Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel XI Teil 1
Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.
Kapitel XI, Teil 1
Michel besucht die Galeere von Toulon
Merkwürdige Geschichte eines dortigen Galeerensklaven
»Lass dich vom Teufel erst bei einem Haar fassen, so bist du bald sein Eigen mit Leib und Seele.«
Schon längst hatte Michel den Wunsch gehegt, einen Flug nach Italien zu unternehmen und dem Heiligen Vater in Rom seine Aufwartung zu machen. Nun wollte er dieses Vorhaben ausführen; der Teufel hielt ihn jedoch davon ab, indem er zu ihm sagte, er möge sich noch gedulden, da eben ein neuer Papst, Pius IX., gewählt worden sei. Es sei ratsam, einige Zeit abzuwarten, um zu sehen, wie sich die neue Heiligkeit anlasse; der jüngst Verstorbene sei bereits im Reich des Großsatans angelangt.
Michel fand diesen Rat einleuchtend. Nachdem er hin und her überlegt hatte, wohin er nun zuerst seinen Flug richten wolle, sagte er schließlich: »Lass uns einmal nach Toulon fliegen und die dortigen Galeeren besuchen! Ich bin überzeugt, dass mir dies große Unterhaltung gewähren wird; es müssen sich interessante Gesichter und geniale Kerle unter dem über viertausend Mann starken Heer der dortigen Galeerensklaven befinden.«
Gegen zehn Uhr morgens stellten sich Michel und Asmodi am Eingang des Arsenals von Toulon ein. Der Wachhabende Offizier ließ sie, nachdem sie ihre in vollkommener Ordnung befindlichen Erlaubniskarten, die vom Platzkommandanten ausgestellt worden waren, vorgezeigt hatten, ein.
Michel besichtigte zunächst die bekannten Merkwürdigkeiten des Arsenals, insbesondere die Aufenthaltsorte, Schlafstätten und gemeinschaftlichen Säle der Forçats, wo er mehrere wegen leichterer Vergehen an die Pritschen angekettet fand. Sodann begab er sich dorthin, wo diese Unglücklichen mit öffentlichen Arbeiten beschäftigt waren. Er sah eine Weile zu und fand dort Männer aus allen möglichen Ständen aneinandergekettet: Geistliche und Militärpersonen, Adelige und Tagelöhner, Advokaten und Handwerker, Gutsbesitzer und Bauern, Kaufleute, Ärzte und Notare, Fabrikanten und Künstler. Alle Stände waren vertreten. Einige, die sich Nachlässigkeit und Trägheit hatten zuschulden kommen lassen, wurden von den Aufsehern mit eisenbeschlagenen Stöcken angetrieben, mehr Fleiß zu zeigen.
Nun erschallte ein gellender Pfiff, und augenblicklich wurde die Arbeit eingestellt. Einige Forçats, die den Dienst der Köche versahen, brachten den Übrigen in hölzernen Kübeln dicke Bohnen in einer wässerigen Brühe aus Salzwasser, auf der einige Fettaugen schwammen: das Mittagessen der Galeerensklaven. Nach eingenommenem Mittagsmahl wurde eine Exekution an mehreren Galeerensklaven vollzogen, die sich kleine Diebstähle hatten zuschulden kommen lassen – etwa die Entwendung einiger Schiffsnägel und ähnlicher Gegenstände – oder einen Kameraden bestohlen hatten. Andere Forçats brachten die sogenannte Bank der Gerechtigkeit herbei. Man führte die Schuldigen hinzu, denen außer den eisernen Ketten und Ringen an Füßen und Händen auch noch Letztere besonders zusammengebunden waren, und legte sie auf die fatale Bank, wo sie mit einem in Seewasser eingeweichten, gedrehten Strick eine beträchtliche Anzahl Prügel empfingen und zum Teil grässlich heulten.
Schließlich wurde auch ein aus dem Bagno entflohener und wieder eingefangener Forçat vorgeführt. Nachdem er eine tüchtige Anzahl Prügel erhalten hatte und ihm verkündet worden war, dass seine Strafzeit nun um fünf Jahre verlängert würde, setzte man ihn auf eine Tonne und kettete ihn daran fest. Man knebelte ihm die Hände, schor ihm abermals den Kopf und hängte ihm ein Brett um den Hals, auf dem die Worte zu lesen waren: evadé ramené (ein zurückgebrachter Entwichener).
Michel, der diesem Schauspiel mit großer Anteilnahme zusah, bemerkte einen schon älteren Galeerensträfling, der in der Nähe stand, jedoch nicht mehr mit einem anderen zusammengeschmiedet, sondern en chaîne brisée (mit gebrochener Kette) war. Dieser schien einen ungewöhnlichen Anteil an dem Schauspiel zu nehmen; seine Physiognomie, Haltung und sein ganzes Wesen verrieten einen nicht ganz gewöhnlichen Menschen.
Michel näherte sich ihm und richtete einige Fragen an ihn, die sich auf das Schreckliche seiner Lage bezogen. Diese wurden von dem Sträfling jedoch ziemlich mürrisch und abweisend beantwortet, da er sie offenbar als aus bloß müßiger Neugierde herrührend betrachtete.
»Glaubt mir, mein Freund«, wandte sich Stürmer mehrfach an ihn, »es ist nicht eine gleichgültige, unbescheidene oder vorwitzige Neugierde, die mich zu den an Euch gerichteten Fragen veranlasst, sondern ich fühle mich durch etwas in Eurem ganzen Wesen angezogen. Ihr scheint mir kein gewöhnlicher Verbrecher zu sein, sondern vielleicht nur durch Verhältnisse und Schicksale zu den Taten hingerissen, die Euch hierher gebracht haben. Wir Menschen sind ja doch alle nur ein Spiel der Launen des Geschicks.«
Der Galeerensklave seufzte schwer, holte tief Atem und warf einen forschenden Blick auf den Frager. Er blieb jedoch noch stumm, während dieser fortfuhr: »Fasst Vertrauen zu mir, teilt mir aufrichtig und wahrheitsgemäß mit, was Euch hierhergeführt hat. Seid Ihr kein eingefleischter und unverbesserlich verstockter Sünder, so werde ich Euch meine Anteilnahme nicht versagen und kann Eure Lage vielleicht erträglicher machen. Dass Euer Benehmen im Bagno nicht das schlechteste sein kann, beweist mir, dass Ihr nicht mehr zusammengekettet seid. Nun sprecht!«
»Mein Herr«, sagte nun der Forçat mit gedämpfter Stimme, »meine Lage ist jetzt erträglich; ich bin von der rauesten Arbeit wie auch von der rohesten Gesellschaft meiner Kettenkameraden befreit. Ich schlafe nun im Prüfungssaal und versehe den Dienst eines Schreibers in der Seilerei. Ich bin zufrieden und habe nichts mehr, was mir die Rückkehr in die Welt wünschenswert machen könnte. All meine Hoffnung setze ich noch in das Grab und die Barmherzigkeit des allmächtigen Weltenlenkers, denn ich bin ein großer Sünder.«
Ein tiefer Seufzer begleitete diese Worte, und der Forçat verstummte abermals. Michel wusste ihn jedoch durch seine immer größere und aufrichtigere Anteilnahme wieder zum Reden zu bringen. Schließlich vermochte er ihn dazu, ihm seine ganze, höchst merkwürdige Lebensgeschichte sowie die Umstände mitzuteilen, die ihn an diesen schrecklichen Ort geführt hatten. Dazu hatte er ausreichend Zeit, da seine Geschäfte in der Schreiberei für heute beendet waren und er die Freiheit hatte, bis zum Schlafengehen im Arsenal umherzugehen.
»Eine herzbrechende Geschichte!«, höhnte nun der Hinkende. »Nur schade, dass ich sie schon kenne! Du wirst mich also entschuldigen, wenn ich mich einstweilen anderwärts im Arsenal herumtreibe und die hoffnungsvolle Beute für unser Reich mustere.«
»Ganz nach Gefallen«, erwiderte Michel und entließ seinen Gefährten. Von Ersterem nochmals aufgefordert, begann der Forçat seine Erzählung mit folgenden Worten: »Vor allem, mein Herr, bitte ich Sie, meiner Schilderung den vollkommensten Glauben beizumessen; denn alle menschlichen Eitelkeiten habe ich längst abgeschüttelt. Ich werde so wahrhaftig sein, wie es mir nur möglich ist. Vielleicht kann die Kenntnis meiner Lebensgeschichte noch einigen Nutzen stiften und den einen oder anderen schwachen Menschen vom ersten Schritt zur Sünde zurückhalten.
An der Wiege, mein Herr, wurde mir nicht gesungen, dass ich einst die Staatsuniform der Galeere tragen würde. Mein Vater war ein wohlhabender Gutsbesitzer in der Normandie, in der Nähe von Rouen. Er nannte sich St. Albe und hatte eine der reichsten Erbinnen der Provinz geheiratet, die einzige Tochter eines Kaufmanns in Rouen. Anfänglich war die Ehe sehr glücklich, und vier gesunde Kinder waren ihre Frucht; doch hatte dieses eheliche Glück keinen langen Bestand. Mein Vater unternahm häufige Reisen nach Paris, hielt sich meist lange, zuletzt fast ständig dort auf und vernachlässigte meine Mutter völlig. Diese verließ daraufhin ebenfalls die Güter und zog nach Rouen, wo sie bei Bekannten und Verwandten Trost über das Benehmen ihres Mannes suchte, der in der Hauptstadt sehr viel Geld verzehrte. Die bereits bestehende Uneinigkeit zwischen meinen Eltern artete schließlich in eine dauerhafte Trennung aus.
Unter solchen Umständen wurde unsere Erziehung, insbesondere die sittliche, aufs Äußerste vernachlässigt. Zwei meiner Geschwister, Knaben, starben noch in jungen Jahren. Vater und Mutter folgten ihnen einige Jahre später im kurzen Zeitraum von sechs Monaten, einer nach dem anderen, in sehr zerrütteten Vermögensverhältnissen nach. Meine Schwester, ein recht hübsches Mädchen von kaum fünfzehn Jahren, und ich waren die Erben. Wir waren gewohnt, unsere Wünsche fast immer in Erfüllung gehen zu sehen, und kannten keinen anderen Herrn als unseren eigenen Willen.
Obwohl meine Schwester in einem Demoisellen-Institut in Paris erzogen wurde, hatte sie doch schon so viel Erfahrung in gewissen Dingen, als hätte sie bei der leichtsinnigsten Weltdame gelebt. Sie und ich, wir hatten nur eben gelernt, was wir hatten lernen wollen, und unser Wissen war daher nicht weit her. Julie klimperte ein wenig auf dem Pianoforte, sang leidlich frivole Romanzen und schrieb allerliebste kleine Billet-doux (Liebesbriefe). Ich hatte Reiten und Fahren gut, Schreiben leidlich, etwas Musik und alles andere – besonders das Rechnen – schlecht gelernt.
So waren unsere Kenntnisse beschaffen, als wir Waisen wurden. Nachdem die hinterlassenen Schulden der Eltern bezahlt, die Güter verkauft oder vielmehr durch spitzbübische Vormünder mithilfe eines schurkischen Notars zu einem Spottpreis verschleudert worden waren, das meiste Mobiliar veräußert und, wie man uns sagte, unsere Angelegenheiten geordnet waren, blieben kaum 50 000 Franc übrig.
Ich zählte damals zwanzig Jahre und begehrte, zu meiner völligen Ausbildung nach Paris zu gehen, was meinem Vormund sehr gelegen zu kommen schien. Ich lebte dort so aufwendig, dass, als ich ein Jahr später mündig wurde, an 10 000 Franc an allerlei kleinen Schulden zu bezahlen waren und mir von der Erbschaft nicht einmal 15 000 Franc verblieben. Auch erfuhr ich in dieser Zeit, dass meine hübsche Schwester verschwunden war und, wie man vermutete, mit weiß Gott was für einem Chevalier nach England gegangen sei. Dies war die geringste meiner Sorgen, die hauptsächlich darauf gerichtet waren, mir in Paris eine recht angenehme und vergnügte Existenz zu verschaffen. Die bezahlten Schulden verschafften mir neuen Kredit; ich stellte meine Garderobe auf einen eleganten Fuß und suchte, mich hier in die große Welt zu lancieren.
Das Glück wollte es, dass ich einer recht hübschen, reichen Witwe gefiel, deren vor wenigen Monaten verstorbener Gatte ihr ein Vermögen von 60 000 Franc Renten hinterlassen hatte. Nach einigen Monaten war ich Louises glücklicher Ehemann, und da wir einander aufrichtig liebten, verlebten wir die angenehmsten Tage der Welt. Wir brachten die meiste Zeit vergnügt auf einem in der Nähe von Paris gelegenen Landhaus zu, das meiner Gattin gehörte, und lebten nur wenige Wintermonate in der Hauptstadt in einem kleinen, auserwählten Kreis.
Meine Frau wusste mich von allem abzuhalten, was uns hätte verderblich werden können. Sie war sehr vorsichtig in der Wahl ihres Umgangs; wir empfingen und besuchten nur geprüfte Freunde, zumeist frühere Bekannte meiner Frau. Dieses ruhige und heitere Leben währte einige Jahre, und ein paar liebenswürdige Kinder vermehrten unser häusliches Glück.
Eines Abends lernte ich auf einer glänzenden Soirée bei einer Tante meiner Frau, der Baronin Tellier, einen einnehmenden jungen Mann kennen, der sich Vicomte de Saint-Roche nannte. Dessen Unterhaltung, obwohl über sehr alltägliche und nicht eben noble Gegenstände geführt, zog mich dennoch so zu ihm hin, dass ich von nun an seine Gesellschaft immer mehr suchte. Auch er war noch nicht lange verheiratet und hatte eine hübsche, reiche Kreolin zur Frau, die er mir vorstellte.
Wir wurden bald näher mit dem jungen Ehepaar bekannt; deren große Zuvorkommenheit erwiderte meine Gattin jedoch ziemlich frostig, was jene aber nicht zu bemerken schienen. Sie überhäuften uns mit Artigkeiten und suchten uns häufig auf.
Da sich meine Frau fortwährend sehr kalt gegen diese freundlichen Leute benahm, machte ich ihr deshalb einige Vorwürfe. Sie antwortete mir: ›Lieber Charles, ich empfinde eine ganz eigentümliche Abneigung gegen diese Personen, die ich mir nicht zu erklären vermag; aber es kommt mir vor, als sähe ich in ihnen die Störer unseres Glücks. Ich wünschte, wir mieden sie; der Mann hat etwas in seinem Wesen, das mir durchaus missfällt.‹
›Possen, liebe Louise‹, versetzte ich und behandelte dieses Vorgefühl meiner Frau als abergläubische Grille. Ich versuchte sie zu überreden, dass der Vicomte und seine junge Frau vollkommen anständige Leute seien. Aber vergeblich; meine Frau ließ sich ihre vorgefasste Meinung nicht ausreden und schien von einem wahren Abscheu gegen den jungen Mann besessen.
Ein paar Tage nach diesem Auftritt erhielt ich eines Morgens ein Billet von dem Vicomte, in welchem er mich auf so verbindliche Weise für denselben Nachmittag zu einer Fahrt nach Versailles einlud, dass ich kaum absagen konnte; meine Neigung trieb mich ohnehin, die Einladung anzunehmen. Ich zeigte das Billet meiner Frau, die es mir mit einem Seufzer zurückgab und sagte: ›Tue, was dir genehm ist, lieber Charles; aber ich werde nicht von der Partie sein. Ohnehin leide ich an Kopfschmerzen und habe einen unangenehmen, schweren Traum gehabt: Wir gingen beide längs eines furchtbaren Abgrunds spazieren; auf einmal glittest du aus. Ich wollte dich zurückhalten, aber die Kräfte dazu mangelten mir; du rissest mich mit dir hinab, und wir stürzten beide in die bodenlose Tiefe. Ich erwachte, und der Angstschweiß stand mir auf der Stirn.‹
›Träumereien, Albernheiten, teure Louise! Seit wann gibt sich meine sonst so vernünftige Gattin dem Aberglauben hin?‹
Meine Frau war jedoch nicht zu bewegen, an der Fahrt nach Versailles teilzunehmen, und schützte Kopfschmerzen vor. Der Vicomte erschien gegen Mittag in einem eleganten Wagen mit seiner Gattin, um uns abzuholen und zugleich einen Besuch aus Anstand zu machen. Louise, die in der Tat leidend schien, empfing sie jedoch nicht, und ich entschuldigte sie nach Kräften.
Ich fuhr nun allein mit dem Vicomte und seiner Frau fort. Die Vicomtesse war äußerst aufgeräumt; wir scherzten, lachten, unterhielten uns aufs Angenehmste und blieben bei einem schwelgerischen Diner bis tief in die Nacht hinein, sodass ich erst lange nach Mitternacht wieder in Paris eintraf, wo ich meine Frau noch wachend und mit verweinten Augen ängstlich meiner harrend antraf.
Um nicht langweilig zu werden, will ich Ihnen in wenigen Worten sagen, dass ich von jetzt an von dem Vicomte und seiner liebenswürdigen Frau so bezaubert war, dass ich keinen Tag mehr ohne sie sein konnte und auch meine Gattin nötigte, deren Umgang wenigstens nicht gänzlich zu meiden.
Einige Wochen nach dieser Bekanntschaft, nachdem ich einen Spazierritt mit dem Vicomte und seiner Frau gemacht hatte, stiegen wir ab und übergaben die Pferde dem Bedienten. Der Vicomte nahm mich unter den Arm, führte mich beiseite, während die Vicomtesse die Treppen ihres Hotels hinanstieg, und sagte: ›Jetzt wollen wir noch einen Gang tun, der zu den kleinen Mysterien von Paris gehört. Sie werden mir dafür danken, dass ich Ihnen Bekanntschaften empfehle, die in das langweilige eheliche Alltagsleben doch einige Abwechslung bringen und ohne welche das Leben für Männer wie uns keinen Reiz haben würde.‹
Mit diesen Worten führte mich mein Freund um eine Straßenecke, schob mich, ohne meine Antwort abzuwarten, in einen Fiaker und rief dem Kutscher zu: ›Nummer 113, Rue de Breda!‹
Auf alle meine Fragen, was dies zu bedeuten habe, erhielt ich nur die Antwort: ›Geduld, Freund! Ihre Neugierde wird bald befriedigt werden.‹
Bald hielten wir an der bezeichneten Hausnummer. Eine alte Portière, die meinen Begleiter als guten Bekannten begrüßte, empfing uns freundlich. Wir stiegen zwei Treppen hinan; der Vicomte klingelte, und ein kleines Mädchen öffnete, begrüßte uns artig und sagte: ›Mademoiselle Adeline erwartet Sie schon seit einer Stunde, Monsieur Vicomte.‹
Wir traten ein, und ein allerliebstes, kastanienbraunes Lockenköpfchen sprang meinem Freund mit den Worten entgegen: ›Aber du hast lange auf dich warten lassen und verdienst eine gehörige Strafpredigt!‹
›Die ich mit Geduld anhören will, allerdings ein andermal‹, erwiderte der Vicomte und fügte hinzu: ›Wo ist deine Freundin Emmeline?‹
›Vor ein paar Minuten hat sie mich verlassen, an eurem Kommen zweifelnd und anderswo dringende Geschäfte habend.‹
›Das ist ärgerlich‹, sprach der Vicomte und nötigte mich Platz zu nehmen.
Es entspann sich nun eine ziemlich frivole Unterhaltung zwischen den beiden, die mir über deren Verhältnis zueinander keinen Zweifel mehr ließ; und ich muss gestehen, dass mich die aufgeweckte Munterkeit und die witzigen Einfälle des reizenden Mädchens, dessen jede Bewegung ungemein graziös war, entzückten. Ich nahm Anteil an der Unterhaltung, und das Mädchen versprach mir, nachdem sie sich samt dem Vicomte über mich lustig gemacht hatte, weil ich mich mit der alltäglichen ehelichen Kost begnügte, für eine recht schöne Freundin zu sorgen, was ich halb im Scherz, halb im Ernst ablehnte. Sie beharrte jedoch darauf und meinte, dies verpflichte mich ja zu nichts.
Sie nannte mir nun Emmeline, der ich durch Vermittlung des Vicomte bereits bestens empfohlen sei und die mich erwartet habe. Wir mussten versprechen, noch denselben Abend wiederzukommen, damit ich die holde Schöne kennenlerne.
Nachdem wir des Vicomtes Freundin – eine Lorette der feinsten Gattung – verlassen hatten, suchte er mich durch Scherze und Spott dahin zu stimmen, doch auch ein solches Nebenvergnügen mitzunehmen und ebenfalls ein artiges Mädchen zu unterhalten, was, wie er versicherte, keine ungeheuren Ausgaben verursache und die mannigfaltigsten Vergnügungen gewähre. Ich ließ mich bereden, die mir zugedachte Schöne wenigstens in Augenschein zu nehmen, und fand mich zur bestimmten Stunde mit dem Vicomte wieder bei Adeline ein, die uns freundlich lächelnd empfing, eine Seitentür öffnete und sagte: ›Nun, Monsieur de Saint-Albe, ich hoffe, Sie werden zufrieden sein.‹

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