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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 14 – 3. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 14
Das Geheimnis der Goldgräberhütte
Kapitel 3
Der Handschuh

Langsam öffnete sich abermals die Tür, während Sherlock Holmes von seinem Sessel am Schreibtisch aufstand. Ein hochgewachsener Mann in einem eleganten karierten Anzug trat ein. sein leicht blasses Gesicht wurde von einem dunklen Vollbart umrahmt.

Sherlock Holmes ging ihm entgegen.

»Mein Herr«, sagte er, »mit wem habe ich die Ehre?«

»Ich heiße Artur Titchburn«, entgegnete der Besucher, »und ich freue mich, den berühmten Detektiv Sherlock Holmes kennenzulernen.«

Damit streckte Artur Titchburn ihm beide Hände entgegen. Sie steckten in dunkelgelben Glacéhandschuhen. Mit einer für ihn ungewohnten Freundlichkeit, die er Fremden gegenüber sonst selten an den Tag legte, ergriff Holmes die Hand des Besuchers und drückte sie. Allerdings fasste er wohl ein wenig ungeschickt zu, denn der Detektiv erwischte nur die Fingerspitzen der linken Hand.

In demselben Moment, als Holmes diese fünf Fingerspitzen umschloss, sagte er sich: »Der Mittelfinger der linken Hand ist durch eine Wattierung im Handschuh ergänzt – dem Mann fehlt das obere Glied dieses Fingers! Artur Titchburn ist Patrick Scott.«

Das anschließende Gespräch zwischen Artur Titchburn und dem Detektiv war kurz, aber aufschlussreich. Titchburn erzählte, dass er soeben erst aus Amerika zurückgekehrt sei, wo er volle neun Jahre lang gelebt habe. Obwohl er der Sohn des bekannten Londoner Bankiers Titchburn war, sei es ihm drüben herzlich schlecht ergangen; er habe London nämlich nach einem heftigen Streit mit seinem Vater verlassen.

Der Anlass für diesen Streit sei eine Jugendliebe gewesen – die Zuneigung zur Tochter eines Gärtners.

»Ich bin in Amerika, wie man so schön sagt, durch die harte Schule gegangen«, fuhr Titchburn fort. »Ich habe drüben so ziemlich alles ausprobiert und angefangen, was ein Mensch nur anpacken kann. Schließlich lockten mich die reichen Goldfunde in Kalifornien, mein Glück ebenfalls dort zu versuchen, und ich ging unter die Goldgräber. Aber auch dort war mir das Glück nicht hold; ich habe harte Tage unter den übelsten Gestalten verbracht, mit denen ich dort zusammenleben musste.

Da erreichte mich eines schönen Tages die Nachricht, dass mein Vater gestorben sei und er mich keineswegs enterbt habe, wie ich befürchtet hatte. Natürlich machte ich mich daraufhin sogleich auf den Heimweg. Vor etwa zehn Tagen bin ich in London eingetroffen. Nun, da ich wieder in dem Haus lebe, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, und mich die alten Verhältnisse wieder umgeben, versuche ich, die Schatten der Vergangenheit abzustreifen.

Dabei habe ich auch an Nelly Miller gedacht. ›Was wohl aus ihr geworden sein mag?‹, fragte ich mich. ›Ist sie verheiratet oder lebt sie womöglich noch immer als unverheiratetes Mädchen in armseligen Verhältnissen?‹ Letzteres war beinahe zu befürchten. Denn als mein Vater damals meine Liebschaft mit Nelly entdeckte, warf er ihren Vater – seinen Gärtner, mit dem er bis dahin außerordentlich zufrieden gewesen war – hochkant auf die Straße. Da Nellys Vater damals aber schon ein alter Mann war, fürchte ich, dass er keine neue Anstellung mehr gefunden hat.«

Sherlock Holmes hätte Artur Titchburn all diese Fragen nach Nelly Miller ohne Weiteres beantworten können. Vor kaum einer halben Stunde hatte sie schließlich auf genau demselben Stuhl gesessen, auf dem dieser elegante, dunkelbärtige Mann nun Platz genommen hatte. Holmes wusste wohl, wie sehr die Familie Miller nach der Katastrophe im Hause Titchburn Not gelitten hatte: dass Nellys Vater gestorben war, dass ihre alte Mutter jahrelang für andere Leute die Wäsche gewaschen hatte und erst durch die Tatkraft und das Talent ihrer einzigen Tochter – die sich wacker als Maschinenschreiberin durchschlug – von dieser schweren Arbeit erlöst worden war.

Ja, all das hätte Sherlock Holmes sagen können, aber er wollte es nicht.

»Was gedenken Sie nun also zu tun, mein Herr?«, fragte er Artur Titchburn ruhig. »Offenbar wollen Sie das arme Mädchen wiedersehen, dem Ihre Jugendliebe galt und dem gegenüber Sie gewissermaßen doch eine Verpflichtung zu erfüllen haben.«

»Wiedersehen?«, meinte Artur Titchburn gedehnt, während er die Spitzen seines langen Bartes mit beiden Händen durch die Finger gleiten ließ. »Nein, Mr. Holmes, ich ziehe es vor, Miss Nelly nicht mehr zu begegnen. Wozu sollte das auch führen? Ich bin inzwischen um volle neun Jahre älter geworden und sehe ein, dass meine damalige Liebe zu der schönen Gärtnerstochter nichts weiter als eine jugendliche Schwärmerei war. Ich bin jetzt der Chef des Bankhauses Titchburn & Co. Da stünde es mir nicht an, Miss Nelly zu meiner Frau zu machen – umso weniger, als ich in dieser Hinsicht ganz andere Aussichten und Pläne hege.«

»Ah, andere Aussichten und Pläne«, sagte Sherlock Holmes laut. Innerlich jedoch dachte er: Wie leichtfertig dieser Schuft doch über ein Menschenleben hinweggeht!

»Indessen will ich Nelly nicht ganz leer ausgehen lassen«, fuhr Artur Titchburn fort. »Ich möchte beweisen, dass ich ihr für die schönen Stunden, die sie mir damals geschenkt hat, dankbar bin. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt, Mr. Holmes: Ich bitte Sie, Miss Nelly Millers gegenwärtigen Aufenthalt zu ermitteln. Gelingt Ihnen das, können Sie dem Mädchen in meinem Namen eine Abfindung von 500 Pfund Sterling anbieten. Allerdings müsste sie sich im Gegenzug verpflichten, keinerlei weitere Ansprüche gegen mich zu erheben.«

Sherlock Holmes schloss kurz die Augen, um Titchburn den verächtlichen Blick zu verbergen, der sich in seinen Pupillen widerspiegelte.

»Ich pflege derartige Aufträge in der Regel nicht anzunehmen«, sagte er nach einer kleinen Pause, »aber in diesem Fall, da es darum geht, einem armen Mädchen zu helfen, bin ich natürlich sehr gern bereit, Ihnen diesen Dienst zu erweisen, Mr. Titchburn.«

»Nelly Miller hat natürlich keine Ahnung davon, dass Sie in London angekommen sind?«

»Wie sollte sie das auch erfahren, Mr. Holmes? Sie ahnt natürlich nicht, dass ich zurückgekehrt bin – nein, das kann sie unmöglich ahnen.«

»Warum denn nicht?«, versetzte der berühmte Detektiv. »Die Passagierlisten der großen Ozeandampfer aus Amerika werden schließlich von Zeit zu Zeit in den Zeitungen veröffentlicht. Könnte Nelly Miller Ihren Namen nicht in einer dieser Zeitungen entdeckt haben? Unter einem falschen Namen sind Sie doch wohl nicht von Amerika weggefahren?«

»Ganz gewiss nicht!«, entgegnete Titchburn mit einem Lächeln. »Welchen Grund sollte ich denn gehabt haben, mir einen falschen Namen zuzulegen?«

»Hervorragende Persönlichkeiten tun das mitunter, um sich vor der Neugier der Reporter zu schützen«, fuhr Holmes ernst fort. »Ich selbst habe in der Schiffsliste der Cunard Line gesehen, dass Sie vor etwa zehn Tagen mit der BRITANNIA in Liverpool angekommen sind.«

»Ganz recht, mit der BRITANNIA«, gab Mr. Titchburn zur Antwort. »Nun, Nelly Miller dürfte diese Schiffslisten kaum regelmäßig verfolgen«, fuhr er lachend fort. »Wüsste sie etwas von meiner Rückkehr, hätte sie sich wohl längst bemüht, mich persönlich zu sprechen. Das wäre ihr allerdings kaum gelungen, denn ich habe meinen Dienern streng angewiesen, sie unter keinen Umständen vorzulassen.«

»Ah, wie ich sehe, gehen Sie sehr radikal vor, Mr. Titchburn«, bemerkte Sherlock Holmes.

»Man wird eben praktisch in Amerika.« Damit erhob sich der vornehme Besucher. Während er nach seinem Hut griff, fügte er noch hinzu: »Vergessen Sie also nicht, Mr. Holmes: 500 Pfund Sterling für Miss Nelly Miller, sobald Sie sie gefunden haben. Das Geld ist bereits bei meinem Advokaten, dem Notar Duffield, hinterlegt. Dort muss das Mädchen nur ein kurzes Dokument unterzeichnen, das Notar Duffield bereithält und das mich ein für alle Mal vor ihren Ansprüchen sichert. Ich empfehle mich Ihnen, Mr. Holmes.«

»Nur einen Augenblick bitte«, sagte der Detektiv. »Ich möchte mir noch den Namen und die Adresse des Notars notieren.«

Holmes nahm an seinem Schreibtisch Platz und tauchte eine Feder in das Tintenfass. »Notar Duffield, sagten Sie doch, Mr. Titchburn? Nun, der Name genügt – ein Notar ist schließlich immer aufzufinden.«

»Nun, leben Sie wohl«, versetzte Artur Titchburn. Er legte die linke Hand auf die Schreibtischplatte und bot dem Detektiv noch einmal die Rechte zum Abschied dar.

»Leben Sie wohl, Mr. Titchburn«, sagte Sherlock Holmes. »Ich hoffe, Sie werden bald von mir hören – es wird ja nicht allzu schwer sein. – Ach, was habe ich denn da getan! Wie ungeschickt von mir! Jetzt habe ich mit dem Rockärmel das Tintenfass umgestoßen und die Tinte ist über Ihren ganz neuen Handschuh gelaufen!«

»Ah, das ist unangenehm«, stieß Artur Titchburn hervor. »Ich habe noch einige Besuche abzustatten und …«

»Ich werde versuchen, meine Ungeschicklichkeit wiedergutzumachen«, unterbrach ihn Sherlock Holmes. »Mein Gehilfe soll rasch in ein Handschuhgeschäft eilen und Ihnen Ersatz besorgen. Haben Sie bitte die Güte, die Handschuhe abzulegen. – Harry!«

Harry Taxon erschien und erhielt sogleich den Auftrag, ein neues Paar Handschuhe zu beschaffen.

»Bitte nennen Sie noch die Farbe«, wandte sich der Detektiv an seinen Besucher, »und geben Sie die Größe an.«

»Ich trage Größe 7 ¾ und hätte gerne dieselbe Farbe wie diese hier«, sagte er lächelnd. Dabei zog er langsam die Handschuhe aus und händigte sie Harry ein.

Das war genau das, was Sherlock Holmes beabsichtigt hatte. Schnell richtete er seinen Blick auf die linke Hand des Mannes – und er hatte sich nicht getäuscht: Das obere Glied des Mittelfingers fehlte.

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