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Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 14 – 2. Kapitel

Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 14
Das Geheimnis der Goldgräberhütte
Kapitel 2
Die Maschinenschreiberin

Im Arbeitszimmer Sherlock Holmes’ klapperte die Schreibmaschine. Sie stand auf einem kleinen Tischchen, vor dem auf einem Sessel eine junge Dame von auffallender Schönheit saß. Man konnte sich kaum etwas Reizenderes vorstellen als diese schlanke, durch und durch jungfräuliche Gestalt in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und das hübsche, leicht blasse Gesicht, das von dunklen Locken umrahmt wurde.

Sherlock Holmes hatte es sich in einem breiten Lehnstuhl bequem gemacht. Er qualmte aus seiner kurzen Pfeife und diktierte dabei nahezu pausenlos. Plötzlich jedoch nahm er die Pfeife aus dem Mund und wandte sich an die junge Dame:

»Nun ruhen Sie sich erst einmal etwas aus, Miss Nelly. Ihre Hände müssen Ihnen ja schon wehtun; seit einer vollen halben Stunde lassen Sie nun ohne Unterbrechung die Tasten tanzen.«

»Oh, ich bin noch gar nicht müde, Mr. Holmes«, antwortete das schöne Fräulein. »Wenn Sie es wünschen, können wir sogleich fortfahren.«

»Ich glaube, ich habe heute schon genug für mein Tagebuch diktiert«, erwiderte Sherlock Holmes lächelnd. »Wissen Sie, Miss Nelly, wie begeistert ich von der Erfindung der Schreibmaschine bin? Bis dahin musste ich mein Tagebuch allabendlich selbst führen. Mit meiner miserablen Schrift – die unter uns gesagt außer mir niemand lesen kann – war das jedes Mal eine mühevolle Arbeit. Nun aber sind Sie so gut, mich zweimal in der Woche zu besuchen. In diesen paar Stunden habe ich alles herunterdiktiert, was mir auf dem Herzen lag, und meine Erinnerungen so gesichert, dass ich selbst nach zehn Jahren noch nachschlagen kann, ob ein Verbrecher, den ich damals verfolgte, gelbe oder rote Haare hatte. Ich bin Ihnen wirklich dankbar, Miss Nelly.«

»Nur ich habe allen Grund, Ihnen dankbar zu sein, Mr. Holmes«, erwiderte das hübsche Mädchen bescheiden. »Denn abgesehen davon, dass ich durch Sie ein gutes Einkommen habe, das mir und meiner armen Mutter sehr zugutekommt, genieße ich auch noch das Privileg, die Erinnerungen des berühmten Detektivs zu erfahren.«

»Sie besitzen zwei Tugenden, Miss Nelly, die mich veranlasst haben, Sie einzustellen: Erstens sind Sie eine sehr geschickte junge Dame, die die Schreibmaschine so vortrefflich zu spielen weiß wie Paderewski sein Klavier. Und zweitens schätze ich an Ihnen eine Eigenschaft, die Sie gründlich von den anderen Evastöchtern unterscheidet: Sie sind verschwiegen.«

»Nun, habe ich denn nicht gelobt, kein Wort von dem zu verraten, was ich bei Ihnen höre, Mr. Holmes?«

»Sie haben es mir ja förmlich beeidet.« Sherlock Holmes fuhr fort: »Und nun, Miss Nelly, eine Frage, die mir schon eine ganze halbe Stunde auf dem Herzen liegt: Warum sind Sie heute so traurig?«

»Ich traurig? Oh, Mr. Holmes, ich bin doch ganz so wie immer.«

»Glauben Sie denn wirklich, den Detektiv Sherlock Holmes täuschen zu können? Was für ein Stümper wäre ich, wenn ich Ihnen nicht sofort am Gesicht ablesen könnte, dass Sie etwas Betrübliches erlebt haben müssen. Ist Ihre Mutter gesund?«

»Danke der Nachfrage, Mr. Holmes, es geht ihr sehr gut.«

»Warum aber haben Sie dann heute Nacht so viel geweint?«, forschte der Detektiv weiter.

»Ich? Nein, wirklich …«

»Ach, sehen Sie, Miss Nelly – Sie können doch gar nicht lügen. Sie haben heute Nacht Ihr ganzes Kopfkissen mit Tränen benetzt, würde ich sagen, wenn ich mich dichterisch ausdrücken wollte. Nun sehen Sie – jetzt lassen Sie das Köpfchen hängen und antworten mir gar nicht mehr. Heraus mit der Sprache: Wo drückt der Schuh?«

»Ach, Mr. Holmes, um Ihnen das zu erklären, müsste ich eine sehr lange, aber auch traurige Geschichte erzählen.«

»Ich bin zwar kein Freund von langen Geschichten – obwohl ich in meiner Praxis oft genug dazu verurteilt bin, sie mir anzuhören –, doch da die Geschichte Sie selbst betrifft, mein Fräulein, will ich mich in Geduld fassen. Beginnen Sie also, Miss Nelly.«

»Als Sie mich in Ihre Dienste nahmen, Mr. Holmes«, begann das junge Mädchen tief bewegt, »waren Sie taktvoll genug, mich nicht über meine Vergangenheit auszufragen.«

»Weil ich sie natürlich schon kannte«, entgegnete Sherlock Holmes lächelnd. »Glauben Sie denn, Miss Nelly, dass ich als Detektiv eine fremde Person in mein Tagebuch blicken lasse, ohne zu wissen, wer sie ist und woher sie kommt? Ich habe selbstverständlich Erkundigungen über Sie eingezogen, und ich kann Ihnen versichern, Miss Nelly, dass diese außerordentlich günstig für Sie ausgefallen sind.«

»Was haben Sie denn über mich erfahren, Mr. Holmes?«, fragte das hübsche Mädchen.

»Dass Sie ein sehr liebenswürdiges, tugendhaftes, aber auch unglückliches Mädchen sind. Ihr Vater war Gärtner im Haus des bekannten Bankiers Titchburn. Der junge Herr des Hauses fasste eine tiefe Neigung zu Ihnen, die Sie von Herzen erwiderten. Wie es aber so oft geschieht, war der alte Titchburn natürlich gegen diese Verbindung, da er eine vornehme und reiche Heirat für seinen einzigen Sohn vorsah. Darüber kam es zum Bruch zwischen Vater und Sohn: Artur Titchburn verschwand in das Land der gescheiterten Existenzen und Unglücklichen, die mit anderen Menschen nichts mehr zu tun haben wollen. Er ging nach Amerika.

Der alte Titchburn gab Ihrem Vater die Schuld daran, dass es zwischen Ihnen und seinem Sohn so weit gekommen war, und setzte ihn kurzerhand auf die Straße. Der alte Mann überlebte das nicht lange; er starb, und Ihre Mutter ernährte sich seitdem ehrlich und redlich als Wäscherin. Sie selbst haben vieles gelernt und Ihre Mutter so tatkräftig unterstützt, dass die alte Frau es nicht mehr nötig hat, sich für andere die Hände wund zu reiben. Sehen Sie, Miss Nelly, das ist in Kürze Ihr bisheriger Lebenslauf, nicht wahr?«

»Ich ahnte nicht, dass Sie das alles wissen, Mr. Holmes«, antwortete das junge Mädchen mit Tränen in den Augen. »Aber ich möchte noch etwas hinzufügen, was Ihnen begreiflich machen wird, warum ich so traurig bin. Als Artur von mir ging, versprach er, mir regelmäßig zu schreiben. Er schwor, mich niemals zu verlassen und mich nachkommen zu lassen, sobald er in Amerika eine Stellung erlangt hätte, die eine Heirat gestattet.«

»Und er hat sein Wort natürlich nicht gehalten?«, fragte Sherlock Holmes.

»Warum finden Sie das so natürlich, Mr. Holmes?«

»Weil die junge Liebe selten lange anhält.«

»Nein, das trifft auf Artur nicht zu!«, erwiderte Miss Nelly hastig. »Er hat mich treu und wahrhaftig geliebt und konnte nicht von mir lassen. Ach, ich befürchtete schon, er sei im fernen Amerika gestorben und verdorben. Bis gestern befürchtete ich es – doch jetzt wäre ich beinahe glücklich, wenn ich ihn als Toten betrauern könnte.«

Sherlock Holmes blickte überrascht auf: »Was ist denn zwischen gestern und heute geschehen?«, fragte er leise.

»Ich habe Artur Titchburn wiedergesehen.«

»Ah – er ist also zurückgekehrt?«

»Gestern Abend ist er angekommen. Der Zufall wollte es, dass ich auf dem Rückweg von einer Arbeit die Kensington Street entlangging. Da es schon ziemlich spät und dunkel war, stieß ich mit einem Mann zusammen. Als ich aufblickte, erkannte ich ihn sogleich: Es war Artur. Ich rief ihn beim Namen, aber …«

Nelly konnte vor Weinen nicht weitersprechen; die Tränen schnürten ihr die Kehle zu.

»Er aber …«, vollendete sie nach einer langen Pause ihre Erzählung, »ging kalt und fremd an mir vorüber und erkannte mich nicht. Er hörte meine Stimme, doch es war, als hätte er mich in seinem ganzen Leben noch nie gesehen.«

»Armes Kind«, murmelte Holmes. »Da haben Sie allerdings eine sehr bittere Enttäuschung erlitten. Aber Kopf hoch, Miss Nelly – das Glück hängt nicht an einem einzigen Menschen. Sie sind so schön und brav, dass es früher oder später einen Mann geben wird, der Sie zu schätzen weiß, mein Kind. Versuchen Sie, Artur Titchburn zu vergessen. Er ist Ihrer Liebe nicht wert, wenn er so an Ihnen handeln konnte.«

»Ach, vergessen … Ich werde ihn niemals vergessen!«, schluchzte Miss Nelly Miller. »Und niemals werde ich einem anderen gehören, Mr. Holmes – das schwöre ich Ihnen! Verzeihen Sie, Mr. Holmes«, bat das holde, reizende Mädchen. Sie erhob sich von dem Sessel, auf dem sie Platz genommen hatte, und strich sich mit dem Taschentuch über die geröteten Augen. »Verzeihen Sie, Mr. Holmes, dass ich mich von meinem Schmerz habe hinreißen lassen. Aber was liegt mir jetzt noch an meinem Leben? Es ist ja ohnehin schon ruiniert. Ich bin wohl eines von den vielen Mädchen, die am Mann ihrer ersten Liebe zugrunde gehen. Bitte gestatten Sie mir, die Arbeit für heute zu unterbrechen, Mr. Holmes. Es ist mir leider nicht möglich fortzufahren, denn meine Hände zittern zu sehr. Zudem ist es schon spät geworden und draußen dämmert es bereits stark.«

»Ich werde Ihnen meinen Gehilfen Harry Taxon mitgeben«, versetzte der berühmte Detektiv. »Er hat gerade nichts zu tun und soll Sie nach Hause begleiten. Es ist nicht gut, wenn ein so hübsches, reizendes Mädchen wie Sie am späten Abend allein durch die Straßen geht.«

Sherlock Holmes klingelte. Es dauerte nicht lange, bis Harry Taxon eintrat. Als er den Auftrag seines Gebieters hörte, erklärte er sich nur zu gerne bereit, Miss Nelly Geleit zu geben.

»Komm aber danach sogleich wieder zurück«, sagte Holmes zu seinem Gehilfen, »denn ich könnte später noch Arbeit für dich haben.«

Herzlich drückte Holmes dem scheidenden Mädchen die Hand und rief ihr an der Tür noch nach: »Vergessen Sie nicht, Miss Nelly! Besuchen Sie mich Donnerstag wieder – ich erwarte Sie bestimmt!«

Als Sherlock Holmes wieder allein war, zündete er seine Pfeife an, verschränkte die langen, mageren Hände hinter dem Rücken und schritt im Zimmer langsam auf und ab.

»Ein bitteres Unrecht ist dem armen Mädchen geschehen«, murmelte er zwischen den Zähnen, die die Pfeife hielten. »Dieses Mädchen hätte den edelsten Mann zum Gatten verdient – und dieser erbärmliche Kerl! Erst lässt er jahrelang nichts von sich hören, dann kehrt er aus Amerika zurück, um das Erbe seines verstorbenen Vaters anzutreten. Inzwischen ist er Millionär geworden und erinnert sich nicht einmal mehr an die Geliebte seiner Jugend. Aber bei Jove, ich hätte nicht übel Lust, in dieser Angelegenheit etwas zu unternehmen! Man müsste mit diesem Titchburn einmal ein ernstes Wort reden. Einen Vater hat das arme Kind nicht mehr«, fuhr Holmes fort, »daher wäre es nicht mehr als recht und billig, sie an Vater statt zu vertreten. Ich werde es mir überlegen … Herein! Herein – in drei Teufels Namen, herein!«

Langsam öffnete sich die Tür und eine armselig gekleidete Frau trat ein. Die Spuren von Armut und Entbehrung waren ihrem mageren Gesicht nur zu deutlich abzulesen. Bescheiden blieb sie an der Tür stehen.

»Was kann ich für Sie tun, gute Frau?«, fragte Sherlock Holmes, während er langsam näher trat und seine Besucherin mit scharfem Blick musterte.

»Entschuldigen Sie«, stammelte die Frau, »sind Sie der berühmte Detektiv Holmes?«

»Ob ich berühmt bin, weiß ich nicht und es tut auch nichts zur Sache. Aber Holmes heiße ich und Detektiv bin ich. Wenn ich Ihnen helfen kann, werde ich das tun, liebe Frau. Legen Sie also Ihre Scheu ab und reden Sie frei von der Leber weg. Womit kann ich Ihnen dienen?«

»Ich komme wegen Patrick Scott. Vor sieben Jahren hat er uns vollständig ruiniert. Mein armer Mann ist darüber gestorben; er konnte es nicht ertragen, dass unser schönes Geschäft unter den Hammer kam. Jetzt stehe ich ganz allein da, mit vier Kindern. Ach, Mr. Holmes, wenn Sie wüssten, wie viel Sorge und Kummer …«

Weiter konnte die arme Frau nicht sprechen. Die Tränen erstickten ihre Stimme und sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus.

»Kommen Sie näher, liebe Frau«, sagte Holmes sanft, nahm sie am Arm und führte sie zu einem Sessel. »Setzen Sie sich erst einmal. Hören Sie auf zu weinen und erzählen Sie mir alles ganz der Reihe nach. Vor allem: Wie heißen Sie?«

»Ich heiße Elisabeth Mulberry. Vor sieben Jahren war ich noch eine glückliche Frau; niemals hätte ich gedacht, dass es einmal so kommen würde. Mein Mann war Fleischer und besaß ein schönes Geschäft in der Howard Street. Wir arbeiteten beide fleißig und kamen von Jahr zu Jahr besser voran. Damals hatten wir einen Gehilfen namens Patrick Scott. Er war ein Irländer, ein hübscher, großer Bursche, der nur einen Fehler hatte: Er war ein wenig eitel und wollte stets hoch hinaus.

Gewöhnlich reiste mein Mann selbst nach Irland, um Vieh einzukaufen. Wie das Unglück es wollte, holte er sich jedoch eine schwere Erkältung und musste das Bett hüten. So schickte er Patrick und gab ihm 800 Pfund Sterling mit – das war praktisch unser gesamtes Vermögen und noch mehr. Patrick versprach, vorsichtig beim Einkauf zu sein und das Geld gut zu verwalten. So reiste er ab – und seitdem haben wir ihn nie wiedergesehen.

Er ist nicht einmal in Irland gewesen, wie die Polizei damals feststellte, sondern direkt von London nach Liverpool gefahren. Dort hat er ein Schiff nach Amerika bestiegen. Mein Mann ist von Pontius zu Pilatus gelaufen, um Patrick verfolgen zu lassen. Aber man sagte ihm, dass die Amerikaner den Spitzbuben selbst dann nicht ausliefern würden, wenn sie ihn erwischten – er habe schließlich keine öffentlichen Gelder unterschlagen, sondern nur die eines Privatmannes. Ich habe nie begriffen, wo da der Unterschied liegt, aber …«

»Es ist leider wirklich so«, sagte Sherlock Holmes. »Da lässt sich nichts machen.«

»Mein Mann hat sich die Sache so sehr zu Herzen genommen, dass er von Stund an kränkelte. Ein Jahr später habe ich ihn begraben. Die Gläubiger kamen und nahmen das Geschäft an sich, da kein Geld vorhanden war. Ich musste mit den vier Kindern nach Whitechapel in eine elende Wohnung ziehen, die nur aus einer Kammer und einer Küche besteht. Und jetzt ernähre ich die armen Kinder mit dem wenigen Geld, das ich durch das Nähen von Mäntel verdiene. Oft habe ich mich gefragt, ob Patrick wohl je zurückkommen würde, geglaubt habe ich es aber nicht. Und nun … nun ist es vielleicht doch geschehen.«

»Ah!«, rief Sherlock Holmes. »Jetzt wird die Sache interessant! Fahren Sie fort, liebe Frau. Woher wissen Sie, dass Patrick Scott zurückgekehrt ist?«

»Als ich gestern meine genähten Mäntel abliefern wollte und mich mit dem Bündel durch die Green Street schleppte, rief plötzlich jemand meinen Namen. Ich fuhr zusammen – denn wenn mich auf der Straße jemand beim Namen ruft, befürchte ich immer, es sei einer der alten Gläubiger. Sie wissen zwar alle, dass bei einer armen Witwe nichts zu holen ist, aber ich sehe sie trotzdem nicht gern, weil sie mich zu sehr an früher erinnern. Und tatsächlich: Vor mir stand der alte Jakob Candel, der damals unser Geschäft aus der Konkursmasse gekauft hat und damit ein reicher Mann geworden ist.

Er sagte zu mir: ›Das ist ein Zeichen des Himmels, Mrs. Mulberry, dass ich Sie treffe! Wissen Sie, wen ich vorgestern in Liverpool gesehen habe? Den Patrick Scott! Dafür würde ich meinen Kopf verwetten!‹

›Jesus und Maria!‹, rief ich aus und schlug die Hände zusammen. Ich war so aufgelöst, dass die Passanten stehen blieben und mich anstarrten. Jakob Candel nahm mich am Arm, führte mich in eine Seitengasse und meinte: ›Er hat sich zwar nicht gemeldet, aber ich kann mich nicht geirrt haben. Wenn er es wirklich war, werden Sie zu Ihrem Geld kommen, Mrs. Mulberry. Denn Patrick Scott muss in Amerika ein reicher Mann geworden sein.‹

Ich konnte nur noch weinen, aber Jakob Candel fuhr fort: ›Ich war in Liverpool, um eine große Lieferung eingesalzenes Schweinefleisch aus Chicago abzuholen. Man hatte mir angekündigt, dass die Fracht mit der BRITANNIA eintreffen würde, einem der größten Schiffe der Cunard Line. Als ich am Dock stand und das Anlegen beobachtete, sah ich mir die Passagiere an, die von Bord gingen.

Plötzlich tauchte vor mir ein elegant gekleideter Herr mit schwarzem Bart auf. Genau in dem Moment, als er an mir vorbeiging, fiel ihm seine lederne Reisetasche aus der Hand. Er wollte sich danach bücken, doch ich kam ihm zuvor. Als wir beide gleichzeitig nach der Tasche griffen, sah ich, dass am Mittelfinger seiner linken Hand ein Glied fehlte!

Hier ist Ihre Tasche, Sir, sagte ich. Er antwortete sehr freundlich: Ich danke Ihnen, Sir, das war sehr aufmerksam von Ihnen. Damit verschwand er im Gewühl der Passagiere – und ich stand da und zermarterte mir den Kopf, wo du diese Stimme schon gehört und wo du dieses Gesicht schon einmal gesehen hast. Denn mir war klar, dass ich ihm bereits begegnet war – nur dass er damals noch keinen schwarzen Bart trug! Da schrie ich plötzlich laut auf, sodass ein neben mir stehender Matrose schon dachte, ich hätte den Verstand verloren.

Sehen Sie, Mrs. Mulberry, in solchen Momenten fällt einem auf einmal eine Kleinigkeit ein, die man vor Jahren erlebt hat, und ein längst vergessen geglaubtes Bild steht wieder klar vor Augen: Erinnern Sie sich noch daran, Mrs. Mulberry, wie ich einmal in Ihrem Laden in der Howard Street stand und mit Ihnen sprach? Es ging damals um ein Kalb. Hinter dem Ladentisch stand Ihr Gehilfe Patrick Scott und war damit beschäftigt, das Roastbeef aus einer Rinderbrust auszulösen. Auf einmal schrie Patrick Scott auf, sodass wir uns überrascht umdrehten. Da sahen wir, wie er seine blutüberströmte linke Hand hochhielt: Er hatte sich mit dem Hackbeil das oberste Glied des Mittelfingers glatt abgeschlagen!

Dieser Moment hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt. Und jetzt erinnerte ich mich wieder daran, dass Patrick Scott ein Stück des linken Mittelfingers fehlte. Da wurde mir schlagartig klar: Der elegante Herr, der soeben die BRITANNIA verlassen hatte, war kein anderer als dieser Spitzbube und Durchgänger, der Sie damals ruiniert hat!‹«

Die arme Frau schwieg. Sie hatte ihre Erzählung unter vielen Tränen beendet. Sherlock Holmes war währenddessen ganz ruhig dagesessen und hatte ihr aufmerksam zugehört.

»Und nun?«, kam es leise von seinen Lippen.

»Seitdem ist nun eine Woche vergangen«, fuhr Mrs. Mulberry fort. »Ich dachte mir immer: Wenn Patrick Scott wirklich nach London zurückgekehrt und in Amerika ein steinreicher Mann geworden ist – und wenn das gestohlene Geld von 800 Pfund Sterling ihm drüben über dem Meer Segen gebracht hat, was allerdings sehr verwunderlich wäre, denn einem solchen Bösewicht steht der liebe Gott wohl kaum bei –, dann wird er doch nicht die arme Familie vergessen haben, die er in so großes Unglück gestürzt hat! So hoffte ich, er würde mir das Geld samt Zinsen und Zinseszinsen zurückerstatten.«

»Er wird sich hüten, sich von selbst zu melden«, sagte Sherlock Holmes. »Wenn ein Schuft zu Reichtum gelangt ist, vermeidet er alles, was ihn an seine niederträchtige Vergangenheit erinnern könnte. Aber wir werden ihn schon daran erinnern, wenn es auch nur halbwegs möglich ist – darauf können Sie sich verlassen, liebe Frau!«

»Man hat mir erzählt, Mr. Holmes«, stieß Mrs. Mulberry hervor, »dass Sie der einzige Mann sind, der Patrick Scott unter den vielen Millionen Menschen in ganz England ausfindig machen kann – selbst wenn er heute ganz anders aussieht als früher. Da habe ich mir ein Herz gefasst und bin zu Ihnen gekommen. Bitte, erbarmen Sie sich meiner und meiner armen Kinder und verhelfen Sie mir wieder zu meinem Geld!«

»Vorläufig kann ich Ihnen nichts versprechen, aber wenn …«

»Hören Sie, liebe Frau«, unterbrach sie der Detektiv mit strenger Stimme, »wenn Sie noch einmal von Geld sprechen, müssen Sie mein Haus sofort verlassen – haben Sie mich verstanden? Wer auch immer Ihnen von meiner Tätigkeit erzählt hat, hätte Ihnen gleich sagen können, dass sich Detektiv Holmes erstens niemals im Voraus bezahlen lässt und zweitens einer armen Witwe wie Ihnen von Herzen gern hilft, ohne nach Erledigung des Auftrags auch nur einen Penny anzunehmen.

Übrigens will ich Ihnen noch etwas sagen: Den Lumpenkerl Patrick Scott werde ich schon ausfindig machen. Und da wir der Sache nun sicher sind, gebe ich Ihnen heute schon einen Vorschuss auf die Summe, die Sie von ihm zu bekommen haben. Hier, nehmen Sie diese Zehn-Pfund-Note. Wenn Patrick Scott Ihnen Ihr Geld zurückgezahlt hat, können Sie mir die Summe wiedergeben. Nun nehmen Sie schon – oder glauben Sie etwa, ich habe Lust, Ihnen die Banknote noch eine halbe Stunde lang unter die Nase zu halten?«

Viel fehlte nicht und die arme Frau wäre Sherlock Holmes zu Füßen gefallen, doch er verhinderte es gewaltsam.

»Nun machen Sie schon, dass Sie fortkommen!«, rief Holmes gespielt ungeduldig. »Glauben Sie denn, ich hätte den ganzen Tag Zeit für Sie? Sie werden wieder von mir hören. Halt, wo wohnen Sie eigentlich?«

»Whitechapel, Riverat Street Nr. 13.«

»Gut, wir werden sehen, was sich in Ihrer Angelegenheit tun lässt.«

»Die Frauen sind in dieser Hinsicht furchtbar«, murmelte Sherlock Holmes vor sich hin, als Mrs. Mulberry schließlich unter Segenswünschen und mit heißen Tränen in den Augen gegangen war. »Diese ewigen Dankbarkeitsbekundungen – ich kann sie nicht ausstehen! Aber der armen Frau muss geholfen werden. Ich werde mich nach diesem Patrick Scott umsehen. Jetzt schnell noch die Adresse notiert – ah, da steht sie ja schon. Ha, schon wieder Besuch – also herein!«

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