Professor Zamorra – Das Schloss der Dämonen
Professor Zamorra
Band 1
Das Schloss der Dämonen
Von Robert Lamont (Susanne Wiemer)
Bastei Verlag, erschienen am 02.07.1974
Fackelschein geisterte über die Wände. Feuchte, modrige Kälte hing in der Luft, der Geruch nach Leder, rostigem Eisen und nassem Gestein. Dicht vor dem Gesicht des Mannes loderte eine Pechfackel, beleuchtete seine schweißnasse Stirn, die zuckenden Lippen, die verzerrten Züge.
Der Mann lag ausgestreckt auf einer Holzpritsche, die Arme über den Kopf gehoben. Breite Lederriemen fesselten seine Hand- und Fußgelenke, ein dickes Tau lief von den Fesseln über eine altmodische Winde, und das Seil war straff gespannt. Der Mann keuchte. Den breitschultrigen, muskulösen Hünen, der die Winde bediente, konnte er nicht sehen. Aber er hatte das Schaben gehört, das nervenzerfetzende Quietschen, und in seinem gemarterten Schädel schien sich das Geräusch fortzupflanzen, bis es sich wie ein glühender Nagel in sein Gehirn bohrte.
Mit Das Schloss der Dämonen präsentiert sich eine anspruchsvolle Horrornovelle, die ihre Leserschaft in die bange Atmosphäre eines altersschweren französischen Bauwerks führt und dort in ihrem Bann hält. Die Erzählung entwickelt sich als fesselnde, durchdacht komponierte Synthese aus okkulten Motiven und psychologischem Spannung, welche den Leser von Anfang an in ihren Bann schlägt. Im Mittelpunkt steht Professor Zamorra, der Prototyp rationalen wissenschaftlichen Denkens – ein Mann, dessen Vertrauen in Vernunft und Logik unerschütterlich wirkt. Nachdem sein Onkel Louis de Montagne unter rätselhaften Umständen verstirbt, begibt sich Zamorra zu dessen entlegenes Anwesen, entschlossen, das Geheimnis hinter diesem Ereignis zu enthüllen. Dort angelangt, muss er sich – zunächst widerwillig – eingestehen, dass die Vorfälle von erheblich größerer Tragweite sind als ein bloßes Verbrechen. Ungebundene übernatürliche Wesen, deren Existenz sich durch Kälte und Finsternis offenbart, sowie ein altes silbernes Artefakt von mysteriöser Kraft stellen sein rationales Weltbild in Frage und untergraben die Fundamente seiner wissenschaftlichen Überzeugungen fundamental.
Diese Konfrontation mit dem Übernatürlichen schafft die Voraussetzung für eine bedeutungsvolle innere Entwicklung, die das gesamte Werk durchzieht und sowohl die Charakterentwicklung als auch die Handlungsführung beeinflusst. Zamorras anfängliches Misstrauen, das zugleich Stärke und Schwachstelle darstellt, weicht im Laufe der Erzählung allmählich einer immer deutlicher werdenden und gleichsam reinigenden Einsicht: Das Übersinnliche existiert nicht nur als abstrakte Idee, sondern als konkrete, zerstörerische Wirklichkeit. Der Autor gestaltet diesen Umbruch mit großem Geschick mittels subtil eingearbeiteter Gedankenströme, in denen Zamorras Hoffnungslosigkeit und intellektuelle Verwirrung zunehmend intensiver werden. Sein aussichtsloses Bemühen, das Unbegreifliche durch Vernunft zu durchdringen, wird zur tragischen Dimension seiner Person.
An Zamorras Seite fungiert die komplexe Gestalt seiner Assistentin Nicole Duval, eine Frau, die zunächst als Garantin der Vernunft wirkt, jedoch bedauerlicherweise zum Spielball übernatürlicher Einflussnahme wird. Obwohl sie anfangs Zweifel hegt, unterliegt sie der Macht eines hypnotischen Prozesses und wird letztlich von dämonischen Kräften missbraucht, deren Macht ihre Identität zerstört. Diese Umkehrung ihrer Rolle von einer Unterstützerin zur Leidenden verleiht der Geschichte zusätzliche existenzielle Bedeutung. Ihnen gegenüber steht als fanatischer Gegenspieler die prägende Figur des Dr. Arcaro Ramondo, ein Mann, dessen intellektueller Dünkel und maßlose Machtbegierde ihn dazu antreiben, Mächte hervorzurufen, die seiner Kontrolle entgehen. Sein Wahnsinn entspringt einer perversen Verschmelzung wissenschaftlichen Ehrgeizes und okkultistischer Besessenheit – eine fatale Verbindung, die letztendlich zu seinem unvermeidlichen Scheitern führt.
Besonders eindrucksvoll wirkt das Werk durch seine intensive, fast erdrückende Grundstimmung, die den Leser wie ein Traum umfängt, sowie seinen klassisch-dramatischen Erzählton, der große Vorbilder der gotischen Literatur ins Gedächtnis ruft. Die einleitende Qual-Szene ruft unmittelbare und nachhaltige Besorgnis hervor, die durch gezielt gesetzte Vorzeichen drohenden Unheils – das kribbelnde Gefühl, die dichte Atmosphäre und die gefrorenen Momente, in denen selbst die Natur zu erstarren scheint – kontinuierlich verstärkt wird. Diese geschickt aufgebaute Spannungsentwicklung mündet in verstörende und verstörende Szenen von intensiver Wirkung, in denen die übernatürlichen Kreaturen, insbesondere die detailliert und mit gewaltiger Wucht geschilderten Feuergeister, sichtbar werden und sich in ihrer beängstigenden Form manifestieren. Parallel behandelt der Autor tiefe philosophische und ethische Fragen mit sorgfältiger Ernst: den andauernden, möglicherweise unauflösbaren Streit zwischen strukturierendem Verstand und destruktivem Bösen, die moralischen Verpflichtungen, die mit Macht verbunden sind, sowie das zeitlose, bis in archaische Überlieferungen hineinreichende Rätsel von Verhängnis und Freiheit – Fragen, die ihre Aktualität bewahren und zum Nachdenken bewegen.
Trotz ihrer augenfälligen Vorzüge – namentlich die gelungene Vereinigung wissenschaftlicher Gedankenwelt mit körperlichem und mentalem Horror, die das Werk von standard-konventionellem Schauerwerk unterscheidet – zeigt die Novelle indessen auch einige begrenzte Mängel, die bei objektiver Betrachtung nicht unbeachtet bleiben dürfen. Gewisse okkulte Begründungen und kosmische Konzepte erscheinen in ihrer Erklärung gelegentlich unzureichend begründet und nicht ausreichend entfaltet, während einzelne Übergänge zwischen den Handlungsabschnitten eher unvermittelt wirken und einer stärkeren narrativen Ausarbeitung bedürfen. Ferner wäre Nicole Duval als eigenständige Gestalt und handelnde Kraft selbstständiger und mit umfassenderer psychologischer Ausgestaltung gestaltet worden, anstatt sie primär als Opfer von Beeinflussung darzustellen. Zudem wirkt das insgesamt zufriedenstellend gelöste Schlusskapitel für eine solch düstere und hoffnungslose Erzählung stellenweise etwas zu versöhnlich und harmonisierend, was dem ansonsten rigorosen Tenor der Novelle zuwiderläuft.
Indessen bleibt Das Schloss der Dämonen trotz dieser Vorbehalte eine gelungene und lesenswerte Erzählung, die intellektuelle Anspruchshaltung mit atmosphärischer Dichte und literarischem Raffinement meisterhaft vereint. Lesende, die klassischen Horror mit übernatürlichen Dimensionen schätzen und vor vehementen, verstörenden Darstellungen nicht zurückweichen – sondern diese bewusst aufsuchen – erhalten hier vorzügliche Unterhaltung und ein Leseerlebnis, das ihre Vorstellungen erfüllt. Mit einer Bewertung von 7,5 Punkten erweist sich das Werk als empfehlenswerte, atmosphärisch prägnante und psychologisch fundierte Schauer-Erzählung von respektabler Qualität, die ihre Leserschaft bindet, aufrüttelt und noch lange nach Abschluss der Lektüre in Gedanken und Träumen nachwirkt.
(wb)

Schreibe einen Kommentar