Felsenherz der Trapper – Teil 01.5
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 1
Die Felsenfarm
Fünftes Kapitel
In Flammennot
Und wieder ritt Harry Felsen durch die einsame Prärie der sinkenden Sonne entgegen. Als Waffe besaß er nur den Tomahawk des Schwarzen Panthers.
Dort, wo der Abendhimmel rot leuchtete, war, wie Birth ausgekundschaftet hatte, das Lager der Comanchen aufgeschlagen. Dort wollten sie abwarten, ob die Ansiedler die Farm räumen würden. Dort würde er, der Rächer, ihre Fährte finden.
Der Ostwind hatte sich noch verstärkt und raste als Sturm in ungleichen Stößen über die stellenweise wie versengte Prärie, die unter der langen Dürre gelitten hatte.
Er achtete auf nichts. Seine Augen waren gleichsam nach innen gerichtet.
Doch irgendwann wurde er gewahr, dass ein seltsamer Lichtschein über die endlose Prärie zuckte und dass neben ihm immer mehr flüchtendes Getier wie gehetzt gen Westen stürmte.
Er drehte sich um und sah, dass hinter ihm der ganze Horizont in Flammen stand – die Prärie brannte.
Heulend und brausend kam ein lodernder Damm näher und näher. Schon fühlte der einsame Reiter die ersten Hitzewellen.
Da tat der Braune einen Satz und wieherte auf.
In tollem Galopp ging es nun weiter. Vogelschwärme strichen kreischend durch die Luft, Rudel von Hirschen, Präriehunde, einzelne Panther und Bären – alles strebte wie sinnlos vorwärts.
Der Braune keuchte schwer und stolperte immer häufiger.
Harry blickte zurück. Der Feuerball näherte sich mit unheimlicher Geschwindigkeit.
Dann sah er dort vorn einen dunklen Streifen. Es waren felsige Hügel, die sich in zwei Ausläufern wie eine geöffnete Schere in die Prärie hineinschoben. Es war wie ein Trichter, der all diese Flüchtlinge nun aufnahm.
Da vorn war die Rettung!
Aber hinter ihm prasselte und zischte die alles verheerende Glut, deren Ausstrahlung die Luft bereits mit Siedehitze erfüllt hatte.
Große Schaumflocken flogen dem wackeren Pferd vom Maul. Es gab sein Letztes her und überholte das flüchtende Getier.
Aufwärts ging es in ein enges Tal hinein. Haushohe Wände rechts und links.
Dann tat der Braune einen letzten Satz und sank in die Knie.
Harry war darauf vorbereitet gewesen und sprang aus dem Sattel.
Gerade am Fuß eines einzelnen Felsblocks, der an der hinteren Talwand lag, war das Pferd zusammengebrochen. Harry erkletterte den Felsen und schaute abermals zurück. Der Feuerdamm war gestoppt, denn die Flammen fanden hier keine Nahrung mehr. Doch die zwischen den Talwänden eingezwängte, erstickende Hitze drohte Harry die Besinnung zu rauben.
Noch etwas anderes drohte: Das vor Angst halb tolle Raubwild nahte und vermutete wohl hier auf der Höhe des Felsens die Fortsetzung eines Rettungsweges.
Ein schwarzer, riesiger Baribalbär, eine gut zwei Meter lange Bestie, versuchte als Erster, den Felsblock zu erklimmen.
Der Tomahawk in Harrys Hand schmetterte herab.
Ein Panther schnellte empor und fiel dicht vor Harrys Füßen zu Boden.
Ein neuer Hieb, ein Fußtritt – das Tier flog hinab.
Der rote Schein des verglimmenden Präriebrandes beleuchtete diesen wahnwitzigen Kampf eines einzelnen Mannes gegen die vierfüßigen Räuber der Wildnis.
Schlag auf Schlag sausten auf die Tierschädel nieder, bis endlich die Hitze nachließ, der rote Feuerschein mehr und mehr verblasste und sich das Heer der Angreifer langsam zerstreute.
Auch mit Harrys Kräften war es nun zu Ende. Er glitt zu Boden und verlor das Bewusstsein.
Als er wieder zu sich kam, hörte er den Donner eines schweren Gewitters, sah im zuckenden Licht der Blitze am Fuß des Felsblocks seinen Braunen mit hängendem Kopf stehen und spürte, wie ein Sturzregen auf das Gestein prasselte.
Wie so oft hatte der Präriebrand auch hier die Luft mit Elektrizität gesättigt und ein Gewitter hervorgerufen.
Der Regen ließ nach. Im Osten zeigte sich bereits der erste Schimmer des Tageslichts.
Harry Felsen stillte seinen Durst aus einer Regenpfütze, kletterte zu seinem Pferd hinab, sah sich um und entdeckte die Kadaver der getöteten Tiere. Er nahm seinen Braunen am Zügel und entfloh diesem Ort des Schreckens.
Dort, wo der Steinboden in die Prärie überging, fand er einen noch lebenden, halb versengten Hirsch, tötete ihn und hieb eine der Keulen ab. In seiner Tasche steckte noch die kleine Dose mit den Schwefelhölzern. Eine nahe Schlucht diente ihm dann als Lagerplatz. Ein kleines Feuer briet die Hirschkeule gar.
Das war die erste Mahlzeit des Trappers Felsenherz in der Wildnis – seine erste einsame Mahlzeit.
Als die Sonne bereits hoch am Himmel stand, bestieg er sein Pferd und ritt in die kahle, schwarze Prärie nach Südosten hinein. Er wollte noch einmal zur Farm zurück und in den verkohlten Resten der Blockhäuser nach der Leiche seiner Schwester Anna suchen. Sie musste sich nur in der Wohnhütte befinden; dort musste sie unter den Streichen der Comanchen ihr junges Leben ausgehaucht haben.
Felsenherz bemerkte nun eine fast schnurgerade Furche, die sich über den schwarzen Grasboden von Nordwest nach Südost hinzog. Bald stellte er fest, dass es die Fährte zahlreicher Reiter war, die vor nicht allzu langer Zeit, schätzungsweise vor etwa drei Stunden, hintereinander nach Mazapil geritten waren.
»Die Comanchen!«, schoss es ihm durch den Sinn. Und sein Körper straffte sich.
Er galoppierte weiter, schlug aber eine Richtung ein, die ihn südlich der Halbinsel zum Fluss führen musste.
Der Präriebrand hatte in der Nähe des Mazapil im frischen Gras keine Nahrung gefunden. Bald lenkte Felsenherz in den Waldstreifen am Flussufer ein, ritt mit größter Vorsicht unter den Bäumen dahin und ließ den Braunen schließlich in einem Dickicht zurück.
Zu Fuß schlich er, nun auf wohlbekanntem Gelände, der Halbinsel immer näher.
Gerade dort, wo er vor drei Tagen die jungen Kiefern gefällt und das erste Zusammentreffen mit dem Schwarzen Panther gehabt hatte, hörte er in den Büschen das Stampfen und Schnauben von Pferden.
Auf allen vieren kroch er weiter, bis er auf einer Lichtung etwa hundert Comanchengäule sah, die von drei Rothäuten bewacht wurden.
Einer dieser Wächter, der an einem Baum lehnte, trug am Gürtel neben dem Tomahawk ein kleines Handbeil, das Felsenherz sofort als Eigentum seines Onkels wiedererkannte.
Bedurfte es eines besseren Beweises als dieses Teils, dass der Rote an der Plünderung der Farm beteiligt gewesen war?
Felsenherz beobachtete die beiden anderen Wächter, die links von ihm standen.
Lautlos richtete er sich hinter dem Comanchen auf, der eine Büchse locker in den Arm gehängt hatte.
Ein Hieb mit dem Tomahawk, zwei schnelle Griffe, ein Sprung auf den Rücken des nächsten Pferdes – und Felsenherz jagte mit der erbeuteten Büchse, dem Pulverhorn und dem Kugelbeutel davon.
Hinter ihm her schrillte der Alarmruf der beiden anderen Wächter.
Nach zehn Minuten hatte er seinen Braunen wiedergefunden, ließ den Mustang laufen und setzte seine Flucht fort.
Er wurde verfolgt und sah bald ein, dass es unklug gewesen war, sich auf die Ausdauer seines Pferdes zu verlassen.
Er hoffte, noch den kleinen Bach zu erreichen, dessen steiniges Bett damals seine Fährte verwischt hatte. Ein Blick nach hinten zeigte ihm jedoch, dass er bereits halb eingekreist war. Hinter ihm jagte als Nächstes der Comanche Schwarzer Panther auf seinem Rappen her. Felsenherz riss seinen Braunen herum. Er wollte sein Leben so teuer wie möglich verkaufen, sprang ab und spannte die Büchse. Mit gellendem Schrei flog der Schwarze Panther auf ihn zu. Felsenherz legte an und drückte ab, doch der Schuss versagte. Er warf die einläufige Flinte als nutzlos weg und nahm den Tomahawk in die Hand.
Fünf Meter vor ihm hielt der junge Comanchenhäuptling.
Ein Lasso schwirrte durch die Luft.
Felsenherz konnte der Schlinge nicht mehr entgehen.
Ein Ruck, und er wurde fortgeschleift. Dann erschienen schon neben ihm andere Comanchen. Und gleich darauf war er ein Gefangener.
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