Das Flüstern eines Toten – 1. Kapitel
Perley Poore Sheehan
Das Flüstern des Toten
Originaltitel: Dead Men Talk
1. Kapitel: Der Schläfer stirbt
Im Zellentrakt des Polizeireviers – und selbst im ewigen Getöse New Yorks – war es vergleichsweise ruhig geworden. Doch Slade Wyath konnte nicht schlafen. Er fand keine Ruhe. Auf dem schmalen Pritschengestell wälzte er sich hin und her wie ein frisch gefangener Barsch auf einer heißen Sandbank.
Er musste hier raus!, hämmerte es immer wieder in seinem Kopf; er musste hier raus! Aber wie?
Für das Nachtgericht war es zu spät. Ohnehin hatte er weder Geld noch eine Verteidigung. Man würde ihn für ein höheres Gericht dabehalten und dann wegsperren. Er würde das nicht ertragen. Er musste einfach …
Er stützte sich auf einen bloßen Arm und blickte sich um. Hätte ihn jemand beobachten können, hätte das fleckige Licht, das durch die Zellengitter fiel, einen gut aussehenden jungen Mann enthüllt – Anfang zwanzig –, der jedoch völlig abgezehrt wirkte, mit zerzaustem dunklem Haar und einem fiebrigen Glanz in den dunklen Augen.
Ein erneuter Schauder fuhr ihm durch den Körper wie ein Albtraum, als er auf den Kleiderhaufen blickte, den er abgelegt und neben sich aufgeschichtet hatte. Da war diese auffällige rote Uniform, die in seiner jetzigen Lage wie eine zusätzliche Qual wirkte. Ein grotesker roter Hut, ein Hemd und eine Krawatte gehörten ebenfalls zu dem Aufzug.
In dieses Kostüm gezwängt hatte er, Slade Wyath aus der angesehenen Wyath-Familie Kentuckys, den Broadway auf und ab marschieren müssen, um für ein neues Nachtlokal zu werben. Zu allem Überfluss verlangte der Job auch noch ein übertriebenes Gesichts-Make-up aus Rouge und Talkumpuder. Pagliacci, der Clown mit dem gebrochenen Herzen!
Wyath setzte sich auf, stützte den Kopf auf die Knie und schlang die nackten Arme um die Schienbeine.
Wenigstens hatte er das Make-up abwaschen können. In der Ecke der Zelle gab es einen Wasserhahn. Doch was, wenn er morgen Früh in dieser lächerlichen Clowns-Montur vor dem Richter stehen musste? Als die Polizei ihn festnahm, hatte man ihm nicht einmal Gelegenheit gegeben, sich umzuziehen. Er musste hier raus – da war dieser Gedanke schon wieder!
Heute Nacht, in einer Seitenstraße gleich beim Broadway, hatte er beobachtet, wie eine Frau mit einem Mann rang. Er war genau in dem Moment dazwischengegangen, als der Mann einen Revolver zog. Er, Slade, hatte die Waffe an sich gerissen. Er hielt sie noch in der Hand, als etwa zehn Sekunden später ein Polizist ihn schnappte, während der Mann und die Frau auf und davon waren.
Was für ein Pech! In New York konnte man für illegalen Waffenbesitz ein Jahr oder länger hinter Gittern landen. Und welcher Richter würde ihm seine Geschichte schon glauben? Praktisch jeder Festgenommene hatte eine Ausrede parat. Der Polizeibeamte hatte die Schreie einer Frau vernommen und ihn daraufhin bewaffnet angetroffen …
Er schreckte auf, als er das Schlurfen schwerer Schritte auf dem Zementkorridor hörte, der von der Vorderseite des Gefängnisses herführte. Dazu ein Gewirr gedämpfter Stimmen. Mehrere Personen kamen näher.
Wyath wich zurück. Die Zelle hatte zwei Pritschen übereinander, und er hatte die obere gewählt – nicht nur, weil sie vermutlich sauberer war, sondern weil ihr tieferer Schatten ein gewisses Maß an Privatsphäre bot.
»Hier«, sagte jemand, »stecken wir ihn in die Sechs.«
Das war ein anderer Schließer als der, der ihn eingesperrt hatte, bemerkte Wyath. Bei ihm waren drei Polizisten, die im dämmrigen Korridor riesig und dunkel wirkten. Sie trugen einen Mann im Abendanzug.
Slade verhielt sich ruhig, als die Zellentür aufgeschlossen wurde. Die untere Pritsche knarrte, als sie die Last aufnahm. Die Polizisten schnauften.
»Der hat eine Schlagseite, die ein Schiff versenken würde«, meinte einer von ihnen. »Ich dachte erst, er hätte eins übergebraten gekriegt, aber der Sanitäter meinte Nein. ›Nur Gin‹, sagt er. Also habe ich die Grüne Minna gerufen.«
»Der Typ hat Glück«, keuchte ein anderer, »dass er seine Kohle noch hat. Der hat eine Stange Geld dabei wie Rothstein.«
»Einiges davon wird er wohl der Pensionskasse spenden …«
Slade erkannte wieder die Stimme des Schließers.
»Ihr wisst schon! Sobald er aufwacht, wird er Zirkus machen, und wir lassen ihn gegen eine kleine Kautionszahlung frei. Und dann bittet er uns darum, seinen Namen aus den Klatschblättern von morgen herauszuhalten.«
Die Tür fiel ins Schloss.
Slade lag da und lauschte den verhallenden Schritten und Stimmen. Aus dem, was er eben gehört hatte, keimte plötzlich ein kühner Gedanke in ihm auf.
Der Einfall war so abwegig, dass er ihn zugleich faszinierte. Er sagte sich, dass es völlig unmöglich war. Aber während er das dachte, beugte er sich bereits über die Kante seiner Pritsche und blickte auf den Mann auf dem unteren Bett hinab.
Der Fremde schlief. Sein Atem ging unregelmäßig und langsam. An ihm war nichts Bemerkenswertes, außer dem Kontrast seiner feinen Abendgarderobe zu dieser elenden Umgebung. Er war von durchschnittlicher Statur, glattrasiert – ein Mann unter dreißig vielleicht. Es war das Haar des Fremden, das Slades Blick fesselte: dunkel, dicht und recht lang.
»Wie meins«, flüsterte Slade.
Halbnackt, wie er war, glitt er lautlos von seiner Pritsche auf den Boden. Wenn dieser Fremde aufwachte, würde man ihn freilassen. Sobald er die Augen aufschlug, ließen sie ihn gehen. Doch der Mann machte keine Anstalten aufzuwachen.
Was, wenn ich seine Chance nutze?, dachte Slade.
Nach einer langen Pause hob Slade einen zusammengeklappten Chapeau Claque auf, der neben dem Schläfer lag, und probierte ihn an. Er passte perfekt. Slade konnte sich bereits im Rest des Outfits vorstellen. Wenn er sich einfach lieh, was dieser Schläfer gerade ohnehin nicht brauchte! Er könnte alles später per Bote zurückschicken, noch vor dem Morgen. Vor dem Morgen könnte er selbst schon weit weg sein. Es war Frühling. Die Freiheit rief …
Slade arbeitete schnell. Und doch blieb er kühl und geschickt. Der Schläfer wehrte sich nicht, als Slade ihn entkleidete – Mantel, Sakko, Weste, Hemd. So schnell Slade dem Fremden die Sachen auszog, streifte er sie sich selbst über. Es war ein schauderhafter Vorgang. Es war, als zöge er nicht nur die Kleider des Fremden an, sondern auch dessen Identität. Als wäre er selbst das frühere Ich, das nun entblößt dort lag.
Slade hielt inne und lauschte. Gefangene schnarchten. Einer stöhnte und schluchzte. Ein anderer murrte und fuhr den Weinenden an, er solle das Maul halten. Die Luft war schwer, abgestanden und stinkend. Und Slade hörte wieder diesen Schrei in seinem Kopf. Er musste hier raus. Er würde hier rauskommen!
Eines musste noch getan werden. Er musste den Schläfer auf die obere Pritsche schaffen, sonst würde der Schließer Verdacht schöpfen. Er hob einen Arm des Fremden an. Der Mann war völlig reglos. Wie ein überschwerer, formloser Sandsack fühlte er sich an, als Slade ihn hochhob.
Und während Slade da stand und seine letzten Kräfte sammelte, um den Fremden hochzuwuchten, überkam ihn ein erster eisiger Hauch einer bösen Vorahnung. Danach trieb ihn nur noch die pure Panik an. Er spürte die Anstrengung kaum, als er den Schläfer auf die obere Pritsche wuchtete.
Slade stand da und lauschte erneut. Doch nun hörte er nichts mehr – nichts außer seinem eigenen keuchenden Atem und dem hämmernden Schlag seines Herzens. Abgesehen davon schien die Zelle selbst zu einem Strudel des Schweigens geworden zu sein – ein Schweigen, das sich über das ganze Gefängnis ausbreitete, über ganz New York; bis es schien, als sei die ganze Welt plötzlich verstummt und stünde still, genau wie er stillstand, lauschte, starrte und von Panik ergriffen war.
Sein Atem beruhigte sich schließlich. Aber wie lange war es her, seit er den Fremden atmen gehört hatte? Das versuchte er krampfhaft zu rekonstruieren. Vorhin hatte der Fremde noch schwer geatmet. Er hatte es gehört und bemerkt. Jetzt hörte er nichts mehr.
Slade nahm all seinen Mut zusammen. Er legte seine Hand auf das Herz des Fremden. Er hielt sie dort. Kein noch so zarter Impuls drang an seine angespannten Nerven. Das Herz stand still.
Der Mann war tot.
Da schlug in der Ferne eine Tür zu, und wieder hörte Slade Schritte auf dem Zementkorridor. Sie kamen näher.

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