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Buffalo Bill Der letzte große Kundschafter – 24. Kapitel

Buffalo Bill
Der letzte große Kundschafter
Ein Lebensbild des Obersten William F. Cody, erzählt von seiner Schwester Helen Cody Wetmore
Meidingers Jugendschriften Verlag, Berlin 1902

Vierundzwanzigstes Kapitel

Literarische Arbeiten

Zu jener Zeit unternahm Will auch seine ersten literarischen Versuche. Wie der Leser gesehen hat, war die Zahl seiner Schultage nicht groß, und noch immer konnte er, wie er einst bei Unterzeichnung seines ersten Kontraktes gegenüber Herrn Majors gesagt hatte, eine Flinte besser handhaben als eine Feder. Das bewegte Leben in den Grenzgebieten ließ einem Mann nicht viel Zeit, sich eine gute Schulbildung anzueignen, und so ist es nicht verwunderlich, dass der erste Aufsatz, den Will veröffentlichte, eine beträchtliche Anzahl orthografischer Schnitzer und Interpunktionsfehler aufwies. Man machte ihn zwar auf diese Mängel aufmerksam, doch das Prärieleben hatte eine gewisse Verachtung für alles Unwesentliche in ihm gezeitigt.

»Wozu sich mit solchen Kleinigkeiten abquälen?«, sagte er lachend. »Wenn meine Leser nicht wissen, wo sie ohne diese kleinen Unterscheidungszeichen Atem holen sollen, müssen sie es eben bleiben lassen.«

Trotz dieses Scherzes blieb Will seinem Grundsatz recht oder gar nicht treu. Er hatte nun ausreichend Zeit zum Studieren und nutzte diese Muße so gut, dass er seinem Verleger in Kurzem ein in grammatikalischer und orthografischer Hinsicht wohlgesetztes und korrekt interpunktiertes Manuskript zusenden konnte. Die Verleger erwähnten die Verbesserung lobend, obwohl sie seine Arbeiten auch in ihrem unreifen Zustand geschätzt hatten, und honorierten sie gut.

Niemals jedoch konnte sich unser Schriftsteller dazu durchringen, andere Erlebnisse zu schildern als jene, die sich tatsächlich auf der Prärie abgespielt hatten. Nur gelegentlich ließ er sich, dem Wunsch eines Verlegers nachgebend, dazu herab, die Wirkung seiner Erzählung durch Übertreibungen zu steigern. Einmal schrieb er bei der Absendung einer solchen Geschichte an den Buchhändler: »Ich bedaure, in meiner Erzählung so weit von der Wahrheit abgewichen zu sein, denn mein Held hat auf einem einzigen Kriegszug mehr Indianer getötet als ich in meinem ganzen Leben. Sie mögen jedoch recht haben, dass das Publikum derartige Heldentaten bei Geschichten verlangt, die in den Grenzgebieten spielen. Sollte es Ihnen allerdings so erscheinen, als sei ich mit Dolch und Revolver gar zu freigebig verfahren, so streichen Sie einfach jeden verhängnisvollen Messerstich oder Schuss, wo immer Sie es für angezeigt halten.«

Doch selbst diese Geschichte, die ein mit dem Prärieleben Vertrauter für übertrieben erklärt hatte, blieb noch weit hinter den üblichen aufregenden Schauergeschichten anderer Schriftsteller zurück und wurde exakt so veröffentlicht, wie der Verfasser sie verfasst hatte.

Im Laufe des Sommers 1877 stattete ich unseren Verwandten in Westchester, Pennsylvania, einen Besuch ab. Mein Gatte hatte vor seinem Tod sein gesamtes Vermögen verloren, sodass ich auf die Unterstützung meines Bruders angewiesen war. Auf vielseitiges Bitten ließ sich Will in diesem Sommer dazu bewegen, seine eigene Lebensgeschichte niederzuschreiben. Sie wurde in Hartford, Connecticut, veröffentlicht, und angetrieben von dem Wunsch, mir einen Verdienst zu verschaffen, übernahm ich den Vertrieb des Buches für den Staat Ohio. Dieser Art von Arbeit wurde ich jedoch bald überdrüssig. So verließ ich Cleveland, nachdem ich die Vertretung in andere Hände übergeben hatte, um Will in seiner neuen Heimat am nördlichen Platte zu besuchen, wo sich zu dieser Zeit eine Menge weiterer Gäste aufhielten.

Neben seinem großen Anwesen in der Nähe des nördlichen Platte besaß Will noch eine weitere, fünfunddreißig Meilen nördlicher am Dismal River gelegene Farm. Eines Tages sagte er zu uns: »Ich bedaure, euch für einige Tage verlassen zu müssen, aber eine dringende Angelegenheit ruft mich auf meine Farm am Dismal River.«

Seit unserer einstigen Fahrt von Iowa nach Kansas hatte ich nicht mehr im Freien übernachtet, auch war ich damals fast zu jung gewesen, um ein solches Vergnügen wirklich zu schätzen. Der glühende Wunsch nach einer Wiederholung war jedoch stets in mir lebendig geblieben.

»Wie wäre es, Will, wenn wir dich alle begleiten würden?«, rief ich. »Wir könnten uns den Spaß machen, wieder einmal im Freien zu campieren.«

Erfreut stimmten unsere Gäste mir zu, und Will ging sofort auf den Plan ein.

»Wenn die Herrschaften wirklich Lust haben, sehe ich nicht ein, warum Sie nicht mitkommen sollten«, sagte er. Will besaß mehrere Wagen und konnte uns somit mühelos befördern. Lu und die kleinen Mädchen, Arta und Orra, fuhren in einem offenen Phaeton; darüber hinaus standen für unsere Gäste noch bedeckte Gesellschaftswagen verschiedener Art zur Verfügung. Mehrere bekannte Familien aus der Stadt wurden eingeladen, sich uns anzuschließen, sodass wir schließlich eine Gesellschaft von fünfzehn Personen bildeten, als sich der Zug in Bewegung setzte.

Will nahm einen Koch und umfangreiche Lebensmittelvorräte mit, damit das leibliche Wohl keinesfalls zu kurz käme. Aus alter Erfahrung wusste er, dass ein derartiger Ausflug ohne ausreichende kulinarische Genüsse ein eher zweifelhaftes Vergnügen darstellt.

Gleich der erste Tag, an dem wir fünfundzwanzig Meilen zurücklegten, verlief zu unser aller vollsten Zufriedenheit. Als die Zelte abends aufgeschlagen wurden und wir die für uns neue, romantische Gegend betrachteten, führte Will die Damen der Gesellschaft zu einem Baum und sagte: »Sie sind die ersten weißen Frauen, die diese Gegend betreten. Verewigen Sie Ihre Namen in der Rinde und feiern Sie dieses Ereignis.«

Nach einer angenehmen Nachtruhe und einem reichhaltigen Frühstück machten wir uns frohen Mutes wieder auf den Weg und befanden uns bald inmitten des niedrigen Vorgebirges.

Wer diese merkwürdigen Bergformationen noch nie gesehen hat, kann sich nur schwer eine Vorstellung davon machen. In alle Richtungen, so weit das Auge reicht, erstrecken sich diese wellenförmigen Erhebungen wie die Wogen eines Ozeans. Nichts wächst dort außer Büffelgras, Salbei und blühenden, aber stacheligen Kakteen.

Am zweiten Tag bestieg ich ein Pferd und ritt mit Will und einigen weiteren Herren durch das hügelige Land. In unausgesetzter Folge ging es eine Anhöhe hinauf und auf der anderen Seite wieder hinab, während sich bereits der nächste Hügel vor uns abzeichnete. Die reitende Gruppe hatte allmählich einen leichten Vorsprung vor den Wagen gewonnen.

Von der Spitze eines Hügels ließ Will seinen mit einem Fernglas bewaffneten Blick über die Gegend schweifen. Dabei entdeckte er, dass sich einige Rehe auf unserem Weg befanden – wir würden also frisches Wildbret zum Abendessen haben. Er bat uns, ins Tal hinabzureiten und dort zu warten, damit wir die scheuen Tiere nicht aufschreckten. Er selbst wollte ein Stück den nächsten Hügel hinaufreiten, um sich einen günstigen Standort zu suchen. Bald kam ein Rehkitz in Sicht, und Will legte an. Zu unserer großen Überraschung ließ er die Waffe jedoch wieder sinken, anstatt zu feuern. Ein zweites Reh sprang an ihm vorüber, ohne dass er schoss, und als schließlich ein drittes der anmutigen Tiere erlegt wurde, ritten wir auf Will zu und machten uns unbarmherzig über ihn lustig. Einer der Herren bemerkte lachend: »Man sollte kaum glauben, dass wir uns in Gegenwart des Meisterschützen Amerikas befinden, wenn man sieht, wie er zwei Rehe unbehelligt passieren lässt, bis er endlich eines zur Strecke bringt.«

Will erwiderte kein Wort auf das Lachen und Necken. Mir jedoch kam plötzlich jene Geschichte von Wills erster Hirschjagd ins Gedächtnis, und ich fragte mich, ob es möglich sei, dass ihn ein ähnliches Gefühl wie damals erfasst hatte. Das Reh wurde dem Proviantmeister übergeben, woraufhin wir unseren Ritt fortsetzten.

»Sag, Will, was war vorhin los?«, fragte ich ihn heimlich. »Warum hast du nicht auf das erste Reh geschossen? Hattest du wieder ein ähnliches Gefühl wie damals als kleiner Junge bei deinem ersten Hirsch?«

Schweigend ritt er einige Augenblicke weiter, dann wandte er sich mir mit einer Gegenfrage zu: »Hast du je einem Reh ins Auge geschaut?« Als ich mit Nein antwortete, fuhr er fort: »Jeder Mensch hat seine Schwächen; meine ist das Auge eines Rehs. Ich möchte allerdings nicht, dass du unseren Freunden davon erzählst, denn dann würden sie mich erst recht auslachen. Es ist eine Tatsache, dass ich noch nie imstande war, ein Reh zu schießen, wenn es mir zuvor in die Augen geblickt hatte. Bei einem Büffel, einem Bären oder gar einem feindlichen Indianer ist das etwas anderes. Das Reh jedoch hat den sanften, milden Blick eines vertrauensvollen Kindes. Man müsste ein roher Barbar sein, um ein solches Tier zu erlegen, nachdem man seinen Blick aufgefangen hat. Das erste Reh, das über den Hügel kam, sah mir direkt ins Gesicht. Ich ließ es vorüberziehen und sah bei dem zweiten und dritten erst hin, als ich sicher sein konnte, dass sie bereits an mir vorbei waren.«

Will schien sich seiner Weichherzigkeit ein wenig zu schämen. Mir jedoch lieferte dieses Geständnis einen neuen Beweis dafür, dass das raue Leben in den Grenzgebieten nicht imstande gewesen war, die weiche Seite seiner Natur zu verhärten.

Will hatte ausgerechnet, dass wir den Dismal River voraussichtlich am dritten Tag erreichen würden. Als es auf den Mittag zuging, befand er es für besser, vorauszureiten und dem Verwalter der Farm unsere Ankunft anzukündigen. Dessen Frau hätte sonst beim Gedanken, für eine so große Gesellschaft in aller Eile ein Essen zubereiten zu müssen, allzu sehr in Panik geraten können.

Schwester Julias Sohn, Will Goodman, ein Bursche von fünfzehn Jahren, der ebenfalls an dem Ausflug teilnahm, bot sich als Kurier an.

»Kennst du den Weg denn wirklich so genau?«, fragte sein Onkel.

»Oh ja, gewiss«, lautete die zuversichtliche Antwort. »Ich bin den Weg ja schon einmal mit dir geritten und kenne ihn ganz genau.«

»Nun gut, dann beschreibe ihn mir.« Der junge Will tat dies so ausführlich und präzise, dass sein Onkel keine Bedenken mehr hatte, ihn vorausschicken zu können. Glücklich und mit wichtiger Miene ritt der Junge davon.

Erst gegen Abend erreichten wir die Farm, wo uns der Aufseher mit dem Ruf empfing: »Du meine Güte, was ist denn das?«

»Wussten Sie denn nichts von unserem Kommen?«, fragte Will lebhaft. »Ist Will Goodman nicht hier gewesen?«

Verwundert schüttelte der Verwalter den Kopf.

»Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er das letzte Mal mit Ihnen hier war.«

»Nun, dann wird er sicher gleich eintreffen«, sagte Will ruhig. Ich aber hörte deutlich eine heimliche Besorgnis aus seiner Stimme heraus. »Gehen Sie jetzt alle ins Haus und machen Sie es sich bequem«, fügte er hinzu. »Es wird ohnehin noch ein Weilchen dauern, bis das Essen für eine solch große Gesellschaft bereit ist.« Wir folgten seiner Aufforderung, doch er blieb draußen, stieg auf einen als Zaun dienenden Erdwall und suchte die benachbarten Hügel mit seinem Fernglas ab. Von Will jr. war jedoch weit und breit nichts zu sehen. Der Verwalter wurde nun angewiesen, fünf bis sechs Männer in verschiedene Richtungen auszuschicken, um den Jungen zu suchen. Will blieb auf der Erhebung stehen und fuhr sich dabei fortwährend mit der Hand über die Stirn und durch das Haar – bei ihm ein deutliches Zeichen innerer Anspannung. In der Absicht, ihn zu beruhigen, trat ich zu ihm ins Freie und schalt ihn freundlich wegen seiner, wie ich dachte, unbegründeten Sorge. »Es ist doch unmöglich, dass sich Will weit verirrt hat«, erklärte ich ihm, freilich ohne irgendetwas von der Materie zu verstehen. »Schau nur, wie weit man diese Hügel überblicken kann. Im Wald wäre das etwas anderes«, behauptete ich.

Halb mitleidig sah Will mich einen Augenblick lang an. »Geh wieder ins Haus, Nellie«, sagte er mit einem Anflug von Ungeduld. »Du weißt nicht, wovon du redest.«

Das entsprach zweifellos der Wahrheit. Dennoch bekräftigte ich, nachdem ich gehorsam ins Haus zurückgekehrt war, meine Ansicht, dass es unnötig sei, sich über das Fernbleiben des Jungen zu ängstigen. »Denn«, argumentierte ich, »es muss nahezu unmöglich sein, sich bei einem so weiten Gesichtskreis, wie man ihn von diesen Vorbergen aus hat, zu verirren.«

»Aber angenommen«, entgegnete einer der Herren aus der Gesellschaft, »Sie befinden sich im Tal hinter einem dieser Vorgebirge – was dann?«

Dies führte zu einem lebhaften Wortgefecht über die Gefahren, sich in diesem weitläufigen Hügelland zu verirren. Da trat Will plötzlich mit vollständig wiederhergestellter Gelassenheit ins Zimmer.

»Es ist alles in Ordnung«, sagte er. »Ich sehe den Burschen kommen.«

Wir alle eilten auf den Erdwall und erkannten in der Ferne einen sich bewegenden Punkt. Durch das Fernglas betrachtet, erwies er sich tatsächlich als der verspätete Bote. Nun wurde Will bestürmt, die strittige Frage zu entscheiden.

»Meine Damen und Herren«, antwortete er ernst, »wenn sich jemand von Ihnen in jenen Vorbergen verirren und man ein ganzes Regiment nach Ihnen ausschicken würde, wäre es dennoch mehr als wahrscheinlich, dass Sie dort im günstigsten Fall verhungerten, ehe man Sie finden könnte.«

Sich in diesen endlosen Hügelketten auszukennen und sicher den Weg hindurch zu finden, ist eine Kunst, die vor allem den Indianern eigen ist; nur wenige Weiße kommen den Ureinwohnern dieses Landes in dieser Geschicklichkeit gleich. Später erfuhr ich, dass Wills genaue Kenntnis dieser starren Wogen des Prärieozeans zu den herausragenden Eigenschaften zählte, durch die er sich als Kundschafter auszeichnete.

Als der Nachzügler eintraf und natürlich sogleich mit Fragen bestürmt wurde, berichtete er, er habe nach etwa acht bis zehn Meilen plötzlich bemerkt, dass er vom Pfad abgekommen sei.

»Ich glaubte schon, mich verirrt zu haben«, erzählte er. »Nach reiflicher Überlegung kam ich jedoch zu dem Schluss, dass mir nur eine Möglichkeit blieb: umzukehren und meinen eigenen Spuren zu folgen. Die Hufeindrücke meines Pferdes führten mich zurück auf den Hauptpfad. Eure Spuren waren dort noch so frisch, dass ich mir keine weiteren Sorgen mehr machen musste.«

»Sehr gut«, sagte Will und klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Sehr gut. Du hast definitiv etwas vom Blut der Codys in dir.«

Am nächsten Tag wurde die Farm besichtigt, und am darauffolgenden unternahmen wir auf Wills Veranlassung einen Ausflug zum sogenannten Garten der Götter. Unser umsichtiger Gastgeber hatte einige Knechte vorausgeschickt, die den Platz für unseren Empfang vorbereiten sollten. Der Anblick, der sich uns dort bot, überraschte und entzückte uns derart, wie Will es sich nur hätte wünschen können. Auf einem am Flussufer gelegenen Stück Land erhob sich ein Hain aus prächtigen Bäumen und üppigem Strauchwerk. Wohin das Auge auch blickte, gab es Blumen und Früchte in herrlichster Fülle, während bunt schillernde Vögel um uns herum sangen und zwitscherten – es war ein kleines Paradies inmitten der Wildnis aus Salbei und Büffelgras. Auf einem der lauschigen, mit saftig grünem Rasen bedeckten Plätze hatten die Knechte unter Wills Anleitung einfache Tische und Bänke aufgestellt, und dort nahmen wir in bester Stimmung unser Mittagsmahl ein.

Da nicht anzunehmen war, dass die Damen der Gesellschaft diesen in einem unbewohnten Teil der westlichen Prärie gelegenen Ort jemals wiedersehen würden, hätten wir gerne ein bleibendes Andenken an dieses reizvolle Fleckchen Erde mitgenommen. Wir durchstreiften suchend den Hain, befanden uns jedoch bald an dessen Ende und somit wieder in der angrenzenden öden Ebene. Genau dort machten wir aber plötzlich eine große Entdeckung. Auf einem freistehenden kleinen Hügel erhob sich ein einsamer hoher Baum, in dessen oberstem Geäst wir einen dunklen Gegenstand bemerkten, der einem Paket ähnelte. Rasch hatte unsere lebhafte Fantasie dieses Bündel in den verborgenen Schatz eines Banditen verwandelt. Während zwei von uns zu unseren männlichen Beschützern zurückkehrten, bewachten wir anderen den Fund in der Baumkrone. Bald traf Will mit der übrigen Gesellschaft ein. Als wir ihm die vermeintliche Goldkiste zeigten, lächelte er und sagte, es schmerze ihn sehr, unsere Hoffnungen zerstören zu müssen. Das Bündel, nach dem wir so begehrlich Ausschau hielten, sei nichts weiter als das offene Grab eines verstorbenen Indianers. »Das wäre in der Tat eine schöne Überraschung geworden«, bemerkte er, »wenn die Damen ihre Finger in dieses Paket gesteckt hätten!«

Auf dem Rückweg, den wir ein wenig niedergeschlagen antraten, erzählte uns Will von einem uns bis dahin unbekannten Aberglauben der Ureinwohner.

Wenn ein großer Häuptling, der sich auf einem Kriegszug ausgezeichnet hat, sein Leben auf dem Schlachtfeld verliert, ohne seines Skalps beraubt zu werden, gilt er als besonderer Günstling des Großen Geistes. Einem solchen Krieger gebührt eine würdigere Grabstätte als die dunkle Erde. In seinem prächtigsten Gewand, mit kriegerisch bemalter Bemalung, Federschmuck und all seinen Waffen wird er in ein buntes Leichentuch gehüllt und in den Wipfel des höchsten Baumes der Umgebung gelegt. Für eine bestimmte Anzahl von Monaten ist ein solcher Ort geheiligt und unantastbar. Nach Ablauf dieser Zeit werden Boten entsandt, um nachzusehen, ob die sterblichen Überreste unberührt geblieben sind. Ist dies der Fall, wird der Verstorbene als Heiliger gepriesen, der aus den wonnevollen Jagdgefilden heraus, in denen er sich nun befindet, diejenigen seiner Stammesgenossen, die sich ihm auf Erden anvertraut hatten, zu sicherem Sieg führt.

Nur ungern sagten wir der idyllischen Oase Lebewohl, und so manch sehnsüchtiger Blick wanderte zurück, während wir uns durch die öde Wildnis zur Farm aufmachten. Hier verbrachten wir noch eine weitere Nacht, bevor wir die Heimreise antraten. Mit großer Freude blickten wir auf diesen kurzen, so nah am Herzen der Natur verbrachten Aufenthalt zurück. Er war für manche von uns mit dem Reiz des Neuen verbunden gewesen, hatte aber allen hohen Genuss und ein fröhliches, freundschaftliches Beisammensein beschert.

Mit Beginn der Theatersaison kehrte Will zur Bühne zurück und widmete dieser Laufbahn noch fünf weitere Winter. Allmählich hatte er sich auch als Schauspieler eine gewisse Gewandtheit angeeignet. Er gastierte in sämtlichen größeren Städten der Vereinigten Staaten, und zwar stets vor ausverkauften Häusern und einem begeisterten Publikum. Was auch immer die Kritik an der künstlerischen Qualität dieser Vorstellungen auszusetzen haben mochte – es waren vor allem Wills Persönlichkeit und sein Ruf, die die Zuschauer anzogen. Diese erwarteten keineswegs die Schauspielkunst eines Sir Henry Irving und fanden sie, das darf man mir glauben, auch nicht vor.

Will hatte sein Beruf als Schauspieler, dem er die Hälfte des Jahres nachging, niemals wirklich befriedigt; er ertrug ihn lediglich als Mittel zum Zweck. Dabei war ihm der Traum seiner Knabenjahre nie aus dem Sinn gekommen: der Entschluss, der Welt eines Tages ein wahres, authentisches Bild vom Leben im fernen Westen zu präsentieren – mit all seinen Gefahren und Entbehrungen, aber auch seiner malerischen Romantik. Bereits seine ersten Theateraufführungen hatten ihm gezeigt, wie positiv eine solche Darbietung aufgenommen werden würde, sodass sein lang gehegter, ehrgeiziger Plan allmählich konkrete Gestalt annahm. Er wusste jedoch sehr wohl, dass dafür erhebliche finanzielle Mittel erforderlich waren. Um sich diese zu verschaffen, erduldete er jahrelang das Leben auf den Brettern, die die Welt bedeuten.

Während einer der letzten Aufführungen, an denen Will mitwirkte – er spielte die Rolle eines verliebten Schäfers –, befand ich mich im Theater von Leavenworth. Nachdem der Vorhang nach dem letzten Akt gefallen war, begab ich mich mit mehreren Bekannten hinter die Kulissen, um ihm zu seinem vortrefflichen Spiel zu gratulieren.

»Ach, Nellie«, brummte er, »sprich mir nicht davon. Wenn der Himmel mir gnädig ist, verspreche ich dir, der Bühne nach dem Ende dieser Spielzeit für immer Valet zu sagen.«

So dachte Will über das Bühnenleben, zumindest was seine eigene Person betraf. Er fühlte sich dabei wie ein Fisch auf dem Trockenen. Die schwachen Nachahmungen der Realität und die künstlich heraufbeschworenen Gefahren mussten einem Mann, der die dargestellten Szenen selbst durchlebt hatte, zwangsläufig platt und langweilig erscheinen.

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