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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 24

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 4, Teil 2
Die Geheimnisse von Red Castle

Geschrieben und zur Post gegeben war der Brief schon vor fast drei Wochen; er hatte ja seinen Weg über New York zurück nach England genommen.

Nobody lachte aus vollem Hals.

»Nein, wahrhaftig, diese Mrs. Joke Mitchell möchte ich kennenlernen! In England hat man mich bisher nur verspottet; diese Frau macht meine Bekanntschaft durch drei Pfund amerikanisches Apfelmus, abonniert sofort auf meine Zeitung und kommt mir gleich mit solchem Vertrauen entgegen. Nein, wahrhaftig, diese Glaubensseligkeit sollte wirklich belohnt werden! Hawksen, haben Sie schon etwas von diesem Red Castle gehört?«

Der Sekretär, obgleich ein geborener Engländer, musste verneinen.

»Die Halbinsel Cornwall, hm«, fuhr Nobody nachdenklich fort, »wo jetzt, mitten im Winter, schon der Frühling beginnt. Ich habe sie schon immer gern besuchen wollen, und ich möchte dieser braven Frau wirklich gern einen Dienst erweisen, und wenn ich ihr auch nur das verwünschte Schloss abkaufte. Gewiss, wenn es mir sonst gefiele, würde ich es gleich kaufen; unter solchen Umständen wird es ja nicht teuer sein. Aber ich begreife gar nicht: Wenn das Schloss gut erhalten ist, eine romantische Lage hat und einen mäßigen Preis wirklich wert ist – sollte sich denn da kein Mensch finden, der es kauft? Es gibt doch wohl genug spukfreie Engländer.«

Hier zeigte sich, dass der Sekretär ein kluger Kopf war, der seinen Meister durchaus einmal belehren konnte.

»Das wohl, aber die Sache ist die: Für ein solch unheimliches Schloss findet man keine Dienerschaft. In Cornwall sicher nicht, dort ist der Aberglaube zu Hause. Fremde Diener bekommen schnell davon zu hören, werden angesteckt und bedanken sich dann ebenfalls.«

»Ah, da haben Sie recht! Nun, so etwas liebe ich gerade. Gut, ich werde mir die Geschichte spaßeshalber einmal ansehen. Wo liegt dieses Truro? Wie und wann fahre ich hin?«

Das war auf der Karte und im Fahrplan schnell ermittelt. Es war noch nicht neun Uhr; kurz vor Mitternacht ging ein Schnellzug in diese Richtung ab. Es war eine weite Fahrt. Trotz der schnellsten Verbindung konnte Nobody erst am nächsten Tag mittags in Truro sein. Doch sein Entschluss stand sofort fest.

»Hassan!«

Der gerufene Araber erschien.

»Dichter Nummer zwei – nein, Dichter Nummer eins! Ich muss einen kapitalkräftigen Eindruck machen.«

Nobody griff noch einmal zu dem Brief, und wieder wandelte ihn eine Lachlust an, der er sich hier ungezwungen hingeben konnte.

»Ein Geist, welcher egal die Türen zuschmeißt und auch noch die Wände vollmalt, hahaha!«

So lachte Nobody. Aber er sollte in dem alten Schloss etwas erleben, wobei ihm das Lachen verging!

Schon unterwegs im Zug, als man sich der Grafschaft Cornwall näherte und Leute aus dieser Gegend einstiegen, hatte Nobody Erkundigungen über Red Castle eingezogen. Er erhielt mancherlei Auskünfte, doch nur ein einziger Herr konnte Genaueres über den letzten Schlossherrn berichten. Er hatte einst in einer Londoner Adelschronik darüber nachgelesen und dabei eine Erklärung gefunden, wie die Sage von dem Spuk entstanden sein könnte.

Da hatte es nämlich in krausem Stil geheißen, dass Lord John Douglas von Cornwall ein kluger Mann, aber auch ein böser Gesell, der jedem Schabernack spielte, gewesen sei. Er war viel gereist, war in Skandinavien und im Heiligen Land gewesen und hatte von dort große Wissenschaft mitgebracht. Dann zog er sich auf Red Castle zurück und wurde ein einsamer Sonderling, welcher geheime, teuflische Künste trieb – also Alchemie. Seine Frau starb langsam an der zehrenden Sucht.

Vor Nobody öffnete sich ein freundliches Tal, zwischen dessen grünen Triften die Wirtschaftsgebäude der roten Farm lagen. Er fand den Weg zum Herrenhaus, ein Mädchen führte ihn in den Parlor, was bei uns die gute Stube sein würde, und es dauerte nicht lange, bis eine alte, dicke Frau mit allen Zeichen der Hast hereinkam.

Aber beim Anblick des langhaarigen Dichters Nummer eins blieb sie wie enttäuscht stehen.

»Ach, ich dachte, es wäre der Herr Detektiv Nobody! Nee, der sieht ganz anders aus.«

»Verzeihung, Mrs. Mitchell, dass ich nicht der bin, den Sie zu sehen erwartet haben«, entgegnete der Dichter Nummer eins mit einem Lächeln, »mein Name ist Ferrol. Aber in der Tat: Sie warten auf den Besuch dieses Detektivs, welcher auch mir aus Amerika bekannt ist?«

»Nu freilich! Ich habe ihm doch geschrieben, er soll mir wieder schreiben oder lieber gleich zu mir herkommen. Ich will ja alles gern bezahlen, aber er soll mir nur den Geist weghaschen, dass ich das Red Castle verkaufen kann – sonst will’s ja kein Hund haben.«

»Ah, Sie würden das Schloss verkaufen?«, fragte der Dichter Nummer eins und Geisterhascher mit freudiger Überraschung.

»Nu freilich, na und ob! Wollen Sie’s vielleicht kaufen?«

»Vielleicht, oder doch mieten. Ich muss es mir nur erst einmal ansehen.«

Plötzlich machte die alte, brave Frau ein recht misstrauisches Gesicht.

»Mieten? Wozu denn? Was wollen Sie denn mit dem alten Schloss anfangen?«

»Nun, darin wohnen. Ich würde es mir behaglich einrichten lassen.«

Das Misstrauen der alten Bäuerin wuchs nur noch.

»Wissen Sie denn, was es mit diesem Schloss auf sich hat?«

»Es soll darin spuken.«

»Es soll? Nee, es spukt wirklich darin, und zwar tüchtig! Und wissen Sie, wie es darin spukt?«

»Der alte Lord Douglas, der letzte Schlossinhaber, soll darin umgehen, soll an die Wand feurige Buchstaben malen und diejenigen, welche sein Haus zu betreten wagen, einschließen, damit sie verhungern.«

»Das wissen Sie? Und da wollen Sie in dem Schloss wohnen?«

»Jawohl. Ich fürchte mich nicht, denn ich glaube nicht an so etwas.«

»So, glauben nicht daran, wo wir’s alle ganz genau wissen? Wie heißen Sie denn eigentlich?«

»Ich stellte mich Ihnen schon vorhin vor. Ferrol ist mein Name.«

»Und was sind Sie denn eigentlich?«, examinierte die brave Bäuerin weiter.

»Ich bin … Schriftsteller.«

»Schriftsteller? Was ist denn das?«

»Geschichten schreibe ich. Halten Sie sich nicht eine Zeitung? Da steht doch gewiss eine lange Erzählung drin, die teelöffelweise eingegeben wird, und am Schluss heißt es jedes Mal: ›Fortsetzung folgt‹.«

»Ach, ach so, so ein Geschichtenschreiber sind Sie?«, rief die Bäuerin mit wahrer Erleichterung.

»Jawohl. Und wenn ich einmal die Dichteritis kriege, mache ich auch Verse. Ich bin auch Dichter.«

»Ach – ach so! Dichter sind Sie! Das hätten Sie mir gleich sagen sollen! Unser Pfarrer hat einen Neffen, das ist auch so ein verlorener Mensch, der macht auch Verse und schreibt solche Geschichten. Wie der einmal bei unserem Pfarrer zu Besuch war, schrie er schon früh um drei nach Punsch, und unser Pfarrer meinte dann, so wären sie alle: Die Dichter hätten alle einen Piepmatz im Kopf, manchmal gleich sechse. Ja, wenn Sie so einer sind, dann wundert es mich nicht mehr, wenn Sie in dem alten Schloss wohnen wollen.«

»Dann ist es ja gut, dann haben Sie es erfasst. Jawohl, ich will in dem verwunschenen Schloss Stoff zu einer Spukgeschichte suchen.«

»Stoff? Da drinne gibt’s keinen Stoff, da gibt’s nur Dreck und Ratten!«

»Na, Mrs. Mitchell, lassen wir dieses Thema nun einmal ruhen. In dieser Hinsicht können wir uns doch nicht verstehen. Also: Ich besehe mir jetzt das Schloss, und wenn es mir gefällt, so miete ich es, um darin zu wohnen. Gefällt mir das Wohnen darin, so kaufe ich es vielleicht auch. Einverstanden?«

Ja, die Bäuerin war damit einverstanden, nachdem sie einmal erfahren hatte, dass sie so einen verrückten Kerl vor sich hatte.

»Wie viel bezahlen Sie für das Schloss?«

»Was weiß ich? Erst muss ich es mir doch ansehen. Aber wie viel Sie verlangen, das werden Sie wissen.«

»Gott, was soll ich dafür verlangen? So viel, wie es wert ist.«

Bei einem Bauern kann man eben nicht gleich so ohne Weiteres einen Preis erfahren – auch nicht von einer englischen Bäuerin.

»Na, wie viel Miete wollen Sie denn für ein Jahr haben?«

Wieder ein langes Zögern und Drucksen.

»Würden Sie … würden Sie … 5 Pfund dafür geben?«

»Für das ganze Jahr?«, rief Nobody in einem Ton des Erschreckens.

»Ja … ich dachte … aber wenn Ihnen das zu viel ist …«

Na, wenn es hier so stand – für 100 Mark das riesige Schloss auf ein ganzes Jahr mieten … dann konnte das Schloss auch nicht viel kosten.

Noch eine Viertelstunde verging, dann hatte Nobody das Schloss für 1000 Pfund Sterling gekauft und in Gegenwart von Zeugen eine Anzahlung gemacht.

Die Bäuerin war glücklich, sie spendierte eine Flasche Whisky, und die Bauern blickten spöttisch nach dem verrückten Stadtherrn, der die Katze im Sack gekauft hatte.

»Dort kommt auch schon mein Koffer.«

Ein Mann tauchte auf, der einen ziemlich gewichtigen Koffer trug. Nobody bezahlte ihn und wandte sich wieder an die Bäuerin.

»Nun, meine liebe Frau, jetzt schmieren Sie mir wohl noch einige tüchtige Butterbrote, vielleicht legen Sie auch etwas Fleisch drauf, zwei Pferdedecken können Sie mir doch auch mitgeben, und dann kann ich ja mein neues Schloss beziehen.«

Die Frau riss vor Schreck die Augen weit auf.

»Doch nicht mehr heute Abend?«

»Gewiss, heute Abend noch. Ich will gleich diese Nacht in dem verwunschenen Schloss verbringen.«

Jetzt schlug die Frau die Hände über dem Kopf zusammen.

»Um Gottes willen, das ist ja Ihr sicherer Tod!«

»Warum denn?«

»Der spukende Lord schließt Sie ein, sodass Sie unrettbar verhungern müssen!«

»Aber, meine gute Frau, das ist doch ganz einfach: Da kommen Sie morgen früh einmal hin, Sie werden schon hören, wenn ich rufe, und die verschlossene Tür riegeln Sie wieder auf. Bis dahin habe ich ja genug zu essen bei mir.«

»Ich? Ich werde mich hüten! Ich gehe nicht in das Schloss.«

»Da schicken Sie jemand anderen hin.«

»Wen denn? In das Schloss ist niemand zu bringen, denn da ist noch keiner lebendig wieder herausgekommen.«

»Ist denn überhaupt schon jemals einer hineingegangen?«

»Solange ich mich entsinnen kann, nein.«

»Na, wer ist denn da eigentlich schon von dem Geist eingeschlossen worden? Wer hat denn schon einmal die Flammenschrift an den Wänden gesehen?«

»Mein lieber Herr«, begann nun statt einer Antwort auf diese Frage die Bäuerin mit erhobenen Händen zu flehen, »wenn Sie durchaus in das Schloss gehen wollen, dann wenigstens nicht gerade heute. Heute war ein sonniger Tag, und wir haben Neumond; es wird eine stockfinstere Nacht. Und gerade in solchen finsteren Nächten nach einem sonnigen Tage treibt’s der Spuk am allertollsten! Sie verlieren ganz sicher Ihr junges Leben! Vielleicht dreht Ihnen der Spuk auch das Genick um, wenn er’s auch bisher noch niemals getan hat – aber auch in der Nacht drinzubleiben, so etwas hat noch niemand gewagt. Und wo wollen Sie denn schlafen? Das ganze Schloss ist ja leer, Sie müssen sich auf die nackten Steinplatten hinlegen.«

Es war alles vergebens. Der Dichter Nummer eins beharrte bei seinem Entschluss, gleich diese Nacht in dem Spukschloss zu verbringen. Er suche einen Stoff, wolle das Gruseln lernen; und den größten Eindruck machte auf die Bäuerin, dass er das Schloss bereits gekauft habe und nun tun könne, was ihm beliebe.

Endlich ging die Frau, um das Verlangte zu besorgen.

Unterdessen überlegte Nobody all das, was er früher und jetzt über Red Castle zu hören bekommen hatte.

Die Vermutung lag sehr nahe, dass sich in dem einsamen Schloss eine Diebesbande oder wahrscheinlich eher, da es sehr nahe am Meer lag, eine Schmugglerbande eingenistet hatte, welche die Spukgeschichten verbreitete und bei Gelegenheit auch handgreiflichen Spuk erzeugte, um jedermann vom Betreten des Schlosses abzuschrecken.

Allein bei reiflichem Nachdenken musste man diese Annahme fallen lassen.

Diese Spukgeschichten zirkulierten schon seit Menschengedenken. Wäre das Schloss der Schlupfwinkel einer Gaunerbande gewesen, so hätte das auf die Dauer in dieser Gegend nicht unentdeckt bleiben können – so dumm sind die Bauern hier auch nicht. Und vor allen Dingen hätten Polizei und Zollinspektion sehr bald denselben Verdacht gefasst und das Schloss einer gründlichen Revision unterzogen!

Aber nichts von alledem.

Nein, über diese Vermutung war Nobody schon hinaus. Etwas anderes war es, was nun seinen grübelnden Kopf aufs Lebhafteste beschäftigte: Wie kam es nur, dass alle behaupteten, der Spuk zeige sich besonders, wenn einem sonnigen Tag eine recht finstere Nacht folge?

Das war es, was Nobody stutzig machte und in ihm den Glauben erweckte, dass an der Sache doch irgendetwas Wahres sein müsse. Er dachte an irgendeine Naturerscheinung, an eine Einwirkung des Sonnenlichts, er dachte an …

Die zurückkommende Bäuerin unterbrach sein Grübeln. Sie brachte ihm das Verlangte: zwei Pferdedecken und ein großes Paket mit Butterbroten.

»Befindet sich im Schloss ein Brunnen?«

»Das wohl, aber der wird nicht mehr zu gebrauchen sein. Unten am Berg ist eine Quelle, da kommen Sie vorbei.«

»Dann ist es gut. Muss ich einen Führer haben?«

»Einen Führer? Den bekommen Sie hier gar nicht. Na ja, bis unten ans Schloss. Aber Sie können den Weg gar nicht verfehlen, es geht hier immer geradeaus. Den Koffer kann Ihnen ja jemand bis unten an den Berg tragen, aber hinauf kommt niemand mit.«

»Wenn der Weg nicht zu verfehlen ist, dann ist es gut. Den Koffer kann ich allein tragen. Das Tor ist nicht verschlossen?«

»Alles steht sperrangelweit auf.«

»Na, dann leben Sie einstweilen wohl, morgen früh auf Wiedersehen. Sorge um mich brauchen Sie nicht zu haben, ich werde so vorsichtig sein, alle Türen, die mich einschließen könnten, vorher auszuheben.«

»Das geht nicht, die sind viel zu schwer und auch so komisch eingerichtet – daran hat ja eben der alte Lord schon zu Lebzeiten gedacht.«

»Dann werde ich mir auf andere Weise zu helfen wissen. Einsperren lasse ich mich jedenfalls nicht«, meinte Nobody mit einem Lachen, als er ihr die Hand zum Abschied reichte.

Die Decken über der Schulter, in der einen Hand den Koffer, dessen Gewicht seinen elastischen Schritt nicht beeinträchtigte, folgte er dem beschriebenen Weg, der ihn zunächst durch das Tal führte.

Seine Gedanken beschäftigten sich vorerst nicht mit dem Schloss, welches für eine Weile wieder seinen Blicken entschwand, sondern mit jener Bäuerin und der Unterhaltung, die er mit ihr gehabt hatte.

Er musste immer noch einmal herzlich lachen, sodass die Felswände des Tales widerdröhnten.

»Wenn ich das nächste Mal mit Bauern zu tun habe, wähle ich lieber die Maske eines Malers oder sonst eine – nur nicht wieder Dichter Nummer eins, auch nicht Nummer zwei oder drei.«

Da tauchte über seinem Haupt das mächtige Schloss auf, das in dieser Nähe schon deutlich eine rötliche Farbe zeigte.

Es war aus Porphyr erbaut, aus welchem Gestein hier alle Felsen bestanden, und mit Zinnen und Türmen geschmückt.

Der Aufstieg, welcher bei der aus dem Gestein sprudelnden Quelle begann, war erreicht. Er konnte zwischen einem breiten, sich rund um den Felsen ziehenden Fahrweg und einer steilen Rampe wählen. Beide waren, da aus dem Felsen gehauen, gut erhalten; nur wo sich durch Verwitterung Erde angesiedelt hatte, spross es trotz der Winterszeit in üppigem Grün hervor.

Nobody wählte den steileren, aber bedeutend kürzeren Weg. In zehn Minuten war er oben, ließ erst die Mächtigkeit des ganzen Baues auf sich wirken und betrat dann durch ein Tor den Schlosshof.

Alles leer, alles verödet, nur die Sperlinge trieben ihr Wesen. Aber verwildert sah es nicht gerade aus. Es war eben alles ausgeräumt, alles nackt, und auf dem Steinboden konnte nicht einmal Unkraut gedeihen.

Sämtliche nach dem Hof führenden Tore und Türen standen offen. Fast alle waren aus Eisen oder zumindest eisenbeschlagen, allerdings stark verrostet, hingen aber noch in den Angeln und waren sonst in Ordnung.

Ohne sich darum zu kümmern, dass er eingeriegelt werden könnte – was auch schwer gewesen wäre, da die Türen alle nur von innen Riegel besaßen –, trat Nobody durch ein großes Tor ins Innere.

Er durchschritt Säle, Zimmer und Gemächer im Erdgeschoss, im ersten und zweiten Stockwerk. Überall dasselbe: alles leer und nackt, keine Spur von Möbeln vorhanden, höchstens steinerne Bänke und dergleichen. Hier drinnen aber zeigten die unbekleideten Wände keine rote Farbe, denn sie waren sämtlich – und das muss ausdrücklich erwähnt werden – mit weißen, sehr kleinen, wahrscheinlich marmornen Täfelchen mosaikartig ausgelegt, vollkommen einfarbig, alles im reinsten Weiß.

Allein diese marmorne Wandbekleidung machte dieses Schloss zu einem überaus wertvollen Objekt; das musste eine riesige Arbeit gekostet haben. Hier in dieser Gegend gab es gar keinen Marmor; der Erbauer des Schlosses musste enorme Summen hineingesteckt haben.

Auch die Türen, sämtlich aus Eisen – was zu der anderen kostbaren Bauart gar nicht recht passen wollte –, waren in tadelloser Ordnung, höchstens dass sie in den Angeln etwas eingerostet waren. Auch die Schlösser, nach Art unserer Klinken eingerichtet, funktionierten noch tadellos.

Zunächst suchte er nach dem Brunnen, und hierbei kam er zum ersten Mal auf die Westseite des Schlosses.

Plötzlich, als er wieder ein Zimmer durchschritten hatte, fluteten ihm die Strahlen der untergehenden Sonne entgegen – mit einem Glanz, dass er zuerst die Augen schließen musste. Es war das weite Meer, welches das Licht mit so grellem Schein reflektierte; das Meer, welches zu seinen Füßen an den Porphyrfelsen brandete.

»Herrlich!«, rief da der Mann, dem man sonst gar keine solche Begeisterung zutraute, in wahrer Verzückung. »Das ist auch so etwas für den Kapitän Flederwisch! Das Schloss am Meer! Wie weit mag die See von hier entfernt sein? Höchstens einen Kilometer. Da breche ich einen unterirdischen Tunnel durch den Felsen, dort wird ein Hafen gesprengt … das wird ein Hafen für die WETTERHEXE, da kann ich mit ihr unten durch den Felsen gleich bis in mein Schlafzimmer fahren!«

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