Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 2.2
Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Zweites Kapitel Teil 2
Begegnungen unter Wasser
Es wurde immer heller. Die direkten Sonnenstrahlen durchdrangen mühelos das Wasser der Sargassosee, des klarsten im gesamten Weltozean. Der Aufstieg verlief recht steil, doch die gut regulierten Luftkissen machten das Gewicht der Taucheranzüge und der Menschen fast unmerkbar. In den Kissen verblieb gerade so viel Luft, dass genug Halt für das Gehen auf dem Grund und zur Überwindung des Wasserwiderstands vorhanden war. Die Fortbewegung war leicht und nicht ermüdend.
»Was ist das eigentlich, Arsen Dawidowitsch?«, fragte Pawlik den Zoologen, sobald sie den Einsiedlerkrebs mit seiner Seeanemone beim »Einzug« zurückgelassen hatten und weiter den Hang des Unterwasserbergs hinaufstiegen. »Wozu braucht dieser Krebs seine Anemone? Liebt er Blumen wirklich so sehr?«
Der Zoologe nahm Pawlik am Arm und ging neben ihm her.
»Es geht nicht um Blumen, Pawlik. Das ist Symbiose … ein Zusammenleben von Tieren oder Pflanzen, die manchmal völlig unterschiedlichen Klassen angehören. Ziel der Symbiose ist oft Schutz, Hilfe bei der Nahrungssuche und verschiedene andere Dienste – folglich eine Zusammenarbeit im Kampf ums Dasein. Jeder von ihnen hilft dem anderen mit bestimmten Fähigkeiten, die dem jeweils anderen fehlen.«
»Wie hilft der Krebs der Anemone? Sie kann doch selbst so geschickt jagen.«
»Das stimmt. Aber die Anemone ist fast unfähig, sich eigenständig fortzubewegen. Um sich jedoch besser zu ernähren, muss man sich bewegen und Nahrung suchen. Es ist unvorteilhaft, immer am selben Ort zu bleiben und darauf zu warten, dass die Beute von selbst zu einem kommt. Auf dem Rücken des Krebses, der ständig in Bewegung ist, geht die Anemone der Beute entgegen und sucht aktiv nach ihr.«
»Sie hat den Krebs also gesattelt und lässt sich herumkutschieren! Schlau ausgedacht!«
»Nicht so schlau, wie es dir scheint, Jungchen. Du hast es doch gesehen: Nicht sie hat sich an den Krebs geklammert, sondern er selbst hat sie, fast mit Gewalt, auf sein neues Gehäuse gezerrt. Der aktive Part ist hier der Krebs. Er sucht sich eine Anemone, manchmal sogar zwei oder drei. Er kämpft mit anderen Krebsen, um sich eine Gefährtin zu ergattern.«
»Und welchen Nutzen bringt sie ihrem Pferd?«
»Erstens verbirgt sie ihn mit ihrem Körper vor Feinden. Der Krebs hat viele davon. Wenn er nicht nur eine, sondern zwei oder drei Mitbewohnerinnen hat, ist er unter ihnen fast gar nicht mehr zu sehen und kann sich in relativer Sicherheit wiegen. Außerdem: Selbst wenn ein kleiner Fisch, ein Liebhaber von Krebsen, ihn unter den Anemonen bemerken und aus Unerfahrenheit zupacken würde, bekäme er sofort die Nesselkapseln zu spüren, die die Anemone aus ihrem Körper und ihren Tentakeln schleudert. Dieser Fisch würde eine recht empfindliche Verbrennung erleiden, die ein kleines Tier betäuben und lähmen und selbst einem großen Schmerzen zufügen kann. Zweitens ist die Jagd für eine Anemone, die auf einem Krebs reist, meist so erfolgreich, dass für ihn fast immer etwas vom Tisch seiner Gefährtin abfällt. Und wenn der Krebs auf Beute stößt – den Kadaver eines Fisches oder eines anderen Tieres –, dann bewirtet er nicht selten auch seine Reiterin.«
»Das ist ja toll, Arsen Dawidowitsch, wie sie das hinkriegen! Wahre Kameraden! Bei allen Tieren gibt es nur Kampf und Krieg, und nur beim Krebs und der Anemone herrscht Freundschaft.«
»Aber nein, Pawlik! Symbiose ist in der Tier- und Pflanzenwelt gar nicht so selten. Ich könnte dir viele Beispiele nennen, manche einfach unerwartet und erstaunlich …«
Plötzlich hielt der Zoologe inne, ließ Pawliks Arm los, lief zur Seite und hob etwas vom Boden auf. Pawlik sah, wie der Wissenschaftler eine große, schwarze, kunstvoll gewundene Muschel betrachtete und dabei einen Metallfinger zwischen ihre Klappen schob.
»Wie schwer sie ist …«, murmelte der Zoologe. »Als wäre sie aus Eisen… Wie seltsam…«
»Was ist das, Arsen Dawidowitsch?«
»Pawlik!«, rief der Zoologe plötzlich aus, während er die Klappen mit Mühe öffnete und den gallertartigen Körper dazwischen genau untersuchte. »Pawlik, das ist eine neue Art aus der Klasse der Blattkiemer. Der Wissenschaft völlig unbekannt! Nein, Pawlik!« Er keuchte vor Begeisterung. »Das ist keine neue Art, nein, nein! Pawlik, meine Seele! Das ist eine neue Klasse! Ja, ja! Eine neue Klasse! Dieser Blattkiemer hat einen Kopf! Verstehst du? Das ist nicht mehr Lamellibranchiata. Das wird nun eine neue Klasse sein: Lamellibranchiata cephala Tortscharidse.«
Der Zoologe hatte hier auf dem Grund der Sargassosee bereits viele Entdeckungen gemacht, die selbst einen weit weniger emotionalen Wissenschaftler hätten in Aufregung versetzen können, aber bis jetzt konnte er sich noch immer nicht an die Überraschungen gewöhnen, mit denen ihn der Ozean so großzügig beschenkte. Doch nachdem er der neuen Klasse der Weichtiere seinen Namen gegeben hatte, begann er sogleich stirnrunzelnd den Boden um sich herum abzusuchen.
»Was bedeutet das nur? Positiv seltsam …«, murmelte er. »Sehr seltsam… Wo sind sie geblieben?«
Ohne etwas zu verstehen, kreiste Pawlik mechanisch zusammen mit dem Zoologen zwischen den unzähligen Muscheln, Stachelhäutern und Aszidien umher, die den Boden bedeckten. Mal suchten seine Augen den Grund ab, mal blickte er fragend seinen gelehrten Freund an. Schließlich fragte er: »Aber was suchen Sie denn, Arsen Dawidowitsch? Wir zertreten hier bald die gesamte Bodenbevölkerung.«
»Wie!«, der Zoologe richtete sich zu seiner vollen, geringen Größe auf. »Ist dir das denn nicht aufgefallen? Ich finde hier kein einziges weiteres Exemplar dieser erstaunlichen Muschel! Was soll ich mit diesem einzigen Exemplar in meinen Händen anfangen? Wer wird mir glauben, dass dies ein rechtmäßiger Vertreter einer neuen Klasse ist? Zudem ist er auch noch schlaff, irgendwie verendet. Ich sehe schon kommen, dass alle ihn als eine zufällige Missbildung abtun werden. Was soll ich nur tun? Hier weiterzusuchen ist unmöglich – wir werden uns verspäten …«
Der Zoologe setzte sich auf einen kleinen Felsen und starrte ratlos auf seine kostbare, einzigartige Muschel. Pawlik war ebenfalls sehr betrübt – weniger wegen der wissenschaftlich-methodischen Schwierigkeiten, sondern wegen des niedergeschlagenen Anblicks des Gelehrten, an den er sich sehr gewöhnt hatte.
»Wissen Sie was, Arsen Dawidowitsch?«, rief er plötzlich. »Lassen Sie uns diese Stelle markieren. Wenn wir frei sind, kehren wir mit Skworeschnja, Marat und Zoi hierher zurück und suchen organisiert. Wirklich!«
»Großartig!«, lebte der Zoologe auf. »Du hast völlig recht. Wir werden weiter suchen! Und demjenigen, der ein zweites Exemplar dieser Muschel findet, schenke ich alles, was er sich wünscht. Und jetzt – an die Arbeit! Errichten wir diesem Ort ein Denkmal. Und diese Muschel steck in die Tasche – meine ist schon übervoll. Wenn wir nach Hause zurückkehren, geben wir sie Zoi zur Beschreibung und Analyse.«
Nachdem sie einen hohen Steinhaufen aufgeschichtet und die umliegenden Felsen markiert hatten, setzten sie ihren Weg fort. Der Zoologe sagte nachdenklich: »Wie viel Neues und Ungewöhnliches! Wie viel Unerwartetes begegnet mir hier in diesen Tiefen, die für Menschen unzugänglich sind! Du musst deinem Schicksal dankbar sein, Pawlik, dass es dir die Möglichkeit gegeben hat, an dieser ersten wissenschaftlichen Tiefseeexpedition der Geschichte teilzunehmen. Mithilfe dieser wunderbaren Skaphander wirst auch du zusammen mit uns all die Geheimnisse kennenlernen, die in den unbekannten Tiefen des Ozeans verborgen liegen.
Ich erinnere mich, als die sowjetischen Piloten und Polarforscher zum ersten Mal am Nordpol landeten; unsere Jungen beklagten sich damals bitterlich, dass für sie auf der Weltkarte keine weißen Flecken mehr übrig geblieben seien, dass alles bereits bekannt sei und sie, die sowjetischen Jugendlichen, nichts mehr zu entdecken hätten. Aber über einen so gigantischen – man könnte sagen, einen einzigen zusammenhängenden – weißen Fleck wie die Tiefen des Weltozeans haben sie vergessen! Über den Ozean, der fast drei Viertel der Erdoberfläche einnimmt! Über seine geheimnisvollen, wundererfüllten Tiefen hat man vergessen! Aber nicht für lange … Nein, nicht für lange! Wir sind hier die ersten Schwalben. Nach uns werden nun Hunderte und Tausende Forscher hierher kommen, und wieder werden unsere, die sowjetischen, die Ersten unter ihnen sein, denn nur in unseren sowjetischen Skaphandern kann man hierher hinabsteigen und arbeiten …«
Einige Minuten lang gingen sie schweigend zwischen den umherhuschenden Fischen einher, jeder in seine eigenen Gedanken versunken.
Schließlich hob Pawlik den Kopf und fragte: »Arsen Dawidowitsch, haben Sie das ernst gemeint? Das mit dem Pottwal. Könnte er unsere Skaphander wirklich nicht zerbeißen? Sie haben doch sicher gescherzt?«
»Keineswegs, Pawlik. Schließlich können wir in unseren Skaphandern in die größten Tiefen des Ozeans hinabsteigen. Auf tausend, fünftausend, sogar zehntausend Meter. Und das ist gewaltiger und schrecklicher als die Kiefer eines Pottwals.«
»Ach was, Arsen Dawidowitsch! Sie spaßen doch nur?« Pawlik sah den Zoologen ungläubig an. »Dort ist doch nur Wasser! Weiches Wasser… Aber ein Pottwal! Oho! Der drückt mit den Zähnen so fest zu! Sie haben mir doch selbst gesagt, dass seine Zähne so groß sind!« Pawlik breitete die Arme fast einen halben Meter weit aus. »In so einem Maul platzt der Skaphander wie eine Nuss …«
Der Zoologe sah Pawlik von der Seite an und schmunzelte.
»Breite die Arme nicht so weit aus, Jungchen. Ein Viertelmeter reicht auch schon aus. Und selbst das ist gruselig genug. Und das Wasser … ja, es ist weich … Aber weißt du eigentlich, Kleiner, wie viel ein Kubikmeter Wasser wiegt?«
»Das weiß ich«, antwortete Pawlik zuversichtlich. »Eine Tonne.«
»Nun gut. Und eine Wassersäule von zehn Metern Höhe über einer Fläche von einem Quadratmeter wiegt zehn Tonnen; oder, wie man sagt, der Druck einer solchen Säule entspricht zehn Tonnen, und über jedem Quadratzentimeter beträgt er ein Kilogramm. Dieser Druck entspricht dem Druck der gesamten Luftsäule, also der Atmosphäre, über einer Fläche der Erdoberfläche von einem Quadratmeter oder Quadratzentimeter. Deshalb sagt man auch, dass der Druck einer zehn Meter hohen Wassersäule dem Druck von einer Atmosphäre entspricht.«
»Ja, das weiß ich, Arsen Dawidowitsch. Das ist eine enorme Last, aber wir spüren sie nicht, weil sich in unserem Körper Luft unter dem gleichen Druck befindet.«
»Ausgezeichnet. Dann wird es für dich nicht schwer zu verstehen sein, dass das Wasser umso mehr auf uns drückt, je tiefer wir hinabsteigen. In einer Tiefe von einhundert Metern entspricht der Druck dieses – wie du sagst – weichen Wassers hundert Tonnen auf jeden Quadratmeter Fläche, oder zehn Atmosphären. Die Oberfläche des menschlichen Körpers beträgt im Durchschnitt zwanzigtausend Quadratzentimeter, und der Wasserdruck auf den gesamten Körper erreicht in dieser Tiefe etwa zweihundert Tonnen; in einer Tiefe von fünftausend Metern sind es bereits zehntausend Tonnen. Verstehst du? Das ist ein Druck, unter dem nicht nur ein Mensch, sondern sogar ein hohler Eisenzylinder zerquetscht würde. In unserem Skaphander jedoch bleibt der Mensch heil und unversehrt.«
»Besteht er also aus Stahl?«, fragte Pawlik.
»Wäre er aus Stahl, müsste man ihn aus so dicken Platten fertigen, dass ein Mensch in einem so schweren Anzug selbst in einer Tiefe von fünfhundert Metern auf dem Grund keinen Schritt tun könnte. In solchen gepanzerten Skaphandern arbeiten Taucher bisher in Tiefen bis zu achthundert Metern, und sie werden mithilfe von Winden und an Ketten von Stelle zu Stelle bewegt. Und was für eine Arbeit ist das dort! Ärmel und Hosenbeine sind dick – man kann weder Arm noch Bein beugen oder strecken. Aus den Ärmeln ragen Zangen, ein Brecheisen oder eine Axt hervor, die der Taucher von innen mit der Hand steuert. Wie viel kann man so wohl ausrichten?«
Pawlik hob wieder, wie zuvor, leicht den Arm, berührte die metallischen Schienbeinschützer an seinem Bein und sagte fröhlich: »Aber unsere Skaphander sind einfach herrlich! Leicht, bequem. Woraus sind sie denn gemacht? Also nicht aus Stahl?«
»Nein, nicht aus Stahl, sondern aus einer bemerkenswert leichten, superharten Legierung, die erst kürzlich von sowjetischen Metallurgen erfunden wurde. Obwohl unsere Skaphander aus sehr dünnen Platten dieser Legierung gefertigt sind, können sie dem kolossalen Druck in Tiefen von bis zu zehntausend Metern standhalten. Dabei hilft allerdings auch das sehr scharfsinnig konstruierte, bewegliche Gerüst des Skaphanders – sein Skelett, sozusagen, aus demselben Material. Außerdem haben unsere tüchtigen Metallurgen einen Weg gefunden, kleine Platten aus dieser Legierung biegsam zu machen. Solche Platten wurden an den Gelenkstellen des Skaphanders eingesetzt: an Schultern, Ellbogen, Lenden, Knien, Füßen und Fingern.«
»Und nicht nur das, Arsen Dawidowitsch!«, sagte Pawlik mit Begeisterung in der Stimme. »Wie schnell wir uns unter Wasser bewegen! Wie echte Fische! Sogar eher wie Vögel! Und das Telefon, das Licht, die Waffen. Und sogar heiße Schokolade!« Pawlik lachte glücklich. »Wollen Sie einen Happen essen? Bitte schön! Bouillon, Kakao. Sie können es mit etwas Wasser herunterspülen.«
»Mit einem Wort: Jeder ist sein eigener Gastronom«, konstatierte der Zoologe.
»Ein Wanderrestaurant! Ein Café auf Rädern, beziehungsweise auf Beinen. Was die sich alles haben einfallen lassen! Wie funktioniert das eigentlich alles, Arsen Dawidowitsch?«
»Ganz einfach, Jungchen. Im Tornister auf dem Rücken befinden sich mehrere kleine Akkumulatoren mit einem großen Stromvorrat. Dort sind auch die Patronen mit einem Flüssigsauerstoff-Vorrat für achtundvierzig Stunden untergebracht, ebenso die Absorber für Kohlendioxid, Feuchtigkeit und andere schädliche Atemprodukte; dazu ein winziger, aber leistungsstarker Motor für die Schiffsschraube, die uns den Antrieb verleiht. Im vorderen Brustranzen befinden sich Thermosflaschen mit heißer Bouillon oder Kakao und mit Wasser. Von den Thermosflaschen führen Gummischläuche mit harten Mundstücken zum Mund. Neben den Thermosflaschen ist eine kleine Funksprechstation eingebaut, mit der man gleichzeitig mit mehreren anderen Stationen in einer Entfernung von bis zu zweihundert Kilometern sprechen kann. Im Helm sind bei den Ohren die Kopfhörer und unten am Kinn das Mikrofon angebracht. Auf dem Helm, über der Stirn des Tauchers, sitzt ein starker elektrischer Scheinwerfer, dessen Strahl das Wasser fünfundsiebzig Meter weit durchdringt. Und all diese Geräte und Mechanismen steuerst du mithilfe verschiedener Knöpfe, Hebel und Stellrädchen, die sich auf der Schalttafel in deinem Gürtelmagazin an der Taille befinden. Aber das alles solltest du eigentlich auch ohne diesen Vortrag wissen, sonst könntest du jetzt nicht mit mir hier unten im Wasser umherwandern.«
»Na klar! Ich weiß das natürlich schon. Ich wollte nur wissen, wie das alles funktioniert. Wie wird zum Beispiel in den Akkumulatoren so viel Elektrizität gespeichert? Wie funktionieren unsere elektrischen Kampfhandschuhe? Womit schießen unsere Ultraschallpistolen?«
»Ah! Das ist es also, was du wissen willst, Jungchen! Das sind ernstere Fragen«, antwortete der Zoologe. »Aber leider müssen wir sie verschieben. Siehst du, wir sind schon bei den Korallenriffen. Bald kommen wir zu Skworeschnja.«
Vor ihnen, durch das gläserne Grünblau des Wassers, begannen wie ein Waldrand die vagen Umrisse von Gebüsch und kleinen Bäumen aufzutauchen: kleinwüchsig, blattlos, bestehend nur aus Stämmen und Zweigen, verkrümmt und knorrig; mal dick und angeschwollen wie Kakteen, mal dünn und gerade wie Weidenruten.
»Übrigens«, fuhr der Zoologe fort, »ist es gut möglich, dass Skworeschnja seine Arbeit hier schon beendet hat und an einen anderen Ort gewechselt ist. Wir müssen nachsehen.«
Er drückte auf eine kaum merkliche Erhebung am Gürtelmagazin. Die Vorderwand klappte nach unten und blieb an Scharnieren hängen; sie gab den Blick auf eine Reihe von Knöpfen mit erhabenen Ziffern und kleinen Hebeln über Skalen frei.
Während des Gehens schob der Zoologe einen der Knöpfe ein Stück nach unten, fixierte ihn und drückte darauf. Dann horchte er auf und blieb stehen. In seinem Gesicht spiegelte sich wachsende Ratlosigkeit, gemischt mit Besorgnis.
»Stell dich auf Skworeschnja ein«, wandte er sich an Pawlik. »Drück Knopf Nummer zwölf. Ich verstehe gar nichts … Was geht dort vor?«
Pawlik öffnete hastig sein Magazin und stellte den Funkempfänger auf die entsprechende Station ein. Unter seinen Helm drang ein pfeifendes Geräusch von stoßweisem Atem, vermischt mit einem Schwall heiserer Flüche, Schreie und einem wirren Mix aus ukrainischen und russischen Worten:
»Lass los! … Lass los, du Satansvieh! …Ach, dass dich der Schlag rühre … Hast es wohl auf sowjetisches Eigentum abgesehen? … Mich ziehst du nicht weg … Nein, Bruder … Das wird nichts!«
Dann – wie ein Holzfäller beim Holzhacken: »Ach-ch-ch! Da hast du’s! Ach-ch-ch!« Dann ein verzweifelter Schrei: »Brrr-u-u! Stehenbleiben! Stehenbleiben! Wo trägst du mich hin, du Natter!«
Der Zoologe hielt es nicht mehr aus. »Skworeschnja! Was ist passiert?«, rief er laut und mit Angst in der Stimme. »Mit wem kämpfen Sie?«
»Lord!«, erklang in den Helmen des Zoologen und Pawliks eine keuchende Stimme. »Schnell zu mir! … Sonst reißt dieses Biest … den Schlauch ab. Beeilt euch, beeilt euch! … Ach-ch-ch! Ach-ch-ch! Was für ein zähes Vieh!«
»Wir beeilen uns!«, schrie der Zoologe. »Halten Sie durch!« Er rannte los, auf den Rand des Korallendickichts zu. »Mir nach, Pawlik! Schneid das Wasser mit der Schulter! Schulter voran!«
»Bleib dran! Den Propeller sollten wir nicht starten, es ist nicht mehr weit.«
Das Laufen war jedoch ziemlich mühsam. Das Wasser leistete Widerstand und federte weich nach. Dennoch brachen der Zoologe und Pawlik eine Minute später in das Dickicht ein.
So besorgt und sogar verängstigt Pawlik auch war, für einen Moment erstarrte er in stummer Bewunderung. Das, was aus der Ferne, aus der grünen, dichten Dunkelheit, wie kahl verkrümmtes Gebüsch gewirkt hatte, entpuppte sich aus der Nähe und im Licht als ein märchenhaft prächtiger Garten. Alle Stämme und Zweige waren blattlos, aber über und über mit lebendigen Blumen bedeckt – Sternchen mit langgestreckten, zungenartigen Blütenblättern in allen Farben und feinsten Nuancen: von zartem Rosa bis zu Blutrot, von rauchigem Transparentblau bis zu Emaille-Blau und von goldglänzendem Gelborange bis zu smaragdgrünem Tiefgrün. Es waren Korallen – mal kleine, dünne, gewundene Zweiglein, die an den Felswänden klebten, mal riesige Kolonien aus Millionen winziger Blumen-Tiere, die mit ihren Körperchen die mächtigen, abgestorbenen Massen vorangegangener Generationen bedeckten. Und auch die großen, bunten Blütenkelche am Fuße dieser Kolonien waren Korallen, und selbst das bunte Moos dazwischen bestand aus Millionen und Milliarden winziger, lebender Blüten.
Der Garten lebte und barg in sich – in seinen Spalten, Tunneln, Grotten, großen und winzigen Höhlen, im Geflecht seiner Stämme und Zweige – ein gewaltiges, farbenprächtiges, brodelndes Leben. Schwärme glänzender Fische, als wären sie aus buntem Metall gegossen – von winzigen Sardinen bis zu großen, knallig gefärbten Papageifischen –, schossen wie tropische Vögel durch das Korallendickicht. Hübsche, durchsichtige Krebstierchen kletterten auf den Zweigen herum. Unzählige rote, gelbe und orangefarbene Seesterne bewegten sich langsam über den Boden, die Felsen und die Korallenstämme, indem sie sich mit ihren Füßchen an den nächsten Gegenständen festzogen.
Bunte Schlangensterne, nahe Verwandte der Seesterne mit langen, dünnen und biegsamen Strahlen wie Peitschen, purzelten fast über das Korallenmoos auf der Suche nach Beute. Schwarze Seeigel, deren runder Körper mit blauen Pünktchen übersät war, krochen in ganzen Herden überall umher. Heerscharen verschiedenster Muscheln und Meeresschnecken bedeckten stellenweise lückenlos den Boden und das Korallenmoos. Die leuchtenden Büschel und grazilen Kiemenäste von Röhrenwürmern schauten aus ihren feinen Röhren hervor. Myriaden winziger, leuchtend bunter Krebse, Würmer, Meerespinnen und Schnecken krochen, sprangen, flitzten hervor und versteckten sich sogleich wieder in den kleinsten Ritzen, Löchern und Spalten inmitten der blühenden Pracht dieser Steintiere.
Pawlik blieb wie angewurzelt stehen und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf diese Feerie, auf dieses lautlose, kochende Leben. Doch ganz in seiner Nähe, bei seinem ersten groben Eindringen, erstarrte dieses ganze Leben augenblicklich, verbarg sich und verschwand. Die Korallenblüten schlossen sich, ihre Blütenblätter zogen sich nach innen zurück, und die winzigen Fische, Würmer und Spinnen versteckten sich in den Tiefen des Dickichts. Eine graue, farblose, tote Wüste umgab Pawlik nun.
Er hob den Kopf und sah über sich, an einer steilen Felswand, einen Schwarm großer Fische. Es waren Skarusse – Papageifische. Die Schönheit und Harmonie ihrer Färbung hätten selbst den strengsten Kunstkenner in Entzücken versetzt. Es schien, als hätte die Natur alle Farben, Schattierungen und Übergänge genutzt, die sie auf ihrer reichen, unerschöpflichen Palette finden konnte, damit vor diesen Meerespapageien die Schönheit der prächtigsten tropischen Vögel verblasste.
Die Papageifische hingen mit den Köpfen nach unten und bewegten sanft ihre grau-violetten, mit zartroten Flecken übersäten und weiß gesäumten Schwänze. Mit ihren kleinen, dicklippigen Mäulern knabberten sie eifrig die zarten Korallenzweige am Fels ab. Ab und zu kaute einer von ihnen mit vollem Maul lange und zerstreut an der Nahrung wie an einem Kaugummi. Ein Stück höher bemerkte Pawlik drei große Papageifische, die von einem kleinen Schwarm winziger, blau gestreifter Putzerlippfische umgeben waren. Pawlik verstand zuerst nicht, was diese Lippfische um die im Vergleich zu ihnen riesigen, friedlich im Wasser hängenden Skarusse herum trieben. Zuerst dachte er, die Lippfische hätten sich von allen Seiten in sie verbissen und wollten sie in Stücke reißen. Doch als er genauer hinsah, brach Pawlik plötzlich in lautes Lachen aus.
»Ein Friseursalon! Ein Fisch-Friseursalon!«, rief er, unfähig, das Lachen zurückzuhalten.
Die rundlichen Köpfe der Papageifische, ihre Wangen und Kiemendeckel mit den festsitzenden, großen, eiförmigen Schuppen waren mit einer Schicht weißem Korallenstaub bedeckt. Es wirkte, als hätten dicke, herausgeputzte, vornehme Herren ihre wohlgenährten, dick gepuderten Visagen den diensteifrigen Friseuren zur Verfügung gestellt. Die Lippfische entfernten sanft und vorsichtig diesen Korallenstaub von den Wangen und Kiemen der Papageifische – ihrer reichen Verwandten – und verspeisten ihn offensichtlich mit höchstem Genuss.
In das Lachen und die Ausrufe von Pawlik sowie in den unaufhörlichen Strom ukrainisch-russischer Flüche und empörter Schreie von Skworeschnja drang unter Pawliks Helm die Stimme des Zoologen: »Warum lachst du, Jungchen?«
Und nach einer Minute des Schweigens war sein besorgter Ruf zu hören: »Pawlik! Pawlik! Wo bist du? Wo bist du hin?«
Pawlik sah sich um. Er war allein. Beruhigt durch seine Reglosigkeit war das Leben um ihn herum erneut aufgeblüht und erwacht. Wie lange hatte er hier gestanden, verzaubert und wie versteinert in diesem prächtigen Garten von unsagbarer Schönheit? Eine Minute oder eine Stunde? Wo war Arsen Dawidowitsch? Wie sollte er ihn jetzt in diesem Dickicht finden? Wie kam er hier wieder heraus?
»Arsen Dawidowitsch!«, sandte er mit zitternder Stimme einen zaghaften Ruf in den grünen, grenzenlosen Raum um sich her. »Arsen Dawidowitsch!«
»Sprich, Pawlik!«, tönte die Antwort. »Sprich, sprich! Ich höre dich! Wo bist du? Breche die Verbindung zu Skworeschnja ab.«
»Ich bin mitten unter den Korallen. Ich habe den Anschluss verloren, Arsen Dawidowitsch, nur für einen Augenblick. Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll …«
Seine Lippen bebten, und er schluchzte unerwartet auf. Er musste jedoch sogleich husten, sodass man diese Laute von außen nicht genau zuordnen konnte.
»Jungchen, verlier nicht den Kopf. Bleib ganz ruhig stehen, rühr dich nicht vom Fleck. Ich bin nicht weit; wir haben uns wahrscheinlich erst vor fünf Minuten verloren, nicht länger. Schau dich um, Pawlik. Ich bin quer durch die Korallen gegangen. Schau nach, ob du meine Spuren siehst: abgebrochene Zweige, Sträucher … Sieh dich genau um, Jungchen.«
»Ja … nein … Arsen Dawidowitsch«, sagte Pawlik und blickte sich hilflos um. »Die sind alle gleich, die Zweige und Sträucher. Sie sehen alle wie abgebrochen aus … nichts … man sieht gar nichts … Arsen … Arsen Dawidowitsch …«
Die letzten Worte sprach Pawlik fast im Flüsterton mit brüchiger Stimme.
»Nun, das ist auch nicht schlimm, Kleiner. Hab nur keine Angst. Bleib stehen, geh nirgendwohin. Ich laufe kurz zu Skworeschnja, helfe ihm und komme dann zu dir. In fünfzehn bis zwanzig Minuten bin ich zurück.«
»Gut, Arsen Dawidowitsch …«
»Steh unbeweglich da, niemand wird dir etwas tun. Zieh für alle Fälle die Handschuhe an.«
Bei diesen Worten krampfte sich Pawliks Herz zusammen.
»Gut, Arsen Dawidowitsch … ich … ich ziehe sie an …«
»Denk daran, wie man sie benutzt. Schalte den Strom ein. Am besten umarmst du den Feind fest, mit beiden Händen, mit beiden Handflächen, ganz fest … Ich laufe schon zu Skworeschnja. Ich spreche während des Gehens mit dir und werde weiterreden, damit du keine Angst hast, so allein. Wenn du etwas Verdächtiges siehst, sag es mir.«
Während der Zoologe Pawlik mit Gesprächen ablenkte, löste der Junge das Bündel von seinem Gürtel und wickelte es mühsam mit den Fingern aus, die vor Angst ganz steif waren. Er hielt zwei weiße Gummihandschuhe von ungewöhnlicher Form in den Händen: Sie hatten nur drei Finger – einen für den Daumen, einen für den Zeigefinger und einen gemeinsamen für die restlichen drei. Auf der gewölbten Handfläche war eine hervorstehende Metallplatte zu sehen, und die breiten, langen Stulpen sollten weit über die Handgelenke reichen. Pawlik streifte die Handschuhe über und knöpfte die Stulpen mit speziellen Druckknöpfen an den Ärmeln des Skaphanders fest.
»Umarm den Feind fest mit beiden Handflächen«, wiederholte er im Stillen.
Er sah sich um. Welche Feinde? Wer waren sie? Es musste etwas Schreckliches sein … Ein Barrakuda … Ein Hai … Wer trieb sich hier noch herum? Barrakuda … Hai … Einen Hai umarmen…
Ohne dem Zoologen richtig zuzuhören, verfolgte er mit klopfendem Herzen jeden Schatten, der in der Ferne im grünen Zwielicht auftauchte.
Bunte, sanft pulsierende Quallen trieben mal einzeln, mal in ganzen Scharen vorbei. Fische huschten vorüber und funkelten in leuchtenden Farben. In riesigen Schwärmen zogen kleine Flügelschnecken mit breiten Flossen und fast völlig transparenten, knorpelzarten Gehäusen dahin. Garnelen – elegante und zierliche Meereskrebse – jagten sie ungestüm und verschwanden mit ihnen. In der Ferne blitzte ein blaues Fünkchen auf, sprang nach oben, fiel nach unten, traf auf ein rotes, blaues, grünes … Schon waren es Hunderte, Tausende dieser bunten, wie Edelsteine auf- und abspringenden Funken. Bald war alles um ihn herum von Millionen und Abermilliarden funkelnder und brennender Fäden und Punkte durchzogen. Es war, als würde ein dichter Regen aus winzigen purpurnen, saphirblauen, smaragdgrünen und goldenen Funken wie ein Wirbelwind umherrasen. Das war der Tanz der Sapphirina – winzige Krebstierchen aus der Ordnung der Ruderfußkrebse.
Mit offenem Mund vor Staunen, Angst und Einsamkeit vergessend, blickte Pawlik umher, geblendet von diesem wundervollen Schauspiel, und antwortete nur noch mechanisch ab und zu auf die Fragen des Zoologen.
Plötzlich wirbelte direkt unter Pawliks Füßen ein riesiges, viereckiges Wesen empor – samtig-schwarz und flach wie ein Eisenblech. An einem seiner Winkel klaffte ein großes, offenes Maul, darüber, auf einem Höcker, zwei funkelnde Augen. Zwei andere Winkel bogen sich wellenförmig und schnell wie Flügel. Vom letzten Winkel hing ein dünner, peitschenartiger Schwanz herab, an dem ein langer, spitzer Stachel nach oben ragte. Es war ein Rochen. Er schnappte sich im Flug einen Fisch, der zu nah an seinem Versteck vorbeigeschwommen war, verschlang ihn und ließ sich wieder auf den Grund fallen. Dort wirbelte er mit ein paar schnellen Bewegungen eine Wolke aus Sand auf, und als diese sich gesetzt hatte, war der Rochen unter ihr verschwunden.
Pawlik sah das schon nicht mehr. Das Erscheinen des zwei Meter großen Ungetüms kam so unerwartet, dass er die Hände hob und in tödlicher Angst zur Seite sprang, auf eine korallene Säule zu, die hoch wie ein Felsen aufragte.
Kaum war er zur Seite gesprungen, da schnellte etwas Gewaltiges, Langes und vorne Zugespitztes hinter einem großen Nachbarbusch hervor und stürzte mit der Geschwindigkeit eines Artilleriegeschosses auf ihn zu. Er spürte einen entsetzlichen Schlag gegen die Brust. Unter seinem ausgestreckten Arm zuckte ein furchterregender Rachen voller Zähne und riesige, kalte Augen vorbei. Ein Gedanke blitzte auf: »Umarmen…«
Seine Arme schlossen sich um einen glitschigen, dicken Stamm. Pawlik spürte einen noch heftigeren, erschütternden Schlag, dann verschwand alles und versank in vollkommener Dunkelheit …
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