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Atlantis – Teil 1

Hans Dominik
Atlantis
Überarbeiteter Text

Das Kohlenschiff CHRISTIAN HARLESSEN lag fünf Kilometer südlich von Black Island vor Anker. Dreitausend Pferdestärken Maschinenkraft, viertausend Tonnen Wasserverdrängung, Heimathafen Hamburg, Reederei Jacob Jeremias Uhlenkort & Söhne.

Fröstelnd schob sich der Wachtmann – die einzige Seele auf Deck – an der Reling entlang. Mechanisch ließ er seinen Blick gelegentlich über das eiskristalline Meer gleiten. Ein dünner Nebelschleier verwehrte noch die Sicht. Ein lichter Schimmer von Osten kündigte die aufsteigende Sonne an. Mit jeder Minute wurde die Luft klarer.

Am Vordersteven machte er Halt. Sein Blick war nach Norden gerichtet, wo Black Island liegen musste.

Da … er stand … und stand. Langsam löste er seine Hände aus den Taschen und fuhr sich über die Augen. Dann packten seine Fäuste die Reling und umklammerten sie, als wollten sie das starke Stahlrohr zerquetschen.

Black Island? … War das die Insel Black Island?

Land … Das war Land … ja, das war Land, das sich vor ihm ausbreitete.

Seine Lippen bewegten sich, als wollten sie schreien. Die weit geöffneten Augen starrten geradeaus.

Doch! Da war Black Island … Da war es ja … aber viel näher! Viel größer … und es wurde immer größer … immer höher.

Die zerklüfteten Felsspitzen der Insel schienen im hellen Sonnenschein vor den dunklen Wolken des Hintergrundes in die Höhe zu streben. Das Vorland wuchs nach allen Seiten. In immer weiteren Kreisen dehnte sich der Strand aus und schien auf das Schiff zuzulaufen.

Da lösten sich seine Hände. Er schlug sie vor das Gesicht, wandte sich zur Flucht ab und stürzte fort.

Ein Schrei wie aus tiefster Not gellte über Deck.

»Land! … Land! … Land ahoi!«

Er riss die Luke zum Quartier auf. »Land ahoi!«, brüllte er in den Raum.

Die Gestalt des Ersten Steuermanns schob sich die Treppe hinauf. Bevor er die oberste Stufe erreichte, krallten sich zwei Hände in seine Schultern. Der Schrei gellte ihm in die Ohren: »Land voraus! … Land ahoi! … Land kommt auf uns zu!«

Mit einem Ruck schüttelte der Steuermann ihn ab. »Was? … Was schreist du? Land? … Land ahoi? Bist du …?«

Seine Augen folgten dem ausgestreckten Arm, der nach Norden zeigte.

»Land ahoi, Steuermann!«

Der Steuermann taumelte zurück. »Land ahoi!«, schrie es von seinen Lippen. »Anker auf! … Anker auf! … Dampf auf!«

Die Deckleute stürzten nach oben.

»Anker auf!«, brüllte der Steuermann und lief zur Brücke. Knatternd setzte sich die Motorwinde in Bewegung. Klirrend und rasselnd fuhr die Ankerkette durch die Klüse. Der Maschinentelegraf klang schrill auf. Die Schiffsmotoren sprangen an.

»He, Steuermann! Was ist los? Was soll das?«, rief der Kapitän, der auf der Brücke stand und den Steuermann am Arm fasste.

Dieser fuhr herum.

»Land! Kapitän … Das Land kommt auf uns zu!«

»Das Land kommt?«, murmelten die Lippen des Kapitäns. Sein tief gebräuntes Gesicht erblasste. Mit unruhigen Händen hob er das Fernglas. Er sah, wie das Land vor ihm wuchs – Black Island … in die Höhe, in die Breite. Er sah, wie es auf sie zukam … näher und immer näher.

»Ruder backbord! Hart backbord! Volldampf voraus!«, schrie der Steuermann.

»Volldampf voraus!«, rief der Kapitän hinterher.

Der Schiffsrumpf erzitterte. Das Schiff kam in Bewegung, gehorchte dem Steuer und floh vor dem wachsenden Land. Mit Grauen hängten die Blicke der Mannschaft an den steigenden Felsen, an dem Land, das sie zu verfolgen schien und ihre Sinne verwirrte.

Schließlich wurde die Entfernung immer größer, bis das Phänomen im Nebel entschwand. Die Kehlen wurden frei, und die Lippen vermochten wieder zu flüstern und zu sprechen über das nie Gesehene, nie Erlebte.

»Volldampf voraus!« So fuhren sie weiter, bis sie an der Mole von Wibehafen festmachten.

Der Hafenkommandeur sah die verstörten Gesichter und befragte die Mannschaft. Die Seeleute blickten wie erschüttert in die Ferne und erzählten von dem gespenstischen Land, das vor ihren Augen aus dem Meer gewachsen war und vor dem sie geflohen waren.

Da schickte der Kommandeur ein Regierungsschiff aus. Es fuhr nach Black Island. Dort sahen die Kundschafter das Land liegen: Wie ein Turm über einem Kirchdach lag die alte Insel auf einer neuen, viel größeren Landmasse, die aus den Fluten gestiegen war.

In langsamer Fahrt und unter ständigem Loten umsteuerte das Schiff das neue Land. Wo vordem hundert Quadratkilometer aus der See ragten, dehnten sich nun tausend Quadratkilometer aus. Die Besatzung kehrte nach Wibehafen zurück und berichtete von der Entdeckung.

Dann begann der Telegraf zu senden und meldete der Welt das Ereignis.

***

Überraschend war das Bild, das sich Walter Uhlenkorts Augen bot, als er in das Riesenrund des Zirkus trat. Er blieb beeindruckt stehen, ohne den wartenden Logenschließer zu beachten.

Zwar entsprach der Aufbau dem, was er aus den großen Zirkussen der Welt kannte: In den Logen die feine Gesellschaft, stark durchsetzt von Offizieren in glänzenden Uniformen; im ersten Rang das gehobene Bürgertum, dahinter der Mittelstand und schließlich die dicht besetzte Galerie.

Das Publikum in Timbuktu, der Haupt- und Residenzstadt des Kaisers Augustus Salvator von Zentralafrika, bot einen imposanten Anblick: Die Eleganz der nach neuestem internationalem Schnitt gekleideten Logengäste, die prachtvoll dekorierten Uniformen der Offiziere, die kostbaren Abendkleider der eleganten Damen und das vielschichtige Publikum bis hinauf zu den obersten Rängen fügten sich zu einem eindrucksvollen Gesamteindruck zusammen. Minuten verstrichen, bevor Uhlenkort seinen Blick von der Szenerie lösen konnte.

Die plötzlich einsetzende Lichtflut der Scheinwerfer lenkte seine Aufmerksamkeit ab. Auf der Decke über der mächtigen Arena erschienen in leuchtenden Buchstaben die neuesten Weltnachrichten. Automatisch las er die Texte:

Spitzbergen, 18. März. Fünfzigjähriges Betriebsjubiläum der Vereinigten Arktischen Kohlengruben. Seit der Eröffnung im Jahr 1952 hat sich die Ausbeute verzehnfacht. Die Förderung erreichte in der ersten Märzhälfte erstmals 25 Millionen Tonnen.

London, 18. März, 18:00 Uhr. Aus Anlass der von Amerika geplanten Großsprengung für eine neue Kanalroute in Panama kam es in mehreren schottischen Städten zu Demonstrationen.

Tschadsee, 18. März, 18:30 Uhr. Die Arbeiten am Kaiser-Augustus-Schacht wurden so weit gefördert, dass am 20. März die Rekordtiefe von 6.000 Metern angefahren wird.

Nachdrängende Besucher veranlassten Walter Uhlenkort weiterzugehen. Er schritt den Rundgang entlang zu seiner Loge. Ein Schließer überreichte ihm Opernglas und Programm. Er nahm seinen Platz vorne rechts ein, begrüßte seinen Nachbarn zur Linken mit einem leichten Kopfnicken und vertiefte sich in das Programm:

Grand Zirkus Webster Brothers Timbuktu, 18. März 2002 Große Gala- und Eröffnungsvorstellung Auftreten sämtlicher Künstler und Spezialitäten! Die berühmtesten Artisten der Welt! Erstklassige Pferde! Großartige Raubtierdressuren in nie gesehener Vollendung!

Uhlenkorts Blick überflog die Programmpunkte und blieb bei der vierten Nummer haften: Miss Arabella Simson, die beste Schulreiterin der Welt, auf ihrem englischen Vollbluthengst Cohinor.

Er ließ das Blatt sinken und blickte nachdenklich in die Arena. Die schwungvolle Zirkusmusik riss ihn aus seinen Gedanken. Noch einmal wanderte sein Blick über die voll besetzten Ränge, ehe er seinen Nachbarn genauer betrachtete: ein hageres, glattrasiertes Gesicht, tief gebräunt von der afrikanischen Sonne.

Uhlenkort zog seine Uhr und blickte zur noch leeren Kaiserloge.

»Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige … aber hier lässt man sich offenbar noch Zeit«, bemerkte sein Nachbar leise auf Englisch.

»Es scheint so«, erwiderte Uhlenkort schmunzelnd. »Es wird aber wohl nicht mehr lange dauern. Die Diplomatenlogen füllen sich bereits. Da drüben links tritt gerade der Botschafter des Europäischen Staatenbundes ein, Seine Exzellenz Dührsen – falls es Sie interessiert. Oder kommen Sie nicht aus Europa?«

»Richtig geraten …«

Jäh verstummte die Musik und ebenso schlagartig das Murmeln im Publikum. Alle Blicke richteten sich auf die Kaiserloge, in die der Oberhofmarschall getreten war.

Nach dreimaligem Aufstoßen seines Stabes ertönte die afrikanische Nationalhymne. Das Publikum erhob sich geschlossen und stimmte in die Melodie ein.

Die Türen im Hintergrund der Loge öffneten sich. Inmitten seines militärischen Gefolges trat der Kaiser vor, blieb an der Brüstung stehen und dankte mit einem Nicken für den Beifall. Erst als die Hymne verhallt war, nahm er Platz, und die Zuschauer taten es ihm gleich.

»Sankt Pauli ist gar nichts dagegen«, brummte Uhlenkorts Nachbar beim Hinsetzen vor sich hin.

Diese Worte in unverfälschtem Hamburger Dialekt veranlassten Uhlenkort, sich überrascht umzudrehen.

»Auch aus Hamburg?«

»Ebenfalls aus Hamburg!«, erwiderte der Mann erfreut und schaute ihn prüfend an. »Waterkant hatte ich mir schon gedacht. Trifft man sich nicht am Jungfernstieg, sieht man sich halt in Timbuktu!«

Er reichte Uhlenkort erfreut die Hand, die dieser herzlich schüttelte.

»Das nenne ich Zufall! Da hat Klaus Tredrup drei Tage Urlaub vom Tiefschacht am Tschadsee und trifft gleich am ersten Tag einen Landsmann!«

»Die Freude ist ganz meinerseits, einen Hamburger zu treffen, der sich hier auskennt.«

»So etwas aber auch, Herr …«

»Uhlenkort.«

»Uhlenkort? … Von Jacob Jeremias Uhlenkort & Söhne? Ah!«

Applaus unterbrach das Gespräch. Sie sahen gerade noch eine Panneauxreiterin in den Sand springen, die sich lächelnd für den Beifall bedankte.

Tredrup schüttelte den Kopf über den Trubel der Show und meinte leise: »Schon erstaunlich, was den Leuten hier geboten wird.«

»Pst! Nicht so laut, Landsmann«, unterbrach ihn Uhlenkort schmunzelnd.

Tredrup zuckte zusammen. »Sie haben recht. Die deutsche Sprache ist hier weit verbreitet, und aufmerksam ist man überall.«

Ein paar Clowns kugelten in die Arena und sorgten für heitere Stimmung unter den Zuschauern.

»Herr Uhlenkort, bleiben Sie noch etwas in Timbuktu?«, fragte Tredrup.

Uhlenkort nickte. »Ja, noch heute Abend habe ich etwas vor?«

Erneut ein zustimmendes Nicken.

»Ausgezeichnet! Verschieben wir unser Gespräch auf nach der Vorstellung.«

»Gerne schon in der ersten Pause!«

»Abgemacht! Ich schlage das Lokal beim Obermoser vor. Da gibt es gut gekühltes Bier vom Fass.«

Die vierte Programmnummer begann. Miss Arabella Simson ritt auf einem prächtigen Vollblut in die Manege, das vom Stallmeister am Zügel geführt wurde.

Tredrup wandte sich an seinen Nachbarn und bemerkte, dass Uhlenkort eine Fotografie aus seiner Brieftasche gezogen hatte und aufmerksam zwischen dem Bild und der Reiterin hin- und herblickte. Tredrup schwieg verständnisvoll. Mit einem Ruck steckte Uhlenkort das Bild wieder zurück.

»Wollen wir vielleicht schon jetzt gehen?«, fragte Uhlenkort.

»Alright, mir soll es recht sein!«

 

***

 

Gerade als sich die beiden Hamburger von ihren Plätzen erhoben, betrat ein anderes Paar eine gegenüberliegende Loge: Ein Herr und eine Dame in eleganter Abendgarderobe. Der Herr, Ende dreißig, war hochgewachsen und mager, mit schmalem Gesicht und hellen Augen unter markanten Brauen. Ein leichtes, undurchsichtiges Lächeln lag auf seinen Lippen.

An den Börsen von New York und Chicago war dieses Lächeln wohlbekannt und gefürchtet. Klaus Tredrup wäre nicht so gelassen geblieben, hätte er seinen alten Rivalen Guy Rouse wiedererkannt.

Guy Rouse erblickte die beiden Hamburger, wandte sich rasch um und raunte dem Logendiener eine Anweisung zu. Dann trat er zu seiner Begleiterin, die stilvoll an der Brüstung stand, und half ihr aus dem Abendcape.

Die Aufmerksamkeit, die sie auf sich zog, war verständlich: Juanita Alameda war eine Erscheinung von zeitloser Eleganz und Schönheit.

Als Rouse sich setzen wollte, trat ein dunkel gekleideter Herr an ihn heran. Nach wenigen geflüsterten Worten nickte dieser kurz und entfernte sich.

Rouse setzte sich und hob das Opernglas. Scheinbar beobachtete er das Geschehen in der Manege, doch sein Blick galt seiner Nachbarin, die aufmerksam die Reitkunststücke verfolgte.

»Findest du nicht auch, Juanita, dass sich der Besuch lohnt? Man sieht hier wirklich Interessantes«, sagte er.

»Wie meinst du das?«

»Nun, allein der Anblick des Zirkusraums und der Gäste ist faszinierend. Sieh nur die Loge des Kultusministers mit seiner Familie. Die Dame neben dem Minister in ihrer leuchtend roten Seidenrobe zieht alle Blicke auf sich. Und der junge Mann an ihrer Seite – ihr Verlobter – wird demnächst Legationssekretär in Washington. Ein ausgesprochen talentierter Diplomat, der in New Orleans studiert hat und mehrere Sprachen fließend beherrscht.«

»Hast du etwas gesagt, Guy?«, fragte Juanita, die ihn nun aufmerksam ansah.

Rouse schmunzelte leicht. »Ich habe mich nur darüber gefreut, wie abwechslungsreich dieser Abend ist.«

Sie blickte ihn forschend an. »Du amüsierst dich also?«

Er nickte. »Allerdings! Ich habe mich gerade gefreut!«

»… gefreut?«

»Aber ja! Es macht Freude, wenn man einen alten Bekannten wiedersieht.«

»… einen alten Bekannten?«

»Wozu noch die Fragen? Lassen wir das Spiel. Ich bewundere deine Selbstbeherrschung – sie war meisterhaft! Nur wer dich so gut kennt wie ich und in deinen Augen lesen kann, konnte bemerken, dass du ihn gesehen hast.«

»Wen? … Ihn?«, kam es schwach, fast tonlos von Juanitas Lippen.

»Nun, unseren gemeinsamen Freund, deinen früheren Jugendfreund … Mr. Tredrup.«

Juanita zerknitterte nervös das Programm und starrte minutenlang geradeaus. »Was hast du mit ihm vor?«

»Ich? … Mit ihm? Ich glaube, du überschätzt mein Interesse an Mr. Tredrup.« Er lächelte müde und zugleich grausam.

»Ja! … Ich schätze dein Interesse an Tredrup … du weißt, wie gut ich dich kenne. Wer war der Mann, der vorhin zu dir in die Loge trat?«

»Ein Kriminalbeamter! Das letzte Zusammentreffen mit Mr. Tredrup war, wie du weißt, nicht ganz ohne Gefahr für mich. Gefahren gehe ich nach Möglichkeit aus dem Weg. Ein erneutes Treffen könnte wieder Risiken mit sich bringen – für mich und vielleicht auch für ihn. Wir bleiben noch einige Tage hier. Der Beamte wird mir Bericht erstatten, wie es um Mr. Tredrup steht.«

»Guy! …«, klang es fast flehend.

»Bitte, Juanita!«

»Guy! Ich bitte dich!«

»Du bittest, Juanita? Worum?«

»Schone ihn! Schone sein Leben!«

Er sah an ihr vorbei ins Leere. Das kühle Lächeln war von seinen Lippen geschwunden.

»Guy!«, drängte sie nochmals. »Schone ihn um der Liebe willen …«

»… die du einst für Mr. Tredrup empfandest und vielleicht heute noch empfindest?«

»Guy!«

»Oder meinst du die Liebe … unsere Liebe?« Ein hartes, berechnendes Lächeln kehrte auf sein Gesicht zurück. »Oder meinst du etwa unsere Liebe?«

»Guy! Ich weiß, dass ich an deiner Seite lebe und du über mich bestimmst. Du weißt, wie oft ich dir nützlich war und noch sein werde. Du weißt auch, dass das glänzende Leben, das ich an deiner Seite führe, nicht alles ist … aber …«

»Aber? Juanita, du wagst es, aber zu sagen?«

»Ja! Aber es gibt Grenzen! Grenzen, an denen mein Herz …«

»Dein Herz? Gehört dein Herz etwa nicht mir, Juanita?«

»Guy, hüte dich!«

»Du scherzest, Juanita!«

In diesem Augenblick kehrte der Kriminalbeamte zurück, trat zu Guy Rouse in die Loge, übergab ihm einen Zettel mit der gewünschten Adresse und flüsterte ihm einige Worte zu. Sorgfältig steckte Rouse den Zettel in seine Brieftasche.

Dann spendete er beiläufig Beifall, als die Mitglieder der Tauchergruppe nach ihren beeindruckenden Vorführungen wieder an der Wasseroberfläche erschienen.

»Ausgezeichnet! Eine faszinierende Darbietung, wie sie das Publikum in ihren Bann zieht. Die Artistik dieser Taucherinnen ist wirklich beeindruckend.«

Die Vorführungen der Tauchergruppe waren beendet. In der folgenden Pause flammten neue Nachrichten des Pressedienstes an der Lichtwand auf:

 

Panama, 18. März, 18:45 Uhr Ortszeit. Die Minen von Kilometer 60 bis 70 sind geladen. Die Bohrlöcher der Schlussstrecke von Kilometer 70 bis 73 sind mit Erreichung einer Tiefe von 1,5 Kilometern vollendet. Die Vorbereitung der Sprengkammern auf diesem letzten Streckenabschnitt hat begonnen. Die Haltung in den Vereinigten Staaten befürwortet die gleichzeitige Zündung sämtlicher Minen.

 

Christiania, 18. März, 18:30 Uhr Ortszeit. Die aus allen Landesteilen gesammelten Resolutionen wurden soeben an die europäische Zentralregierung in Bern übermittelt. Norwegen protestiert erneut nachdrücklich gegen die gleichzeitige Sprengung aller Panamaminen.

 

Timbuktu, 18. März, 19:30 Uhr. Die kaiserliche Regierung hat beschlossen, die Erschließung des sechsten Kilometers im Kaiser-Augustus-Schacht mit einem feierlichen Akt zu begehen. Seine Majestät wird persönlich an der Zeremonie teilnehmen.

 

Als diese Nachricht erschien, durchbrauste begeisterter Applaus den Zirkus. Viele Blicke richteten sich auf die Hofloge.

Als die spontane Kundgebung verrauscht war, begann sich der Zirkusraum langsam zu leeren; die große Pause lockte zahlreiche Besucher ins Foyer.

Guy Rouse wandte sich an Juanita. »Ich verlasse dich für einen Moment. Ich habe ein paar dringende Fragen an unseren Botschafter zu richten.«

Nachdem Rouse gegangen war, verließ auch Juanita die Loge und trat auf den Rundgang. Dort erblickte sie den Beamten, der Rouse zuvor die Adresse übergeben hatte. Entschlossen zog sie einen Stift heraus, notierte in aller Eile ein paar Worte auf die Rückseite ihres Programms und gab dem Beamten ein unauffälliges Zeichen. Dann kehrte sie zur Loge zurück und ließ wie durch Versehen ihren Fächer fallen. Der Beamte reagierte sofort, eilte herbei und überreichte ihr den Fächer.

Während Juanita den Fächer entgegennahm, reichte sie dem Beamten das zusammengefaltete Programm: »Von Mr. Rouse für Mr. Tredrup.«

Kaum hatte der Beamte sie verlassen, kehrte Rouse zurück. Als er Juanita vor der Loge antraf, blickte er sich misstrauisch um.

»Wo wolltest du hin, Juanita?«

»Ich wollte ins Foyer. Die Luft hier ist drückend … aber die Blicke draußen sind mir noch unangenehmer. Ich möchte nach Hause, mein Kopf schmerzt.«

»Ich habe soeben vom Botschafter erfahren, dass der Kaiser den Zirkus verlässt und mich um 21:30 Uhr im Schloss erwartet. Wir kehren sofort ins Hotel zurück.«

 

***

 

Später saßen Uhlenkort und Tredrup beim Wirt Obermoser zusammen.

»Wie sieht es aus, Herr Uhlenkort, wollen wir noch einmal nachbestellen?«, fragte Klaus Tredrup und schwenkte seinen leeren Krug in Richtung Büfett. »Meine drei Tage Urlaub sind bald vorbei, und beim Schacht am Tschadsee gibt es solches Bier nicht!«

Ohne eine Antwort abzuwarten, rief er: »Noch zwei Maß, Herr Obermoser!«

Walter Uhlenkort nickte amüsiert. »Das Bier ist hervorragend. Das könnte man auch in München servieren; selbst anspruchsvolle Genießer wären zufrieden.«

Der korpulente Wirt Obermoser brachte zwei schäumende Krüge an den Tisch. »Wohl bekomm’s! Das ist gutes Bier – wer hätte gedacht, dass man so etwas in Timbuktu findet, Herr Uhlenkort!«

»Nun, wie schmeckt es denn den einheimischen Gästen, Herr Obermoser?«, fragte Uhlenkort. »Ich habe im Vorbeigehen den belebten Stammtisch nebenan bemerkt.«

»Ja, Herr Uhlenkort«, schmunzelte der Wirt, »das hätte ich anfangs selbst nicht geglaubt, dass die lokalen Gäste so Gefallen daran finden würden. Ich hatte ursprünglich hauptsächlich europäische Gäste erwartet, aber inzwischen habe ich hier viele Stammgäste aus der Region gewonnen. Es sind Leute dabei, die mühelos mehrere Maß Exportbier trinken! Wollen die Herren die neuesten Nachrichten lesen? Das mit der Feier am Schacht kennen Sie ja sicherlich schon, Herr Tredrup.«

»Was denn für eine Feier?«

»Die große Einweihung!«

»Nein, davon wissen wir noch gar nichts! Zeigen Sie her.«

Der Wirt Obermoser eilte in den Nebenraum. Durch die offene Tür hörte man das gesellige Treiben am Nachbartisch.

»Wie in einem Münchner Brauhaus«, amüsierte sich Uhlenkort und lachte.

Obermoser kehrte zurück und legte die Abendausgabe des Zentralafrikanischen Reichs- und Staatsanzeigers auf den Tisch. »Hier können Sie es nachlesen.«

Tredrup überflog den Text und las, dass Seine Majestät persönlich zur Einweihungsfeier des sechsten Kilometers des Schachtes anreisen werde.

»Donnerwetter! Das ist eine Überraschung. Dieser Entschluss muss sehr kurzfristig gefallen sein. Unsere Werkleitung wusste noch nichts davon, als ich abreiste. Da wird jetzt einiges los sein – womöglich werde ich schon morgen zurückgerufen.«

Er nahm einen tiefen Schluck. »Dann ist das heute wohl doch nicht mein letzter Krug gewesen. Herr Obermoser, noch eine Runde!«

Tredrup hielt inne und wandte sich an Uhlenkort.

»Herr Uhlenkort, für Sie böte sich jetzt vielleicht die Gelegenheit, die Schachtanlage zu besichtigen. Die europäischen Diplomaten werden sicher eingeladen. Normalerweise gelangt kaum ein Außenstehender auf das Gelände, da strenges Zutrittsverbot herrscht. Aber in Begleitung Ihres Botschafters könnte es klappen.«

»Ein guter Gedanke, Herr Tredrup. Ich werde mich morgen Früh beim Botschafter erkundigen. In Europa ist man sehr neugierig auf das Projekt. Ähnliche Vorhaben wurden bei uns diskutiert, als die Kohle knapp wurde und bevor man die Vorkommen auf Spitzbergen erschloss, aber wegen der enormen Schwierigkeiten verworfen. Damals hat der US-Ingenieur Grimmaud stark dafür geworben. In Europa hatte er keinen Erfolg, aber Kaiser Augustus ließ sich offenbar von dem Konzept überzeugen … oder steckt womöglich eine noch durchdachtere Strategie dahinter?«

»Wie meinen Sie das, Herr Uhlenkort?«, fragte Tredrup aufmerksam.

Uhlenkort zuckte die Achseln. »Einen kilometerweiten Schacht so tief in die Erde zu treiben, um die Erdwärme im riesigen Maßstab zu nutzen und Millionen Pferdestärken zu gewinnen – ein Projekt, das viele weltweite Experten als undurchführbar abgetan haben. Dass ein weitsichtiger Staatsmann wie Kaiser Augustus Milliarden darin investiert, erscheint mir nicht ohne Hintergedanken.«

»Herr Uhlenkort! Wie kommen Sie darauf? Was vermuten Sie?«

Uhlenkort blickte ihn prüfend an und lächelte leicht. »Nun, lieber Herr Tredrup, ich denke vermutlich genau das, was auch Sie denken.«

»Können Sie etwa Gedanken lesen? Woher wollen Sie wissen, was ich denke?«

»Herr Tredrup, zum Diplomaten sind Sie wahrlich nicht geboren – und die Krüge Bier tun ihr Übriges. Ihr Gesichtsausdruck verrät Ihre Gedanken sehr deutlich.«

Tredrup schwieg einen Moment, holte tief Luft und rief: »Prost, Herr Uhlenkort! Dass ich kein Diplomat bin, stimmt wohl … Aber trotz allem halte ich Sie für einen äußerst aufmerksamen Beobachter. Was ich vermute, möchte ich nicht aussprechen, aber wenn es zutrifft, hat die hiesige Regierung damit einen entscheidenden Vorteil in der Hand. Aber wie kommen Sie darauf? Was wissen Sie konkret?«

Anstatt zu antworten, tauchte Uhlenkort den Finger in das Kondenswasser seines Glasuntersetzers und zeichnete auf die Tischplatte die Summenformel CaC₂ (Calciumcarbid). Kaum hatte Tredrup einen Blick darauf geworfen, wischte Uhlenkort die Zeichen wieder weg.

»Carbid! Unglaublich … Ihr Riecher ist wirklich erstaunlich!«, rief Tredrup aus.

»Ich sagte ja bereits: Sie sind kein Diplomat. Wände haben Ohren – besonders hier. Wenn Sie so etwas laut aussprechen, sprechen Sie über ein Staatsgeheimnis.«

Tredrup schlug sich erschrocken auf den Mund. »Das Bier verleitet mich zur Unvorsichtigkeit. Sie haben recht, das Thema ist brisant. Sprechen wir heute Abend nicht weiter darüber – höchstens draußen in der freien Natur, wo niemand mithören kann. Ich werde Ihnen vor meiner Abreise Nachricht zukommen lassen; wir müssen uns dazu unbedingt noch austauschen. Auch darüber, wie man dieser Entwicklung begegnen kann.«

Uhlenkort blickte ihn aufmerksam an. Tredrup bedeutete ihm mit einem Finger auf den Lippen zu schweigen, als der Wirt wieder an den Tisch trat.

»Herr Tredrup«, sagte Obermoser leise, »draußen ist jemand, der Sie sprechen möchte.« Dabei gab er ein unauffälliges Zeichen, das auf offizielle Stellen hindeutete.

Tredrup stutzte kurz und folgte dem Wirt zur Tür. Dort wartete der afrikanische Beamte, der zuvor in der Loge von Rouse gewesen war. Er übergab Tredrup mit einer kurzen Verneigung ein zusammengefaltetes Schriftstück und verabschiedete sich.

Verwundert betrachtete Tredrup das Papier. Es war ein Zirkusprogramm. Er trat unter die Lampe und las die handgeschriebenen Zeilen auf der Rückseite, die auf Spanisch verfasst waren.

Tredrup drehte das Blatt hin und her. Es zitterte in seiner Hand. Er blickte von allen Seiten darauf, und seine Augen kehrten zu den wenigen Zeilen zurück. Wieder glitten seine Blicke über den Text; dann ließ er das Blatt sinken und stand starr da, wie geistesabwesend.

Bilder schienen an ihm vorüberzuziehen: Der Kanal … der Kanal von Panama … das kleine Montegna … Juanita … und da war Guy Rouse … Guy Rouse …

Seine Rechte ballte sich zur Faust. Nach einem tiefen Atemzug gab er sich einen Ruck und kehrte mit langsamen Schritten zu seinem Platz zurück.

Uhlenkort hatte die kurze Szene mit Staunen und Anteilnahme beobachtet.

»Bekamen Sie eine unangenehme Nachricht, Herr Tredrup?«

Tredrup schob ihm das Blatt zu. Die wenigen auf der Rückseite des Programms gekritzelten Worte lauteten:

Hüte dich! Denke an Montegna!

J.

Ein einfaches J war die Unterschrift.

»Ihnen droht eine Gefahr, Herr Tredrup. Kann ich Ihnen nützlich sein? Soweit es in meinen Kräften steht, stelle ich mich Ihnen zur Verfügung.«

Tredrup richtete sich auf, wie aus einem schweren Traum erwachend.

»Eine kurze Geschichte … wie sie in der Welt tausendmal passiert. Ich war bei den Arbeiten am Panamakanal tätig. Ich war wie hier Ingenieur … Mineningenieur bei den großen Bohrungen.«

Uhlenkort merkte auf und sah ihn mit gesteigertem Interesse an. »Sie waren auch bei den großen Bohrungen am Panamakanal tätig?«

Tredrup nickte. »Zwei Jahre war ich dort und wäre heute noch dort, wenn nicht eben diese kleine Geschichte passiert wäre.«

Er schob seinen Krug beiseite und rückte näher an den Tisch heran.

»Ja, da war ich … und da war ein älterer Mann, ein Mexikaner … ein Bohrmeister aus meiner Abteilung, und da war dessen Tochter … Juanita. Auch außerhalb der Arbeitsstunden kam ich häufig mit dem alten Alameda zusammen. Ich besuchte ihn auch in seinem Häuschen, das ein paar Kilometer von der Kanalstrecke landeinwärts lag und das er mit seiner Tochter Juanita bewohnte.«

»Juanita war damals 18 Jahre alt … Was soll ich Ihnen weiter sagen … schön und rein wie der junge Morgen. Wir liebten uns! Ja, wir liebten uns …«

Ein kurzes, ironisches Lachen verzerrte seinen Mund.

»Liebten uns, bis er kam … er … dieser Rouse. Der große Rouse! Sie kennen ihn …«

»Mr. Guy Rouse?«, Walter Uhlenkort beugte sich weit nach vorn. »… Rouse, der Präsident der neuen Kanalgesellschaft?«

»Derselbe … Seine Leidenschaft beschränkt sich nicht auf seine Milliarden allein. Sie kennen ihn? Seine faszinierende Persönlichkeit! Seine Gabe, jeden Menschen gefügig zu machen, den er zu gebrauchen gedenkt … versagte auch hier nicht. Wie er es fertigbrachte …?

Er brachte es fertig … Eines Tages war Juanita verschwunden … ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Alle, die sie kannten, waren ratlos. Ihr Vater, der alte Pedro Alameda, war verzweifelt. Man dachte an einen Unglücksfall; das bot sich damals in den Sprengfeldern des Kanalgebietes mehr als eine Gelegenheit dazu.

Ich allein ahnte sofort, was geschehen war! Die Nachforschungen, die ich im Geheimen anstellte, bestätigten es. Sie war ein Opfer von Guy Rouse geworden.

Ich versuchte zu ihm vorzudringen. Es gelang nicht. Ich stellte ihn auf der Straße, als er in seinen Kraftwagen steigen wollte. Ich sagte ihm die Wahrheit ins Gesicht. Er leugnete … lächelnd.«

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