Archiv

Deadwood Dick – Der schwarze Reiter der Black Hills – Kapitel 12

Deadwood Dick – Der Prinz der Straße
Oder: Der schwarze Reiter der Black Hills
Von Edward L. Wheeler
Kapitel 12

Allseitige Übereinkünfte

Der alte General Nix war der Erste, der die neue Invasion entdeckte. »Gütiger Himmel!«, stieß er aus und fuchtelte aufgeregt mit seinem Stock herum. »Seht euch nur die an, die es sich in den Kopf gesetzt haben, in unser Sanctum Sanctorum hier oben einzufallen! Heilige Mutter Gottes! Wir werden hier noch vor Sonnenuntergang zu einer kompletten Stadt zugebaut, wenn die Bevölkerung und die Sippschaft noch zahlreicher werden. Da sind gut fünfzig dieser Haie, mehr oder weniger – eher erheblich mehr als weniger – und wenn wir hier nicht ordentlich auftrumpfen, um sie rauszuschmeißen, dann könnt ihr mich eine schielende Hyäne mit Hasenscharte nennen, das ist alles.«

Redburn stieß einen Fluch aus, als er den Schwarm der Eindringlinge sah, der vielleicht eher kraftvoll als höflich war. Das Ganze gefiel ihm ganz und gar nicht. Wenn Ned Harris nur hier wäre, dachte er, könnte er die ganze Verantwortung auf dessen Schultern abwälzen. Aber er war nicht da; man hatte auch nichts von ihm gehört oder gesehen, seit er das Tal vor über einem Monat verlassen hatte. Wo er sich die ganze Zeit aufhielt, war ein Rätsel, das keiner unserer drei Freunde lösen konnte.

Der »General« hatte sich in Deadwood erkundigt, aber keine Informationen über den jungen Bergmann erhalten. Er war völlig aus dem Blickfeld der magischen Stadt verschwunden und könnte, soweit sie wussten, in irgendeinem fernen Land tot oder im Sterben liegen. Anita sorgte sich und wurde mit jedem Tag seiner Abwesenheit trauriger; es schien ihr, als sei er in Not oder Schlimmeres – vielleicht tot. Er war noch nie so lange weggeblieben, sagte sie; normalerweise kehrte er alle paar Tage von seinen Ausflügen zurück. Was also konnte der Grund für sein langes Fernbleiben sein?

Redburn sah durch das Eindringen der Straßenräuber und von Fearless Frank Unheil voraus, obwohl er den Charakter oder das Handwerk der Ersteren nicht kannte, und er beschloss, einen kühnen Schlag zur Verteidigung der Minen zu führen.

»Gehen Sie so schnell wie möglich zu den Quarzminen!«, sagte er zu Nix, »und rufen Sie jeden Mann an die Waffen. Dann versammeln Sie sie hier draußen, wo ich mit dem Rest unserer Leute warten werde, und wir werden sehen, was man tun kann. Wenn es ein Kampf um unsere Rechte sein soll, dann wird es ein verzweifelter Kampf.«

Der General eilte so flink, wie es ihm möglich war, zur Quarzmine, während Redburn sich ebenfalls beeilte, den Schacht aufzusuchen und seine Handvoll Männer zusammenzutrommeln. Auf dem Weg kam er an der Hütte vorbei, und als er Anita in der Tür sitzen sah, hielt er kurz inne.

»Du gehst besser hinein und verriegelst die Türen und Fenster hinter dir«, sagte er ratend. »Es sind Eindringlinge in der Schlucht, und wir müssen versuchen, eine Einigung mit ihnen zu erzielen; es ist also nicht wünschenswert, dass sie dich sehen.« »Du wirst doch nicht gegen sie kämpfen?«

»Ja, wenn sie nicht auf die vernünftigen Bedingungen eingehen, die ich nennen werde. Warum?«

»Oh! Kämpfe nicht. Du wirst getötet werden.«

»Hm! Was macht das schon? Wen würde es kümmern, wenn ich getötet würde?«

»Mich zum Beispiel, Mr. Redburn.«

Das Herz des Miners machte einen großen Sprung, und er blickte leidenschaftlich in das reinweiße Gesicht des Mädchens. War es möglich, dass sie in ihrem Herzen so etwas wie Liebe für ihn empfand? Er hatte bereits eine flüchtige Zuneigung zu ihr gefasst, die mit der Zeit zur Liebe reifen konnte.

»Danke!«, sagte er, ergriff ihre Hand und presste sie an seine Lippen. »Diese Worte, so wenige es auch sind, machen mich glücklich, Miss Anita. Aber halt! Ich muss los. Geh rein und halt dich bedeckt, bis du mich wiedersiehst«; und mit diesen Worten eilte er davon.

Innerhalb von zehn Minuten waren zwei Dutzend kräftige, halb bekleidete Ute im Tal versammelt, und Redburn stand an ihrer Spitze, begleitet vom General.

»Ich werde jetzt vorgehen und verhandeln«, sagte Harry, während er ein Tuch um die Mündung seines Gewehrlaufs wickelte. »Wenn ihr mich fallen seht, könnt ihr davon ausgehen, dass es Zeit ist, ordentlich dazwischenzuhauen.« Er hatte die Gewohnheit angenommen, in einer ungebildeten Art zu sprechen, seit er mit dem General zusammen war.

»Alles klar«, stimmte der alte Finder zu. »Wenn sie versuchen, dich reinzulegen, gib einfach einen Laut von dir, und wir kommen mit Affenzahn zu deiner Rettung angerast – eher mehr als weniger.«

Redburn schnallte seinen Gürtel ein Loch enger, prüfte seine beiden Revolver und machte sich auf den Weg. Die Straßenräuber hatten sich unterdessen rechts vom Felsspalt in einer kompakten Gruppe formiert, wo sie anhielten und das Sammeln der Männer im Tal beobachteten. Fearless Frank und seine liebreizende Begleiterin blieben dort, wo sie zuerst angehalten hatten, und warteten auf die weiteren Entwicklungen. Sie waren in ein Paradies hineingestolpert und waren sowohl überrascht als auch verwirrt.

Redburn näherte sich ihnen zuerst. Er wusste nicht recht, wie er das Gespräch eröffnen sollte, aber der Scharlachrote Junge nahm ihm die Mühe ab. »Ich nehme an, ich sehe in Ihnen einen der Vertreter dieses Unternehmens«, sagte er, zog seinen Hut und zeigte beim Anrücken des Bergmanns seine perlweißen Zähne in einem kleinen Lächeln.

»Das tun Sie«, antwortete Redburn und verbeugte sich steif. »Ich bin Eigentümer oder Partner dieses Bergbauunternehmens, das bis zu Ihrer plötzlichen Ankunft ein Geheimnis für die Außenwelt war.«

»Das glaube ich Ihnen, Pilgrim; denn obwohl ich mit der Topografie der Black Hills recht gut vertraut bin, hatte ich nicht die leiseste Ahnung, dass in diesem Teil des Territoriums ein solches Unternehmen existiert.«

»Nein, das bezweifle ich nicht. Aber wie kommt es, dass wir Ihnen dieses Eindringen zu verdanken haben? Denn als ein solches fühlen wir uns unter den gegebenen Umständen berechtigt, es zu bezeichnen.«

»Ich hatte nicht die Absicht einzudringen, Sir, und das habe ich auch jetzt nicht. Während wir durch die Berge ritten, stießen wir zufällig auf den Felsendurchgang, der in diese Schlucht führt, und da uns nichts hinderte, ritten wir hindurch.«

»Richtig; ich hätte eine starke Wache im Pass postieren sollen. Sie haben eine weibliche Begleiterin, wie ich sehe; nicht Ihre Frau?«

»Oh nein! Auch nicht meine Schwester. Das ist Miss Terry – eine schätzenswerte junge Dame, die in die Black Hills gekommen ist, um nach ihrem Vater zu suchen. Ihr Name ist …?«

»Redburn – Harry Redburn; und Ihrer ist, wie man mir sagte, Fearless Frank.«

»Ja, das ist der Titel, unter dem ich segle. Aber woher wissen Sie etwas über mich?«

»Der Name wurde mir von einem Partner von mir genannt. Nun gut, was die gegenwärtige Angelegenheit betrifft: Was gedenken Sie zu tun?«

»Zu tun? Nun, umkehren, nehme ich an; ich sehe nichts anderes, was man tun könnte.«

Redburn lehnte sich auf sein Gewehr und überlegte. »Gehören Sie zu dem anderen Haufen?«

»Ganz und gewiss nicht!« Franks Gesicht rötete sich fast zornig. »Gott sei Dank bin ich noch nicht ganz so tief gesunken. Kennen Sie sie? Das ist Deadwood Dick, der Prinz der Landstraße, und seine Bande von Gesetzlosen!«

»Was – ist das möglich? Dieselbe Bande, um die der Pioneer jede Woche so einen Wirbel macht?«

»Dieselbe. Der Bursche in Schwarz ist Deadwood Dick, der Anführer.«

»Hm! Er in Schwarz, Sie in Scharlachrot. Zwei kontrastierende Farben.«

»Das stimmt wohl. Daran hatte ich noch nicht gedacht. Aber es hat keine tiefere Bedeutung.«

»Vielleicht nicht. Haben Sie die geringste Ahnung, was sie hierher geführt hat?«

»Die Straßenräuber? Ich schätze, ja. Das Militär jagt sie seit zwei Tagen. Wahrscheinlich sind sie hierhergekommen, um Schutz zu suchen.«

»Mag sein; oder um zu plündern. Sagen Sie mir Ihre Entscheidung, dann werde ich sehen, was sie wollen.«

»Es gibt für mich nichts anderes zu entscheiden, als den Rückzug anzutreten.«

Redburn schüttelte entschieden den Kopf. »Sie können nicht zurückgehen!«, sagte er mit Bestimmtheit in seinem Argument. »Jedenfalls vorerst nicht. Sie hätten sonst ganz Deadwood im Handumdrehen am Hals. Ich biete Ihnen Arbeit im Schacht an, für drei Dollar am Tag. Sie können dieses Angebot annehmen oder sich in Gewahrsam begeben, bis ich es für richtig halte, Sie wieder freizulassen.«

»Und meine Begleiterin hier …?«

»Werde ich vorerst in die Obhut von Miss Anita geben, wo sie gastfreundlich behandelt wird.«

Fearless Frank zuckte zusammen, als wäre er von einem heftigen Schlag getroffen worden; sein Gesicht wurde sehr bleich, seine Augen weiteten sich, er zitterte an jedem Glied. »Anita!«, keuchte er. »Anita!«

»Ich glaube, das habe ich gesagt!« Redburn konnte die Erregung des Jünglings nicht verstehen. Er wusste, dass die Schwester von Ned Harris ein Geheimnis hatte; stand dieser Fearless Frank in irgendeiner Verbindung damit, und wenn ja, wie? »Kennen Sie sie?«

»Ihr Nachname ist …?«

»Harris – Anita Harris, vollständig. Kennen Sie sie oder wissen Sie etwas über sie?« »Ich … ich … ich kannte sie einmal!«, war die langsame Antwort. »Wo ist sie? Ich möchte sie sehen.«

Redburn nahm sich einen Moment Zeit zum Überlegen. Wäre es das Beste, ein Treffen zwischen den beiden zuzulassen, bevor er etwas Genaueres über das Geheimnis erfahren konnte? Wenn Ned Harris hier wäre, würde er einem solchen Treffen zustimmen? Nein! Etwas sagte dem jungen Bergmann, dass er es nicht tun würde; etwas warnte ihn, dass es nichts Gutes bringen würde, dem scharlachroten Jüngling ein Gespräch mit der traurigen, süßgesichtigen Anita zu erlauben.

»Sie können sie nicht sehen!«, sagte er schließlich entschieden. »Es gibt einen Grund, warum Sie beide sich nie wieder begegnen sollten, und wenn Sie in der Schlucht bleiben, wozu Sie vorerst gezwungen sind, müssen Sie mir Ihr Ehrenwort geben, dass Sie sich jener Hütte nicht nähern werden.«

Fearless Frank hatte dies erwartet; daher war er nicht überrascht. Redburn ahnte nicht, wie nahe er mit seinem Schuss der eigentlichen Wahrheit gekommen war.

»Ich verspreche es«, sagte McKenzie nach kurzem Überlegen, »bei meiner Ehre, dass ich mich der Hütte nicht nähern werde, vorausgesetzt, Sie stellen mir meine Mahlzeiten und Unterkunft anderswo zur Verfügung. Was aber, wenn Anita zu mir kommt?«

»Ich werde dafür sorgen, dass sie das nicht tut«, antwortete Redburn bestimmt. Allmählich übernahm er in der Abwesenheit von Harris selbst die volle Kontrolle über die Dinge. »Miss Terry, Sie können zu jener Hütte hinunterreiten und Anita sagen, dass ich Sie geschickt habe. Pilgrim, Sie kommen mit mir.«

»Nein; ich werde Alice begleiten, bis zu dem Punkt, wo Ihre Leute stationiert sind«, sagte Frank, und dann ritten sie den Hang hinunter, während Redburn sich dorthin wandte, wo die Straßenräuber in geschlossener Formation auf ihren Pferden saßen, mit Deadwood Dick an der Spitze.

Als der Miner näher kam und stehen blieb, ritt der Prinz der Landstraße ihm entgegen. »Nun …?«, sagte er fragend, seine Stimme tief, aber angenehm. »Ich nehme an, Sie möchten wissen, was wir in Ihrem Revier zu suchen haben, nicht wahr, Fremder?«

»Das trifft es so ziemlich, ja«, antwortete Redburn, der sofort eine Sympathie für den jungen Straßenräuber empfand, in dem er einen wahren Gentleman in der Verkleidung eines Teufels zu sehen glaubte. »Ich bin hergekommen, um zu erfahren, welches Ziel Sie mit dem Eindringen in unser kleines Tal verfolgen, falls Sie nichts dagegen haben, es mir zu sagen.«

»Natürlich nicht. Wie Sie vielleicht schon erraten haben, sind wir eine Bande von Straßenräubern, deren Aktionsfeld wir in letzter Zeit auf das Gebiet der Black Hills beschränkt haben. Ich habe die Ehre, der Anführer zu sein, und Sie haben zweifellos schon von mir gehört – Deadwood Dick, der Straßenräuber-Prinz, wie der Pioneer mich beharrlich nennt. Momentan ist es in der unmittelbaren Umgebung von Deadwood ziemlich brenzlig für uns, und wir haben diesen Ort gesucht, um einer kleinen Armee des Deadwood-Militärs zu entkommen, die uns seit einer Woche auf den Fersen ist.«

»Und weiter?«

»Nun, wir haben zufällig gesehen, wie ein Mann und eine Frau diesen Weg einschlugen, und im Glauben, dass er irgendwohin führen muss, sind wir gefolgt, und hier sind wir – außerhalb der Reichweite der Blauröcke, aber, wie ich annehme, im Weg einer Gruppe von geheimen Bergleuten. Ist es nicht so?«

»Nein, nicht unbedingt, es sei denn, Sie stellen sich uns in den Weg. Sie wünschen, vorerst hier Quartier zu beziehen?«

»Wenn es nicht gegen Ihren Wunsch ist, würden wir das gerne tun, ja.«

»Ich habe keine Einwände, vorausgesetzt, Sie stimmen zwei Punkten zu.«

»Und welche wären das, wenn ich fragen darf?«

»Diese: Dass Sie am Eingang des Durchgangs lagern und so jeden anderen Eindringling fernhalten, der kommen mag; zweitens, dass Sie Ihre Männer auf dieser Seite des Tals halten und keinen unserer Arbeiter stören.«

»Dem stimme ich bereitwillig zu. Sie sollen durch unsere Anwesenheit keine Unannehmlichkeiten haben; Sie bieten uns einen sicheren Hafen vor den verfolgenden Soldaten, und wir wiederum werden Ihnen helfen, eine Schar von Glückssuchern abzuwehren, die jeden Moment in Schwärmen hierher kommen könnten.«

»Sehr gut; dann ist das abgemacht. Halten Sie Ihr Versprechen, und alles wird gut gehen.«

Die beiden gaben sich die Hand; dann drehte Redburn sich um und schritt zurück, um seine Männer zu entlassen, während Dick und seine Leute an der Stelle Position bezogen, wo sich der Felsspalt zur Schlucht öffnete. Dort machten sie Anstalten, ihr Lager aufzuschlagen. Während Redburn zu seinen Männern zurückkehrte, hörte er einen Freudenschrei und sah zu seiner Überraschung aufblickend, dass der alte General und Alice Terry sich in einer liebevollen Umarmung hielten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert