Nick Carter – Band 20 – Ein KIndesraub – Kapitel 1
Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 1
Auf frischer Tat
Eine dringende Angelegenheit hatte Nick Carter, den berühmten Detektiv, nach New-Hamburg, einer Villegiatur am oberen Hudson, ungefähr siebzig Meilen von New York entfernt, geführt. Er hatte zur Rückfahrt den letzten fahrplanmäßigen Zug benutzen wollen, war aber länger aufgehalten worden, als er dies vorausgesehen, und hatte darum die Fahrgelegenheit versäumen müssen.
Übernachten wollte Nick in dem Städtchen auf keinen Fall, da er am nächsten Morgen als Zeuge vor Gericht erscheinen musste. So hatte er sich kurz entschlossen mit der Eisenbahnzentrale in New York telefonisch verbinden lassen und bei dieser angefragt, ob seinetwegen nicht der Express, der eine halbe Stunde vor Mitternacht New Hamburg ohne anzuhalten passierte, eine halbe Minute Aufenthalt nehmen könnte.
Dies wurde Nick ohne Weiteres zugestanden und beruhigt verbrachte er noch einige angenehme Stunden in dem Kreise einer ihm bekannten Familie.
Der Hausherr wollte ihn zur Bahn fahren lassen, doch Nick Carter liebte einen Spaziergang durch die Mondnacht über alles und so brach er rechtzeitig genug auf, um das Depot (Bahnhof) des Städtchens noch vor halb zwölf Uhr nachts erreichen zu können.
Da Nick ein ausgezeichneter Fußgänger war und unwillkürlich immer in Laufschritt verfiel, war er auf sich allein angewiesen; so kam es, dass er das Städtchen noch eine gute halbe Stunde vor Ankunft des Schnellzuges erreichte.
In tiefem Frieden lag das Gemeinwesen; alles schlief. Außer Nick schien niemand mehr im Städtchen wach zu sein.
Doch plötzlich wurde die tiefe Stille durch einen dumpfen Knall unterbrochen. Er hörte sich an, als sei ein Gewölbe oder dergleichen mit Dynamit gesprengt worden.
Wenige Sekunden später vernahm Nick aus der gleichen Richtung das Geräusch schnell herankommender flüchtiger Schritte.
Dann gewahrte der Detektiv mehrere Männer, welche eilig und anscheinend in großer Bestürzung nach verschiedenen Richtungen auseinanderstoben. Was eigentlich sich ereignet hatte, konnte er noch nicht übersehen. Er sah nur fliehende Gestalten im Lichtbereich der Laternen auftauchen und wiederum verschwinden.
Dann machten sich angstvolle Rufe vernehmlich:
»Diebe … Einbrecher … Hierher!«
Doch schon zuvor war Nick Carter in noch schnellere Gangart verfallen und nun stürmte er nach der Richtung, aus welcher das Hilfegeschrei drang.
Als er sich dem Marktplatz näherte, von welchem aus verschiedene Straßen sich entlang jagen, rannte ihm geradenwegs ein Mann entgegen, der indessen, als er seiner ansichtig wurde, nach der nächsten Seitenstraße zu weiter floh.
Fast gleichzeitig aber stieß ein Mann, der aus einer anderen Seitengasse herangestürmt kam, mit dem Detektiv unsanft zusammen und brüllte wie besessen: »Die Bank ist gesprengt … dort läuft einer der Halunken … helft uns, ihn zu fangen!«
Damit setzte der neue Ankömmling auch schon hinter dem ersten Flüchtling her und Nick Carter schloss sich ihm an. Natürlich überflügelte er alsbald den Verfolger und ließ diesen um hunderte von Yards nach kurzer Weile hinter sich zurück.
Den fliehenden Bankräuber einzuholen, erwies sich als ungleich schwieriger; doch schließlich war Nick nahe genug an dem Burschen, um ihn packen zu können. Doch im gleichen Moment kehrte sich der Verfolgte blitzschnell um und schoss so dicht vor dem Gesicht des Detektivs einen Revolver ab, dass das Pulver diesem die Haut sengte, während die Kugel selbst unschädlich an dessen Kopf vorüberpfiff.
Doch dieses Abschreckmittel verfing bei dem furchtlosen Detektiv nicht. Schon packte seine eine Faust die bewaffnete Rechte des Unholds und mit der anderen Hand versetzte er diesem einen solch wuchtigen Hieb auf den Schädel, dass der Bursche sich wie ein Hase überschlug und liegen blieb.
Schnell beugte sich Nick über den Flüchtling und erkannte alsbald, dass dieser nur betäubt, keineswegs aber verwundet oder sonst schwer verletzt war. Dafür erblickte der Detektiv etwas anderes, was ihn mächtig interessierte – das Gesicht des Bewusstlosen nämlich. Er wusste augenblicklich, dass diese verrohten, gemeinen Züge sich unter Nr. 2046 im New Yorker Verbrecheralbum befanden und deren glücklicher Besitzer ein gefährlicher Einbrecher war, der Pete Oakey hieß.
Das letzte Mal, als Nick mit dem Burschen zusammengetroffen war, hatte er ihn bei einem Hauseinbruch überrascht und ihn zu einigen Jahren Sing Sing, dem Staatszuchthaus, verholfen, die jener inzwischen verbüßt haben mochte.
Nun bewachte der Detektiv den langsam wieder zum Bewusstsein Zurückkehrenden mit dessen eigenem Revolver und meinte dann, als der Mann sich aufrichtete und stöhnend nach seinem Kopf griff: »Well, da habe ich dich wieder einmal bei frischer Tat abgefasst, Pete Oakey, eh?«
»Nick Carter!«, stammelte der Bursche, kaum, dass er einen Blick in das Gesicht seines Überwinders tun konnte.
»Mit deiner Erlaubnis, der bin ich!«, entgegnete dieser lachend. »Schau einer, du hast dein Geschäft gewechselt – ist Bankraub einträglicher?«
»Nein, nein, daran war ich nicht beteiligt!«, stöhnte der am Boden Liegende kläglich. »Ich bin unschuldig, Mr. Carter – gewiss und wahrhaftig, ich bin es!«
»Warum liefst du denn alsdann davon, du unschuldiges Lämmchen?«, spottete der Detektiv.
»Well, das ist doch klar – würde mich nicht jeder für schuldig halten, kriegt man mich zu fassen?«, knurrte Pete Oakey.
»Vermutlich, mein braver Pete«, stimmte Nick zu. »Doch du brauchst mir deine Unschuld nicht vorzuheulen, denn mich geht die Geschichte nichts weiter an. Ich kam nur zufällig vorüber. Halte darum dein Pulver lieber für die hiesige Polizei trocken!«
Etwa ein halbes Dutzend Bürger kamen eben herangestürmt, doch der Mann, der vorhin Nicks Hilfe und Beistand erbeten, befand sich nicht unter diesen. Noch ehe die ersten Worte ausgetauscht waren, hatten sich ein weiteres Dutzend Verfolger eingefunden, darunter auch einer der drei Polizisten des Städtchens und diesem überlieferte der Detektiv seinen Gefangenen.
»Wie fingen Sie den Burschen?«, keuchte der Gesetzeswächter, noch außer Atem.
»Well, ich packte ihn – und da ist er!«, gab Nick lachend zurück.
»Schossen Sie auf ihn? Ich hörte wenigstens einen Revolver krachen.«
»Nein, er schoss auf mich, doch die Kugel ging fehl«, erklärte Nick, der dem Polizisten beim Anlegen der Handschellen behilflich war.
»Aber das ist himmelschreiendes Unrecht!«, schrie nun der Gefangene. »Gewiss, ich feuerte auf Mr. Carter, doch nicht um ihn zu treffen, sondern nur, um ihn mir vom Leibe zu halten.«
Doch niemand hörte auf ihn, sondern alle blickten in hellem Erstaunen auf den Detektiv.
»Sind Sie der berühmte Mr. Carter aus New York?«, stotterte der Polizist, eine respektvolle Haltung annehmend.
»Berühmt oder nicht – ich bin der Detektiv Carter – und dieser Ritter vom Brecheisen hier heißt Pete Oakey. Er ist ein vielbestrafter Verbrecher und Auskunft über ihn erteilt die New Yorker Polizeizentrale.«
»Danke schön, Mr. Carter, die ganze Stadt ist Ihnen sehr verpflichtet!«, erwiderte der Policeman.
»All right; war mir angenehm, Ihnen nützlich sein zu können. Doch ich darf mich nicht länger aufhalten, denn mein Zug kann jede Minute kommen.«
»Es hält kein Zug mehr an der Station vor morgen früh.«
»Doch, doch, mein Lieber – ich habe dafür gesorgt!«, erklärte Nick eilig.
»Das ist etwas anderes – gute Nacht, Mr. Carter!«
»Gute Nacht!«
»Mr. Carter … Mr. Carter!«, schrie der Gefangene kläglich hinter dem sich flüchtigen Schrittes Entfernenden her. »Ich bin unschuldig … bleiben Sie doch … ich kann Sie überzeugen.«
»Habe keine Zeit mehr, mein braver Pete!«, rief der Detektiv schon aus einiger Entfernung. »Sage du nur alles dem Policeman.«
Damit eilte er mit langen Schritten dem Bahnhof zu. Er hätte sich indessen kaum derartig zu beeilen brauchen, denn der ganze Zwischenfall hatte kaum eine Viertelstunde in Anspruch genommen.
Sein Weg führte ihn am Bankgebäude vorüber und dort hörte er, dass es beim Einbruchsversuch geblieben war. Die Dynamitpatrone musste sich vorzeitig entzündet haben, denn nur die Eingangstür zum Banklokal war gesprengt, in diesem selbst aber nichts beschädigt oder geraubt worden.
Well, der gute Pete dürfte mit all seinen Winkelzügen und Unschuldsbeteuerungen auch von dem geschicktesten Rechtsverdreher nicht losgeeist werden!, dachte Nick Carter lächelnd, als er bald darauf den Schnellzug bestiegen und sich im Rauchabteil der Parlorcar eine duftende Regalia entzündet hatte. Trügt mich nicht alles, so wird er während der nächsten Jahre wieder ein sehr beschauliches Dasein führen – und das von Rechtswegen!
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