Die Gespenster – Vierter Teil – 49. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Neunundvierzigste Erzählung
Von Merkurial-Geistern, die einen unterirdischen Schatz bewachen
Ich lernte in Hannover einen inzwischen im hohen Alter verstorbenen Sprachlehrer kennen, dessen Name mir zwar entfallen ist, für dessen Wahrheitsliebe und moralischen Charakter jedoch gewiss mehrere Hannoveraner bürgen würden – sofern sie sich beim Lesen dieser von ihm oft erzählten Geschichte an ihn erinnern sollten. Dieser Mann bereiste in seiner Jugend einen Teil Spaniens und kam einst völlig ermüdet in einer Stadt an, wo er sich vergeblich nach einem Wirtshaus umsah und vergebens darum bat, für sein Geld auch nur eine einzige Nacht beherbergt zu werden. Dies brachte ihn in nicht geringe Verlegenheit, denn es war schon zu spät am Tag, um weiterzureisen und es darauf ankommen zu lassen, ob er im nächsten, auf seinem Reiseplan stehenden Ort eine humanere Aufnahme finden würde.
Diese Erfahrung und Besorgnis unseres Reisenden macht für deutsche Leser, die an hiesige Gastfreundlichkeit und Fleiß gewöhnt sind, hier vielleicht die beiläufige Bemerkung nötig, dass Trägheit und mangelnde Gastfreundlichkeit zu den nationalen Untugenden der Spanier gehören. Von dieser letzten Untugend mussten die hannoverschen Truppen in englischem Sold während ihres Aufenthalts in Gibraltar leider manche herbe Erfahrung machen. Doch nun zurück zum abgerissenen Faden der Erzählung.
Nachdem unser Sprachmeister teils bittend, teils polternd immer dringender versucht hatte, für die hereinbrechende Nacht ein Unterkommen – und sei es auch nur ein einfaches Obdach – zu finden, wies man ihm endlich ein altes, weitläufiges, verrufenes und unbewohntes Gebäude zur Übernachtung zu. Als er seine Verwunderung darüber äußerte, dass man sich so lange vergeblich um diesen Hinweis hatte bitten lassen, machte man kein Hehl daraus, dass scheußliche Nachtgespenster dieses verrufene Gebäude bewohnten. Man warnte den Reisenden, er müsse sich auf eine sehr unruhige Nacht gefasst machen und man könne nicht dafür garantieren, dass ihm nicht irgendetwas Widriges widerfahre.
Der Reisende vernahm diese Ankündigung mit der solchen Vorhersagen gebührenden Aufmerksamkeit. Da er jedoch in seinen Nerven und Adern noch die Kraft und das Feuer der Jugend zu fühlen glaubte und mangels jeglichen Geisterglaubens sehr erpicht darauf war, einmal mit Gespenstern eine Lanze zu brechen, zögerte er keinen Augenblick, das ihm angebotene Nachtlager im Wohnsitz unter- oder überirdischer Wesen anzunehmen.
Zwar äußerten mehrere gutmütige Spanier mancherlei Besorgnis um den Waghalsigen, doch dieser beharrte fest auf seinem einmal gefassten Entschluss. Unbemerkt mit einem Paar Sackpistolen bewaffnet, zog er mutig in die Geisterburg ein. Alles um ihn herum war öde und gänzlich leer von lebendigen Wesen; nicht einmal ein Mäuschen oder ein weissagendes Käuzchen kündigte sich ihm als Gesellschafter an.
Von seiner Tagereise ermüdet, schlief er bereits den festen Schlaf der Gesundheit, als ihn plötzlich ein grauenvolles und völlig unerhörtes Poltern aus dem ersten Schlaf aufschreckte. Er hatte kaum Zeit aufzuspringen und nach seiner unter dem Gürtel verborgenen Terzerol-Pistole zu greifen, als unbegreiflich schnell ein ungeheures Etwas spukhaft gaukelnd vor ihm stand. Einem anderen hätten bei diesem überraschenden Anblick wohl die Knie geschlottert – nicht so unserem wackeren, entschlossenen Reisenden.
»Steh, Canaille!«, waren die zwei ernsthaften Worte, mit denen er dem Geist das gespannte Schießgewehr vorhielt und ihm zu Leibe rückte. »Wer du auch sein magst, sprich und bekenne, oder ich schieße dich über den Haufen!«, lautete der zweite Teil seiner Anrede.
Da er in diesem Augenblick nichts als einen schweren Atemzug von dem Geist vernahm, der sich wohl nicht so schnell besinnen konnte, was er eigentlich sprechen und wie er sich bekennen sollte, packte der kräftige Arm des Reisenden den körperlichen Geist recht unsanft und warf ihn dermaßen zu Boden, dass jämmerliche Klagetöne das Vorspiel zu folgendem Bekenntnis wurden:
»Um Gottes willen, verschonen Sie mich! Ich bin ein Mönch und bewache nebst einigen Gehilfen eine unter diesem Gebäude befindliche geheime Quecksilbermine, die uns bisher eine sehr einträgliche Nahrungsquelle war. Wir mussten hier spuken, weil sonst das Haus, das jetzt niemand geschenkt haben möchte, geschweige denn kaufen will, und mit ihm zugleich unsere reiche Ausbeute verloren gegangen wäre. Ich bitte dringend, verraten Sie uns nicht!«
Der ehrliche Sprachmeister meinte es jedoch zu gut mit der oft und lange genug durch Geisterbetrug getäuschten Menschheit, als dass er einem solchen Gesuch stattgegeben hätte. Er zeigte die Gaukelei vielmehr bei den Stadtgerichten an und empfing dafür von diesen eine angemessene Belohnung.
Die Poltergeister, derer man aus dieser Gesellschaft habhaft werden konnte, wurden gerichtlich eingezogen und für ihren doppelten Betrug gebührend bestraft.
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