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Secret Service Band 4 – Kapitel 2

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 2
Auf der Fährte

»Genau die Männer, die ich sehen will!«, rief er. »Ich dachte schon, die beiden Bradys wären nur noch eine Erinnerung an die Vergangenheit. Ich habe sie so lange nicht gesehen.«

Der Jüngere der beiden Männer lachte. »Geben Sie Old King Brady die Schuld dafür«, rief er. »Er wäre jetzt nicht hier, wenn ich nicht gewesen wäre.«

»Na, na, Harry!«, entgegnete Old King Brady barsch. »Du weißt genau, dass ich ohne jegliche Anregung deinerseits hierhergekommen bin. Ich besuche dieses Büro nur, wenn ich hier geschäftlich zu tun habe.«

»Dann nehme ich an, dass dies der Fall ist!«, rief der Chef.

»Aber Ihr Kommen ist günstig, denn ich habe ebenfalls ein Anliegen an Sie.«

»Ah!«, rief der ältere Detektiv aus. »Ich glaube, ich kann es mir denken!«

»Was ist es denn?«

»Ein Bunco-Fall!«

Der Chef war erstaunt. »Das ist wahr!«, rief er. »Woher wussten Sie das?«

Der alte Detektiv lächelte. Wie er so in seinem Stuhl zurückgelehnt saß, bot er einen beeindruckenden Anblick. Einen bemerkenswerteren Mann sah man in den Straßen von New York selten. Es war leicht, ihn in einer Menschenmenge zu erkennen, ganz gleich wie groß diese war. Groß gewachsen, aber kräftig gebaut, war er trotz seiner Jahre ein Musterbeispiel robuster Männlichkeit. Er trug denselben blauen Mantel, der bis zum Stehkragen zugeknöpft war, und denselben breitkrempigen, weißen Filzhut, unter dem seine scharfen Augen hervorblickten.

Seit vielen Jahren war Old King Brady der Schrecken der Übeltäter in Gotham. Bisher war er bei seinen wunderbaren Heldentaten stets allein gewesen. Doch nun hatte er einen Gefährten, einen Protegé, der denselben Namen trug, aber nicht mit ihm blutsverwandt war.

Harry Brady war ein vortrefflicher Typ eines jungen Mannes. Er hatte sich eng mit Old King Brady angefreundet, und da es der sehnlichste Wunsch des jungen Mannes war, Detektiv zu werden, hatte ihn Old King Brady unter seine Fittiche genommen. Wohin der alte Detektiv auch ging, der Jüngere folgte ihm. Harry Brady war schnell, scharfsinnig und klug und wurde zu einem gelehrigen Schüler. Es dauerte nicht lange, bis er die Methoden des alten Detektivs so weit verinnerlicht hatte, dass er ihm kaum noch nachstand. Old King Brady erkannte dies im Stillen an und war erfreut. Er gab sich große Mühe, Harry in alle Geheimnisse der Kunst einzuweihen, und Harry erwies sich als begabt.

Es dauerte nicht lange, bis die Gauner begannen, ihn zu kennen und zu fürchten, und er verdiente sich den Beinamen Young King Brady. Im ganzen Land waren sie als die Zwei Bradys bekannt. Sie waren ein großartiges Team.

Ihre Methoden unterschieden sich gewaltig von denen anderer Detektive. In der Tat war es selbst für die gerissensten Ganoven schwer, sie zu durchschauen. Zuweilen verschwanden die beiden scharfsinnigen Detektive völlig von der Bildfläche, und wenn sie wieder auftauchten, war ihr Fall gelöst. Old King Brady scheiterte nie. Der verblüffendste Fall, das komplizierteste Rätsel – nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen. Er war entschlossen, es zu lösen.

Man kann sich also leicht vorstellen, dass der Chef überglücklich war, diese beiden bemerkenswerten Spürnasen in seinem Büro zu sehen. Er entschied sofort, sie auf den Bunco-Fall anzusetzen. Doch zu seinem großen Erstaunen stellte er fest, dass sie bereits darüber im Bilde waren.

»Nun«, sagte Old King Brady, »es trifft sich so, dass das listenreiche Trio schon seit geraumer Zeit auf unserer Liste der künftigen Opfer steht. Ihre Behandlung von Mr. Moore ist nur einer von vielen hundert ähnlichen Fällen.«

»Das listenreiche Trio!«

»Exakt.«

»So nennen Sie sie?«

»Ja.«

»Aber Mr. Moore erwähnte nur einen Mann und eine Frau.«

»In seinem Fall war es nicht nötig, den dritten Verbündeten hinzuzuziehen. Das Opfer war zu leichte Beute.«

»Was für Mr. Moore ja fast schon schmeichelhaft ist«, bemerkte Young King Brady mit einem Lachen.

»Schmeichelhaft oder nicht, es ist die Wahrheit«, erklärte der Chef. »Mr. Moore war ein leichtes Opfer. Dann sind Sie also mit den Einzelheiten vertraut?«

»Das ist jeder, der die Zeitung liest.«

»Stimmt wohl. Aber darf ich fragen, ob Sie sich bereits in Mr. Moores Interesse engagiert haben?«

»Nicht mehr als im Interesse anderer auch«, erwiderte Old King Brady. »Es gibt ein Dutzend Leute, die nach dem listenreichen Trio suchen.«

»Haben Sie Mr. Moore bereits gesprochen?«

»Nein.«

Der Chef war sichtlich verblüfft. »Wie kam es dann, dass Sie den Fall übernommen haben?«, fragte er.

»Wie ich gerade sagte«, antwortete Old King Brady, »stand das Trio auf unserer Liste, und da wir zufällig auf sie stießen, haben wir sie in letzter Zeit ziemlich genau beschattet.«

»Ich verstehe. Es ist also nicht nötig, dass ich Sie offiziell auf den Fall ansetze. Sie wissen sicher, dass Mr. Moore eine hohe Belohnung für die Ergreifung der Gauner ausgesetzt hat?«

»Ja.«

»Ich vertraue darauf, dass es Ihnen gelingen wird, die Bande aufzuspüren. Es besteht kein Zweifel, dass sie die gerissenste und gefährlichste Bunco-Gang sind, die dieses Land je gesehen hat.«

Old King Brady nickte. »Das ist wahr«, sagte er.

»Wie gedenken Sie die Sache nun anzugehen?«, fragte der Chef.

Die beiden Bradys tauschten überraschte Blicke aus.

»Verzeihen Sie mir«, sagte der Chef mit einem Lächeln. »Ich nehme die Frage zurück. Aber ich wünsche mir, dass Sie mir in Abständen über Ihre Fortschritte berichten.«

»Wir werden Bericht erstatten, sobald wir unsere Vögel im Käfig haben«, erwiderte Old King Brady.

Damit wurde das Thema gewechselt. Die beiden Detektive unterhielten sich noch eine Weile über frühere Angelegenheiten, dann verabschiedeten sie sich vom Chef mit einem Händedruck und gingen hinaus.

Dieser atmete tief durch. »Jetzt ist es aus mit der Bunco-Bande«, murmelte er zuversichtlich. »Ich würde alles, was ich besitze, darauf wetten, dass die beiden Bradys sie zur Strecke bringen werden. Mr. Moore wird wenigstens seine Rache bekommen.«

Als Old King Brady und sein junger Schützling die Straße erreichten, gingen sie bis zum Broadway und stiegen in eine stadteinwärts fahrende Bahn. Am Madison Square stiegen sie aus und spazierten hinüber zur 4th Avenue. Dort bestiegen sie eine Kabelstraßenbahn, die sie durch den Tunnel zur Grand Central Station brachte.

Sie betraten den Bahnhof, wo die ankommenden Züge auf einer Tafel verzeichnet waren. Der ältere Detektiv betrachtete die Anzeige.

»Der Expresszug aus Chicago wird um halb fünf erwartet«, sagte er. »Pünktlich. Das ist unser Zug, Harry. Er wird darin sitzen!«

»Wir haben noch vierzig Minuten zu warten«, sagte Young King Brady.

»Ganz recht, mein Junge.«

»Glauben Sie, dass Ann und Corcoran hier sein werden, um ihn abzuholen?«

»Hat die Depesche das nicht angedeutet?«

Young King Brady zog ein Telegramm aus seiner Tasche. Es war einmal in Fetzen zerrissen worden, war aber nun wieder vollständig, da die Teile auf einen Bogen Papier geklebt worden waren. Die Detektive überflogen es. Es lautete:

Con Corcoran, Nr. — 44th Street: Werde heute in New York sein. Treffen Sie mich am Chicago-Zug um halb fünf. Wichtige Angelegenheit. Simeon Hardy.

Die beiden Detektive hatten diese Nachricht unmittelbar nach ihrem Empfang gefunden, nachdem sie noch am selben Morgen von Con Corcoran zerrissen worden war.

Con Corcoran war eines der Mitglieder des listenreichen Trios. Ann Prentiss, die gerissenste Frau in der New Yorker Unterwelt, war ein weiteres, und Simeon Hardy war der Dritte im Bunde. Laut Telegramm sollte Hardy um halb fünf aus Chicago eintreffen. Corcoran sollte ihn am Bahnhof abholen. Dies erklärte, warum die beiden Detektive vor Ort waren.

Die beiden Bradys hielten sich so gut wie möglich im Schatten und musterten kritisch jeden, der den Bahnhof betrat. Es dauerte nicht lange, da packte Old King Brady den Arm des jüngeren Detektivs und flüsterte: »Da ist er!«

Ein großer, fein gekleideter Mann betrat die Halle. Er trug einen tadellosen Gehrock, eine schwarze Krawatte, helle Hosen und Lacklederschuhe. Sein Seidenzylinder war glänzend poliert, und sein Backenbart sowie das ordentlich gekämmte Haar verliehen ihm das Aussehen eines geistlichen Herrn. Niemand hätte ihn für einen Gauner oder einen gefährlichen Bunco-Mann gehalten.

Und doch beherbergte New York City keinen gefährlicheren Verbrecher. Allein sein ehrwürdiges Auftreten war eine Täuschung, die zu seinen Gunsten sprach und es ihm ermöglichte, dem Gesetz zu trotzen. Con Corcoran war ein Meister seines Fachs. Seine Opfer zählten nach Hunderten. Sein Gewinn war beträchtlich, und er war der Rädelsführer manch einer schurkischen Bande.

Die beiden Detektive beobachteten ihn aufmerksam. Sie wussten jedoch, dass er nicht mit jenem Mr. Aston identisch war, der an dem Betrug an Mr. Moore beteiligt gewesen war. Dies hier war Sim Hardy, ein älterer Mann von einem anderen Schlag, und eben jene Person, die er am Chicago-Zug treffen wollte.

Die Zeit für die Ankunft des Zuges war gekommen. Doch es dauerte noch einige Minuten, bis die Waggons herangefahren waren.

Dann strömte eine große Menge Reisender den Bahnsteig herauf. Unter ihnen war einer, der Con Corcoran ein Zeichen gab. Es war Sim Hardy.

Er war ein geschickter Bunco-Steerer – ein Kundenwerber für Betrüger – und von New York bis Kalifornien als ausgemachter Gauner bekannt. Hardy war klein und eher stämmig, mit glatten, sanften Gesichtszügen, und gekleidet wie ein Kaufmann oder Bankier im Ruhestand. Wie Corcoran wäre auch er in einer Menschenmenge niemals als ein Mann mit gefährlichen Neigungen aufgefallen.

Die beiden Betrüger trafen aufeinander und schüttelten sich herzlich die Hände. Dann verließen sie den Bahnhof und gingen die 42nd Street hinunter. Die Detektive folgten ihnen. Während sie gingen, schienen sie in ein höchst ernstes Gespräch vertieft zu sein. Kein Wort davon drang jedoch zu den Detektiven vor.

Als sie die 2nd Avenue erreichten, bogen die Bunco-Männer ab und gingen bis zur 44th Street. Diesen Straßenzug schritten sie entlang, und dann geschah etwas Merkwürdiges. Sie verschwanden. In einem Moment hielten die Detektive sie noch fest im Blick; im nächsten Augenblick waren sie nicht mehr zu sehen. Es war ein höchst unerwarteter und erstaunlicher Vorfall. Einen Moment lang waren die Bradys ratlos.

»Mein Gott!«, rief Young King Brady aus. »Wo um alles in der Welt sind sie geblieben?«

»Ganz ruhig«, sagte der alte Detektiv. »Kommen Sie hierher.« Er zog seinen Begleiter in einen Kellereingang. Es war ein unbewohntes Haus. In dem tief liegenden Türeingang waren sie von der Straße aus nicht leicht zu sehen, und so machte sich Old King Brady daran, seine Vorsichtsmaßnahmen umzusetzen.

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