Archiv

Vom rebellischen Nischen-Treff zum Epizentrum der Phantastik

Vom rebellischen Nischen-Treff zum Epizentrum der Phantastik
Der Buchmesse Convent feiert sein 40. Jubiläum

Der Buchmesse Convent, in der Szene liebevoll BuCon genannt, hat sich in vier Jahrzehnten zur zentralen Parallelveranstaltung der großen Frankfurter Buchmesse für die deutschsprachige Phantastik entwickelt. Was einst als kleine, beinahe trotzige Gegenbewegung zu den etablierten Strukturen des Literaturbetriebs begann, feiert am 10. Oktober 2026 sein 40-jähriges Bestehen. Längst ist aus dem damaligen Geheimtipp eine unverzichtbare Institution für alle Liebhaber von Science-Fiction, Fantasy und Horror geworden.

Die Wurzeln dieser bemerkenswerten Erfolgsgeschichte reichen in das Jahr 1986 zurück, als der erste BuCon ins Leben gerufen wurde. Zu dieser Zeit präsentierte sich die Frankfurter Buchmesse noch äußerst traditionell, weshalb die phantastische Literatur dort kaum Beachtung oder angemessene Präsentationsflächen fand. Getrieben von dem Wunsch nach mehr Sichtbarkeit schufen die Gründer einen eigenen Raum für Vernetzung und kreativen Austausch. In diesen Anfangsjahren war der Convent vor allem eine Nischenveranstaltung, ein sicherer Hafen für Autorinnen, Autoren, Verlage und Fans. Abseits des klassischen Literaturbetriebs traf man sich hier, um jene Werke zu feiern, die vom damaligen Mainstream oftmals noch als reine Schundliteratur abgetan und nicht als ernstzunehmende Kunst akzeptiert wurden.

Mit der wachsenden Akzeptanz der Genres stieß die Veranstaltung in Frankfurt jedoch zunehmend an ihre räumlichen Grenzen, was im Jahr 2000 den logistisch bedeutendsten Meilenstein der Convent-Historie auslöste. Das Organisationsteam wagte den Umzug in das benachbarte Dreieich-Sprendlingen. Das dortige Bürgerhaus erwies sich im Jahr 2007 als absoluter Glücksgriff und dient nun seit 26 Jahren als feste Heimat des Events. Mit dem neuen Standort wuchs auch die Zugkraft der Veranstaltung massiv an, sodass der BuCon seither regelmäßig die prominentesten Namen der deutschen Phantastik anzieht. Bestsellerautoren wie Wolfgang Hohlbein, Markus Heitz und Bernhard Hennen schätzen besonders die familiäre Atmosphäre, bei der die Besucher auf Augenhöhe in den direkten Kontakt mit ihren literarischen Idolen treten können. Begleitet wird dieses jährliche Klassentreffen der Szene stets von einem augenzwinkernden Running Gag: Bis heute wird in den Gängen des Bürgerhauses humorvoll, aber leidenschaftlich darüber debattiert, ob es nun eigentlich der oder die BuCon heißen muss.

Dass diese enge Gemeinschaft auch schwersten Krisen trotzen kann, zeigte sich während der globalen COVID-19-Pandemie in den Jahren 2020 und 2021. Anstatt das Event abzusagen, verlagerte das ehrenamtliche Team den BuCon kurzerhand in den virtuellen Raum und bot über Twitch-Streams sowie Discord-Server ein vollwertiges Ersatzprogramm an. Diese erzwungene Digitalisierung stellte die immense Resilienz der ehrenamtlichen Helfer unter Beweis und legte den Grundstein für einen beispiellosen Boom. Mit der Rückkehr zur physischen Präsenzveranstaltung im Jahr 2022 erlebte der Convent einen gewaltigen Aufschwung, der in den Folgejahren sämtliche historischen Rekorde brechen sollte.

Im Jahr 2023 durchbrach das Event mit 95 Händlerständen und 128 vielfältigen Programmpunkten erstmals die magische Marke von 1.000 Besuchern. Diese Euphorie trug den Convent in das darauffolgende Jahr 2024, in dem die Teilnehmerzahl auf 1.050 anstieg und zudem ein neu eingeführter phantastischer Poetry-Slam eine überaus erfolgreiche Premiere feierte. Den vorläufigen Höhepunkt dieser Entwicklung markierte schließlich das vergangene Jahr 2025. Mit stolzen 1.088 Gästen und der maximal möglichen Auslastung von 100 Ausstellerständen war das Bürgerhaus bis auf den letzten Platz gefüllt und unterstrich eindrucksvoll die ungebrochene Relevanz der Veranstaltung.

Parallel zu dieser stetigen räumlichen und personellen Expansion hat sich der BuCon auch als die wichtigste Bühne für Auszeichnungen innerhalb der Phantastik etabliert. Über viele Jahre hinweg wurden in Dreieich die maßgeblichen Literaturpreise der Szene feierlich überreicht. So fand beispielsweise die Verleihung des prestigeträchtigen Deutschen Phantastik Preises von 1999 bis 2016 traditionell auf dem Convent statt. Um eigene Akzente zu setzen, rief das Team zudem den BuCon-Ehrenpreis ins Leben. Mit dieser Auszeichnung würdigt der Convent seit 2014 alljährlich Persönlichkeiten, die sich durch besondere Leistungen um die phantastische Gemeinschaft verdient gemacht haben. In die illustre Riege der Preisträger reihen sich bekannte Größen wie Thomas Finn im Gründungsjahr 2014, Andreas Brandhorst im Jahr 2023 und zuletzt Klaus N. Frick im Jahr 2025 ein.

Wenn der Buchmesse Convent nun am 10. Oktober 2026 sein 40. Jubiläum feiert, blickt er auf eine Historie zurück, die so farbenprächtig ist wie die Literatur, die er vertritt. Die Entwicklung belegt eindrucksvoll, wie aus einer kleinen, widerständigen Gegenveranstaltung das maßgebliche, größte und lebendigste Zentrum für Phantastikschaffende im gesamten deutschsprachigen Raum heranwachsen konnte. Dieser Aufstieg ist keineswegs als selbstverständlich anzusehen, sondern vielmehr das Resultat beharrlicher Arbeit und unbeirrbarer Leidenschaft für das Genre, das über Jahrzehnte hinweg um gesellschaftliche Akzeptanz kämpfen musste.

Das bevorstehende Jubiläumsjahr stellt für das Organisationsteam eine besondere Herausforderung und gleichzeitig eine großartige Chance dar. Die Verantwortlichen haben bereits angekündigt, dass die 40. Ausgabe des BuCon mit erweiterten Programmpunkten und exklusiven Veranstaltungen aufwarten wird. Im Fokus stehen dabei insbesondere die Würdigung der Gründergeneration sowie die Präsentation innovativer Formate, die neue Zielgruppen ansprechen sollen. Ein besonderes Highlight wird die geplante Retrospektive sein, die anhand von Archivmaterialien, Fotografien und persönlichen Berichten die faszinierende Entwicklungsgeschichte des Convents dokumentiert. Auch die zunehmende Digitalisierung wird stärker in die Planung integriert, um Fans aus dem gesamten deutschsprachigen Raum eine hybride Teilhabe zu ermöglichen und damit die räumlichen Grenzen des Bürgerhauses zu überwinden, ohne die gewachsene Intimität zu gefährden.

Darüber hinaus hat sich der Convent in jüngster Zeit als wichtige Plattform für den internationalen Austausch profiliert. Autoren und Verlage aus Österreich haben ihre Präsenz auf der Veranstaltung kontinuierlich ausgebaut, wodurch der BuCon seinen Status als überregionales Netzwerk-Zentrum gefestigt hat. Diese europäische Dimension eröffnet neue Perspektiven für die Verbreitung deutschsprachiger Phantastikliteratur und ermöglicht intensivere Kooperationen zwischen den Ländern. Erste Gespräche über eine stärkere Zusammenarbeit mit Veranstaltern aus Luxembourg deuten darauf hin, dass der BuCon künftig auch als Schnittstelle für den kontinentalen Gedankenaustausch fungieren könnte.

Die ehrenamtliche Struktur des BuCon bleibt bis heute das Herzstück der Veranstaltung und unterscheidet sie grundlegend von kommerziell ausgerichteten Großevents. Das Organisationsteam, welches seine Zeit und Kreativität vollkommen uneigennützig einbringt, garantiert eine authentische, familiäre Atmosphäre, die sich gewinnorientierte Großveranstalter schlicht nicht erkaufen können. Dies ist nicht zuletzt der Grund dafür, warum Autoren und Verlage den BuCon dem geschäftigen Treiben anderer Messe-Nebenveranstaltungen vorziehen. Die aktuelle Mannschaft aus etwa dreißig engagierten Ehrenamtlichen investiert jährlich mehrere hundert Stunden in die Organisation und Durchführung des Events, wobei die Planung bereits ein Jahr vor dem eigentlichen Termin beginnt.

Mit Blick auf die kommenden Jahre wird deutlich, dass der BuCon nicht als nostalgisches Relikt seiner frühen Phase verharrt, sondern sich als lebendige Institution beständig weiterentwickelt. Die zukunftsorientierte Ausrichtung des Jubiläums soll dementsprechend nicht nur das Erreichte würdigen, sondern auch neue Wege aufzeigen, auf denen die Phantastik-Gemeinschaft gemeinsam voranschreiten kann. Diskussionen über die Integration von Virtual-Reality-Erfahrungen, die Ausweitung des Veranstaltungsortes oder die Schaffung eines digitalen Archivs zeigen, dass das Organisationsteam bereit ist, traditionelle Grenzen zu überschreiten, ohne die Essenz des BuCon zu gefährden. Damit trägt der Buchmesse Convent nachhaltig dazu bei, dass Science-Fiction, Fantasy und Horror ihre gesellschaftliche Anerkennung nicht nur behaupten, sondern weiter ausbauen können, und etabliert sich zugleich als Vorbild für kleine, gemeinschaftlich getragene Kulturveranstaltungen in einer zunehmend kommodifizierten Eventlandschaft.

Chapeau, ein dreifach Hoch und Prosit auf die nächsten 40 Jahre!

(wb)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert