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Aus dem Reiche der Phantasie – 1. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 8
Die Ansiedlung auf dem Meeresgrund
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 1
Im Taucheranzug

»Die Wunder der Meerestiefe möchte ich einmal sehen«, sagte Richard vor dem Schlafengehen. »Es steht mir zwar frei, mir zu wünschen, mich im Wasser in jeder Tiefe genau wie an der Erdoberfläche bewegen zu können und meine Lungen in Kiemen zu verwandeln, aber das will ich nicht. Das ist unnatürlich. Solche Dinge begreift man oft selbst im Traum nicht und wundert sich dann darüber – wie ich schon in früheren Träumen manchmal bemerkt habe. Ich will mich daher nur an Möglichkeiten halten, auch wenn die Fantasie sonst noch so kühn arbeitet. So wünsche ich mir also ein Taucherkostüm, von dem ich annehme, dass ich es selbst erfunden und hergestellt habe und das allen Anforderungen der Situation entspricht, in die mich die Fantasie versetzen wird.«

Nachdem er eingeschlafen war, erwachte er scheinbar wieder. Er verließ im Nachtgewand das Bett und öffnete die geheimnisvolle Kammertür. Vor ihm lag der blaue Spiegel des Meeres. Direkt von der Türschwelle aus erstreckte sich eine kurze Holzplattform oder vielleicht auch ein schwimmendes Floß zu seinen Füßen, das ihn zum Betreten einlud.

Gleich darauf – genau in dem Augenblick, als er die Schwelle überschritt – vollzog sich die Verwandlung an ihm: Statt des Nachthemdes umgab ihn nun ein Taucherkostüm. Desen einzelne Vorrichtungen schienen ihm sofort vertraut; ebenso hatte er sogleich eine Vorstellung von ihrer Leistungsfähigkeit und traute sich zu, die Instrumente zu beobachten sowie die Sicherungen zu handhaben. Kurz gesagt: Nichts an seinem Taucherkostüm dünkte ihm fremd.

Dabei war sich Richard nicht im Geringsten bewusst, nur zu träumen. Von nun an war für ihn alles greifbare Wirklichkeit.

Das Gewand, in dem er steckte, war ein Taucheranzug, bestehend aus einem wasserdichten Anzug und einem großen Helm mit Sichtfenstern; die Füße waren mit dicken Bleisohlen beschwert. Luft musste ihm von oben nicht mehr durch eine Pumpe zugeführt werden, wie es bei den alten Taucherapparaten der Fall ist, die vermutlich schon in einigen Jahren in der Rumpelkammer landen werden.

Sein Kostüm war so konstruiert, dass der Taucher einen für viele Stunden reichenden, komprimierten Luftvorrat in einer Art Tornister auf dem Rücken mit in die Tiefe nahm. Von diesem gingen zwei Schläuche aus, die ihn mit dem Glockenhelm verbanden. Ein Mechanismus regulierte die Luftzufuhr – die bei zunehmender Tiefe stets angepasst werden musste – und sorgte über ein Ventil für das Ausstoßen der ausgeatmeten Luft. Derartige Apparate werden immer vollkommener gebaut, und auch Richard besaß ein solches Modell von höchster Vollendung.

An seinem Gürtel hingen eine elektrisch gespeiste Lampe, ein Kompass, ein Tiefenmesser und andere Instrumente, die den heutigen Tauchern ganz unbekannt sind und die er erst noch ausprobieren wollte. Auch sein Helm war mit einer ganz besonderen Art von Telefon ausgestattet.

Ein Telefon besitzen heutzutage allerdings alle modernen Taucheranzüge, beispielsweise die der Marine: Die Membran, mit der man hört, befindet sich seitlich am Ohr, und man braucht den Kopf nur ein wenig dorthin zu drehen, damit der Mund das Sprechstück erreicht. Da isolierte Kupferdrähte wie bei jedem anderen Telefon die Verbindung herstellen, kann sich der Taucher jederzeit mit den oben Gebliebenen unterhalten, Anweisungen empfangen und Mitteilungen machen.

Zusätzlich war er noch mit einem Messer, einem Axthammer und einer Pistole mit sehr langem Lauf bewaffnet, die elektrische Glaskugeln schoss und deren Wirksamkeit unter Wasser er ebenfalls zu erproben gedachte.

Doch bevor wir in unserer Schilderung fortfahren, wollen wir zunächst eine Frage an unsere lieben Leser richten: Wie tief kann ein Taucher eigentlich tauchen?

Die Antwort darauf lautet: Nicht tiefer als 40 Meter – und selbst dabei setzt er sich bereits einem kolossalen Druck und sein Leben einer großen Gefahr aus. Allerdings gab es auch Fälle, in denen Taucher in Tiefen von 50 Metern und noch etwas mehr hinabstiegen und lebendig wieder heraufkamen. Das waren jedoch leichtsinnige Draufgänger, die sich mehr auf ihre robuste Natur als auf die Berechnungen der Physiker verließen. Ihr Wagnis büßten sie daher fast immer mit lebenslangem Siechtum, sofern sie nicht direkt nach dem Auftauchen – ganz schwarz im Gesicht – von einem Schlaganfall getroffen wurden.

Dem Hinabsteigen ins Wasser sind eben Grenzen gesetzt. Doch wie wir vorsichtig hinzufügen wollen: nur vorläufig. Denn diese Grenzen werden sich mit der fortschreitenden Entwicklung der Taucherapparate immer weiter nach unten verschieben. Heutzutage scheitern die Versuche, persönlich in große Tiefen vorzudringen, noch an einem geeigneten Bekleidungsmaterial. Der Druck nimmt nach unten hin konstant zu, und bisher wurde noch keine Kleidung erfunden, die den Körper vollständig vor diesem Druck schützt.

Es wurden bereits Meerestiefen von über 6000 Metern gemessen – im Vergleich dazu haben vierzig Meter nicht viel zu sagen. Dennoch sind sie bereits eine sehr respektable Tiefe. Ein fünfstöckiges Haus ist ungefähr 20 Meter hoch. Man stelle sich zwei solche, bereits sehr hohe Häuser übereinander vor, um eine Ungefähre Vorstellung davon zu bekommen, in welcher Tiefe unter dem Meeresspiegel der Taucher arbeitet.

Richard jedoch hatte das Problem des widerstandsfähigen Taucheranzugs gelöst, obwohl dieser auch bei ihm nur aus einem sehr geschmeidigen Stoff bestand. Je tiefer er stieg, desto mehr nahm – parallel zum steigenden Druck – die Widerstandsfähigkeit des Materials zu. Das Gleiche galt für den Glockenhelm. Und da auch seine Hände mit Handschuhen aus diesem Stoff bedeckt waren, gab es für ihn überhaupt keine unerreichbare Tiefe mehr.

Wir würden gern noch mehr von seiner wunderbaren Erfindung erzählen, aber Richard hielt sie so geheim, dass er sie nicht einmal als Patent angemeldet hatte. Daher dürfen auch wir sein Geheimnis nicht verraten.

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