heinrich, mein edler Bruder und Meister im Narrentum, wird nicht die Freude haben, mich von diesen höchst tugendreichen und höchst minnegleichen Damen gepeitscht zu sehen! Ans Werk denn, gleich ans Werk!«

Er setzte sich an seinen Schreibtisch und griff nach Papier und Feder.

»Aber wie?«, fragte er plötzlich zaudernd. »Das ist allerdings ein kostbarer Stoff zu einem Stück, doch nun und nimmermehr wird ein Interlude daraus! Wie mache ich es nur? Den Stoff ganz fallen lassen, und wiederum die Mönche foppen und der Nonnen spotten? Das ist so alt und abgebraucht! Ich will etwas Neues schreiben, ganz etwas Neues und etwas, was den König so lustig machen soll, dass er einen ganzen Tag kein Todesurteil unterschreibt! Ja, ja, ein lustiges Spiel soll es werden und also nenne ich es kühn und beherzt ein Lustspiel!«

Und er griff nach der Feder und schrieb: Gammer Gurtons Nähnadel, ein recht niedliches, gefälliges und tolles Lustspiel.

Und so entstand das erste englische Lustspiel durch John Heywood, den Narren des Königs Heinrich; und Gammer Gurton, des Narren Haushälterin, und sein Diener Hodge, lieferten den Stoff dazu.

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