Archiv

Der Tyrann von Nottingham – Kapitel 2

Robin Hood
Der Tyrann von Nottingham
Wie Robin Hood den grausamen Normannen Oswald de Burgh gefangen nahm – und warum er ihn wieder freiließ

Kapitel 2: Der mysteriöse Bogenschütze

Richard Löwenherz, König von England, ahnte nicht das Geringste von den bevorstehenden Ereignissen. Er verließ London, um sich den Kreuzfahrern auf dem Weg ins Heilige Land anzuschließen, und übertrug die Verwaltung des Landes Prinz John und einigen Baronen. Der König hegte keinen Zweifel daran, dass während seiner Abwesenheit alles zum Besten stehen würde, denn er hatte Oswald de Burgh eine strenge Anweisung erteilt, die Forstgesetze abzumildern und die Bauern sowie das einfache Volk in Frieden zu lassen.

Dennoch unternahm Prinz John, sobald De Burgh ihm sein Leid geklagt hatte, Schritte zur Zerschlagung der Waldläufer von Sherwood – völlig ungeachtet des Wunsches seines königlichen Bruders. Oswald de Burgh kehrte mit eintausend Mann, die ihm Prinz John zur Verfügung gestellt hatte, nach Nottingham zurück. Die Festung war erneut stark besetzt, und die Truppen machten sich daran, die Schäden zu beheben und die Mauern an jeder Stelle zu verstärken.

Wenig später traf Prinz John persönlich ein, bewaffnet mit Plänen zur Beruhigung der unzufriedenen Sachsen. Als Teil dieser Strategie wurden Herolde ausgesandt, die ein großes Fest ankündigten und Reich wie Arm dazu einluden.

Unterdessen hatte man nichts mehr von Robin Hood gehört. Er und seine unbesiegbaren Bogenschützen schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Kein Reisender, der den Sherwood Forest durchquerte, hatte etwas von ihnen gesehen oder gehört. Es wirkte tatsächlich, als hätte sich der Freischärler mit seinem Sieg zufriedengegeben und sich mit seinen Gefolgsleuten in einen fernen Teil des Landes zurückgezogen.

Auf Geheiß von Prinz John strömten Normannen, Sachsen und Dänen nach Nottingham, und mehrere Tage vergingen mit Festmählern und Ausgelassenheit. Der allerletzte Tag war Wettkämpfen im Freien gewidmet, insbesondere dem Bogenschießen, dem Ringreiten und ähnlichen Geschicklichkeitsspielen, die in jener Zeit überaus beliebt waren.

Dem besten Bogenschützen sollte als Preis ein silberbeschlagenes Signalhorn und ein seidener Schulterriemen überreicht werden – reich verziert mit einem Medaillon des heiligen Hubertus, des Schutzpatrons der Jagd und Waldspiele.

Einige der Schützen trugen die königliche Livree, die übrigen waren einfache Freibauern. Nahe bei den im Wettkampf stehenden Schützen stand während der Erprobungen ein großer, barttragender Mann in einfacher Kleidung. Er betastete den Bogen in seinen Händen etwas nervös. Die ständige Witterung hatte sein Gesicht braun wie eine Haselnuss gebrannt. Trotz der Schlichtheit seiner Gewandung behauptete er sich stolz inmitten all der prächtigen Uniformen und bunten Tuniken.

Prinz John war dieser Mann nicht ganz unbekannt. Am Vortag, als man ihn aufgefordert hatte, aus der Prozessionslinie zu weichen, hatte er eine scharfe Antwort gegeben. Daraufhin waren die Wachen gewarnt worden, ihn im Auge zu behalten.

Trotzdem war der Kerl wieder da, leibhaftig und unübersehbar. Als Prinz John von seinem königlichen Sitz trat, um das Bogenturnier besser beobachten zu können, erblickte er sogleich den Gegenstand seines gestrigen Ärgernisses.

»So, Bursche«, sagte er finster blickend, »du hieltest es also nicht für ratsam, deine langen Beine aus Nottingham fortzubewegen. Aber was treibst du hier? Gestern vermutete ich nach deinem frechen Gerede noch, dass du mit der Zunge besser schießen kannst als mit dem Bogen.«

»Mit Verlaub, Prinz«, erwiderte der spärlich gekleidete Freibauer, »es gibt noch andere Gründe, auf eine Teilnahme zu verzichten, als nur die Furcht vor einer Niederlage.«

»Und welche Gründe mögen das sein?«, verlangte der Prinz zu wissen.

»Erstens«, sagte der Freibauer, »da ich bereits das Missfallen Eurer Gnaden erregt habe, könnte Euer Zorn nur noch wachsen, sollte ich gewinnen.«

»Bei meinem Leibe!«, donnerte der Prinz. »Ich bin geneigt zu – aber halt, Herr Vorlaut! Woher kommt Ihr, und unter welchem Baron oder Herrn dient Ihr?«

»Mein Name ist Robert Locksley«, lautete die Antwort. »Arm bin ich wohl, doch freigeboren. Meine Gemeinde ist Bournemore, wo man mich wohlkennt. Mich lockte es wie die anderen hierher, um die Spiele zu sehen und womöglich mein Geschick zu versuchen.«

»So höre mir zu, Robert Locksley«, sprach der Prinz. »Du wirst an der Reihe sein zu schießen. Wenn du den Preis gewinnst, lege ich zwanzig Nobles obendrauf. Verlierst du jedoch, lasse ich dir das Wams vom Leibe reißen und dich als frechen Prahler aus der Schrankenanlage jagen.«

»Und was, wenn ich mich weigere, den Bogen zu spannen?«, fragte der Freibauer und strich sich durch den schwarzen Bart. »Ihr könnt mich aus der Schrankenanlage vertreiben, aber Ihr könnt mich nicht zwingen, meinen Bogen zu biegen.«

»Weigere dich meines Angebots«, rief der Prinz in rasender Wut, »und du wirst an jenen Baum dort gebunden. Dein Bogen wird auf deinem Rücken zerschlagen! Und mehr noch: Ich werde dafür sorgen, dass du als feige Memme gebrandmarkt wirst!«

»Das ist keine faire Chance, die Ihr mir bietet, stolzer Prinz«, erwiderte der Freibauer, »und keine, die Euer königlicher Bruder Richard auferlegen würde. Ihr hetzt mich gegen ausgewählte Bogenschützen auf. Doch da Ihr darauf besteht und mir sogar droht, bleibt mir keine Wahl, als zu gehorchen.«

»Wachen, gebt Acht auf ihn und sorgt dafür, dass er nicht entkommt«, befahl Prinz John. »Und nun, ihr wackeren Bogenschützen, schießt alle mit festem Herzen und gutem Ziel!«

Am Ende der Allee, die zu den Schranken führte, wurde eine Zielscheibe aufgestellt. Schiedsrichter war ein Offizier niederer Chargen, der Wettkampfleiter genannt wurde. Jedem Bogenschützen war es gestattet, drei Pfeile nacheinander abzuschießen. Das erzielte Ergebnis wurde vom Wettkampfleiter laut ausgerufen.

Einer nach dem anderen traten die wetteifernden Schützen vor und schickten ihre Pfeile ab. Von sechzig, die schwirrend von den vibrierenden Sehnen flogen, traf nur ein einziger den inneren Ring – ein Volltreffer ins Schwarze.

Dies war das Werk eines Waldläufers namens Bertrand. Laute Rufe feierten ihn bereits als Sieger.

»Halt!«, rief Prinz John. »Wir haben uns noch mit diesem in Barchent gekleideten Prahler zu befassen. Nun, Robert Locksley, willst du dich mit dem ehrlichen Bertrand messen oder Bogen, Köcher und Gürtel dem Wettkampfleiter übergeben?«

»Wahrlich, ich werde gar nichts übergeben«, entgegnete Locksley. »Gewährt mir, dass Bertrand, nachdem ich zwei Pfeile auf jenes Ziel dort abgefeuert habe, verpflichtet ist, auf ein Ziel von mir zu schießen.«

»Das ist nicht mehr als gerecht«, antwortete der Prinz. »Höre, Bertrand, besiege diesen Prahler, und ich werde dir die Hände mit Silber und Münzen füllen.«

»Ein Mann kann nur sein Bestes geben«, erwiderte Bertrand. »Mein Großvater kämpfte in der Vorhut der normannischen Bogenschützen bei Hastings – und ohne Schande für sein Andenken.«

Locksley trat vor und schoss ohne die geringste Furcht oder Unruhe seinen Pfeil ab. Dieser traf noch näher an der Mitte des Schwarzen als der von Bertrand.

»Beim heiligen Paulus!«, rief der Prinz dem erstaunten Waldläufer zu. »Wenn du zulässt, dass dich dieser Schuft besiegt, ist dein Hals für nichts anderes gut als für den Galgen!«

»Selbst wenn Eure Hoheit mich aufknüpfen ließe – mehr als sein Bestes kann ein Mann nicht tun«, entgegnete Bertrand. »Mein Großvater stand in der Vorhut der normannischen Schützen bei Hastings und–«

»Der Teufel hole deinen Großvater und sein ganzes Geschlecht!«, unterbrach ihn Prinz John. »Schieß, Hund, und schieß dein Bestes, sonst wird es dir schlecht ergehen!«

Bertrand nahm seine Position ein, berechnete den Wind und traf genau die Mitte der Zielscheibe.

»Ein Bertrand! Ein Bertrand!«, jubelte das Volk. Auch der Prinz stimmte in den Applaus ein und klatschte in die Hände.

»Bei allen Wundern der Sterne, das kannst du nicht übertreffen, Locksley!«, sagte er.

»Ich kann nicht mehr als mein Bestes tun«, antwortete Locksley. »Und mein Großvater war kein normannischer Schütze.«

Im nächsten Augenblick sauste der Pfeil durch die Luft und spaltete Bertrands Schaft entzwei. Er blieb tief in der Zielscheibe stecken.

Die Menschen standen stumm vor Staunen da.

»Das ist kein Bogenschütze, das ist ein Zauberer!«, tuschelten sie untereinander. »So ein Schießen hat man nicht mehr gesehen, seit in England der erste Bogen gespannt wurde.«

»Und nun«, sagte Locksley und wandte sich an den verblüfften Prinzen, »bitte ich um Eure Erlaubnis, ein solches Ziel aufzustellen, wie man es mich gelehrt hat. Wenn es Euch beliebt, lasst Eure Wachen mich begleiten. Ich gehe nur, um von der nächsten Weide eine Rute abzuschneiden.«

Er wählte eine von etwa sechs Fuß Länge, vollkommen gerade und etwas dicker als der Daumen eines Mannes. Mit großer Gelassenheit begann er, sie abzuschälen, und bemerkte dabei, dass es ein Vergehen an seinem Können sei, von einem guten Schützen das Schießen auf ein derart einfaches Ziel zu verlangen.

»Nun«, fügte er hinzu und steckte die Rute aufrecht in die Erde, »wer diese auf achtzig Schritt Entfernung trifft, mag sich mit Recht einen Schützen nennen.«

»Mögen uns die Heiligen beistehen!«, keuchte Bertrand. »Das versuche ich gar nicht erst. Ich könnte ebenso gut nach einem Sonnenstrahl oder nach dem Mond schießen wie nach einem weißen Streifen, den ich kaum erkennen kann.«

»Feiger Hund, sich von einem einfachen Kerl übertreffen zu lassen!«, tobte Prinz John. »Locksley, gib dein Bestes, und wenn du ein solches Ziel triffst, will ich dich für ein Wunder an Geschicklichkeit halten. Wie dem auch sei: Du sollst uns nicht mit bloßen Worten übertrumpfen. Schieß, und ich wette, du erweist dich als Prahler – obwohl ich gestehe, dass du dich bisher gut geschlagen hast.«

Locksley trat vor und nahm mit großer Bedächtigkeit Maß. Er spaltete die Weidenrute so sauber, dass die beiden Hälften fielen, als wären sie mit einem Rasiermesser durchtrennt worden.

Ein Getöse des Staunens und der Bewunderung erhob sich aus der Menge.

»Nun, bei all dem Glanz der Welt!«, rief der Prinz. »Du hast Horn, Gürtel und viele Nobles gewonnen. Wir machen fünfzig daraus, wenn du nur unsere Rüstung tragen und in unserer Nähe sein willst. Was sagst du zu meinem Angebot, Freund Locksley?«

»So, so«, lachte der Bogenschütze. »Ich bin also kein Prahler und Schuft mehr, wackerer Prinz. Was Euer Angebot betrifft, so habe ich gelobt: Wenn ich je in Dienst trete, dann bei Eurem königlichen Bruder, König Richard. Diese zwanzig Nobles gebe ich dem niedergeschlagenen Normannen Bertrand dort – und womöglich gibt er ein paar davon der Kirche, damit für die Seele seines Großvaters gebetet wird.«

»Wie! Du lehnst mein Angebot ab?«, rief Prinz John.

»Das muss ich. Ich habe meine Gründe.«

»Komm, Locksley, sprich dich aus und sag mir, was das für Gründe sind.«

»Ihr verzeiht, Prinz«, erwiderte der Schütze. »Meine Gründe sind wie meine Gedanken mein eigen Eigentum – und so behalte ich sie für mich.«

»Oh, geh deines Weges, du mürrischer Grobian!«, sagte Prinz John und wandte sich verärgert ab.

Oswald de Burgh, der Sheriff von Nottingham, hatte Locksley aufmerksam beobachtet. Nun trat er an die Seite von Prinz John und flüsterte:

»Mich dünkt, Sire, dass Ihr den Kerl zu leicht davonkommen lasst. Ich hege Verdacht. Er könnte einer von Robin Hoods Spionen sein – wenn nicht gar dieser Erzverräter und Vogelfreie selbst.«

Der Prinz schrak zornig auf.

»Sagt Ihr das? Dann werden wir ihn festnehmen«, rief er. »Heda, Wachen, sagt Meister Locksley, dass wir ein Wort mit ihm sprechen wollen!«

»Ich habe keine Zeit«, sagte Locksley, als man ihm die Nachricht übermittelte. »Ich habe die Spiele gesehen und genossen und werde nun nach Hause gehen.«

»Narr«, knurrte der Bote. »Ist dein Hals noch nicht lang genug, oder verlangt es dich danach, dass er gestreckt wird, während deine Füße im Nichts tanzen?«

Diese letzten Worte galten einem wohlbeleibten Mönch, der mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze zwischen sie getreten war. Er war Locksley zufällig auf den Fuß getreten.

»Sohn«, sprach der Mönch mit tiefer, grabeskalter Stimme zum normannischen Gefolgsmann, »die Zeit wird kommen, da du einen Vater der Kirche nicht so rau ansprechen wirst. Wenn dich die Qualen des Todes plötzlich übermannen, wird dein erster Schrei lauten: ›Wo ist der Priester? Wo ist der Priester?‹ Gib Acht, dass du nicht noch vor Sonnenuntergang nach einem verlangst.«

»Nun, beim heiligen Kreuz!«, rief der stämmige gepanzerte Krieger, »das klingt ganz nach einer Drohung.«

»Ach, kommt schon«, sagte Locksley ungeduldig, »bringen wir die Sache zu Ende. Was Euch betrifft, Vater, so verzeihe ich Euch, dass Ihr mir mit Eurem schweren Fuß auf die Zehen getreten seid. Geht Eurer Wege, ich bitte Euch. Und nun, Soldat, kehrt zu Prinz John zurück und sagt ihm, dass ich keine Lust habe, mich aufzuhalten.«

»Aber dem Prinzen muss gehorcht werden, und du wirst mit mir zurückkehren, selbst wenn ich dich auf meinem Rücken tragen muss!«

»Wahrlich!«, entgegnete Locksley. »Legt nur eine Hand an mich, und ich strecke Euch rücklings nieder und mache Euch zum Gespött der ganzen Menge.«

Bleich vor Wut packte der Soldat Locksleys Bart und riss daran. Er blieb ihm in der Hand hängen und enthüllte die Züge von Robin Hood, dem König des Sherwood Forest.

Augenblicklich wandelte sich die Stimmung im Volk. Schlichte braune Kleidung wich dem Grün von Lincoln. Der Mönch holte unter seiner Kutte zwei Eichenstücke hervor, die er zusammensteckte und so einen furchterregenden Kampfstab fertigte. Ein bislang unbemerkter Mann von gigantischer Gestalt kam herbeigestürmt, schwang eine eisenbeschlagene Keule und rief:

»Heda, ihr kühnen Waldläufer! Zur Hilfe! Süße Freiheit oder Tod! Zur Hilfe! Zur Hilfe!«

Die Wachen packten Robin Hood. Doch Pfeile pfiffen ihnen um die Ohren, sodass sie ihn losließen. Einer stürzte und schrie, er sei tödlich verwundet. Im nächsten Augenblick wurde ringsum gekämpft und geschrien.

Prinz John erkannte, dass sein Leben in Gefahr war. Doch seine Würde verbot es ihm, Fersengeld zu geben, wie er es so gerne getan hätte.

»Schont den Prinzen, aber ergreift Oswald de Burgh!«, rief Robin Hood. »Bringt ihn mir, möglichst lebend, aber lasst ihn nicht entkommen!«

Ein wahres Chaos brach aus. Von allen Seiten strömten kämpfende Männer herbei. Kleinmütige rannten um ihr Leben. Die Frauen und Kinder liefen kreischend vom Ort des Geschehens, doch ihnen geschah kein Leid. Im Gegenteil beschützten die grün gekleideten Männer sie und machten ihnen Platz.

Der Eingang zur Burg war verstopft von Handlangern, Gefolgsleuten und Soldaten, die sich alle als Anführer aufspielten und Befehle brüllten, die zu nichts führten.

Etwas beruhigt, aber überwältigt von Wut und Erstaunen, nahm Prinz John wieder auf seinem prächtig gestickten Stuhl Platz. Ein Ritter hielt einen Schild über ihm. So beobachtete er die Szenerie, so gut er konnte. Und was seinen Augen geboten wurde, war ein erstaunliches Schauspiel.

Grün war nun die beherrschende Farbe. Nach einer Weile schwärmten die Waldläufer aus und rückten im Laufschritt vor, während sie ihre Pfeile abfeuerten und ihren Schlachtruf ausstießen, ohne auch nur einen Moment zu zögern.

Oswald de Burgh wusste nicht, was er tun sollte. Er warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Burg und wetterte gegen das Gesindel, das sich darin in Sicherheit drängte.

Er konnte den Prinzen nicht im Stich lassen. Zu fliehen und den finsteren Bruder Richards in diesem Augenblick allein zu lassen, hätte ihn seinen Kopf gekostet. Doch obwohl er von ausgewählten Männern seiner Leibwache umgeben war, sah er, wie sich das Blatt wendete. Die Pfeile der Waldläufer von Sherwood richteten unter den Soldaten ein verheerendes Blutbad an.

Hervorragend im Getümmel schlugen sich Robin Hood, Little John und Bruder Tuck, der eine wunderbare Gewandtheit an den Tag legte. Seinen Kampfstab schwingend führte er ihn, als sei er ein leichter Spazierstock. Wo immer er niederging, stürzte ein Mann zu Boden.

Unaufhaltsam rückten sie weiter vor.

»Bei allen Kriegsgöttern!«, rief Prinz John. »Sie werden mich töten! Und doch – wie herrlich sie kämpfen! Hätte ich nur tausend solcher Männer, würde ich jedem Trotze bieten. Heda! Schließt euch eng um mich!«

»Fürchtet kein Unheil, stolzer Prinz!«, rief Robin Hood. »Ich suche niemanden außer Oswald de Burgh, und ihn werde ich bekommen! Vorwärts, meine wackeren Männer! Wacker gekämpft, ihr alle! Die Geschichte dieses Tages wird man noch erzählen, wenn England tausend Jahre älter ist!«

Prinz John erkannte nun, dass es an der Zeit war, seinen Stuhl zu verlassen und an sein eigenes Heil zu denken.

»Verhaltet euch defensiv, aber schlagt nicht zu«, sagte er zu seinen Wachen, »sonst wird, beim heiligen Georg, irgendein Pfeil oder Hieb Richard um einen Bruder bringen!«

Oswald de Burgh kämpfte mit der Wut der Verzweiflung. Die Angst verlieh ihm Mut. Als er sah, dass jede Hoffnung auf Flucht abgeschnitten war, führte er sein Schwert wie ein tapferer Mann, bis er vor Anstrengung beinahe ohnmächtig wurde.

Sein Schild entglitt seiner Hand. Sein schartiges Schwert bewegte sich nur noch träge. Als Robin Hood ihn schließlich am Hals packte, schrie er mit heiserer Stimme:

»Ich ergebe mich! Schont mein Leben!«

Robin Hood stieß ihn in die Arme von Little John. Der Riese warf den Normannen wie einen leeren Sack über seine Schulter und trabte davon.

Mit der Gefangennahme von Oswald de Burgh endeten die Feindseligkeiten, sehr zur Erleichterung von Prinz John. Während des gesamten Kampfes war er fast erstickt vor Angst und Empörung. Doch nun brach seine Wut wie ein Sturm los.

Dass sein Verbündeter Oswald de Burgh ihm direkt vor den Augen weggekapert worden war und er zusehen musste, wie Robin Hood gelassen umherspazierte – das brachte Johns ganzes finsteres Blut zum Kochen.

»Höre mir zu, Vogelfreier!«, donnerte er und schüttelte die Faust. »Du bist verkleidet hierhergekommen wie ein Dieb in der Nacht und hast deinen Willen durchgesetzt. Doch bei den Blitzen Jupiters, du wirst mir noch in anderer Gestalt unter die Augen treten! Hüte dich, dass ich den Sherwood Forest nicht von einem Ende zum anderen niederbrenne!«

»Wahrlich, das kümmert mich wenig«, erwiderte Robin Hood. »Prinz, Ihr beschuldigt mich, verkleidet hierhergekommen zu sein. Wahrhaftig, ich gestehe es. Doch Ihr könnt nicht behaupten, dass ich nicht offen gekämpft hätte. Und hört wohl zu, Prinz John! Man nennt mich einen Räuber, und ein Räuber mag ich sein – doch nicht von der Art, wie die Welt es glaubt. Wenn ich den Reichen mit der rechten Hand etwas nehme, gebe ich es den Armen mit der linken. Und ein Mann ist besser ein gewöhnlicher Dieb, als dass er seinen eigenen Bruder bestiehlt!«

Prinz Johns Gesicht lief purpurrot an. Die dicken Adern auf seiner Stirn schwollen wie Stricke an.

»Unverschämter Knecht!«, brüllte er. »Für jedes einzelne Wort dieser Beleidigungen wirst du Qualen erleiden!«

»Lumpiger Prinz«, spottete Robin Hood. Er drehte sich auf dem Absatz um und schnippte mit den Fingern. »Über Eure Drohungen kann ich nur lachen. Und hört gut zu! Hätte Euer königlicher Bruder das gewusst, was ich weiß, wäre er nicht so eilends ins Heilige Land aufgebrochen – und hätte seinen Bruder John gewiss nicht zurückgelassen, um das Volk von England auszupressen und seine eigene Schatulle zu füllen!«

Mit diesen Worten schoss Robin Hood einen Pfeil als Siegeszeichen in die Luft. Er wirbelte herum und marschierte triumphierend davon, während seine Gefolgsleute hinter ihm in Reih und Glied fielen und ihm als König von Sherwood zujubelten, bis ihnen die Kehle schmerzte.

Am Waldrand empfing Maid Marian ihn, gekleidet in samtene Gewänder mit goldenen Fransen und auf einem schneeweißen Zelter sitzend.

Robin begrüßte sie mit einem zärtlichen Kuss. Doch da es nicht sein Plan war, dass seine Gefolgsleute dem Treffen mit seinem gefangenen Feind beiwohnten, befahl er, sogleich ein Festmahl anzurichten, um den Sieg zu feiern, bevor die Sachsen in ihre Heimatorte zurückkehrten.

Riesige Quertaschen wurden wie von Zauberhand hervorgeholt und ausgepackt. Ihnen entstiegen Hirschpasteten, Frischkäse und andere Köstlichkeiten. Schlemmen und Fröhlichkeit beherrschten die Stunde.

Während das Vergnügen auf dem Höhepunkt war, traf ein Bote bei Robin ein und berichtete ihm, dass Little John mit dem gefangenen De Burgh die geheime Höhle erreicht habe. Dennoch verweilte der Anführer der Vogelfreien noch, und erst als alle anderen abgereist waren, machten sich Robin und Marian auf den Weg zur Waldfestung. Sanftes Licht und die Frische der Morgendämmerung lagen bereits über der Erde, als sie die Höhle erreichten. Leben und Schönheit erfüllten Bäume, Sträucher, Dickicht und die grüne Lichtung.

»Ach, Robin«, sagte Maid Marian und schmiegte sich an seinen Arm, »warum können die Menschen nicht in einen solchen Frieden eintreten? Warum muss es Krieg, Streit und Hass geben, wenn die Welt doch so wunderschön ist?«

»Mein Herz«, antwortete Robin lächelnd, »Tyrannen gibt es überall. Der Habicht stürzt sich auf den Spatz, die Wildkatze schleicht sich heran, wo die Rebhühner im hohen Gras nisten, und der Jagdhund zerrt an der Leine, wenn er das Wild wittert. Doch der Mensch ist ein noch größerer Tyrann und Zerstörer als sie alle. Nicht zufrieden damit zu töten, um seine zugemessene Lebenszeit zu fristen, tötet er aus Gier nach Gold – dem gelben Gold, von dem ihn nicht ein einziges Korn begleitet, wenn seine Tage vollendet sind. Doch komm, schauen wir, wie es unserem erhabenen Gefangenen ergeht.«

Maid Marian klammerte sich flehend an seinen Arm.

»Robin«, sagte sie, »du wirst ihn doch nicht töten? So böse er auch ist und so gerecht jede Strafe für ihn wäre – beflecke deine Hände nicht mit seinem Blut.«

»Du vergisst, wie grausam er meinen Vater hingerichtet hat«, erwiderte Robin düster.

»Nein, das vergesse ich nicht. Doch lass ihn sehen, dass du der Edelmann bist und er der Gemeine«, entgegnete Marian.

»Sei beruhigt, ihm wird volle Gerechtigkeit zuteilwerden«, antwortete Robin.

Little John und Dick Driver hatten sich die Wache über den Gefangenen aufgeteilt. Keine drückenden Ketten fesselten seine Glieder, doch seine Hände waren gebunden. Ein Seil hielt ihn an einem riesigen Eichenklotz fest.

Allerdings hatte Little John dafür gesorgt, dass es dem Gefangenen, was Essen und Trinken anging, an nichts fehlte. Tatsächlich war ihm eine Art rauer Gastfreundschaft zuteilgeworden, über die sich Oswald de Burgh nur wunderte. Schließlich rechnete er mit keinem besseren Schicksal, als unverzüglich aufgehängt zu werden.

Bruder Tuck schien sich nicht sonderlich für die bevorstehenden Ereignisse zu interessieren. Mit der Bemerkung, dass ein Mann des Friedens mehr Ruhe brauche als jener, der mit Bogen und Schwert auszieht, rollte er sich in einer Ecke zusammen und begann sogleich zu schnarchen.

Nachdem Robin Hood die Saluts der Männer erwidert hatte, die die reguläre Besatzung der Festung bildeten, und ein paar Worte mit Little John gewechselt hatte, trat er bis auf wenige Schritte an die Stelle heran, wo Oswald de Burgh schweigsam und düster saß. Er verschränkte fest die Arme und sprach den Normannen wie folgt an:

»Nun, Sheriff von Nottingham und sogenannter Herr des Sherwood Forest? Mir scheint, das Blatt hat sich gewendet – und zwar auf eine Weise, die zu bedenken Euch wohl wenig Freude bereitet.«

»Sagt, was Ihr wollt«, entgegnete Oswald de Burgh und zuckte mit den Schultern. »Ich bin in Eurer Gewalt. Es ist leicht, einen Wehrlosen zu verhöhnen.«

»Ein Wehrloser!«, wiederholte Robin Hood voller Hohn. »Gerechter Himmel! Hört diesen Kerl von wehrlosen Männern reden, wo er doch arme Geschöpfe dutzendweise eingekerkert, gefoltert und verstümmelt hat! Höre zu, Schurke! Welches Unrecht hatte mein Vater begangen, dass du ihn jagen und seiner Hinrichtung zustimmen musstest? War es, weil ich einen deiner schikanösen Waldhüter verprügelt hatte? Ist mein Vater wegen dieser Tat gestorben?«

»Guy von Gisborne, mein Verwalter, sagte, dein Vater habe mir eine Botschaft der Auflehnung zukommen lassen.«

»Ja, er hat dir getrotzt, als du ihm befahlst, das Heim zu verlassen, das er lieben gelernt hatte«, war Robins strenge Antwort. »War es nicht genug, dass ihr Normannen seine Ländereien und seinen Titel gestohlen und ihn fast wie einen Bettler fortgeschickt habt? Meine Mutter war von edler Abkunft und starb an gebrochenem Herzen, während fremde Füße in den Hallen tanzten, die sie einst zierte. Und du! – und du – Oh, wie schwer fällt es mir, meine Hände von deiner Kehle fernzuhalten! Doch ich habe eine Lehre gezogen und sie mir zu Herzen genommen. Komm her, Marian.«

Blass und zitternd ob seiner leidenschaftlichen Worte trat Maid Marian sogleich an seine Seite.

»Oswald de Burgh«, fuhr Robin Hood fort, »danke dieser Dame und nicht mir, dass du nicht genau in diesem Augenblick am Ende des Seils erstickst, das dich hält. Das war nämlich meine ursprüngliche Absicht. Du warst die Ursache dafür, dass mein Vater ermordet wurde. Doch ich werde dir das Leben nicht auf so feige Weise nehmen. Zur Mittagszeit sollst du die Wahl haben, gegen mich oder gegen einen meiner Männer hier zu kämpfen. Und wenn du überlebst, verspreche ich dir, dich nach Nottingham zurückzuschicken.«

»Euch werde ich ganz gewiss nicht wählen«, antwortete Oswald de Burgh, wobei sich seine Miene etwas aufhellte. »Gebt mir mehr Zeit. Ich bin noch schwach.«

»Nicht schwächer als irgendein Mann in dieser Höhle. Spare dir weitere faule Ausreden«, sagte Robin. »Wenn du dich weigerst zu kämpfen, wirst du hängen. Bei den Heiligen, ich wette, du würdest mir keine solche Barmherzigkeit erweisen, wäre ich in deiner Gewalt.«

»Gemeiner, grausamer Verräter und Fälscher!«, sagte Sir Eustace Alleyne, der am Gefangenen vorbeiging. »Wählt mich zu Eurem Gegner, ich bitte darum!«

»Hündischer Bastard!«, rief Sir Edward Thorgood herbeieilend. »Mein Schwert brennt in der Scheide darauf, den Weg in Euer Herz zu finden!«

In diesem Augenblick hoben Robin Hoods treue Hirschhunde Hector und Vulcan die Köpfe. Sie schnupperten in der Luft und stießen kurzes, warnendes Bellen aus.

»Seid ruhig«, sagte Robin Hood. Dann ging er zum Eingang und rief: »Posten, wer kommt da des Weges?«

»Ein Fremder«, lautete die Antwort, »doch er ist noch weit entfernt. Zweimal habe ich ihn durch die Bäume gesehen. Mir scheint, er hat sich verlaufen.«

Der Mann, von dem die Rede war, war lang, dürr und knochig, genau wie das Maultier, das er ritt. Seine Kleidung war von ärmlichster Sortierung, doch seine Satteltaschen waren prall gefüllt, und auf seinem Rücken war ein Bündel festgeschnallt. Er hatte sich offenkundig verirrt und schwebte in großer Angst.

»Sieh an, das ist ja Gaspard, der Geizkragen und Wucherer!«, rief Robin, sobald er einen Blick auf den Mann erhaschte.

»Was?!«, sagte Little John und schob seinen wuchtigen Kopf durch das Blätterdach, das den Eingang zur Höhle verbarg. »Ist das etwa Gaspard, der so grausam zum einfachen Volk ist, die Armen aus ihren Häusern treibt, wenn sie nicht zahlen können, und sie ins Gefängnis wirft, wenn ihr Hab und Gut nicht den Wert seiner maßlosen Forderungen erreicht?«

»Derselbe«, antwortete Robin Hood. »Aber lasst ihn gewähren. Er kommt hierher und wird uns ein gutes Vergnügen bereiten.«

»Ein besserer Fang könnte uns gar nicht ins Netz gehen«, bemerkte Little John und rieb sich die Hände. »Hat nicht einer deiner Späher erwähnt, dass Gaspard aus Furcht vor den Ereignissen in Nottingham daran dachte, das Weite zu suchen?«

Unterdessen war dem mageren und wahrlich hungrig aussehenden Gaspard das Herz viel schwerer als sein Bündel. Sein Plan war es gewesen, einen Großteil seines unrechtmäßig erworbenen Gutes in ein Dorf nahe Nottingham zu schaffen. Um nicht gesehen zu werden, hatte er den Waldrand gewählt. Doch das Maultier war mit ihm durchgegangen, und nun steckte er hier in großer Angst und hatte nicht die geringste Ahnung, wo er sich befand.

Bald gab Robin Hood Will Scarlet ein Zeichen, das dieser sogleich verstand. Der junge Waldläufer trat bescheiden mit einem Stab in der Hand vor und tat so, als hinke er.

»Verzeiht, gnädiger Herr«, sagte er, als er plötzlich vor Gaspard auftauchte. »Darf der Sohn eines armen, unterdrückten Waldläufers Eure Milde erbitten?«

»Ich habe nichts zu geben«, knurrte Gaspard, »also geh mir aus dem Weg!«

»Nein, seid doch nicht so unfreundlich«, entgegnete Will Scarlet. »Hunger tut weh, und Armut ist keine Schande. Hätte ich nur das Glück, Robin Hood zu begegnen–«

»Robin Hood!«, unterbrach ihn Gaspard. »Schon wenn ich seinen Namen höre, läuft es mir kalt den Rücken hinunter. Aber er ist nicht hier. Das ist nicht der Teil des Waldes, in dem er umherstreift.«

»Wäre es nur so«, sagte Will Scarlet. »Robin Hood mag ein Vogelfreier sein, aber er weist keinen Hungernden ab. Doch wohin reist Ihr? Mitten ins Herz des Waldes?«

»Himmel bewahre!«, rief Gaspard. »Führe mich auf einen breiten Weg, der mich nach Gurley Green bringt, und ich gebe dir einen Groschen.«

»Das könnte der Weg sein«, antwortete Will Scarlet und zeigte in Richtung der Höhle. »Halt, werter Herr! Spürt Ihr nicht, dass sich der Bauchgurt Eures Maultiers gelöst hat?«

»Zieht ihn fest! Zieht ihn fest!«, entgegnete Gaspard scharf. »Oh, Moses und alle Propheten! Wo gerate ich bloß hin?«

Will Scarlet, der sich bückte und so tat, als brächte er den Gurt in Ordnung, hatte seine Schulter unter Gaspards Fuß geschoben und ihn glatt aus dem Sattel befördert.

Während der Geizkragen auf Händen und Knien lag und sich den Hinterkopf rieb, ließ ein laut schallendes Gelächter ihn nur noch mehr den Verstand verlieren.

»Habe ich den guten Herrn sagen hören, dass er den König des Sherwood Forest sehen möchte?«, sagte Robin Hood, der in diesem Augenblick herbeischlenderte. »Falls ja, so steht er hier vor Euch. Nun, sicherlich täuschen mich meine Augen nicht? Ja – nein – doch! Werter Meister Gaspard, wie ergeht es Euch in dieser lustigen Welt?«

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert