Sabine Hofmann – Weiße Westen, schwarze Nächte
Sabine Hofmann – Weiße Westen, schwarze Nächte
Deutschland, Mitte der 60er Jahre. Der Krieg ist zu Ende, Ost und West stehen sich in Warschauer Pakt und Nato unversöhnlich gegenüber, und Westdeutschland befindet sich im Aufwind des Wirtschaftswunders.
In der Verwaltung, der Polizei und beim Militär des Landes arbeiten durchaus noch viele Leute, die auch schon zurzeit der Nazis dort Posten hatten, und die Entnazifizierung dieser Bereiche hat längst nicht alle Ecken und Enden erreicht.
Die Geheimdienste von BRD und DDR stehen sich gegenüber, und sogar in Bonn, der provisorischen Hauptstadt der Bundesrepublik, sind die feindlichen Agenten aktiv und werden von ihren Gegnern unbarmherzig bekämpft.
Neben den Agenten arbeiten in den Ministerien und im Parlament auch ganze Horden von Industrielobbyisten und versuchen, ihren Firmen Staatsaufträge zu verschaffen, an denen sie gut verdienen können.
Im Ruhrgebiet der 60er Jahre, genauer gesagt in Essen, lebt Hedy Voss, eine gewitzte junge Frau, die durchaus auf sich allein gestellt in der Lage ist, in diesen harten Zeiten zu überleben, allerdings mit nicht ganz legalen Mitteln.
Da sie zudem eine ältere Schwester hat, die hübsche junge Dame Elsa, und da diese unter einer psychischen Krankheit leidet, ist Hedy gezwungen, größere Geldsummen so zu verdienen, wie sie es am besten kann, nämlich mit Einbrüchen in die Häuser gutbetuchter Zeitgenossen, bei denen sie in der Regel so viel erbeutet, wie sie für sich selbst und die teuren Kliniken braucht, in denen Elsa immer wieder behandelt werden muss.
Eines Abends bricht Hedy in das Haus eines ehemaligen hohen Regierungsbeamten namens Seufert ein, eine Gründerzeitvilla, die in einem Villenviertel im Essener Süden liegt. Sie hat das Haus einige Zeit zuvor ausgekundschaftet und weiß, dass im Moment keiner zu Hause ist.
Mit geübten Bewegungen schleicht sich Hedy von hinten an und öffnet routiniert die Terrassentür. Schon ist sie im Gebäude.
An der Einrichtung des Wohnzimmers sieht Hedy, dass der Eigentümer zu Geld gekommen ist und es seinen Besuchern auch gerne zeigt. Dies wird ihr reiche Beute bescheren.
Sie lässt die teuren Teppiche und die Musiktruhe links liegen, da sie diese Dinge nicht abtransportieren kann. Auch die Bilder im Wohnzimmer sind uninteressant für sie. Es handelt sich um drei Ölgemälde von unbekannten Malern, die in Düsseldorf bei zweitklassigen Antiquitätenhändlern zu bekommen sind.
Sie steigt ins obere Stockwerk und erinnert sich daran, dass die Menschen ihre Schätze gern dort aufheben, wo sie sie nachts in Reichweite haben. Deshalb findet sie Besitztümer, die den Leuten lieb und teuer sind, oft in den Nachttischschubladen.
Tatsächlich ist das auch in diesem Haus so. Auf der Seite der Ehefrau findet Hedy zwei Goldringe mit Edelsteinen, auf der Seite des Mannes ein Paar teure Manschettenknöpfe.
Bei einem weiteren Streifzug durch das ganze Haus erbeutet sie ein saphirbesetztes Armband. Schließlich entdeckt sie im Arbeitszimmer noch ein Geheimfach, in welchem sich zwei teure Uhren und ein Umschlag mit 3000 Mark darin befinden. Als sie mit der Taschenlampe in das Fach hineinleuchtet, sieht sie dort noch einen kleinen, flachen Gegenstand, befestigt mit einem Klebestreifen.
Es handelt sich um einen Taschenkalender, in dem Zahlen und unverständliche Abkürzungen notiert sind. Sie findet zudem Kontoauszüge von zwei Schweizer Banken und bemerkt, dass auf der einen ein Guthaben von 100 000 Franken, auf der anderen 20 000 Franken geparkt sind. Sie merkt sich die Kontonummern und steckt den Kalender ein.
Dann verlässt sie das Haus, ohne zu ahnen, dass die Informationen, die sie soeben hat mitgehen lassen, so brisant sind, dass sich Polizei und konkurrierende Geheimdienste dafür interessieren.
Sabine Hofmann schreibt einen Krimi, der mit weniger Blutvergießen und Brutalität auskommt und trotzdem sehr spannend ist. Die Zeiten und die Orte, an denen das Beschriebene geschieht, sind politisch von Bedeutung für die junge Bundesrepublik und die Ermittlungsmethoden der Polizei sind noch nicht auf dem Niveau, das es heute gibt.
Die beiden Schwestern, Hedy und Elsa, sind sehr genau und authentisch beschrieben. Sie sind Kriegswaisen und es gewohnt, sich selbst durchzuschlagen.
Obwohl die psychische Erkrankung von Elsa für die beiden ein Handicap darstellt, gelingt es Hedy immer, für ihre Schwester und sich selbst zu sorgen, im Verborgenen zu agieren, bei ihren Raubzügen nicht erwischt zu werden und wenn es am Ende doch für beide zu brenzlig wird, von der Bildfläche zu verschwinden und an einem anderen Ort wieder aufzutauchen.
Zudem ist die Gesellschaft der Bundesrepublik der 60er Jahre sehr gut beschrieben, in welcher die Akteure des Dritten Reiches zwar durchaus noch eine Rolle spielen, aber auch die neue Zeit des demokratischen Staates in einem westlichen Bündnis und der wirtschaftliche Aufschwung und die damit verbundene Lebensqualität für die Menschen greifbar sind und die Jüngeren eher keine Beziehungen mehr zum Totalitarismus pflegen.
Fazit:
Die Autorin beschreibt in ihrem Roman eine interessante Zeit und ein Land im Aufbruch, das nach einem totalen Zusammenbruch wirtschaftlich und politisch wie ein Phönix aus der Asche steigt, wobei nicht zu vergessen ist, dass dieser Aufstieg vor allem deshalb gelingt, weil die Siegermächte des Krieges, allen voran die USA, dem jungen demokratischen Staat kräftig unter die Arme greifen.
Das Buch kommt zudem mit weniger Blut und Grausamkeit aus und so kann es dem Leser empfohlen werden, der historisch interessiert ist und gern Spannendes ohne allzu viel Gewalt konsumiert.
Die Autorin:
Sabine Hofmann ist 1964 in Bochum geboren. Sie studierte nach dem Abitur Romanistik und Germanistik und arbeitete dann lange als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Frankfurt. Schließlich promovierte sie und veröffentlichte Bücher und Aufsätze.
Gemeinsam mit Rosa Ribes, einer spanischen Professorin an der Uni Heilbronn, schrieb sie ihre ersten Kriminalromane.
Heute lebt sie in Erbach im Odenwald und verfasst mit großem Vergnügen Krimis, die in der Nachkriegszeit spielen.
Sie ist Mitglied in der Autorenvereinigung 42er Autoren und im Syndikat, der Vereinigung für deutschsprachige Kriminalliteratur.
Quellen:
• Sabine Hofmann, Weiße Westen. Schwarze Nächte, Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin, 1. Auflage 2026.
Bilder:
• Cover des Romans. Mit freundlicher Genehmigung der Aufbau Verlage.
• Foto der Autorin. ©Paula Rieker. Ebenfalls mit freundlicher Genehmigung der Aufbau Verlage.
(ww)
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