Frank Allan Band 1.1
Frank Allan
Rächer der Enterbten
Band 1
Die Zuchthausrevolte
1. Kapitel
Mac Farlan, der gefürchtete Chef des mächtigen Handelshauses, erhob sich aus dem bequemen Sessel und warf einen letzten Blick auf die Papiere, die er aufmerksam gelesen hatte.
»Es war wieder einmal ein glänzendes Geschäft, und Sing Sing, unser schönes Staatsgefängnis, ist die herrlichste Mausefalle, die man sich denken kann. Wer da drinnen steckt, kann mir nicht mehr schaden!«
Ein hässliches Schmunzeln legte sich um die aufgeworfenen Lippen des untersetzten Mannes, der die Fünfzig bereits überschritten haben musste.
Mit schlurfenden Schritten trat er an die Wand, deren Tapete seltsam verschnörkelte Muster zeigte.
Vorsichtig hob er ein Bild, das einen fantastischen Öldruck darstellte, herunter, drückte auf einen Knopf, der nur dem schärfsten Auge erkennbar war, und leise knirschend sprang ein kunstvoll verborgenes Geheimfach auf.
Mancherlei Papiere lagen darin in wirrem Durcheinander, darunter auch jene, die der Firmenchef soeben gelesen hatte. Ein neuer Druck an einer fast unsichtbaren Feder, und die Tapete schloss sich wieder – vollkommen geräuschlos. Bald hing auch das Bild wieder an Ort und Stelle und niemand außer ihm würde von dem Geheimnis etwas ahnen können.
Da ertönte schrill der Ruf des Telefons.
»Hallo! Hier Mac Farlan. Ach, mein lieber Freund, der würdige Herr Advokat Millfort? Nun, ist das Urteil rechtskräftig geworden? Jawohl? Glänzend! Also heute Abend um zehn Uhr in meiner Wohnung! Schluss!«
Ein rohes Lachen füllte den Raum.
»Mein lieber Fred Hozkin! Warum hast du dich mit mir in Geldgeschäfte eingelassen? Den Kniffen eines Mac Farlan ist niemand gewachsen! Jetzt hast du Muße, hinter den Zuchthausmauern über deine Vertrauensseligkeit zu jammern. Doch es wird Zeit, das Konto abzuschließen!«
Ein Druck auf den Klingelknopf, und nach wenigen Sekunden war ein Diener zur Stelle.
»Ich wünsche sofort meinen Privatsekretär Tom Stetton zu sprechen.«
Bald trat der Gewünschte ein, den Oberkörper leicht vornüber gebeugt, mit scheuer Angst in den Augen und den Händen. Das leicht ergraute Haar täuschte ein Alter vor, das der Sekretär sicher noch nicht hatte.
»Setzen Sie sich, Stetton!«
Wortlos folgte dieser den befehlenden Worten.
»Haben Sie das Konto des Zuchthäuslers Fred Hozkin in der von mir gewünschten Weise ins Hauptbuch eingetragen?«
Ein angstvoll fragender Blick ging vom Angestellten zum Chef.
»Zuchthäusler?«
»Allerdings, mein lieber Stetton. Fred Hozkin hat mehrere Jahre Freiquartier auf Staatskosten bezogen. Sein geschwächter Körper wird diese Kraftprobe wohl nicht überleben. Der Fall ist für mich erledigt.«
Da sank plötzlich der Sekretär in die Knie und erhob beschwörend die Hände.
»Herr Mac Farlan, haben Sie Mitleid mit dem unschuldig Verurteilten! Sie wissen genau, dass er nicht die Unterschrift auf dem Wechsel gefälscht hat, er nicht!«
Mit übereinandergeschlagenen Armen stand der reiche Handelsherr da, der in Wirklichkeit ein Wucherer schlimmster Sorte und einer der gefährlichsten Schurken der Riesenstadt war. Doch dank seiner beispiellosen Schlauheit und Verschlagenheit zog er stets den eigenen Kopf aus der Schlinge und ließ andere für seine Verbrechen büßen.
»Also er nicht? Wer dann?«
In finsterer Entschlossenheit sprang Tom Stetton auf und flüsterte mit leiser, zitternder Stimme: »Sie, der von der Welt so geachtete Mac Farlan!«
Doch der Beschuldigte zuckte mit keiner Wimper.
»Ich bewundere den Mut, den Sie auf einmal entwickeln! Sie scheinen mir ja verdammt auf die Finger gesehen zu haben. Nun gut, ich leugne es nicht. Ich persönlich nahm dem betrunkenen Hozkin den harmlosen, echten Wechsel aus seiner Brieftasche, der auf eine lächerlich kleine Summe lautete, und legte dafür den von mir gefälschten, bedeutend wertvolleren hinein. Ich schaffte den Burschen in eine Droschke und ließ ihn schließlich auf einer Bank im Stadtpark seinen Rausch ausschlafen. Bevor er erwachte, hatte ich die Polizei benachrichtigt, natürlich ohne Namensnennung, dass dort und dort ein Betrunkener zu finden sei, der sich durch allerlei Redensarten im Rausch verdächtig gemacht habe. Man suchte ihn, fand ihn und nahm ihn mit. Bei der Leibesvisitation kam der Wechsel zutage, den der angebliche Aussteller sofort für gefälscht erklärte. Alles Leugnen half nichts. Mein Freund, der Advokat Millfort, entdeckte die merkwürdigsten Ereignisse in Hozkins Vorleben. Diese konnten zwar nicht bewiesen werden, verschärften aber den schlechten Eindruck, den der Angeklagte durch sein hartnäckiges Leugnen auf seine Richter gemacht hatte. Kurz, die Verurteilung erfolgte einstimmig. Ich bin den Burschen los und kann nun in Gemütsruhe das Vermögen, das er in mein Geschäft steckte, gegen angebliche, leicht nachweisbare Schulden des Zuchthäuslers für mich in Anspruch nehmen. Diese Schulden glaubhaft zu machen, ist nun Ihre Aufgabe, lieber Stetton. Dazu brauche ich zunächst die entsprechenden, natürlich unwahren Eintragungen ins Hauptbuch!«
Entsetzt war Tom Stetton langsam vor dem Schurken zurückgewichen, der mit solch zynischer Offenheit seine Schandtaten bekannte.
»Und Sie glauben, ich würde mich weiter von Ihnen als willenloses Werkzeug missbrauchen lassen, nachdem ich Ihren Charakter endlich in seiner ganzen teuflischen Verkommenheit kennengelernt habe?«
»Ich glaube es nicht bloß, sondern ich weiß es bestimmt. Sie werden doch Ihr eigenes schriftliches Bekenntnis nicht vergessen haben, das sich in meinem Besitz befindet und Sie ganz in meine Hand gibt!«
Seufzend sank der Sekretär in sich zusammen.
»Erbarmen! Geben Sie mich frei!«
»Nein, lieber Freund, noch brauche ich Sie! Wollen Sie also die Buchungen in der von mir gewünschten Form vornehmen oder Hozkin Gesellschaft leisten und Ihre Frau und Ihre Kinder in Schmach und Elend stürzen?«
»Ich war von Sinnen, als ich etwas gestand, das ich nicht getan habe!«
»Haben Sie mich bestohlen? Haben Sie Gelder unterschlagen, die Ihnen anvertraut wurden?«
»Ich wollte es ja ersetzen …«
»Genug der Worte!«, unterbrach Mac Farlan seinen Sekretär mit harter Stimme. »Meinen Sie wirklich, dass man Ihnen mehr Glauben schenken wird als mir, dem mächtigen und geachteten Mann?«
Sekundenlange Stille im Raum, nur vom Stöhnen eines Gemarterten unterbrochen.
»Schön! Ganz wie es Ihnen beliebt! Ich werde den Staatsanwalt selbst benachrichtigen.«
Doch der andere riss ihm den Hörer aus der Hand.
»Ich füge mich!«
Dann ging Tom Stetton in ohnmächtiger Verzweiflung.
Hinter ihm erscholl höhnisches, zischendes Lachen.
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