Archiv

Im Nebel

Im Nebel
Eine mystische Kurzgeschichte von Lon Wolfe

An jenem Abend war der Nebel weit mehr als bloß ungemütliches Wetter. Er wirkte belebt, ursprünglich und bedrängend. Wie eine feuchte, undurchlässige Schicht hatte er sich über die gesamte Landschaft ausgebreitet. Die Vegetation an den Wegrändern war kaum mehr wahrnehmbar, als hätte der Nebel sie einfach verschluckt. Selbst die Schritte auf dem Untergrund wurden gedämpft und dumpf. Der Mann befand sich völlig isoliert, eingehüllt in eine weiße Atmosphäre, in der die Sicht aufgehoben war.

Da plötzlich alles Vertraute verschwunden war – keine Gebäude, keine Färbung, keine definierten Konturen –, überkam ihn ein Gefühl der Beklemmung. Er suchte krampfhaft nach Orientierungspunkten, auf die er sich besinnen konnte, fand aber nichts vor. Seine rationale Urteilskraft versagte ihm in diesem Moment. Ein Gefühl von Verletzlichkeit und Desorientierung durchdrang ihn, als sei er aus der gewohnten Wirklichkeit hinausgerissen worden.

Unvermittelt durchbrach ein Lichtstrahl die weiße Barriere vor ihm.

Zunächst nur ein matter, fremdartig wirkender Schimmer im feuchten Grauton. Doch bald manifestierten sich zwei identische, intensiv strahlende Kreisformen. Sie bewegten sich völlig geräuschlos durch die Nebelschicht direkt auf ihn zu.

Der Mann erstarrte sofort. In diesem Augenblick handelte er nicht wie ein normaler Mensch. Er erlebte sich wie in ferne Epochen zurückversetzt – vergleichbar einem Menschen der Frühzeit, der sich dem Unbegreiflichen gegenübersieht. Seine erste Reaktion war lähmende Starre. Ihm stockte der Atem, die Muskulatur verspannte sich. Er wartete auf das Übernatürliche. Es war keine panische Furcht, die ihn erfasste. Vielmehr durchfuhr ihn eine tiefe, ehrfurchtsvolle Beklemmung – das Empfinden, dem Überirdischen zu begegnen.

Da seine Wahrnehmung im Nebel keine alltäglichen Formen deuten konnte, weigerte sich sein Bewusstsein, diese glühenden Kreise als etwas Bekanntes zu interpretieren. Stattdessen konstruierte es hastig eine Deutung, um das Unbekannte zu erklären. Für ihn wurden diese Lichter zu den glänzenden Augen einer riesigen, fremden Existenz. Ein Wesen aus reinem Licht, das die Grenze zwischen den Welten überschritt.

Seine Augen öffneten sich, um das Licht aufzunehmen. Seine Arme sanken langsam herab – eine unbewusste Geste, die seine Wehrlosigkeit vor dieser übermächtigen Erscheinung bekundete.

»Bist du ein Bote?«, formten seine Lippen lautlos. Die beiden leuchtenden Punkte hielten ihn gefangen.

Die Lichter intensivierten sich. Sie durchschnitten unaufhaltsam die dicke Nebelwand und warfen bizarre, flackernde Schattengebilde der blattlosen Zweige auf das Pflaster. Sie glichen langen, unheimlichen Fingern. Der Mann wich einen Schritt zurück, sein Blick aber blieb an dem Licht geheftet, als würde eine unsichtbare Kraft ihn halten. Er befand sich in Verzückung, völlig hingerissen. Die Realität und die Traumwelt verschmolzen. Ein mächtiger Drang beschlich ihn, sich auf die Knie zu werfen. Die strahlenden Augen in der Nebelwand wirkten befehlend und überwältigend.

Als die Gestalt sich unmittelbar näherte, durchbrach ein dumpfes, rhythmisches Grollen die Stille. Es glich einem mechanischen, gleichförmigen Atmen. Für den Bruchteil eines Moments wurde der dunkle Schemen eines Fahrzeugs im Nebel sichtbar.

Doch das Bemerkenswerte an der menschlichen Vorstellung ist: Obwohl er nun die objektive Realität erkannte, löste sich der magische Bann nicht auf. Er transformierte sich nur. Das Auto war für ihn nicht mehr eine bloße technische Konstruktion. Es war ein gewaltiger, stählerner Drache, der mit leuchtenden Augen und dröhnendem Laut durch die Nacht patrouillierte.

Ein kühler Luftstoß traf sein Gesicht. Mit dem Wind kamen die Düfte von feuchtem Laub und Motorabgasen, als die massive Maschine an ihm vorbeizog.

Unwillkürlich wandte er sich um und folgte dem Fahrzeug mit seinem Blick. Die Rückleuchten schienen in dunklem Rot wie zwei kleine Punkte in der dichten Atmosphäre. Sie ähnelten zwei kleinen, blutenden Wunden im Grau. Für einen Moment schienen sie ihn noch anzustarren, wie die hinteren Augen des Ungeheuers. Dann absorbierte der gefräßige Nebel auch diese Lichter vollständig. Die tiefe Stille kehrte zurück, wirkend noch bedrängender als zuvor.

Der Mann stand lange reglos am Straßenrand. Sein Herzschlag pochte bis in den Hals, sein Puls hämmerte in den Schläfen. Es war das Nachwirken eines intensiven Schreckens. Sein Verstand meldete sich allmählich zurück und versicherte ihm, dass lediglich ein Fahrzeug mit eingeschalteten Scheinwerfern vorbeigefahren war. Nichts von Bedeutung. Dennoch starrte er weiterhin in die flimmernde, weiße Leere und flüsterte mit rauer, leiser Stimme in die Kälte: »Ich habe dich gesehen.«

Langsam setzten sich seine Beine wieder in Bewegung. Mit jedem Schritt versuchte er, sich von dem Geschehenen zu entfernen, doch die Erinnerung blieb ihm unverrückbar gegenwärtig. Der Nebel schien ihm nun noch dichter, noch beklemmender zu sein als zuvor, durchdrungen von einer unsichtbaren Gegenwärtigkeit. Die Welt um ihn herum hatte sich fundamental verschoben. Das rationale Bewusstsein war zwar zurückgekehrt, doch es konnte die tiefe Schicht des Erlebten nicht einfach tilgen. Eine fremdartige Erkenntnis hatte sich in seinem Inneren festgesetzt – die Einsicht, dass die Grenze zwischen dem Rationalen und dem Mysteriösen weit durchlässiger war als er je gedacht hatte.

Die Umgebung könnte morgen wieder zur Gewöhnlichkeit zurückkehren. Doch in seiner Erinnerung würde dieser nebelumhüllte Straßenabschnitt auf ewig einen besonderen Status behalten. Ein Ort, wo er für kurze Momente das Gefühl hatte, dem Übernatürlichen zu begegnen. Ein heiliger Ort, gesäumt von Geheimnissen, die die moderne Welt zu verdrängen suchte. Und in den kommenden Nächten würde er, sobald er wieder einen dichten Nebel sah, innehalten und sich umschauen – immer auf der Suche nach jenem leuchtenden Blick, jenem großen Drachen, jenem Boten aus der anderen Welt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert