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Die Gespenster – Vierter Teil – 51. Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil

Einundfünfzigste Erzählung
Die Erscheinung ohne Kopf bei Greiffenberg unweit Jauer

Als ich in den Jahren 1759 und 1760 als elf- oder zwölfjähriger Knabe von meinem Geburtsort Eckersdorf im Jauerischen Herzogtum in die eine Stunde entfernte Schule nach Mittelsteinkirch ging, führte mich der Weg hinter Hayn durch einen finsteren Wald aus Kiefern, Fichten und Tannen. Zu dessen Dichte trugen auch die vielen Wacholdersträuche das ihre bei. Zudem gab es im Wald hier und da sumpfige Stellen, aus denen an schwülen Sommerabenden zahlreiche Irrlichter aufstiegen und den wandernden Fremden leicht in die Irre führten.

Schließlich wurden auch die Leichen aus den nach Steinkirch eingepfarrten Dörfern durch diesen Wald zu Grabe getragen. Daher hieß es allgemein, dass jene Verstorbenen, die wegen ihres Lebenswandels keine Ruhe fanden, später hier spukend umherirrten und sich dem Gefolge des ohnehin hier hausenden Wilden Jägers anschlossen.

Mehrere schauderhafte Erzählungen, deren Schauplatz meine Mutter in dieses Gehölz verlegte, hatten mir schon früh eine unnatürliche Furcht vor Gespenstern eingeflößt. Meinem Vater wollte es trotz aller Mühe, mir diese Märchen auszureden, so schnell nicht gelingen.

In einem der genannten Jahre ging ich einst an einem späten Herbstabend aus der Schule nach Hause. Beim Anblick der Wacholdersträuche und jungen Fichten gaukelte mir meine Fantasie bald wilde Reiter und kopflose Männer, bald Riesen und Zwerge vor. Ich glaubte eben – wie es an meiner Stelle wohl jedes andere Kind getan hätte – der Mutter mehr als dem Vater. Dazu kam, dass Letzterer die so leicht missverstandenen und falsch ausgelegten Bibelstellen sowie einige Aussagen aus dem Gesangbuch über Nachtgespenster und sogar Luthers Schriften, die ich las, gegen sich hatte. Kurz gesagt: Ich konnte mich damals der Furcht nicht erwehren, so sehr ich auch dagegen ankämpfte.

Plötzlich sah ich nahe am Weg eine lange, weiße Gestalt ohne Kopf und mit langen Armen. Es lief mir eiskalt über den Rücken. Zwar hatte ich diesen Weg schon hundertmal und oft selbst in der Dunkelheit zurückgelegt, doch ein so überscheußliches Schreckbild war mir noch nie begegnet. Das Schlimmste war, dass ich der Erscheinung nicht ausweichen konnte: Hätte ich einen Umweg nehmen wollen, wäre ich unfehlbar vom Weg abgekommen, in Brüche und Sümpfe geraten und gleichsam den Irrwischen anheimgefallen.

So sollte mein Mut und meine jugendliche Entschlossenheit eine Probe bestehen, die meinen mit der Muttermilch eingesogenen Vorurteilen und meinen Kräften kaum angemessen war. Doch wie es in manch anderer Hinsicht Augenblicke gibt, in denen wir über uns selbst hinauswachsen, so spürte ich auch in dieser argen Verlegenheit einen Willen, der mir Ehre gemacht hätte, wäre er das Erzeugnis fester, vorurteilsfreier Grundsätze gewesen.

Ich bekreuzigte mich, schwang meinen dicken Dornenstock, schrie das stumme Gespenst an, sprang schnell darauf zu und versetzte ihm aus allen Kräften einen derben Schlag im Namen Jesu Christi: »So – und nicht anders!«

Nach den Unterweisungen meiner guten Mutter musste es genau so geschehen, wenn es gelingen sollte. Aber siehe da: Das Gespenst war von ebenso harter wie hartnäckiger Natur und wich nicht von der Stelle.

Nun war es um meinen restlichen Mut geschehen. Ich eilte zitternd vorüber, und mir war, als wolle mich das Gespenst an den Haaren fassen und verfolgen. Der Angstschweiß war mir schon beim Kampf ausgebrochen, und die schnelle Flucht trieb ihn mir so sehr heraus, dass ich schließlich triefend und wie aus dem Wasser gezogen in die Wohnung meiner Eltern trat und mich überglücklich pries, nicht noch schlimmer davongekommen zu sein.

Als am nächsten Morgen das herzerwärmende Sonnenlicht wieder erschien und die Stunde kam, in der ich den am Vorabend so furchterregend gewordenen Schulweg erneut antreten sollte, war ich – ohne mir selbst erklären zu können, wie – wieder ein wahrer Held voll Mut und Entschlossenheit. Ich ergriff meinen Wanderstab und eilte ohne Furcht und Besorgnis, aber voller Wissbegierde, der Spukgegend im Wald entgegen.

Glücklicherweise fand ich dort auch das, was ich genauer kennenzulernen gewünscht hatte: das immer noch nicht gewichene Gespenst. Es war das zehn Fuß hohe Stammende einer am Spuktag vom Sturm abgebrochenen Fichte, deren Borke vom Bruch an mit abgerissen war, sodass das Stammende weiß erschien.

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