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Secret Service Band 4 – Kapitel 8

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 8
Der Graf erlebt eine Überraschung

»Meine Beweggründe sind völlig uneigennützig«, fuhr der gewandte Schwindler fort. »Ich würde mich schämen, an einem Freund Gewinne zu machen.«

»Ihre Nächstenliebe ist grenzenlos, mein lieber Graf«, meinte Mrs. Larkin. »Es wäre mehr als undankbar von mir, dieses Angebot nicht anzunehmen.«

»Ich freue mich, Ihnen eine so lukrative Investition ermöglichen zu können«, versicherte der Graf. »Allerdings kann ich nur eine begrenzte Anzahl an Aktien beschaffen. Zwanzigtausend Dollar! Ein Kümmerkorn!«

»In der Tat. Gibt es denn gar keine Möglichkeit, noch mehr zu bekommen?«

Corcoran warf seinem vermeintlichen Opfer einen raschen Blick zu. Ihre halb geschlossenen Augen waren auf die Anleihen gerichtet, doch ihr Wesen wirkte völlig arglos. Er war entwaffnet.

»Es ist möglich, dass ich in ein paar Tagen weitere Aktien beschaffen kann – oder, wenn Sie darauf bestehen, trete ich Ihnen einen Teil meiner eigenen ab.«

»Daran ist gar nicht zu denken«, sagte Mrs. Larkin. »Lieber … Wo ist nur mein Scheckheft? Ich glaube wahrhaftig, ich war unachtsam genug, es bei der Bank zu lassen.«

»Ist Ihre Bank die Murray Hill Bank?«

»Ich glaube ja.«

»Dann besteht kein Grund zur Sorge. Ich habe genau hier ein Scheckheft der Murray Hill Bank. Vielleicht wäre es besser, das Geschäft gleich abzuschließen, da ich morgen für einige Tage verreise.«

»Tatsächlich?«, rief Mrs. Larkin. »Für einen längeren Aufenthalt?«

»Eine kurze Woche in der Hauptstadt Washington. Meine amtlichen Pflichten waren eine schwere Last, und ich muss mich ein wenig auf dem Land erholen.«

»Und Sie fahren nach Washington?«, hinterfragte Mrs. Larkin. »Sehr schön! Zeigen Sie mir doch bitte das Scheckheft. Ach, jetzt fällt es mir wieder ein! Mein Konto bei der Murray Hill Bank ist, wie ich befürchte, überzogen. Wie schrecklich bedauerlich. Würden Sie mir die Anleihen nicht bis morgen überlassen? Ich könnte Ihnen den Scheck nach Washington nachsenden.«

»Äh – nun ja«, stammelte der verblüffte Betrüger. »Sehen Sie, ich muss den Maklern gegenüber Rechenschaft über die Anleihen ablegen. Ich werde mich mit ihnen beraten.«

»Das ist nicht nötig«, sagte Mrs. Larkin verschmitzt. »Ich möchte Ihnen diese Mühe gar nicht machen. Ich kann einen Boten in das Büro meines Sekretärs, Mister Bland, schicken. Er wird zweifellos herkommen und das Geschäft mit Ihnen abschließen. Er ist ein fähiger Anwalt, und ehrlich gesagt wickle ich selbst überhaupt keine Geschäfte ab. Aber um kurz das Thema zu wechseln: Ich habe heute Morgen einen gehörigen Schreck bekommen.«

»Tatsächlich?«, rief der Graf nervös aus. »Das tut mir leid zu hören. Was nun diese Angelegenheit betrifft …«

»Wissen Sie, es war so«, unterbrach ihn Mrs. Larkin mit einem bezaubernden Lächeln, »Detektive haben mir heute Morgen mitgeteilt, dass ich gestern Abend einen der gefährlichsten Ganoven New Yorks zu Gast hatte. Er hat sogar unerkannt einmal mit mir getanzt, ohne dass ich geahnt hätte, wer er war. Stellen Sie sich das vor! Es läuft mir jetzt noch kalt den Rücken hinunter. Sein Name – lassen Sie mich nachdenken! Ich glaube, sie sagten, er sei ein Hochstapler und sein Name laute Corcoran!«

Graf Giuseppes Gesicht wurde langsam aschfahl und schließlich leichenblass.

Seine schöne Begleiterin blickte ihn aus halb geschlossenen Augen direkt an. Weder in ihrer Stimme noch in ihrer Haltung war irgendeine verborgene Absicht zu erkennen.

Der gerissene Schurke befürchtete für einen Moment, verraten worden zu sein. Seine feige Seele erzitterte.

Doch allmählich lichtete sich der Nebel aus Angst und Zweifel. Ihr Auftreten war so offen, so unbedarft – das konnte einfach nicht sein. Er atmete tief durch.

Doch da sprang Mrs. Larkin erschrocken auf.

»Mein lieber Graf!«, rief sie. »Sie sind ja krank! Wie blass Sie sind! Ich werde sofort nach einem Stärkungsmittel läuten.«

»Nein, nein«, wiegelte der Gauner ab. »Es ist nur vorübergehend. Eine kleine Herzschwäche. Es geht schon wieder.«

»Ich glaube, ich sollte Hilfe holen«, sagte Mrs. Larkin. »Sind Sie sicher, dass Sie sich wieder etwas erholt haben?«

»Oh ja, ja. Es ist schon vorbei. Mir geht es gut«, erwiderte der Elende. »Aber Ihre Geschichte … Ich habe den Faden verloren. Ich nehme an, dieser Corcoran sitzt jetzt hinter Gittern?«

»Keineswegs«, antwortete Mrs. Larkin. »Er ist den Detektiven entwischt. Aber soviel ich weiß, sind sie ihm dicht auf den Fersen. Ah! Ich glaube, da ist gerade jemand an der Tür.«

Ganz leichtfüßig und arglos lief sie zum Fenster.

Corcoran versuchte, sich zu fassen. Hatte sie ihn durchschaut?, fragte er sich hastig.

Eine namenlose Angst ergriff ihn. Der Impuls überkam ihn, zusammenzubrechen und zu fliehen – das Spiel aufzugeben.

»Du liebe Güte!«, rief Mrs. Larkin vom Fenster aus. »Das ist ein sehr alter, lieber Freund von mir. Ich möchte zu gern, dass Sie ihn kennenlernen, mein lieber Graf. Sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich ihn bitte, hereinzukommen?«

Der Graf war an das Fenster getreten. Er warf einen einzigen Blick durch die Scheibe. Dann rang sich ein erstickter Schrei von seinen Lippen. Er wurde aschfahl.

Er wich zurück und blickte sich nach einem Fluchtweg um. Entsetzen und Furcht überwältigten ihn.

Denn draußen auf der Türschwelle stand eine große, kräftige Gestalt in einem eng geknöpften blauen Mantel und mit einem weichen Filzhut. Er kannte diese Gestalt und die strengen Gesichtszüge. Sie waren für ihn wie auch für andere Übeltäter der Inbegriff des Schreckens.

»Old King Brady!«, keuchte er.

Dann stürzte er ans andere Ende des Raumes und blickte sich hastig um.

»Aber Graf!«, rief Mrs. Larkin mit gespielter Überraschung. »Was ist denn nur los? Sind Sie krank?«

»Ja, ja!«, keuchte der zu Tode erschrockene Ganove. »Ich bin krank. Ich muss an die frische Luft. Ich kann Ihren Freund nicht treffen. Ich kann niemanden sehen. Ich muss mir eine Droschke nehmen und nach Hause fahren.«

»Wollen Sie nicht doch etwas Stärkendes trinken?«

»Nein, nein, nichts! Ich will niemanden sehen. Wo ist der Seitenausgang? Lassen Sie mich raus!«

»Das ist aber ein seltsames Verhalten«, konstatierte Mrs. Larkin mit gespielter Strenge. »Aber ich will Ihrem Wunsch nachkommen. Es gibt einen Seitenausgang zur anderen Straße. Gehen Sie den Korridor nach rechts hinunter – durch diese Tür dort. Einen Moment noch! Was ist mit den Anleihen?«

»Wenn ich aus Washington zurück bin!«, keuchte der Gauner. »Leben Sie wohl. Verzeihen Sie mein seltsames Betragen, aber ich bin krank.«

Aus dem Raum stürzte Graf Giuseppe davon. Das helltönende Lachen von Mrs. Larkin folgte ihm.

Da begriff er alles.

Doch er erfuhr nie, ob er seine Flucht ihrer Großmut oder den unachtsamen Methoden der Detektive zu verdanken hatte.

Einige Augenblicke später stand Old King Brady im Raum gegenüber von Mrs. Larkin. Der alte Detektiv blickte triumphierend drein.

»Sind Sie zufrieden, Gnädigste?«, fragte er.

»Ich kann nur sagen, dass Sie mich vor einem gefährlichen Schurken gerettet haben«, antwortete Mrs. Larkin. »Sie Detektive sind wundersame Wesen.«

»Sind Sie denn bereit, gegen diesen Halunken auszusagen, wenn er vor Gericht gestellt wird?«, erkundigte sich der Detektiv.

»Das werde ich mit Freuden tun.«

»Dann ist das alles. Guten Tag.«

Die Bradys unternahmen keinerlei Versuch, Corcoran zu verfolgen. Sie wussten, dass dadurch nichts zu gewinnen war.

Old King Brady bog in die Seitenstraße ein, wo er sich mit Harry treffen wollte. Er ging an einer hohen, oben abgedeckten Steinmauer entlang, die das private Grundstück eines Anwesens einhegte.

Dicht voraus stand ein Tor offen.

Plötzlich erschrak der Detektiv, als zwei Männer aus diesem Hof hervorsprangen und direkt auf ihn zustürzten.

Im selben Moment gab es ein Geräusch hinter ihm, und mächtige Arme umschlangen seinen Körper. Auf der Straße waren keine anderen Personen zu sehen.

Die drei Männer, die Old King Brady so unvermittelt angriffen, wurden von ihm auf der Stelle erkannt. Es waren die berüchtigten Straßenganoven und Aasgeier, die als die Drei Flöhe bekannt waren.

Sie hatten vor, ihn zu ermorden. Das stand fest.

Alles kam so überraschend über Old King Brady herein, dass er nahezu handlungsunfähig war.

Einer aus dem Trio war von hinten an den alten Detektiv herangetreten und hatte ihn gepackt. Doch als die beiden anderen Halunken aus dem Hof stürzten, folgte ihnen noch ein dritter Mann.

Der alte Detektiv kannte ihn. Es war Young King Brady.

Wie menschliche Wölfe stürzten sich die Verbrecher auf den alten Detektiv.

Der Tod schien gewiss, doch in diesem Augenblick eilte Young King Brady mit gezogenem Revolver wie wild herbei, um ihm beizustehen.

Einer der Flöhe hatte ein Messer, der andere einen Knüppel. Der alte Detektiv war jedoch schnell genug gewesen, nach den Waffen beider zu greifen.

Der anschließende Kampf war heftig und erbarmungslos. Young King Brady hätte jeden oder alle drei Halunken erschießen können. Doch er zog es vor, dies nicht zu tun, es sei denn, es würde notwendig werden, um das Leben von Old King Brady zu retten.

Mit dem Griff seiner Pistole schlug er dem nächsten Ganoven auf den Schädel.

Der Hieb war scharf und hart, und der Schurke sank auf den Bürgersteig. Der junge Detektiv ließ ihn liegen und stürzte sich auf die anderen.

Die Zahlenverhältnisse waren nun ausgeglichen, und der Kampf wurde noch wilder. Doch Old King Brady rutschte aus, und ein Schlag auf den Kopf streckte ihn betäubt auf dem Pflaster nieder.

Young King Brady wurde von den zwei verbliebenen Schurken zur Seite geschleudert. Einer von ihnen stieß einen merkwürdigen Pfiff aus, und augenblicklich rissen sie sich los und flohen alle drei durch das offene Tor.

Der Erste, den Young King Brady niedergeschlagen hatte, war wieder zu sich gekommen. Der junge Detektiv sah, dass Old King Brady nur kurzzeitig betäubt gewesen war.

Er sah auch zwei Polizisten auf den Tatort zulaufen. Das bedeutete Verstärkung.

So nahm er die Verfolgung des Trios auf. Doch vergebens.

Als er durch das Tor trat, sah er, dass er sich in einem großen Hof befand.

Weiter hinten stand ein großes Backsteinhaus. Die Jalousien waren heruntergezogen, und es schien unbewohnt zu sein.

Doch die Drei Flöhe waren verschwunden.

Ihr erster mörderischer Angriff auf die Bradys war gescheitert.

Beide Detektive waren sehr verärgert darüber, dass die Kerle entkommen waren.

Zusammen mit den Polizisten durchsuchten sie den Hof und die nähere Umgebung gründlich. Doch von den Lumpen war keine Spur zu finden.

Nach einer Weile wurde die Verfolgung aufgegeben.

Es war inzwischen Abend geworden.

Old King Brady hatte sich vollständig von dem erlittenen Schlag erholt. Doch er sagte entschlossen: »Harry, diese drei Ganoven werden uns nicht so leicht erwischen. Ich werde die ganze Nacht der Jagd auf sie widmen.«

»Ich bin dabei!«, merkte der junge Detektiv an. »Aber was ist mit der Bluff-Sache?«

»Dafür haben wir morgen noch genug Zeit. Heute Nacht widmen wir uns den Drei Flöhen.«

Old King Brady zog nun sein Notizbuch aus der Tasche. Sie standen in diesem Moment unter einer Straßenlaterne an der Ecke der Third Avenue und einer Kreuzstraße.

Der alte Detektiv überflog die Seiten des Notizbuchs. Er fand einen Eintrag.

Er hatte ihn selbst vor vielen Monaten gemacht. Nun sollte er sich als nützlich erweisen.

Er las ihn dem jungen King Brady laut vor.

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