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Der Detektiv – Band 32 – Zwei Zigarettenstummel – Kapitel 5

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Zwei Zigarettenstummel
Kapitel 5
Der zweite Zigarettenstummel

So geschah es auch. Inspektor Chatarsan blieb bei uns. Wir setzten uns in die Nische, in der sich die Falltür zum zweiten Kellergeschoss befand. Es war jetzt 3 Uhr morgens.

»Schlafen wir abwechselnd«, meinte Harst. »Vielleicht können wir hier bis zum Abend warten. Ich werde zuerst wachen. Um 7 Uhr wecke ich euch beide. Streckt euch nur lang hin und nehmt diese Götzengewänder als Decken, damit ihr euch nicht die Knochen wund drückt.«

Chatarsan und ich schliefen dann auch wirklich ein. Ich fand dieses Abenteuer alles in allem wenig aufregend. Ich stellte mir den Abschluss so vor, dass wir die Malcapier hier in aller Ruhe abfangen würden, wenn sie mit ein paar Helfershelfern den Schrein versenken und stehlen wollte. Hätte ich ahnen können, dass die Geschichte ganz anders enden würde, wäre ich kaum neben Chatarsan so behaglich eingeschlummert.

Um 7 Uhr rüttelte Harst uns beide wach. Aber er tat es, ohne seine Taschenlampe einzuschalten, und raunte uns gleich sehr energisch zu, uns völlig still zu verhalten.

Wir ermunterten uns rasch. Ringsum lauerte pechfinstere Nacht. Über uns hörten wir das Trappeln vieler Füße – die Pilger, die in langer Reihe vor dem Schrein vorübergingen und seinen Deckel küssten.

»Was gibt es denn?«, fragte Chatarsan flüsternd. »Weshalb so vorsichtig, he?«

»Weil ich etwas gefunden habe, das sehr zu denken gibt«, erwiderte Harst ebenso leise.

»Gefunden? Was denn?«

»Nun – wieder einen Zigarettenstummel. Einen von der bewussten Art: gelbliches Papier und Eidechsenstempel.«

»Ah! Nun, die Malcapier wird eben schon einmal hier gewesen sein! Das wissen wir ja. Sie ist die unbefugte Eindringlingin.«

»So, so!«, meinte Harald sehr gedehnt. »Ganz schön! Aber der Stummel lag genau unter der Deckenöffnung!«

»Und das beunruhigt Sie?!«

»Es muss wohl. Denn um 3 Uhr morgens lag er dort noch nicht. Ich habe mir den Fußboden schließlich genau genug angesehen.«

Jetzt begriff auch ich erst die volle Bedeutung dieses Fundes und flüsterte hastig:

»Also ist jemand nach 3 Uhr morgens hier gewesen, obwohl du wachtest!«

»Ganz richtig. Ich wachte und habe nichts gehört – nichts! Trotzdem hat jemand den Stummel dorthin geworfen.«

»Donnerwetter!«, murmelte Chatarsan. »Wer mag es gewesen sein?«

Die Antwort kam nicht von Harsts Lippen. Es war eine helle, klare weibliche Stimme, die irgendwoher ertönte. Der Schall verfing sich in den vielen Nischen; die Richtung war nicht festzustellen.

»Harald Harst!«, lautete dieser Anruf. Und nach wenigen Sekunden nochmals: »Harald Harst!«

»Gefangen!«, raunte Harst uns in dieser tiefen Finsternis zu. »Gefangen! Es ist unsere Feindin, es ist Eugenie Malcapier. Vor einer Stunde etwa schlich ich zur Deckenöffnung hin. Ich wollte nachsehen, ob die Schrauben des Schreins bereits gelockert sind, damit die Diebe schneller mit ihrer Beute wegkämen. Ich schaltete meine Lampe nur für ein paar Sekunden ein, bemerkte den Stummel, schaltete die Lampe wieder aus und eilte lautlos zur eisernen Tür des Ganges.«

»Weshalb das?«, fragte Chatarsan mit deutlichem Erstaunen.

»Weil ich sehen wollte, ob der Nachschlüssel inzwischen benutzt worden war. Ihr beide habt nicht darauf geachtet, dass ich die Stelle, wo der Bart des Nachschlüssels das Metall blank gescheuert hatte, mit einer Schmutzkruste aus Speichel und Staub bedeckte. Diese Eingebung des Augenblicks erwies sich als sehr nützlich: Die Stelle war noch von der feuchten Kruste überzogen. Mithin musste sich die Person, die den Stummel unter die Deckenöffnung geworfen hatte, noch hier in diesen Räumen befinden. Und da habe ich das Schloss auf sehr einfache Weise unbrauchbar gemacht, indem ich ein Stückchen Stein unsichtbar zwischen die Federn klemmte. So fing ich die Person, die sich hier aufhält. Wir wissen nun, dass es die Malcapier ist. Sie kann nicht hinaus. Sie wird es vor Kurzem versucht haben und hat nun eingesehen, dass sie nicht mehr fort kann.«

Chatarsan bewegte sich lebhaft. »Los – nehmen wir sie fest!«, meinte er und sprang auf.

»Halt – keine Unvorsichtigkeit!«, warnte Harst. Seine Lampe blitzte auf und irrte über die Gegenstände in der Nische. In einer Ecke lehnte eine eiserne Stange. Die Lampe erlosch wieder.

»Ich werde meine Taschenlampe an das eine Ende der Eisenstange binden«, flüsterte Harald nun. »Wer die Lichtquelle in der Hand trägt, wäre zu leicht einer heimtückischen Kugel ausgesetzt. Und die Malcapier wird …«

Abermals ertönte der Anruf: »Harald Harst!«

Harst meldete sich nun: »Sie wünschen, Miss Malcapier?«

Es war eine eigentümlich aufregende Situation. Man mochte noch so genau horchen: Woher die Stimme kam, ließ sich dem Gehör nach nicht ermitteln.

»Ich möchte Ihnen nur als Letztes meine Anerkennung aussprechen«, erwiderte die helle Stimme. »Ich war zu vorwitzig. Ich wollte Ihnen den Zigarettenstummel als letzten Gruß zurücklassen und dann hier das Feld räumen. Es war mein Pech, dass Sie den Stummel wenige Minuten später entdeckten. Sie haben mir den einzigen Ausgang versperrt. Mein Nachschlüssel öffnet das Schloss nicht mehr …«

Diese seltsame Unterhaltung ging weiter. Harst hütete sich, etwas vom Eidechsen-Bund zu erwähnen. Nur den geplanten Raub des Schreins hielt er der Malcapier vor und teilte ihr mit, dass Pi-Mano tot und der riesige Malaie ein Gefangener sei.

Chatarsan bewegte sich wieder. Als nun eine Pause in diesem Gespräch eintrat, tastete ich umsonst mit den Händen nach dem kleinen Inspektor.

»Harald, Chatarsan hat die Nische verlassen!«, flüsterte ich schnell. »Er …«

Plötzlich tauchte ein heller Schein links von uns im Kellerraum auf. Dann ein scharfer Knall – der dumpfe Sturz eines menschlichen Körpers auf den Fliesenboden.

Wir beide standen einen Moment wie erstarrt.

Nun – zum letzten Mal – die helle Stimme: »Du wolltest mich beschleichen! Meine Stimme sollte dich führen, Harald Harst! Niemandem wirst du mehr schaden!«

Ein grausiges, hohnvoll-schmerzliches Auflachen – ein zweiter Schuss.

Harst hatte seine Lampe aufblitzen lassen. Wir liefen in den Hauptkeller. Linker Hand vor einer Nische lag regungslos Inspektor Chatarsan. Und in der Nische, zu Füßen einer überlebensgroßen Buddha-Statue, fanden wir einen jungen, schlanken Birmanen mit einer Schusswunde in der linken Schläfe: Eugenie Malcapier, die sich selbst gerichtet hatte!

Aber sie lebte noch und kam noch einmal zu sich. Ein Blick unauslöschlichen Hasses traf Harst.

»Sie haben den Falschen erschossen«, sagte Harald ernst. »Inspektor Chatarsans Kopfschuss war sofort tödlich.«

»Auch Sie werden sterben!«, stieß die Malcapier mühsam hervor. »Auch Sie! Und Sie werden um Gnade winseln lernen …«

»… unter dem Sägegatter, als Gefangener des Eidechsen-Bundes!«, fügte Harst hinzu. »Sie sehen, ich kenne jetzt auch diese Geheimnisse! Gehen Sie in sich, Miss Malcapier! Nicht mehr lange, und Sie stehen vor dem ewigen Richter!«

»Sei … sei … verflucht!«, stammelten die bleichen Lippen mit letzter Kraft. Tatsächlich – der Hass dieser Frau hatte etwas Dämonisches an sich.

Noch ein letztes Aufstöhnen. Dann war unsere Feindin nicht mehr am Leben.

Harst entfernte den Stein aus dem Schloss. Wir verließen die Kellerräume. Am selben Vormittag gingen chiffrierte Depeschen nach allen Hafenstädten ab, in denen man Mitglieder der geheimen Verbrechergesellschaft vermutete. Eine großzügige Razzia auf den Eidechsen-Bund begann. Sie hatte jedoch keinen vollauf befriedigenden Erfolg – was wir schon sehr bald am eigenen Leib spüren sollten.

Als die Ranguner EXPRESS POST die näheren Umstände der Ermordung Chatarsans und des Freitods der Malcapier veröffentlichte und so bekannt wurde, dass die Verbrecherin sich an den kostbarsten Reliquien der Buddhisten – den acht Haupthaaren Buddhas – hatte vergreifen und fraglos dafür ein enormes Lösegeld hatte erpressen wollen, wurde Harst in Rangun in einer Weise gefeiert, die ihm, der von seiner Person so wenig Aufhebens machte, höchst peinlich war.

Auch die tote Feindin hatte für uns noch mancherlei Überraschungen in Bereitschaft.

Hierüber im nächsten Band:

Das Geheimnis des Scheiterhaufens

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