Kopmann to Bergen – 4. Kapitel
Heinrich Smith
Kopmann to Bergen
Eine Erzählung aus dem Seemannsleben
Verlag Otto Spamer, Leipzig, 1902
4. Kapitel
Im Bann des Kontors – Flucht und Gefangennahme
Während Anton Bünger auf diese Weise ein dienendes Mitglied der Faktorei wurde, traf eine seltsame Kunde ein. In den nordischen Gewässern liegt eine Unzahl von Inseln – teilweise nur vorübergehend besucht, teilweise vollständig bewohnt –, auch wenn sie den Anschein erweckten, als hause kein Mensch auf ihnen. Die Häuser waren derart zwischen den Talwänden eingeklemmt, dass man sie vom Meer aus nicht bemerkte. Auch ihre Schiffe hielten die Bewohner zwischen den Klippen und Schären so gut verborgen, dass niemand eine Ahnung von deren Anwesenheit hatte. Und doch waren es so viele, dass sie – wenn sie auf einmal auf See erschienen – für eine stattliche Flotte gelten konnten.
Die Hauptniederlage dieses Volkes, das im Verborgenen lebte und das Gewerbe der Seeräuberei trieb, war Sartor-Øy, diejenige Insel, auf der das jeweilige Oberhaupt seinen Sitz hatte. Sie war seit den Zeiten des hundertjährigen Seeräuberfürsten Bartel Voet berühmt, der ein geschworener Feind der Stadt Bergen sowie des gesamten nordischen Landes war und von dessen Taten und Schicksalen die Geschichte jener Tage blutige Kunde gibt. Es waren Sagen, die noch jetzt in alten Volksliedern halb verstürmt und vergessen ein Echo finden.
Seit dieser Zeit blieb das Eiland Sartor der Sitz des Piratenoberhauptes, und auch der Hass der Räuber gegen die Stadt Bergen und das hansische Kontor hatte sich nicht verringert. Oft vergingen Jahre, ohne dass diese Feindseligkeiten zum Ausbruch kamen. Über die alten Zwistigkeiten war, wie man zu sagen pflegt, Gras gewachsen, und die Gegenwart hatte sie fast vergessen. Dann aber flammte die Leidenschaft in den kriegerisch gesinnten Räubern plötzlich wieder auf: Die alte Wut brach erneut los, die Aussicht auf neue Beute lockte unwiderstehlich, und die Piraten erschienen mit ihrer gefürchteten Blutflagge auf offener See.
Dies waren die Gerüchte, die rasch aufeinanderfolgend nicht nur in der hanseatischen Faktorei, sondern auch in der Stadt bekannt wurden. Das erste Opfer war ein armer Finne, der auf offener See ausgeraubt worden war, mit genauer Not bei einbrechender Nacht entkommen konnte und den Hafen von Bergen anlief. Bald folgten weitere Berichte: Es trafen Nachrichten ein, dass Fahrzeuge gekapert und samt ihren Ladungen nach entfernten Häfen gebracht worden waren. Andere Schiffe hatte man auf offener See in Brand gesteckt und ihre Besatzungen schmählich ermordet. Die Schreckensnachrichten häuften sich, und ein Schrei des Entsetzens ging von einem Ende der Berger Bucht (Waag) bis zum anderen.
Unter diesen Umständen konnte das Kontor der Kaufleute in Bergen nicht länger tatenloser Zuschauer bleiben. Es musste sich rüsten, um für die Stunde der Gefahr bereit zu sein. Denn das gewöhnliche Ende eines solchen Piratenzuges war, dass die Seeräuber bei Nacht und Nebel mit all ihren Schiffen in die Berger Bucht eindrangen, als Beute wegschleppten, was sie nur greifen konnten, und zugleich alles mit Feuer und Schwert verwüsteten.
Der Konstabler der Faktorei wurde angewiesen, zu überprüfen, dass alles Geschützwesen in gutem Zustand sei und ein ausreichender Vorrat an Pulver und Blei vorliege. Der Hauptmann der Söldner musterte seine Scharen und exerzierte vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht. Die Älterleute der Zünfte ließen ihre Bewaffneten kommen und standen einander mit Rat und Tat zur Seite.
Was man nicht mit eigenen Mitteln zu bestreiten imstande war, das ergänzte man durch fremde Hilfe. In den Tagen der Not und Bedrängnis mussten alle füreinander einstehen. Jeder im Hafen liegende Kauffahrer, der zu mehr taugte, als nur Waren von Ort zu Ort zu transportieren, und über den die Faktorei kraft ihrer Stellung Autorität besaß, musste sich in ihren Dienst stellen, wofür eine angemessene Vergütung gezahlt wurde. Die Faktorei bewaffnete solche Schiffe, verstärkte deren Besatzung und sandte sie entweder zur Kaperei gegen die Seeräuber aus oder behielt sie vor Ort, um in geschlossener Formation gegen die ansegelnde Flotte der Piraten zu kämpfen, sollte diese es wagen, in der Berger Bucht zu erscheinen. Meist waren es die Lübecker Schiffe, die zu solchem Dienst verpflichtet wurden.
So kam es, dass die Galiot des Schiffers Hans Wulff plötzlich von einem harmlosen Handelsschiff zu einem Kaperschiff umgerüstet wurde. Ihr Deck wurde mit vier starken eisernen Geschützen bestückt, zu deren Bedienung man einen Gehilfen des Konstablers an Bord schickte. Dieser maßte sich jedoch sogleich das Kommando an und versuchte, den eigentlichen Schiffer beiseitezudrängen.
Das war Hans Wulff nicht willens zu ertragen. Er fuhr an Land, um sich beim Kontor über dieses Vorgehen zu beschweren. Als er durch das äußere Tor der Faktorei schritt, erblickte er seinen Halbmatrosen Anton Bünger, der von dem Hof herunterkam, dem er zugeteilt worden war. Der alte Schiffer wusste um alles, was diesem widerfahren war, seit er das Schiff verlassen hatte und in den Bereich der Faktorei geraten war. Es erbarmte ihn zutiefst, dass diese junge, strebsame Natur vom herrlichen Leben zur See ausgeschlossen bleiben sollte – es sei denn, es gefiele der Faktorei, ihn auf dem einen oder anderen Schiff fortzusenden. Er war zeitlebens an diese Scholle gebunden, und da er keinen Fürsprecher hatte, der sich seiner annahm, bestand keine Aussicht, dass er sich jemals aus der untergeordneten Stellung befreien könnte, die man ihm zugewiesen hatte.
Hans Wulff wusste um all das und hätte ihm nur zu gern eine helfende Hand gereicht. Aber er kannte auch die Strenge der Gesetze und die Härte, mit der sie vollstreckt wurden. Deshalb fühlte er seine eigene Ohnmacht nur zu gut und wollte mit einem stillen Seufzer an ihm vorübergehen.
Anton Bünger hatte seinen gütigen Herrn jedoch schon bemerkt und eilte ihm entgegen. Er ergriff dessen Hand, drückte sie an seine Lippen und rief mit gepresster Stimme: »Helft mir aus diesem Gefängnis! Ich muss ersticken, wenn ich hier bleiben soll. Und wenn es nicht anders geht, so werft mich draußen auf offener See über Bord. Es ist mir immer noch lieber, als hier unter der Peitsche der Söldner und Prügelmeister zu stehen!«
Der Schiffer empfand tiefes Mitleid. Er drückte die Hand des jungen Matrosen und sagte zu ihm: »Wie gerne böte ich dir eine helfende Hand und hieße dich an meinem Deck willkommen! Aber meine Kraft vermag hier nichts. Ich bitte dich, Anton, sei vorsichtig. Tritt von mir weg und schau zur Seite. Wenn einer der Aufpasser, die hier umherschleichen, bemerkt, dass wir miteinander sprechen, schöpfen sie Verdacht, wir seien miteinander verschworen – und du bist noch schlimmer daran als zuvor.«
»Ich kann nicht von Euch lassen!«, rief Anton Bünger, während ihm Tränen aus den Augen schossen. »Wenn ich gerettet werden kann, dann nur durch Euch, da sich sonst niemand um meinetwillen Mühe geben wird. Sagt, Herr, ist es wahr, was ich aus den Gesprächen der Söldner vernommen habe, die ich belauschte? Bedrohen die Seeräuber wirklich die Stadt und das Kontor?«
»Das ist wahr, mein Junge.«
»Und stimmt es auch, dass die Schiffe im Hafen, die unter hanseatischer Flagge fahren, mit Kanonen bestückt werden und als Kaperschiffe dienen sollen?«
»Auch das trifft zu, mein Junge. An Bord meiner Galiot TRAVE haben sie ebenfalls vier Geschütze gebracht, damit wir auslaufen, sobald es an der Zeit ist.«
»Da muss ich mit!«, rief Anton Bünger lebhaft aus. »Treffen wir auf den Feind, so falle ich entweder durch eine seiner Kugeln – und dann ist alles bezahlt … oder ich schlage tüchtig um mich, nehme vielleicht einen der gefährlichsten Feinde gefangen und bringe ihn dem Kontor als Lösegeld! Ich bitte Euch, Herr, lasst mich mit Euch entfliehen!«
»Ich kann es nicht, du Unband«, antwortete der Schiffer mit anscheinend rauer Stimme; doch man hörte ihm wohl an, wie leid es ihm tat, dass er den Wunsch des jungen Mannes nicht erfüllen konnte. »Sammle dich, mein Kind, und nimm deine Vernunft zusammen! Wie sollte ich es anstellen, dich aus dem Bereich dieser Wälle zu bringen, wo man doch nur zu genau beobachtet wird, bevor man durch die Pforte ins Freie treten darf? Und selbst wenn dieses Unwahrscheinliche gelänge: Wie kämen wir weiter ins Boot und an Bord durch all die vielen Fahrzeuge, die dort vor Anker liegen? Es ist unmöglich, mein Junge.«
Der Schiffer Hans Wulff sagte dies mit tiefer Rührung. Anton Bünger brach in Tränen aus und meinte schluchzend: »So muss ich hier umkommen.«
»Sei vernünftig, Junge«, entgegnete der Schiffer schnell und leise, als ihm plötzlich ein Gedanke kam. »Ich kann dich nicht mit mir fortnehmen und in der hellen Mittagssonne mit dir an Bord rudern. Aber wenn ich dich hilflos auf den Wellen der Berger Bucht treiben sähe, wäre ich nicht so unbarmherzig, dich untergehen zu lassen. Ich würde dir ein Ruder reichen, damit du es ergreifst und dich rettest. Ich wollte dir zwar nichts sagen, was dich verwirren könnte, Anton Bünger; aber da es nicht völlig ausgeschlossen ist, dass du aus einem offenen Boot ins Meer fällst, wirst du erkennen, dass es eine kluge Vorsicht ist, zur Nachtzeit das Kajütenfenster offen zu lassen – damit man in der heißen Luft, die zwischen den Planken des Schiffes so schwer drückt, nicht erstickt.«
»Ich verstehe Euch!«, rief Anton Bünger erregt. »Ich werde mir merken, wenn in einer dunklen Nacht die Fenster offen stehen.«
Der Schiffer bemerkte jedoch, dass einer der diensthabenden Söldner – aufmerksam geworden durch das längere Gespräch der beiden – näher schlich. Er wandte sich rasch und unwillig zur Seite und rief mit absichtlich lauter Stimme: »Ich verstehe kein Wort von dem, was du da faselst, und befehle dir, deines Weges zu gehen! Du gehörst zur Faktorei, und ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen. Dir wird dein tägliches Brot zur rechten Zeit zuteil, und es ist unverschämt, mich auf offener Straße um einen Schilling anzubetteln!«
Mit vorgespielter großer Entrüstung ging der Schiffer seines Weges. Anton Bünger stand wie vom Blitz getroffen da. Doch als er den Söldner erblickte, der sich wieder seitwärts davonmachte, da es hier nichts mehr zu erkunden gab, erfasste er den wahren Sinn der Worte seines ehemaligen Meisters und verschloss das Gesagte tief in seinem Herzen.
In einer der Kläver – so nannte man in der Faktorei die engen Schlafkammern – lag Anton Bünger gemeinsam mit einem seiner Leidensgenossen. Das junge Volk wurde zu strenger Arbeit angehalten, und es war ihm nur wenig Muße vergönnt, die kaum für den nötigsten Schlaf reichte. Für Unterhaltung oder gar Scherz und Lust war die Zeit nicht angetan, selbst wenn die unter strenger Zucht gehaltenen Lehrlinge dazu Neigung verspürt hätten – was wohl kaum anzunehmen war. Auch Anton Bünger hatte mit seinem Schlafgenossen selten ein Zwiegespräch geführt, da beide in der Regel sofort vor Erschöpfung einschliefen.
Eines Tages jedoch wurde der andere, der den Namen Franz trug, von einem Fieber befallen. Anton Bünger war gutmütig und nahm sich seiner an. Der Arzt der Faktorei meinte, es sei nicht weiter schlimm; der Junge brauche nicht gleich im Spital verpflegt zu werden – einige Tage Ruhe und halbe Kost würden alles wieder ins rechte Gleis bringen. Das sprach der Arzt, und die stets sparsame Faktorei ließ es sich gesagt sein. Der arme Junge wäre jedoch wohl schwer erkrankt oder gar gestorben, hätte ihn die Pflege seines Schlafgenossen nicht vor weiterem Ungemach bewahrt. Es war für Franz ein Leben voller Kummer und Bedrängnis, und doch wollte er es nicht aufgeben, sondern war erfüllt von inniger Dankbarkeit gegenüber demjenigen, der es ihm erhielt. Dankbarkeit führt zu Vertrauen, und so öffneten die beiden jungen Menschen einander ihre Herzen.
»So steht es also«, sagte Anton Bünger leise an jenem Abend, nachdem er morgens auf offener Straße mit dem Schiffer Hans Wulff gesprochen hatte. »Die Kajütpforten stehen offen und ich kann hinein. Doch wenn es überhaupt gelingen soll, dann nur zur Nachtzeit. Wie aber soll ich es anstellen, aus dem Bereich der Faktorei – ja, überhaupt nur aus dem fest verschlossenen Hof – herauszukommen?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Genesende, »doch oft kommt einem unerwartet ein guter Einfall. Zieh dich daher nicht aus und lege dich nicht schlafen, sondern halte dich wach! Mir ist mit einem Mal so, als müsse sich in dieser Nacht eine gute Gelegenheit zum Entkommen für dich bieten.«
»Du bist nicht bei Trost!«, entgegnete Anton Bünger. Er hielt das, was sein Kamerad in der Erregung des Fiebers sprach, für völlig unmöglich; dennoch befolgte er den Rat und legte sich voll angekleidet auf sein dürftiges Lager.
Draußen entstand ein kurzes Geräusch, woraufhin sich die Tür der Kammer öffnete. Es war der Doktor, der zusammen mit einem Kaufdiener des Kontors die übliche Runde machte, da sich im Hof noch weitere Kranke befanden. Der Doktor fühlte den Puls des Patienten und sagte zum Kaufdiener: »Noch ein paar Tage, dann ist er wiederhergestellt. Er kann morgen eine Scheibe Brot mehr und eine Suppe aus Kessel Nummer Zwei bekommen.«
»Wird pünktlich besorgt«, antwortete der Kaufdiener und notierte die Anweisung des Doktors auf seiner Schreibtafel.
Da richtete sich der Kranke halb auf und bat den Doktor: »Erbarmt Euch meiner, Herr! Ich vergehe vor Hitze und die Zunge klebt mir am Gaumen. Erlaubt doch, dass mein Stubenkamerad auf den Hof geht und mir etwas frisches Wasser holt – der Krug ist leer.«
»Das kann geschehen!«, sagte der Arzt und gab dem Kaufdiener einen Wink. Dieser rief Anton zu; und als dieser, überrascht von der seltsamen Wendung der Dinge, nicht sogleich antwortete, rüttelte er ihn wach und rief: »Will der verschlafene Bursche wohl hören? Ein Wasser sollst du für den Kranken holen – sei doch nicht so eine Schlafmütze! Da, nimm den Krug. Und dieses Täfelchen gibst du dem Pförtner, sonst lässt er dich nicht hinaus. Nun mach schon, Bursche!«
Wie im Traum ergriff Anton Bünger den Krug und trat auf den Gang hinaus. Auch der Arzt und der Kaufdiener entfernten sich. Der allein zurückgebliebene Kranke faltete die Hände und murmelte: »Nun ist er draußen. Wenn es nur nicht allzu dunkel ist, sodass er die offenen Fenster der Galiot finden kann.«
Anton Bünger stand nun auf dem Hof. Der Pförtner, der ein Glas über den Durst getrunken hatte, ließ ihn mürrisch passieren und nickte sogleich wieder ein. Der große Hofhund, der bei Sonnenuntergang von der Kette gelassen worden war, rannte laut bellend auf ihn zu. Anton Bünger rief ihn beim Namen und streichelte ihn mit zitternden Händen. Der Hund ließ es knurrend geschehen.
Wenn ich ihn festmachte!, dachte Anton bei sich und griff unwillkürlich nach dem Halsring des Hundes; doch das Tier sprang auf und nahm eine so drohende Haltung ein, dass er den Gedanken sogleich wieder aufgab.
»Wie werde ich ihn nur los?«, überlegte er. Da fiel ihm ein, dass er seit dem Abendessen noch ein Stück Brot in der Tasche hatte. Er brach es entzwei und reichte es dem Tier. Die Hunde der Kolonie wurden nicht besonders reichlich gefüttert; so schnappte das hungrige Tier gierig zu und schmiegte sich dicht an ihn, als hoffe es auf mehr.
Der Krug blieb unbeachtet am Brunnen stehen. Begleitet von dem Hund, der ihm nicht von der Seite wich, trat Anton Bünger an das äußerste Ende der Brücke, wo die Wellen der Berger Bucht zu seinen Füßen plätscherten. Es war so finster, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Er musste sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Der Hund, der bisher vergeblich auf eine weitere Gabe hoffte und dem der ungewohnte Besuch draußen ohnehin schon zu lange dauerte, begann bedenklich zu knurren. Anton Bünger stand mit klopfendem Herzen da. Die Momente waren kostbar, und er sah sie nutzlos verstreichen.
Endlich unterschied er die einzelnen Gegenstände: Er sah genau das Ende der Brücke, den Wasserspiegel und einen in den Grund gerammten Pfahl nur wenige Schritte von der Brücke entfernt, an dem ein kleiner nordischer Kahn schaukelte.
»Der könnte mich retten!«, dachte er. »Wenn ich darin säße, ruderte ich leicht auf die Berger Bucht hinaus und fände unsere Galiot. Aber es werden keine Ruder darin sein, und dann …«
Ein Rufen erscholl vom Hof her. Der Hund schlug an. War es der Pförtner, der aus dem Schlaf auffuhr und sich des Jungen erinnerte? Antons Herz schlug so heftig, dass es zu zerspringen drohte.
»Ich bin nun schon so lange auf dem Hof, dass ich nicht zurückkann, ohne unbarmherzig geschlagen zu werden. Sei es also gewagt! Höchstens kann ich ertrinken, und dann ist das Leid mit einem Mal zu Ende.«
Das Rufen wiederholte sich. Wenn einer der Hausmänner oder auch nur einer der Kaufgesellen es hörte, war alles verloren.
Der Hund schlug noch stärker an und drängte sich so fest an Anton Bünger, dass sich dieser des Tieres kaum noch erwehren konnte.
»Wie werde ich dich nur los?«, überlegte er und zog sogleich das letzte Stück Brot aus der Tasche. Er hielt es hoch empor und rief dem Hund zu: »Pass auf!« Dann warf er es rückwärts die Brücke entlang.
Laut bellend sprang der Hund hinterher. Im selben Augenblick warf sich Anton Bünger mit dem Ausruf: »So gnade mir Gott!« von der Brücke in das Wasser der Bucht.
Watend erreichte er den nordischen Kahn. Dieser war jedoch so schmal und schwankend, dass er umzukippen drohte, sobald Anton auch nur die Hand auf den Bordrand legte, um sich hinein zu schwingen.
»So geht es nicht!«, dachte Bünger und klammerte sich fest an den Pfahl, an dem der Kahn befestigt war. Mit unsäglicher Anstrengung gelang es ihm, den Pfahl zu erklimmen und von dessen Spitze herab in den Kahn zu gleiten.
Der Pförtner hatte sich unterdessen so weit erholt, dass er eine Laterne entzündete und durch sein Geschrei die im Kaufgewölbe schlafenden Lehrlinge weckte.
Anton Bünger sah das Licht aufblitzen. Er hatte bereits die Fangleine vom Pfahl abgestreift und sich des einzigen Ruders bemächtigt, das auf dem Boden des Kahns lag. Mit nur einem Ruder lässt sich allerdings schlecht fahren, und es kostete ihn übermenschliche Anstrengungen, überhaupt von der Stelle zu kommen. Nur langsam entfernte sich der Kahn von der Brücke.
Auf dieser wurde es nun lebendig. Kaum hatte der Hund den ihm zugeworfenen letzten Bissen Brot verschluckt, vermisste er auch schon den Flüchtling. Mit einem Satz sprang er an den äußersten Rand der Brücke und bellte unaufhörlich. Der Pförtner und mit ihm die Lehrlinge aus dem Magazin eilten herbei. Ihnen folgten zwei Kaufgesellen, darunter jener, der zuvor mit dem Arzt die Runde gemacht hatte.
»Ich habe ihm selbst die Schreibtafel in die Hand gedrückt, wodurch es ihm erst möglich wurde, ins Freie zu gelangen!«, rief dieser. »Aber weit soll er nicht kommen, dafür werde ich schon sorgen.«
Der Hausmann des Hofes, der nun ebenfalls herbeikam, gab sogleich Befehle. Man bemerkte das Fehlen des Kahns und ordnete an, dass die Verfolgung auf dem Wasser aufgenommen werden müsse.
Mehrere Männer strengten sich an, den Flüchtling im Kahn auf dem glatten Spiegel der Bucht zu entdecken – doch vergebens, denn es war viel zu finster.
Bald blitzten auch auf den Brücken der benachbarten Höfe Laternen auf. Jollen und Kähne wurden einsatzbereit gemacht, und nach allen Richtungen flogen sie in die Nacht hinaus.
Der Schiffer Hans Wulff ging derweil auf dem Deck seiner Galiot unruhig auf und ab. Der alte Herr befand sich in nicht geringer Aufregung. Schon der Umstand, dass man ihm den Konstabler der Faktorei an Bord geschickt hatte und seinen Kauffahrer so weit wie möglich zu einem Kriegsschiff umrüsten ließ, war ihm im höchsten Maße zuwider. Nun ging ihm auch das Schicksal seines Antons nahe. Er erinnerte sich wohl an die letzten Worte, die er ihm zugerufen hatte, und von dem Augenblick an, als es dunkel wurde, ließ er die Kajütenfenster bis zum Morgengrauen offen stehen. Dies geschah zum großen Erstaunen des Kajütwächters, der jedoch nichts zu sagen wagte. Es geschah aber auch zum Erstaunen des an Bord einquartierten Gehilfe des Konstablers, der zwar schwieg, aber umso aufmerksamer beobachtete, was dies zu bedeuten hatte.
Der Kanonenschuss, der von den Wällen der Faktorei abgefeuert wurde, als man Anton Büngers Flucht bemerkte, schreckte den Schiffer aus seiner Koje auf und trieb ihn aufs Deck. Dort sah er die blitzenden Laternen sowie das Signalfeuer auf den Wällen und wusste als alter Bergenfahrer sofort, was geschehen war. Er hörte die schallenden Ruderschläge, die von allen Seiten herüberklangen, und dachte im Stillen: »Gott im Himmel, sei ihm gnädig und lenke seinen Kahn bis zu dem Spiegel meiner Galiot – dann werde ich schon dafür sorgen, dass ihn keiner findet!«
Äußerlich durfte er sich jedoch nichts anmerken lassen, denn der Lärm in der Bucht hatte bereits mehrere Leute aufgeschreckt; darum ging er gelassen auf und ab und pfiff die Melodie eines lustigen Liedes vor sich hin.
»Ihr seid ja recht lustig, Schiffer!«, meinte der Gehilfe des Konstablers, der an ihn herantrat. »Nun, das sehe ich gerne. Es ist ja auch eine muntere Zeit, denn wie Ihr hört, veranstalten wir von der Faktorei eine fröhliche Jagd, und ich denke, das Wild wird uns nicht entgehen.«
»Mich wundert nur, dass Ihr nicht selbst dabei seid!«, entgegnete Hans Wulff.
»Wer weiß!«, fuhr jener fort. »Vielleicht mehr, als Ihr denkt. Man muss nicht immer selbst jagen; es genügt auch, dem Wild den Weg zu versperren, auf dem es entfliehen will. Es muss dann umkehren und läuft von ganz allein ins Netz.«
Der Schiffer brummte etwas unverständlich in seinen Bart, worauf der Gehilfe des Konstablers fortfuhr: »Euch muss ich allerdings als leichtsinnig tadeln, dass Ihr trotz der kühlen Nachtluft die Fenster Eurer Kajüte weit aufgerissen habt. Fürchtet Ihr denn nicht das Fieber, das so an Bord dringen kann? Als ich eben zufällig herunterkam, bemerkte ich es und habe sie sogleich geschlossen. Ich hoffe auch, Ihr lasst sie geschlossen, Schiffer Hans Wulff – schon Eurer wertvollen Gesundheit wegen.«
Der Gehilfe des Konstablers entfernte sich, und der Schiffer blieb mit klopfendem Herzen zurück. Er lehnte sich an die Reling und überließ sich seinen dunklen Gedanken. Plötzlich fuhr er auf und hielt sich die Hand vor die Augen, die von einem hellen Glanz geblendet wurden. Er sah, wie eine hoch aufgestiegene Leuchtrakete, die von einem Boot abgefeuert worden war, oben am Himmel zerplatzte – und gleich darauf wurde dasselbe Signal auf dem Wall der Faktorei wiederholt.
Der Gehilfe des Konstablers war sogleich wieder zur Stelle: »Mit der Jagd hat es für diese Nacht ein Ende. Ihr werdet es wohl schon geahnt haben, dass sie der Verfolgung eines Flüchtlings galt, den sie nun – wie die Raketen bezeugen – wieder eingefangen haben. Demjenigen, der ihn gefasst hat, bringt das zehn Speziestaler von gutem nordischen Gepräge ein; und den Gefangenen kostet es seinen Namen, an dessen Stelle sie ihm eine Nummer geben. Sie streichen ihn aus der Liste der Lebenden und zählen ihn fortan zu den Toten.«
Der Schiffer Hans Wulff seufzte tief auf, worauf jener spottend sagte: »Ihr müsst Euch das nicht so sehr zu Herzen nehmen. Wenn Ihr jedoch meint, dass die Luft in der Kajüte für Euch zu schwül ist, kann ich die Fenster gerne wieder öffnen. Ich wünsche wohl zu ruhen, Herr, für den Rest der Nacht.«
Hans Wulff, der an Deck nun nichts mehr zu suchen hatte, ging hinunter, allein schon, um der Gesellschaft des widerwärtigen Schwätzers zu entkommen. Doch Schlaf fand er in dieser Nacht keinen mehr.
Als der neue Morgen anbrach, erscholl innerhalb der Wälle der Faktorei ein Trommelwirbel – das Zeichen dafür, dass etwas Außergewöhnliches geschehen war. Alsbald öffnete sich das Haupttor, und der Ausrufer erschien in gewohnter Begleitung. Er verkündete, dass ein der Faktorei verpflichteter Mann in der Nacht entwichen sei. Dieser sei zwar wieder eingefangen worden, doch wünsche das Kontor die Ursachen dieses Fluchtversuchs genau zu ergründen; daher fordere man jedermann auf, dienliche Hinweise zu berichten, wofür eine angemessene Belohnung in Aussicht gestellt werde.

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