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Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 6

Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 6
Unter Freunden

Der fürsorgliche Zoologe hatte Pawlik den Kopf – der bei dem Zusammenstoß mit dem Schwertfisch am schwersten in Mitleidenschaft gezogen worden war – so gründlich verbunden, dass unter den Mullbinden nur noch Nase, Mund, Augen und ein einziges Ohr hervorschauten.

»Nun, sieh mal an«, sagte der Zoologe, strich über seinen prachtvollen Bart und knüpfte den letzten Knoten auf dem Scheitel des Patienten. »Eigentlich, wenn man es streng nach den Regeln der Kunst nimmt, müsste ich dich, Söhnchen, hier noch für zwei Tage in die Koje stecken. Würde es dir hier etwa schlecht ergehen? Aber du bleibst ja doch nicht liegen!«, fügte er mit bedauerndem Unterton hinzu.

Der Kummer des Schiffsarztes und Zoologen war nur zu verständlich. Das Lazarett des Unterseebootes, in dem dieses Gespräch stattfand, bot einen hervorragenden Anblick: tadellose Ordnung, ein Überfluss an warmem Licht und die makellose Reinheit dreier Kojen, deren Laken in blendendem Weiß erstrahlten. Nach seiner Rettung von der Eisscholle hatte Pawlik mehrere Tage auf einer dieser Kojen verbracht und sie erst heute Morgen, nach einem zweitägigen Aufbautraining, für seinen ersten kleinen Unterwasserspaziergang verlassen. Nun verspürte er nicht das geringste Verlangen, dorthin zurückzukehren. Der zaghafte Versuch des Zoologen, ihn wieder ins Bett zu befehlen, stieß auf den geschlossenen Protest Pawliks und Marats, der bis zu diesem Moment die Rolle des Klinikassistenten gespielt hatte.

»Aber was denken Sie denn, Arsen Dawidowitsch!«, riefen sie wie aus einem Mund.

»Ich bin völlig gesund und fühle mich großartig«, fügte Pawlik hinzu.

»Na schön, na schön! Geh essen und leg dich danach unbedingt ein wenig schlafen. Und nach dem Schlafen kommst du zu mir ins Labor – ins biologische.«

Seit Pawlik unter so tragischen Umständen gerettet worden war, hatte die Besatzung des U-Bootes all ihre aufgestaute väterliche Liebe und den unermüdlichen Beschützerinstinkt gegenüber dem Schwächeren auf ihn projiziert – Eigenschaften, die so bezeichnend für starke, mutige Männer sind. Das war überaus angenehm, verlangte jedoch auch nach Erwiderung. Doch der Erwachsenen waren viele – siebenundzwanzig Mann –, Pawlik hingegen war allein. Daher konnte er sich bei seinen siebenundzwanzig neuen Freunden nur dadurch revanchieren, dass er ihnen aufmerksam zuhörte und echtes Interesse an ihren Erzählungen zeigte. Und da sie alle leidenschaftliche Enthusiasten ihres wunderbaren U-Bootes waren, unsterblich verliebt in das Schiff und ihre Arbeit an Bord, drehten sich alle Gespräche im Speisesaal, in der Kulturecke, in der Messe – und mit Pawlik überhaupt überall und jederzeit, wo man ihn traf – unweigerlich um das Boot. Es ging um seine herausragenden Eigenschaften, seine unermessliche Überlegenheit gegenüber anderen Unterseebooten, für die man hier keinen anderen Namen kannte als »die Frösche«.

Doch wenn schon alle auf der PIONIER Enthusiasten waren, so brannte Marat Moissejewitsch Bronstein, Elektriker zweiten Grades und gerade zwanzig Jahre alt – den ohnehin niemand anders nannte als einfach nur Marat –, in einer nie verlöschenden Flamme der Liebe zu diesem erstaunlichen Schiff. Es sei dazu angemerkt, dass er selbst am Bau des Bootes mitgewirkt und an der Telefonisierung der Taucheranzüge gearbeitet hatte. Über das Boot zu sprechen, war für ihn das größte Vergnügen. Es durfte daher nicht verwundern, dass gerade er als Erster und mit dem größten Eifer begann, Pawlik mit all den Besonderheiten und Vorzügen dieser Meisterleistung sowjetischer Technik vertraut zu machen. Marats Eifer wurde nur noch dadurch angefacht, dass Pawlik – so seltsam das für einen sowjetischen Jungen auch sein mochte – fast überhaupt nichts über den Aufbau der PIONIER oder von Unterseebooten im Allgemeinen wusste.

Gemeinsam verließen sie das Lazarettabteil und traten in den schmalen Korridor. Sie umgingen die Zentrale und gingen an den Dienstkabinen des Leitenden Ingenieurs, des Chefelektrikers und des Leiters der Akustikabteilung vorbei, gefolgt von den Kajüten der Offiziere und der Mannschaft. Die Wände des Korridors waren mit kostbarem, lackiertem Holz verkleidet. An der Decke verliefen dicke und dünne Rohre, die in verschiedenen Farben gestrichen waren. Auf dem Boden zog sich ein Gummiläufer dahin, der den Schall der Schritte dämpfte. Alle fünf Meter wurde der Korridor durch ein wasserdichtes Schott mit einer kleinen Tür unterteilt, und im Boden stieß man von Zeit zu Zeit auf runde Lukenöffnungen mit hinabführenden Metallleitern. Durch diese Öffnungen erblickte man in der Tiefe das Kupfer, Glas und den Stahl verschiedener Maschinen und Apparate, die entweder in Bewegungslosigkeit schlummerten oder in emsiger Arbeit unter den wachsamen Augen der Kontrollinstrumente leise summten.

»Wie in einem Hotel! Hell, sauber, schön«, sagte Pawlik zu Marat und ließ im Gehen sacht einen Finger über die lackierten Wände des Korridors gleiten.

»Das wirst du nirgends sehen, auf keinem einzigen U-Boot, nur bei uns«, sagte Marat mit dem ihm eigenen Stolz auf seine PIONIER. »Hier ist fast die Hälfte des Bootes für den Wohnraum der Besatzung reserviert. Auf anderen U-Booten wird jeder überschüssige Kubikmeter entweder für Treibstoff geopfert, um noch einen Kilometer weiterfahren zu können, oder für Torpedos, um einen weiteren Schuss auf den Feind abzugeben, oder für Akkumulatoren, um etwas mehr Strom für die Unterwasserfahrt zu haben. An die Menschen denkt man dort erst ganz zuletzt.«

»Und braucht die PIONIER etwa keinen Treibstoff, keinen Strom und keine Torpedos?«

»Die PIONIER kennt nur eine Energie – die Elektrizität. Und die kann sie im Überfluss gewinnen, überall, an jedem beliebigen Punkt des Ozeans. Gewöhnliche Frösche können in ihren Akkumulatoren nur Strom für eine Unterwasserfahrt von zwanzig bis dreißig Stunden speichern. Danach müssen sie auftauchen, die Luken öffnen und ihre Dieselmotoren anwerfen. Die Diesel drehen die Propeller und die Dynamos. Die Propeller bewegen das U-Boot vorwärts, und die Dynamos erzeugen die elektrische Energie, mit der die Akkumulatoren für die nächste Tauchfahrt geladen werden«, erklärte Marat.

Am äußersten Ende des Korridors befand sich der Speiseraum – eine große Messe mit einer gewölbten Decke, ausgestattet mit kleinen Tischen und eleganten Stühlen. Jeder Tisch stand auf einem einzigen, dicken, runden Fuß und war mit einer Tischdecke bespannt, die in der Mitte eine runde Aussparung besaß. In diesen Aussparungen schimmerte schwarzer Lack, während ringsum auf den Decken das Essbesteck, Brot auf kleinen Tellern und Menagen bereitstanden. Der Raum war in das weiche Licht von Lampen getaucht, die in matten Halbkugeln in die Decke eingelassen waren. Die Wände zierten Porträts der Partei- und Regierungsführer, Gemälde mit Seestücken und Szenen aus dem Leben der Marine, Statuetten auf kleinen Regalen und Postamenten sowie kleine Aquarien, in denen tropische Fische schwammen.

Zu Pawliks und Marats Tisch gesellte sich auch Zoi. Es war Mittagszeit, und immer mehr Menschen betraten die Messe. Jeder von ihnen, der Pawlik bemerkte, rief ihm einen Gruß zu, sprach freundlich mit ihm und erkundigte sich besorgt nach seiner Gesundheit und seinem Befinden. Fast mit dem Kopf an den matten Halbkugeln der Decke anstoßend, trat Skworeschnja an den Tisch von Pawlik, Marat und Zoi und nahm Platz. Bei seinem Erscheinen prasselten von allen Seiten die Scherze nieder.

»Andrej, wie kamst du nur auf die Idee, mit einem Hai zu spielen?«

»Ach was, er wollte ihn bloß herbringen und ins Aquarium setzen …«

»Gar nicht ins Aquarium! Er hat seiner Kolchose versprochen, irgendeinen lausigen Hai für die Zucht im Dorfteich mitzubringen.«

»Andrej Wassiljewitsch, Sie hätten ihn mit Ihrem Schnurrbart fesseln und herschleifen sollen!«

»Ach, ihr Verrückten!«, brummte Skworeschnja gutmütig, musterte seine lachenden Kameraden und drehte sich ein Ende seines gewaltigen Schnurrbarts um den Finger. »Kann ich denn dafür, dass das Biest sich vor Hunger in das Kabel verbissen hat? Und erinnert mich bloß nicht an meine Kolchose. Mein Vater hat mir geschrieben, dass sie die Aussaat als Erste im ganzen Bezirk abgeschlossen haben. Ich habe ihnen in der Tat versprochen, als Prämie für die hervorragende Arbeit etwas von der Fahrt mitzubringen. Jetzt zerbreche ich mir den Kopf und weiß einfach nicht, was für ein Geschenk ich ihnen machen soll.«

»Vielleicht ja doch einen Hai, Andrej Wassiljewitsch?«, ertönte die mitfühlende, aber spöttische Stimme von Romejko, dem Unteringenieur – einem kleinen, dunkelhaarigen Mann mit lebhaften, lachlustigen Augen.

»Was heißt hier Hai! Einen Pottwal!«

»Einen Blauwal!«

»Einen Riesenkraken!«

»Schon gut, schon gut!«, brummte Skworeschnja unter dem unaufhörlichen Gelächter. »Ich werde mich wohl am besten von Arsen Dawidowitsch beraten lassen.«

»Sei gegrüßt, Held!«, ertönte plötzlich mitten im Lärm eine vertraute, helle Stimme.

In der Tür stand Kommissar Sjemin – sonnengebräunt, mit einem scharfen, hellen Streifen auf der Stirn, wo sonst die Mütze saß. Vor seinem Dienst auf der PIONIER hatte er ein ganzes Jahr auf dem Zerstörer KIPJASCHTSCHI in fernen Südmeeren verbracht, und die tropische Bräune war noch immer nicht aus seinem Gesicht gewichen. Die Nase des Kommissars war leicht gezeichnet: Der Boxer Sjemin, einst Meister von Leningrad, war in der Sowjetunion weithin bekannt, doch die Siege über andere sowjetische Sportler waren ihm offensichtlich nicht leichtgefallen.

Am auffälligsten an dem Kommissar war das dichte, ergraute Haar über einem ansonsten jugendlichen Gesicht mit einem kleinen, an den Enden sauber gestutzten Schnurrbart und lebhaften, schwarzen Augen. Man erzählte sich, dieses Grau sei aufgetreten, nachdem er lange Zeit allein mit der Leiche des verunglückten Kapitäns in einem in großer Tiefe gesunkenen U-Boot ausgeharrt hatte, auf dem er damals ebenfalls Kommissar gewesen war. Die gesamte Mannschaft hatte er in Rettungsbojen an die Oberfläche geschleust, doch für ihn selbst war keine intakte Boje mehr übrig geblieben – ein Teil davon war beim Unfall beschädigt worden. Die Rettungsexpedition hatte ihn wegen eines schweren Sturms erst nach mehreren Tagen mitsamt dem Boot vom Meeresgrund bergen können. Doch der Kommissar sprach nicht gern darüber, und für die Richtigkeit dieser Mutmaßungen über sein graues Haar konnte niemand garantieren.

»Was ist los mit dir? Kehrst du als Pilger aus Mekka zurück?«, frotzelte der Kommissar, während er an den Tisch herantrat, an dem Pawlik mit seinen Freunden saß. »Was für einen Turban dir Arsen Dawidowitsch da gewickelt hat! Nun, wie sieht’s aus? Gesund, mein Junge?«

»Danke, Genosse Kommissar!«, antwortete Pawlik fröhlich, sprang auf und legte die Hände an die Hosennaht wie ein echter Rotflottist. »Vollkommen gesund.«

»Nun, dann danke Tag und Nacht Krepin für den Taucheranzug«, erwiderte der Kommissar. »In so einem Anzug muss man nichts fürchten.«

In die Messe trat Kapitänleutnant Bogrow – ein hochgewachsener, breitschultriger Mann. Sein längliches, glattrasiertes Gesicht mit den grauen, ruhigen Augen, den fest geschlossenen Lippen und dem quadratischen Kinn zeugte von einem harten Charakter und einem zähen, beharrlichen Willen. Die weiße Uniformjacke saß tadellos, wie angegossen, auf seiner stattlichen Figur. Der Kapitänleutnant ging gemessenen Schrittes in den hinteren Teil des Speiseraums, wobei er Pawlik schon von Weitem freundlich anlächelte und ihm zunickte. Hinter ihm erschien die hochgewachsene Gestalt von Kapitän Woronzow, dem Kommandanten des U-Bootes. Alle erhoben sich. Der Kommandant erlaubte mit einer Geste das Rühren, und unter allgemeinem Stühlerücken nahm die Besatzung wieder Platz.

»Wie geht es, Pawlik?«, fragte der Kapitän, blieb neben dem Jungen stehen und legte ihm die Hand auf den einbandagierten Kopf. »Du wirst nun für längere Zeit bei uns bleiben, denn wir können weder Häfen anlaufen noch uns mit anderen Schiffen treffen. Du musst dich, mein Lieber, wohl oder übel schnellstens daran gewöhnen, dich unter Wasser nach dem Kompass und den Funkpeilungen zu orientieren. Du wirst dich in unser Leben einfügen müssen.«

Die Augen des Kapitäns waren meist von den Lidern leicht verdeckt, was seinem Gesicht einen strengen, unnahbaren Ausdruck verlieh. Doch nun spielte ein Lächeln auf seinen Lippen, seine hellen Augen öffneten sich weit, und von der Strenge blieb keine Spur.

»Gut, Genosse Kapitän«, antwortete Pawlik verlegen, aber glücklich. »Ich werde mir Mühe geben.«

»Nicht gut, sondern Zu Befehl, Genosse Kommandant!«, korrigierte Marat unter dem allgemeinen Gelächter.

Sobald der Kapitän an seinem Tisch neben dem Zoologen, dem Kommissar und Kapitänleutnant Bogrow Platz genommen hatte, öffneten sich in der Mitte aller Tische die runden Aussparungen. Von unten schoben sich Stapel von übereinandergesetzten Tellern mit dem ersten Gang empor. Die Messe füllte sich mit dem gedämpften Gemurmel der Stimmen, dem Klappern von Geschirr, Scherzen, Lachen und Gesprächen.

»Marat Moissejewitsch, aber wie genau gewinnt die PIONIER denn nun ihre Energie?«, kehrte Pawlik, während er mit gutem Appetit die schmackhafte Suppe aß, zum vorherigen Thema zurück.

»Erstens: Nenn mich einfach Marat – was soll das mit dem Moissejewitsch! Und sag du zu mir.«

»Zu Befehl, Genosse Marat!«, korrigierte sich Pawlik und lachte.

»So ist es besser. Also, die Energie holen wir uns aus dem Ozean. Wo immer wir stoppen, ziehen wir sie heraus, saugen sie förmlich aus ihm auf.«

»Wie soll das denn gehen?«, fragte Pawlik staunend. »Elektrizität? Aus dem Wasser?«

»Jawohl. Elektrizität. Aus dem Wasser«, genoss Marat den Eindruck, den er hinterlassen hatte. »Hast du schon mal von Thermoelementen gehört?«

»Ein bisschen …«, antwortete Pawlik zögerlich. »Als wir in der Schule Physik hatten … beim Thema Elektrizität.«

»Na, dann erinnere dich mal. Ein Thermoelement ist eine Vorrichtung, die aus zwei an den Enden miteinander verlöteten Drähten oder Plättchen aus verschiedenen, aber ganz bestimmten Metallen oder Legierungen besteht – zum Beispiel Kupfer und Konstantan, oder Platin und einer Platin-Rhodium-Legierung. Wenn man bei so einem Gerät eine der Lötstellen erwärmt oder abkühlt, entsteht ein elektrischer Strom. Und je größer der Temperaturunterschied zwischen den beiden Lötstellen ist, desto höher ist die Spannung des Stroms. Nun, sieh mal, Pawlik: Bis vor Kurzem lieferten alle Thermoelemente, egal aus welchen Metallen sie hergestellt wurden, nur minimalen Strom – etwa ein Zehntel Volt pro Grad Temperaturunterschied. Aber unlängst hat unser Elektrotechnisches Institut Legierungen erfunden, die eine tausendmal höhere Spannung erzeugen können. Und unser Krepin hat einen Weg gefunden, wie man diesen neuen Thermoelementen einen weitaus stärkeren Strom entnehmen und sie im U-Boot nutzen kann, um elektrische Energie in jeder gewünschten Menge und zu jeder Zeit zu gewinnen.«

Skworeschnja stellte seinen geleerten Teller auf den beweglichen Kreis in der Tischmitte. Der Kreis glitt samt dem Teller nach unten weg und tauchte eine Minute später wieder auf, beladen mit dem Teller des zweiten Ganges. Pawlik folgte Skworeschnjas Beispiel und beobachtete mit unverhohlener Neugier das Erscheinen der neuen Speisen. Marat jedoch, der nun ganz auf seinem Steckenpferd ritt, vergaß das Essen völlig und legte sogar den Löffel beiseite.

»Verstehst du?«, fuhr Marat fort und gestikulierte lebhaft. »Du musst dir diese geniale Idee mal vorstellen! Aus diesen neuen Legierungen hat Krepin fünfzig lange Drähte gefertigt, sie paarweise an den Enden verlötet und die Lötstellen dabei so flach wie möglich gewalzt. Dann hat er all diese Elemente – die Thermopaare – zu einem einzigen Kabel mit einer gemeinsamen Isolierung gebündelt. An den Enden besitzt dieses Kabel jeweils einen Empfänger, der wie ein Pilzhut aussieht. Als er den einen Empfänger so weit erwärmte, dass er nur zwanzig Grad wärmer war als der andere, entstand ein Strom von gewaltiger Spannung und Stärke. Verstehst du, was das bedeutet?«, rief er und hob bedeutungsvoll den Finger.

»Das bedeutet, dass du ohne Hauptgericht bleibst, Kazo!«, ertönte aus der gegenüberliegenden Ecke der Messe die spöttische Stimme des Zoologen.

Alles lachte. Marat wurde rot, strich sich unwillkürlich über den Haarschopf auf dem Scheitel und machte sich energisch über seine Suppe her. Dennoch schaffte er es, zwischen zwei Löffeln das Gespräch leise fortzuführen.

»Verstehst du, Pawlik, jedes dieser Kabel mit den Thermoelementen – oder die thermoelektrische Kabelbatterie, wie wir sie nennen – ist zu einem echten Kraftwerk mit einer Leistung von fünfundzwanzigtausend Kilowatt geworden! Fünfundzwanzigtausend Kilowatt!«, zischte er lautstark und verschüttete beinahe Suppe vom Löffel. »And wir haben drei davon! Drei Stationen mit einer Gesamtleistung von fünfundsiebzigtausend Kilowatt! Das würde für eine Großstadt ausreichen, mit all ihren Straßenbahnen, Fabriken und der elektrischen Beleuchtung.«

»Warte mal, warte mal, Marat!«, flüsterte nun auch Pawlik, angesteckt von dessen Begeisterung. »Aber wie werden diese Kabel hier erwärmt? Man braucht doch einen Unterschied. Du hast doch gerade von dem Temperaturunterschied zwischen den Enden des Kabels gesprochen.«

Marat legte den Löffel erneut auf den Tellerrand und lehnte sich im Stuhl zurück.

»Wie! Verstehst du das denn immer noch nicht? Das Meer selbst ist der Feuerschlund für unsere Kraftwerke!«

»Der Feuerschlund? Was erzählst du da, Marat! Was für ein Feuerschlund?«

»Herrgott noch mal! Du musst doch wissen, Pawlik, dass in allen Meeren und Ozeanen die Temperatur in einer Tiefe von etwa drei- bis viertausend Metern immer ungefähr ein bis zwei Grad über dem Gefrierpunkt liegt. An der Oberfläche hingegen ist sie fast überall und jederzeit deutlich höher. In den Tropen erreicht die Temperatur der oberflächennahen Wasserschichten sogar sechsundzwanzig bis siebenundzwanzig Grad. Da hast du den Temperaturunterschied, den unsere Kraftwerke brauchen! Das U-Boot setzt eine schwimmende Boje aus, die mit der oberen Lötstelle – dem Empfänger der Kabelbatterie – verbunden ist. Die Boje steigt fast bis an die Meeresoberfläche auf, und die Lötstelle erwärmt sich dort auf die entsprechende Temperatur. Die untere Lötstelle hingegen lässt das U-Boot mit einem Gewicht in eine Tiefe von drei- bis viertausend Metern hinab, wo sie sich fast bis auf den Gefrierpunkt abkühlt. In diesem Moment entsteht in der Kabelbatterie der elektrische Strom, mit dem die Akkumulatoren im U-Boot geladen werden. Kapiert?«

Und Marat machte sich wieder über seine inzwischen kalt gewordene Suppe her.

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