Die Jesse James Storys – Band 1 – Kapitel 9
W.B. Lawson
Die Jesse James Storys – Band 1
Jesse James, der Outlaw
Kapitel 9
Ein erbeutetes und wieder verlorenes Geheimnis – Ein neuer Ansporn für die Detektivarbeit
Der Gesetzlose Bob Younger war mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Doch selbst angesichts des drohenden Todes zeigte er keinerlei Anzeichen, das kostbare Geheimnis preiszugeben, das ich von ihm verlangte.
»Hältst du mich für einen Feigling?«, knurrte er und blickte mit ausgezehrten, aber unerschütterlichen Augen zu mir auf. »Ja, du hast recht. Ich weiß, wo der kleine Tip zu finden ist. Aber schieß nur zu, verdammt noch mal! Du wirst das Geheimnis niemals aus mir herauspressen!«
»Es ist zu seinem eigenen Besten – für sein moralisches und weltliches Wohl!«, rief ich aus. »Ich schwöre es!«
»Du schwörst es?«, entgegnete er spöttisch. »Ha, ha! Das Wort eines Detektivs!«
Ich nahm den Druck meines Knies von ihm, hielt die Pistole jedoch weiterhin auf seinen Kopf gerichtet, und verlieh meiner Stimme einen noch ernsteren Ton, der seine Wirkung auf ihn nicht verfehlte.
»Hör mir zu, Bob Younger«, sagte ich. »Ich gebe zu, dass ich im Auftrag von Richter Rideau nach dem Kind suche. Ich würde dir hundertmal lieber dein Leben schenken, als es dir zu nehmen. Ich gebe dir mein Ehrenwort, von Mann zu Mann: Wenn du den Jungen herausgibst, wird er ehrlich und sogar wohlhabend aufwachsen, in Gottesfurcht. Er wird die Erziehung eines Christen und Edelmannes genießen. Es wird sein Heil sein – an Leib und Seele!«
Ich sah, dass meine Worte nicht ohne Wirkung blieben. Das Gesicht des Gesetzlosen war allmählich ernst und besorgt geworden.
»Wenn ich das glauben könnte …«, begann er mit leiser Stimme, »wenn ich mir dessen sicher wäre …«
In diesem Augenblick knallte ganz in der Nähe ein Schuss. Mein Kopf dröhnte, alles drehte sich um mich herum, und als ich spürte, dass ich getroffen war, rappelte ich mich auf – mit einer tieferen Enttäuschung, als ich es in Worte fassen kann.
Während ich mich, die Pistole in der Hand, an einen Baum lehnte und meine Schwäche so gut wie möglich verbarg, kam Cole Younger – der den Schuss abgefeuert hatte – auf die Lichtung gelaufen und half seinem Bruder auf die Beine. Da er nicht noch einmal schoss, schloss ich messerscharf, dass er seine letzte Patrone verbraucht hatte; und schon bald zeigte sich, dass Bob sich in derselben Lage befand.
Ich war nicht mehr in der Verfassung, auf einen von beiden zu zielen. Wäre es anders gewesen, hätte ich Cole Younger pflichtgemäß auf der Stelle niedergeschossen – Geheimnis hin oder her. So aber gelang es mir, meinen wahren Zustand zu verschleiern und so zu tun, als hielte ich sie in Schach, bis sie nach einigen geflüsterten Worten gemeinsam in den Wald humpelten.
Dann, von einer Enttäuschung überwältigt, die weit schmerzhafter war als alle körperlichen Qualen – einem trostlosen Gefühl, das lang ersehnte Geheimnis direkt vor dem Ziel wieder verloren zu haben –, taumelte ich zum Ufer des Baches und verlor das Bewusstsein.
Das Kühlen meines Kopfes und Gesichts mit frischem Wasser brachte mich bald wieder zu Bewusstsein. Ich befand mich in der Obhut von Charley Ford und Jack Gorham, die man zurückgeschickt hatte, um nach mir zu suchen, nachdem mein Fehlen in der Posse bemerkt worden war. Sie hatten auch meine Wunde versorgt und sich um mich gekümmert.
Da Independence das nächstgelegene Städtchen war, machten wir uns auf den Weg dorthin. Dort wurde ich auf eigenen Wunsch in die Pflege der alten Cynthy übergeben – eine Aufgabe, die die gute Seele mehr als bereitwillig übernahm.
Die Zeit zeigte, dass die James-Bande und ihre Verbündeten eine verheerende Niederlage erlitten hatten. Es war sogar fraglich, ob sie sich als große, geschlossene Organisation je wieder davon erholen würden. Der Red Cut war für sie zur Todesfalle geworden. Er hatte sie – bevor die Verfolgung eingestellt wurde – dreizehn ihrer erfahrensten Männer gekostet, die getötet, verwundet oder gefangen genommen wurden. Zwar kamen die James-Brüder mit ihrem gewohnten Glück davon, zusammen mit den Youngers, den Hites, den Millers, Jim Cummings und einigen ihrer verzweifeltsten Komplizen, doch sie versanken in so plötzlicher Tatenlosigkeit, als hätte die Erde sie verschlungen. Ich allerdings wusste ganz genau, dass wir wieder von ihnen hören würden – und das schon bald, wo sie nun in die Enge getrieben waren.
Meine Wunde war zwar nicht gefährlich, aber schmerzhaft und zwang mich zu mehr als zwei Wochen Ruhe und intensiver Pflege bei Tante Cynthy.
Eines Tages überraschte und erfreute mich ein Besuch von Mattie Collins. Ihre heitere, gewinnende Art war wie ein Sonnenstrahl für mich, doch sie war in einer ernsten Angelegenheit gekommen.
Nach ein paar einleitenden Worten sagte sie: »Ich habe seit dem Kampf am Red Cut mehrmals mit meinem Mann gesprochen, Colonel, und bin hier, um in seinem Interesse zu verhandeln. Er möchte sich von den Räubern lossagen und direkt mit euch Detektiven zusammenarbeiten, so wie Ford und Sheppard es getan haben. Alles, worum er bittet, ist Schutz und die Zusage einer Begnadigung durch die Regierung. Ich wende mich zuerst in seinem Namen an Sie, weil Sie der einzige Detektiv sind, den ich persönlich kenne.«
»Das ist richtig. Hat Ihr Mann, Dick Little, jemals mit eigener Hand einen Mord begangen?«
»Niemals!«, rief sie feierlich aus.
»Gut. Warum möchte Dick seine bisherigen Kumpane verlassen?«
»Schlichtweg, um sich zu bessern und aus Liebe zu mir. Außerdem sind Dick und wohl auch einige andere die wachsende Habgier der James-Brüder leid, ebenso wie ihre Angewohnheit, die gestohlene Beute zu vergraben.«
»Ihre Beute vergraben, ja?«, sagte ich sofort hellhörig. »Das sind erstaunliche Neuigkeiten.«
»Und aus der Sicht eines Detektivs vielleicht nicht ganz unwillkommen, Colonel«, meinte Mattie lächelnd. »Nun, diese Information bleibt ausschließlich in Ihrem Besitz, ohne dass ein anderer Detektiv oder Beamter davon erfährt, vorausgesetzt, Sie helfen mir bei meinem Anliegen.«
»Das werde ich mit Vergnügen tun, und meinen Dank haben Sie noch dazu«, erwiderte ich, während vor meinem geistigen Auge plötzliche Bilder von Reichtum auftauchten, gegen die alle bisher ausgesetzten Belohnungen verblassten. »Aber was hat die anderen Bandenmitglieder davon abgehalten, der Sache nachzugehen?«
»Angst – tödliche Angst vor den James-Brüdern, besonders vor Jesse.«
»Sie werden niemandem sonst davon erzählen und dafür sorgen, dass Ihr Mann ebenso verschwiegen bleibt?«, fragte ich.
»Ich schwöre es!«, sagte Mattie feierlich. »Seien Sie beruhigt. Weder Dick noch ich würden es wagen, uns weiter darin einzumischen, und kein anderes Bandenmitglied ebenfalls.«
»Gut«, sagte ich. »Bringen Sie Dick Little morgen Abend mit hierher. Ich garantiere ihm für diese Gelegenheit freies Geleit hin und zurück. Ich hoffe auch, bis dahin die von ihm geforderte Zusicherung der Behörden erwirkt zu haben.«
Überglücklich über meine Worte verabschiedete sich Mattie.
Nun hatte ich ein weiteres As im Ärmel, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Die Rückgabe von Richter Rideaus Enkelkind; die gebündelten Belohnungen für die Ergreifung der James-Brüder, tot oder lebendig; der vergrabene Schatz des Räuberhauptmanns, der für sich genommen zweifellos ein fürstliches Vermögen darstellte! Konnte sich ein Sterblicher als Detektiv einen größeren Ansporn für seine Arbeit wünschen?
Wortgetreu kehrte Mattie am folgenden Abend zurück. Dick Little begleitete sie. Für einen Desperado war er ein athletischer, eher sanft wirkender Bursche, wenngleich mit einer unverkennbaren Entschlossenheit im Auftreten. Ich konnte leicht verstehen, wie er sich nach und nach einem Mann wie Jesse James untergeordnet hatte.
Als er zusammen mit Mattie das Innenzimmer von Tante Cynthys Hütte betrat, war er überrascht und nicht wenig erschrocken, dort neben mir auch Sheriff Timberlake und Commissioner Craig anzutreffen. Wir beruhigten ihn jedoch schnell. Ich hatte mich seit Matties erstem Besuch eifrig für ihn eingesetzt. Wir konnten ihm das Versprechen einer bedingten Begnadigung vorlegen, das der Gouverneur eigenhändig verfasst hatte, sowie die Garantie unseres gemeinsamen Schutzes anbieten, falls seine Kumpane von seinem Verrat erführen. Die Unterredung endete mit einer feierlichen Vereinbarung, in der er sich verpflichtete, nach besten Kräften unseren Interessen zu dienen und bis zum letzten Moment Scheinverbindungen zu den Räubern aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: Er befand sich nun in einer ganz ähnlichen Lage wie Charley Ford und George Sheppard.
Little und Mattie blieben noch, nachdem die anderen gegangen waren. Er wusste meine persönlichen Bemühungen zu schätzen und wollte mir unter vier Augen danken. Ich wiegelte ab, indem ich an den Gefallen erinnerte, den mir seine Frau während der Red-Cut-Affäre erwiesen hatte – doch tat das der herzlichen Dankbarkeit der beiden keinen Abbruch.
»Wie Sie vermutlich wissen, Colonel«, sagte Dick, »habe ich diesen Schritt schon seit Langem erwogen. Doch wegen meines natürlichen Misstrauens gegenüber den Behörden wäre ich ohne Ihre Hilfe nie so weit gekommen. Ich stehe in Ihrer Schuld, weil Sie mir den Weg zurück in ein ehrliches Leben gewiesen haben. Welche wertvollen Informationen ich im Rahmen dieser Vereinbarung auch erlange, sie werden Ihnen persönlich als Erstem mitgeteilt.«
»Danke!«, sagte ich. »Hat die Bande den geplanten Überfall auf die Bank in Minnesota also aufgegeben?«
»Nein, er ist wegen des unvorhergesehenen Desasters am Red Cut nur auf unbestimmte Zeit verschoben. Das hat uns übel zugesetzt, wie Sie wissen. Doch der Banküberfall kann jeden Tag wieder aktuell werden. Ich schätze aber, dass sich weniger Männer daran beteiligen werden, als Sie glauben. Ich bezweifle, dass es außer den Jameses und den Youngers mehr als ein halbes Dutzend sein wird.«
»Wirst du dazugehören?«
»Ich hoffe nicht, aber ich kann es nicht sagen. Das hängt ganz von Jesse ab. Sein Wort ist Gesetz in der Bande.«
»Nun zu einer ganz anderen Frage«, sagte ich mit gedämpfter Stimme. »Haben Sie irgendeine Vorstellung davon, wo der vergrabene Schatz von Jesse James ungefähr liegt?«
Little schreckte auf und fühlte sich sichtlich unwohl. Er blickte zögernd zu seiner Frau, doch sie hielt die Augen gesenkt und gab ihm keinen Zuspruch.
»Vielleicht habe ich eine ungefähre Vorstellung davon«, stammelte er schließlich, »aber ich mag weder daran denken noch darüber sprechen. Wann immer ich es tue, scheint die Luft voller Pistolen und Messer zu sein, und Jesse James’ tigerhafte Augen funkeln mich dahinter an.«
Schließlich gelang es mir, seine Beinahe-Aberglauben gleichende Furcht zu mindern, sodass er zumindest frei atmen und reden konnte.
»Glauben Sie, dass er in Cracker Neck oder in der Nähe dieses Ortes vergraben ist?«, fragte ich daraufhin.
»Nein, irgendwo ganz anders«, lautete die etwas mürrische Antwort.
»Oh, behalten Sie Ihr Geheimnis nur für sich«, sagte ich.
»Darum geht es nicht, Colonel, bitte seien Sie mir nicht böse«, erwiderte Little demütig. »Tatsache ist, dass ich gar kein Geheimnis habe, an dem ich festhalten könnte. Ich vermute jedoch, dass Jesse seinen Schatz irgendwo in den Wäldern nahe der Farm versteckt, auf der ich als Knecht arbeite, wenn ich nicht gerade mit der Bande unterwegs bin. Wissen Sie, viele von uns machen das so, der Form halber. Wir können nicht alle pausenlos das Räuberleben führen wie die Jameses und die Youngers.«
Das war endlich einmal etwas Konkretes.
»Auf welcher Farm arbeiten Sie?«, fragte ich.
»Viereinhalb Meilen außerhalb von St. Joe, an der Harrisonville Road. Es ist ein kleiner, abgelegener Hof, und ich bin der einzige Knecht dort. Die Gegend ringsum ist ein hügeliges Waldgebiet, noch wilder und einsamer als bei den Anwesen der Youngers oder Samuels. Nun, Colonel, wann sind Sie wieder fit für den Sattel?«
»Ich bin heute zum ersten Mal wieder ohne Beschwerden geritten«, antwortete ich. »In einer Woche werde ich wieder ganz der Alte sein.«
»Gut! Kommen Sie in irgendeiner Verkleidung zu mir, Colonel, dann reden wir. Sie werden mich am Nachmittag allein auf den Feldern an der Straße arbeiten sehen. Ich bin sicher, dass die Sache in Minnesota nicht innerhalb einer Woche stattfinden wird. Ich werde Ihnen zumindest darüber etwas zu erzählen haben, und vielleicht auch noch über etwas anderes.«
Die letzten Worte sprach er nach einer kurzen Pause und mit einer gewissen Bedeutung, die mir gefiel. Ich erfuhr noch ein paar Einzelheiten, und dann trennten wir uns. Mattie verabschiedete sich mit den Worten, dass ihr Dicks wegen das Herz so leicht sei wie seit Langem nicht mehr.
Eine Woche später begab ich mich nach St. Joseph, besorgte mir ein Pferd und machte mich auf den Weg zu unserer Verabredung.

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