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Deadwood Dick – Band 2 – Kapitel 1

Edward L. Wheeler
Band 2
Die Doppel-Dolche
oder: Deadwood Dicks Aufbegehren
Eine Geschichte über die Regulatoren und Wegelagerer der Black Hills
Kapitel 1: Einleitung

Etwa über Deadwood Dick – Mr. Elward Harris – oder, wie er besser bekannt ist: Deadwood Dick – hat buchstäblich mehr Leben als eine Katze. Seit einiger Zeit hat man zwar wenig von ihm gehört, doch nun wird sein Name im Zusammenhang mit dem jüngsten Überfall auf die Postkutsche nahe Cheyenne wieder laut geflüstert. Am Dienstag überfiel eine wachsame Gruppe von Deadwood-Regulatoren unter der Führung von Dashing Dave ihn und einen Teil seiner Bande im Big Lode Canyon; es entbrannte ein schrecklicher Kampf. Alle Wegelagerer wurden ohne Gnade niedergemacht – bis auf Deadwood Dick. Er schwang sich auf seinen großen Rappen und ritt schnurgerade die Bergwand hinauf, wohin ihm niemand folgen konnte. Auch Kugeln vermochten seinen Weg nicht zu stoppen. Wieder einmal macht sich dieser berüchtigte Bursche, der als kühner Reiter im Sattel weltweit seinesgleichen sucht, einen Namen. DEADWOOD PIONEER, 13. Juli.

Der obige Absatz sorgte in den Kreisen von Deadwood für gewaltiges Aufsehen. Seit etwa einem Monat waren die reißerischen Nachrichten aus den Black Hills eher spärlich geflossen. Die Abwesenheit der Indianer in der näheren Umgebung hatte die Zahl der Berichte über mörderische Überfälle verringert, und eine gewisse Ruhe unter den gefürchteten Herren der Straße hatte Deadwood und seine Nachbarstädte in einen Schlummer friedlicher Zufriedenheit und Gelassenheit gewiegt.

Ein Blick auf Deadwood von einem guten Aussichtspunkt offenbart keine überraschenden Veränderungen. Die Magische Stadt schmiegt sich wie eh und je in die von Bäumen gesäumten Hügel. Die imposanten Berge wirken ebenso erhaben wie ehedem, und die Gebirgsbäche rauschen unverändert durch ihre felsigen Betten. Eine Veränderung ist nur an der Größe der goldenen Metropole und an der Anzahl der Menschen festzustellen, die sich durch ihre Straßen drängen.

Hier sieht man Menschen fast aller Nationalitäten: Männer, Frauen und Kinder, die ihre Waren feilbieten; eifrige, erwartungsvolle Minenarbeiter auf der Suche nach ihrem Glück; grimmige, verarmte Goldsucher, die völlig pleite von dannen ziehen; Spekulanten, Gauner, neugierige Touristen und ab und an ein Künstler oder Schriftsteller; Falschspieler, Taugenichts, Armeeoffiziere, Trapper und Kundschafter – sie alle gehören zur Besetzung dieses monströsen, realistischen Dramas, das weder Feder noch Pinsel getreu darstellen können.

Der Journalismus in Deadwood hat zwar noch nicht den Grad an Perfektion erreicht wie in den östlichen Städten, aber ein risikofreudiger Einzelner hat es mithilfe von Feder, Schere, Kleister und einer ausgedienten Handpresse geschafft, ein sehr passables Blatt herauszugeben – THE PIONEER –, das sich vor allem den Interessen des Bergbaus widmet.

Das Büro dieser wackeren Zeitung befand sich im ersten Stock eines Gebäudes direkt gegenüber dem Saloon Metropolitan und war nur spärlich eingerichtet. Betreut wurde es von einem sehr klug aussehenden jungen Mann aus dem Osten, der als Reporter arbeitete – eine Mischung aus städtischem Dandy und gescheitertem Schauspieler.

Dieser junge Mann saß an einem sonnigen Morgen – wenige Tage nach dem Erscheinen der Ausgabe mit dem erwähnten Absatz – auf einem hohen Stuhl hinter dem Redaktionstisch und schrieb an einem Leitartikel. Da wurde die Tür abrupt geöffnet und eine Person trat ein. Augustus blickte mit einem patronisierenden Nicken auf und sah einen breitschultrigen, hünenhaften Minenarbeiter vor sich. Er war ein äußerst rau aussehender Kunde, gekleidet in schmutzigen, schlammbespritzten Kord, mit einem kleinen Arsenal von Sixshooter um die Taille. Von seinem Gesicht war durch den dichten roten Vollbart kaum etwas zu sehen, doch das Funkeln aus den kleinen schwarzen Augen war gefährlich.

»Tag auch!«, grüßte Augustus geschäftsmäßig, während er seiner Feder einen besonders schwungvollen Schnörkel verlieh und seine Aufmerksamkeit dann dem Besucher zuwandte. »Womit kann ich Ihnen zu Diensten sein, Sir?«

»Hm!«, machte der Minenarbeiter ein verächtliches Geräusch, während er sich im Büro umsah. »Das ist also die Bude, wo sie den PIONEER drucken, was?«

»Dies ist die Redaktion dieser Publikation, ja«, antwortete Augustus hochmütig.

»Dacht ich’s doch. Aber der Chef ist wohl nicht da?«

»Ich bedaure, sagen zu müssen, dass Mr. Wilbur nicht hier ist. Er wurde vor einer Stunde wegen dringender Geschäfte nach Elizabeth City gerufen. Er hat mich jedoch bevollmächtigt, alle Geschäfte zu führen, weshalb ich Ihnen meine Dienste uneingeschränkt anbiete.«

»Na ja, ich schätze, das macht nicht viel Unterschied zwischen uns beiden. Du tust es wohl genauso gut wie Mr. Wilbur. Zumindest werde ich es mit dir versuchen. Ich muss mich nämlich bei jemandem auslassen, und da bist du mir genauso recht wie jeder andere.«

Damit hielt der Besucher inne, kramte geschäftig in seinen Taschen und zog schließlich eine zerknitterte Ausgabe des PIONEER hervor. Diese breitete er sorgfältig auf dem Tisch vor Augustus aus und zeigte mit einem weißen, schlanken Finger – der so gar nicht zu seinem sonstigen Erscheinungsbild passte – auf die groß gedruckte Überschrift einer Kolumne: Etwas über Deadwood Dick, wie oben zitiert.

»Siehst du das da?«, fragte er mit einer Stimme, die Augustus erzittern ließ. »Siehst du diese Zeilen?«

»Exakt – so deutlich, wie ich Sie sehe. Das ist ein Absatz über Deadwood Dick, den berüchtigten jungen Gesetzlosen.«

»Ja, genau das ist es, ohne Zweifel. Und nun: Einer meiner Wege hierher führt mich zu demjenigen, der diese Zeilen verfasst hat.«

»Ich bin stolz sagen zu können, dass ich diesen reißerischen Absatz verfasst habe«, verkündete Augustus, richtete sich zu seiner vollen Größe auf und fügte hinzu: »Und wenn Sie gekommen sind, um mich für mein Interesse an Mr. Dick zu belohnen, würde ich mich sehr freuen, ein Fünf-Dollar-Stück anzunehmen und mich auch künftig der Sache zu verschreiben.«

Der Kunde im Cordanzug starrte ihn an.

»Das hast also du geschrieben, ja?«, fragte er.

»Ganz recht, das habe ich!«

»Nun, dann merk dir gut, dass du so etwas nicht noch einmal schreibst, wenn du nicht schon vor vorgestern am helllichten Tag erschlagen werden willst. Deadwood Dick mag es nämlich gar nicht, wenn man in diesen Zeiten so frei über ihn berichtet. Und nun zu meinem anderen Anliegen: Ich will eine Anzeige im PIONEER aufgeben, die eine ganze Seite füllt. Und ich will sie in großen Buchstaben, damit sie jeder klar und deutlich lesen kann!«

»Verstehe. Sie wünschen eine Schauanzeige, die allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Nun gut, das kostet Sie eine Kleinigkeit, aber es wird sich zweifellos auszahlen. Zweihundert Dollar, und die Sache geht klar.«

»Spottbillig, nicht wahr?«, spottete der Minenarbeiter. »Ein Wunder, wie du bei so niedrigen Preisen überhaupt überleben kannst. Weißt du was? Ich sage dir, wie wir das machen: Du setzt die Anzeige auf, die ich dir gebe, und stellst sie Deadwood Dick in Rechnung. Wenn sie in der nächsten Ausgabe des PIONEER erscheint, bekommst du dein Geld sofort. Wenn nicht, jag ich dir eine Kugel durch den Kopf, sobald du deine Nase das nächste Mal aus diesem Schuppen steckst. Verlass dich drauf!«

»Was? Das ist doch hoffentlich nicht Ihr Ernst!«

»Und ob das mein Ernst ist. Mein Wort steht, verlass dich drauf. Haben wir uns verstanden?«

»Das kann ich unmöglich tun!«, protestierte Augustus. »Ich habe kein Recht, eine kostenlose Anzeige zu schalten, sehen Sie – das ist schließlich nicht meine Zeitung.«

»Das werden wir ja sehen, mein Bürschchen! Hör erst mal zu, was auf diesem Zettel steht, damit du es dir merkst, bis du es setzt.«

Mit diesen Worten zog der raue Besucher ein weiteres Stück Papier aus der Tasche, studierte es einen Moment und las laut vor:

Deadwood Dick, der Wegelagerer, lässt ausrichten, dass er über diese Spalten Deadwood selbst und all seinen Bewohnern trotzt; dass er sich zurzeit in den Grenzen der Magischen Stadt aufhält und schon bald den sogenannten Deadwood-Regulatoren beweisen wird, dass er für jeden Wegelagerer, der neulich im Big Lode Canyon getötet wurde, den Tod eines Regulators garantiert. Dashing Dave sei gewarnt! Alle Deadwood-Bewohner seien gewarnt! Denn der Prinz der Straße ist auf dem Kriegspfad!«

Gez. Deadwood Dick

»Das nenne ich ein sauberes Geschäft bis ins Rückgrat, mein Lieber!«, rief der Minenarbeiter triumphierend aus. »Das wird den Leuten zeigen, dass Dickey und seine Jungs keine Angst haben; nein, das haben sie nicht! Und nun merk dir, Kumpel: Sieh zu, dass diese Anzeige in der nächsten Ausgabe erscheint, sonst grab schon mal dein Grab. Kapiert?«

»Ja, ja!«, versuchte Augustus, der nun bedeutend mehr Angst hatte, zu beschwichtigen, als er vor dem Minenarbeiter zugeben wollte. »Ich bringe Ihre Anzeige unter, aber machen Sie uns danach bitte keine Schwierigkeiten mehr.«

»Nun, das kommt darauf an. Womöglich tu ich’s, womöglich nicht. Und nun: Guten Tag! Und denk dran, was dir blüht, wenn die Anzeige nicht gedruckt wird!«

Augustus verbeugte sich steif, und der ungehobelte Besucher empfahl sich.

Die nächste Ausgabe des PIONEER enthielt die kühne Warnung von Deadwood Dick. Zu sagen, sie habe Aufsehen erregt, wäre maßlos untertrieben. In Bergbaukreisen herrschte ein Präzedenzfall loser Aufregung; der Artikel war das Thema von Hunderten von Gesprächen: Kapitalisten runzelten die Stirn und hielten ihr Gold noch fester; Minenarbeiter hielten ihre Waffen griffbereit; Dashing Daves Regulatoren hielten Tag und Nacht Wache. Innerhalb von zehn Stunden nach dem Erscheinen der Anzeige im PIONEER hatten die einflussreichen Männer der Magischen Stadt ein Kopfgeld gesammelt: Tausend Dollar waren auf die Ergreifung des berüchtigten Deadwood Dick ausgesetzt.

Die sogenannten Regulatoren standen im Sold der einflussreichen Männer von Deadwood – eine Art finanzielle Leibgarde, die den Krieg gegen Wegelagerer und Diebe führte und hart im Namen der Gerechtigkeit zuschlug.

Dashing Dave war ein großer, kräftiger, gut aussehender Mann der Grenze von etwa 23 Jahren. Er hatte sich als Indianerkämpfer während der Unruhen vor dem verhängnisvollen Einsatz bei Custer einen großen Namen gemacht und wurde von vielen der verzweifelten Gestalten gefürchtet, die die Black Hills unsicher machten. Er hatte seine Familie verloren – eine Frau und sein einen Monat altes Baby –, die von Grenzraubmördern getötet worden waren, seit er in die Hills gekommen war. Dies hatte sein gesamtes Wesen verbittert und ihn zu einem Gesetzlosen auf Eigeninitiative gemacht. Er schlug blind zu, ohne Rücksicht auf sein eigenes Leben, stets auf Rache aus und im Interesse der mächtigen Oberschicht.

Er saß mit einem halben Dutzend seiner Kameraden am Abend nach dem Erscheinen der neuesten PIONEER-Ausgabe im Saloon Metropolitan und besprach die Lage.

»Es besteht wohl kein Zweifel mehr daran, dass Deadwood Dick wieder unter uns ist«, sagte einer aus der Runde – Big-Eared John, ein ebenso abgebrühter Grenzlandveteran wie nur je einer den Abzug drückte. »Er wird mit jedem Vollmond kühner, hol’s der Teufel!«

»Wenn ich mich nicht irre, ist seine Zeit bald abgelaufen«, erwiderte Dashing Dave, während seine Augen ständig den Raum absuchten. »Er hat es in diesen Breiten viel zu weit getrieben. Verlasst euch darauf: Er rennt bald in sein Unglück. Wenn ich ihn erst einmal im Visier habe, heißt es: Lebwohl, Deadwood Dick!«

»Ich wette, Justin McKenzies Frau täte es leid, wenn Dick unter die Erde gebracht würde. Er ist schließlich ihr Bruder, und sie hält große Stücke auf ihn.«

»Das ist mir egal. Pflicht ist Pflicht, und keine Frau wird mir im Weg stehen. Habt ihr McKenzies Hütte im Auge behalten, wie ich es befohlen habe?«

»Ja, aber in der Richtung wirst du deine Beute nicht machen, Mr. Regulator. Dick ist schlauer als ein Fuchs und doppelt so glitschig wie ein Aal. Wenn du ihn schlafend erwischst, kannst du von einem Wunder sprechen.«

»Nun, wir werden sehen. Haltet Augen und Ohren offen. Vielleicht schreckt ihr etwas auf, wenn ihr es am wenigsten erwartet.«

Mit diesen Worten schlenderte Dashing Dave durch den dicht gefüllten Raum, gefolgt von vielen bewundernden Blicken. Er war wahrlich eine imposante Erscheinung mit seiner stattlichen Gestalt und dem sonnenverbrannten, einnehmenden Gesicht. Er besaß eine enorme Muskelkraft, war ein treffsicherer Schütze mit Gewehr und Pistole; seine Augen waren braun, sein Haar von gleicher Farbe, während sein Knebel- und Schnurrbart tiefschwarz waren. Sein Gesichtsausdruck war offen, aber streng; freundlich, und doch fähig zu großer Ernstsinnigkeit.

Folgen wir ihm.

Das Metropolitan war seit unserem letzten Besuch vergrößert worden. Alles befand sich nun unter einem einzigen großen Dach und in einem einzigen Raum; dennoch war das Etablissement Tag und Nacht dicht besucht.

Dashing Dave schlenderte durch den riesigen Raum und warf nach allen Seiten sachkundige, scharfe Blicke zu. Hier und da nickte er einem Bekannten zu oder blickte finster auf einen Feind; denn er hatte viele Feinde unter den rauen Gestalten, die die Bevölkerung der Black-Hills-Metropole ausmachten.

Schließlich stieß er auf einen freien Platz an einem leeren Tisch und zögerte nicht lange, sich hinzusetzen – denn ein Stuhl war in einem Saloon in Deadwood nach Sonnenuntergang Mangelware.

Er hatte jedoch kaum gesessen, als ihm jemand leicht auf die Schulter klopfte. Er drehte sich um und erblickte einen jungen Mann direkt hinter sich. Dieser war hervorragend gebaut und trug gekerbtes Hirschleder; von seinem Gesicht war jedoch kaum etwas zu sehen, da ihm ein riesiger Schlapphut tief in die Augen gezogen war.

»Nun?«, fragte Dave forschend. »Was gibt’s?«

»Diesen Stuhl, bitte!«, lautete die bestimmte Antwort. »Ich saß hier, bevor Sie kamen, und Sie haben meinen Platz eingenommen, während ich mir eine Zigarre geholt habe.«

»Kann ich nicht ändern, mein Freund. Ich habe den Platz frei vorgefunden und wer etwas findet, darf es behalten. Suchen Sie sich also einen anderen!«, riet der Regulator.

»Was ich abzulehnen gedenke«, antwortete der Fremde so kühl wie ein Eisberg. »Dieser Stuhl gehört mir, und hier ist das, was meine Ansprüche untermauert!«

Er hielt einen gespannten Revolver in der rechten Hand, die so weiß war wie die einer Frau. Das Glänzen der Waffe und der Ton seiner Stimme meinten es ernst!

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