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Felsenherz der Trapper – Teil 01.7

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 1
Die Felsenfarm

Siebentes Kapitel
Wikunas Strafe

Felsenherz und der Schwarze Panther schritten eine halbe Stunde später der niedergebrannten Farm zu.

»Ich habe die deinen bereits begraben lassen«, sagte der junge Häuptling. »Wir haben auch die Trümmer der Blockhäuser durchsucht, jedoch keine Leiche mehr gefunden. Deine Schwester ist vielleicht von den Mescaleros mitgenommen worden.«

»Dann wünschte ich, sie wäre tot«, meinte Felsenherz dumpf und bedrückt. »Wikuna, der Springende Hirsch, wird mir den Fußtritt vor den Leib nicht vergessen und seinen Rachedurst an meiner Schwester kühlen!«

Sie stiegen den Engpass zur Terrasse empor und standen dann oben vor den zerstörten Blockhütten.

»Mein Bruder Felsenherz wird dabei sein, wenn Wikuna am Marterpfahl stirbt«, erklärte Chokariga nun. »Meine Späher durchstreifen bereits die ganze Umgegend. Sie werden die Spuren der Mörder finden. Ich habe meine besten Krieger ausgeschickt.«

Nochmals durchsuchten die beiden nun die Terrasse und die verkohlten Balken. Von Anna Felsen entdeckten sie keine Spur – nichts!

Felsenherz kehrte stumm und traurig mit dem Häuptling in das Comanchenlager zurück, wo man ihm neben dem Jagdzelt des Schwarzen Panthers ein eigenes errichtet hatte. Am anderen Morgen stellten sich die ausgesandten Kundschafter wieder ein und meldeten, dass sie nirgends fremde Fährten entdeckt hätten.

Der Schwarze Panther und Felsenherz berieten, was unter diesen Umständen zu tun sei. Felsenherz meinte, die Mescaleros wären vielleicht auf einem Floß den Mazapil hinuntergefahren und hätten das Floß dann erst am Ufer des Canadian verlassen.

Der Comanche schüttelte den Kopf. »Ein Floß kann die Stromschnellen nördlich der Farm nicht passieren, mein Bruder. Vor allem müsste es, um auch die Pferde zu tragen, sehr groß gewesen sein. Ich werde nochmals Späher nach Süden über den Fluss schicken. Nur dorthin können sich die stinkenden Kröten der Apachen gewandt haben – eben dem Rio Pecos zu.«

Am Nachmittag ritt Felsenherz allein zu Helenes Grab. Nach anderthalb Stunden hatte er das liebliche Tal erreicht. Er blieb dort, bis die Sonne hinter den fernen Ausläufern der Rocky Mountains verschwunden war. Auf dem Rückweg stieß er plötzlich bei bereits halber Dunkelheit auf eine Fährte, die er nach kurzer Prüfung als die eines großen Indianertrupps erkannte, der von Norden her, vom Canadian gekommen war und die Richtung auf den Mazapil eingeschlagen hatte. Die Spur war noch ganz frisch.

Felsenherz, dessen Brauner nun wieder völlig bei Kräften war, galoppierte auf der Fährte weiter. Die Roten hatten sich stets in Tälern entlanggeschlängelt und daher weite Umwege gemacht.

Nach einer Stunde war Felsenherz nur noch etwa zwei Kilometer von dem Comanchenlager entfernt. Er durchquerte gerade ein ausgetrocknetes, sandiges Flussbett, als er weit vor sich eine dunkle Masse erblickte – Indianerpferde, die dicht gedrängt beieinanderstanden.

Er riss seinen Braunen zurück. Ein Gebüsch deckte ihn gegen Sicht. Sein Verdacht, diese Rothäute könnten Mescaleros sein, wurde nun zur Gewissheit. Die Apachen planten fraglos einen Überfall. Vorsichtig ritt er eine Strecke weit zurück und dann weiter in großem Bogen nach Westen bis an den Waldstreifen des Mazapil. Hier ließ er seinen Braunen an einer Eiche stehen und schlich zu Fuß auf die Halbinsel zu. Das Comanchenlager war ja ohne Zweifel bereits von den Mescaleros von Norden her umstellt, und er hielt es daher für ratsam, sogar der Halbinsel auszuweichen und schwimmend bis zum Nordteil des Uferwaldes vorzudringen.

Lautlos stieg er ins Wasser. Die Büchse, die ihm der Schwarze Panther von einem seiner Krieger beschafft hatte, legte er auf einen kleinen, treibenden Baumstamm, dessen Zweige gleichzeitig seinen Kopf verbargen. Die Strömung führte ihn schnell von dannen. Als er an dem südlichen Winkel zwischen Halbinsel und Ufer vorüberglitt, glaubte er im Lichtschein des soeben aufgegangenen Mondes zwischen den riesigen Felsblöcken, die jenen Uferwinkel ausfüllten, ein plumpes Boot zu erkennen, das soeben zwischen den Felsen verschwand. Er hatte jedoch keine Zeit, sich nun um diese auffällige Beobachtung zu kümmern. Er musste die Comanchen warnen. Sie waren seine Brüder geworden, und er hielt es für seine Pflicht, so schnell als möglich den Schwarzen Panther von der drohenden Gefahr zu benachrichtigen.

Als er die Halbinsel passiert hatte, drückte er den Baumstamm durch Schwimmstöße mit den Beinen dem Ufer zu. Er tat es jedoch so behutsam, dass der treibende Stamm niemandem auffallen konnte. Er musste damit rechnen, dass auch dieser Uferstreifen vielleicht schon von den Mescaleros besetzt sei. Dann fand er mit den Füßen Grund, ergriff die Büchse und watete im Schutz einiger überhängender Zweige auf festen Boden. Lauschend blieb er hier hinter einer Erle stehen.

Nichts Verdächtiges regte sich. Er schlich weiter, erreichte die Uferhöhe und sah nun durch die Bäume den roten Schein der Lagerfeuer der Comanchen in der Ferne glühen. Schritt für Schritt bewegte er sich vorwärts. Seine Vorsicht war keineswegs überflüssig gewesen. Mit einem Mal hörte er hinter einem Dornengestrüpp ein leises Klirren – so, als ob jemand aus Unachtsamkeit ein Messer auf einen Gewehrlauf hätte fallen lassen.

Wie eine Schlange schob Felsenherz sich nun durch das dichte Gras. Seine Büchse hatte er zurückgelassen. Als er nun den Kopf hob, gewahrte er deutlich den Oberkörper zweier Indianer mit rasierten Schädeln und Skalplocke, also Mescalero-Apachen. Unbemerkt gelangte er in ihren Rücken. Lautlos richtete er sich auf. Dann ein Griff mit beiden Händen – und die Köpfe der Mescaleros schlugen dumpf krachend aneinander. Noch zwei Fausthiebe, und wie tot lagen sie da.

Felsenherz holte seine Büchse, hing sie über die Schulter und schleifte die beiden Roten hinter sich her. Er wusste, dass der Weg hier nun frei war. Zehn Minuten darauf erschien er ganz überraschend an dem Lagerfeuer vor dem Zelt Chokarigas, der mit seinem Vater gerade bei der Nachtmahlzeit saß. Schnell berichtete er alles Nötige. Die beiden Mescaleros wurden gefesselt. Dann erteilte der Schwarze Panther seine Befehle.

Die Comanchen taten so, als ob sie noch immer nichts von der Anwesenheit ihrer Todfeinde wüssten. Nur auf dem Beratungsplatz wurden drei Feuer unterhalten. Das übrige Lager lag in stiller Dunkelheit. Aber in den Zelten, die um den freien Platz herumstanden, wachten die gesamten Krieger der Comanchen, die Büchsen schussfertig in den Händen. Die Posten außerhalb des Lagers wurden abgelöst. Die neuen Wachen kannten die drohende Gefahr, schlenderten nun dicht vor den äußeren Zeltreihen hin und her und gaben sich absichtlich recht sorglos.

Mitternacht war längst vorüber. Die Wachen wurden wieder abgelöst. Und auch die jetzigen Wächter spielten die Nachlässigen und Ahnungslosen, setzten sich nieder und krochen dann rasch in das Lager zurück. Felsenherz und der Schwarze Panther hockten im Eingang des Häuptlingszeltes.

»Sieht mein Bruder dort die dunklen Gestalten?«, flüsterte der Comanche. »Es sind die Späher der Mescaleros. Da – sie kehren um. Sie sind beruhigt. Sie haben sich täuschen lassen.«

Draußen an den Feuern des Beratungsplatzes saßen noch etwa zwanzig Comanchen. Der Schwarze Panther ahmte das schrille Zirpen einer großen Grille nach. Auf dieses Signal hin verschwanden auch die zwanzig von den Feuern, nachdem sie noch einen Arm trockene Reiser in die Glut geworfen und die kunstvoll hergerichteten, menschenähnlichen Puppen – mit Gras ausgestopfte Jagdanzüge, die als Kopf zusammengerollte Decken trugen – aufrecht hingesetzt hatten.

Und wieder flüsterte der Schwarze Panther: »Mein Bruder – sie kommen!«

Lautlos in einer doppelten Schlangenlinie huschten die Mescaleros durch die Zelte zu dem Beratungsplatz hin. Der Vorderste war ein riesenhafter Roter mit Adlerfedern in der Skalplocke: der Häuptling Wikuna! Er hielt in der Rechten den Tomahawk, in der Linken die Büchse. Nun schnellte er mit langen Sätzen auf die nächste Gestalt am Feuer zu – stutzte …

In demselben Augenblick fuhr der Schwarze Panther empor. Das furchtbare Kriegsgeschrei der Comanchen erscholl – Schüsse knatterten – die Mescaleros flüchteten zurück.

Aber schon tauchte vor Wikuna die Gestalt des jungen Comanchenhäuptlings auf. »Bleib stehen, elende Kröte!«, rief dieser dem Apachen zu.

Wikuna stieß ein gellendes Hohngelächter aus. Er hatte soeben den Weißen Adler erblickt, der, gestützt auf den Arm einer Indianerin, im Eingang eines nahen Zeltes erschienen war. Er stürmte dorthin, packte den Greis, stieß ihm zweimal das Messer in die Brust und schleuderte ihn dann Chokariga in die Arme, sodass dieser rücklings samt seinem Vater zu Boden sank.

Der Mescalero war schon neben dem nun Wehrlosen und holte zum tödlichen Tomahawkstreich aus – Felsenherz riss die Büchse an die Wange, drückte ab – mit wildem Schrei stürzte Wikuna quer über den blinden, zu Tode getroffenen Greis. Gleich darauf schwenkte der Schwarze Panther den Skalp des Apachen in der Luft.

Der Morgen graute. Vor seinem Zelt lag auf Fellen der Weiße Adler der Comanchen, das Gesicht der aufgehenden Sonne zugekehrt. Neben ihm saßen der Schwarze Panther und Felsenherz. Der Sterbende murmelte unzusammenhängende Worte vor sich hin. Plötzlich richtete er sich auf. Ein Zug der Verklärung lief über das faltenreiche Greisenantlitz – seine Worte wurden deutlicher: »Ich verließ Weib und Kind aus Abenteurerlust. Nur einmal schrieb ich noch den meinen nach Deutschland, als ich schon längst ein Comanche geworden war … Gustav Felsen stirbt als Rothaut – im Herzen jedoch als Deutscher! Gott wird mir gnädig sein.«

Er sank zurück. Ein letzter tiefer Atemzug, und alles war vorüber. Harry Felsen war bleich geworden. Dann nahm er Chokarigas Hand und flüsterte erschüttert: »Er war mein Vater! Und wir – wir sind Halbbrüder. Er war unser Vater – Gustav Felsen, der Verschollene!«

Am Vormittag gegen neun Uhr untersuchten der Schwarze Panther, Felsenherz und fünf andere Comanchen jene von undurchdringlichem Gestrüpp umgebenen Felsblöcke im südlichen Buchtwinkel der Halbinsel. Schwimmend gelangten sie sehr bald an den gut verborgenen Eingang einer weiten Höhle, in der sie jedoch nur noch den Mexikaner Benito auf seinem Krankenlager vorfanden. Benito berichtete sofort alles, was er über die Plünderung der Farm, an der er selbst nicht teilgenommen hatte, und über Hoblers Verbleib wusste.

Hobler hatte Wikuna schließlich doch zum Überfall auf die Farm durch das Versprechen zu bewegen gewusst, ihm die beiden weißen Mädchen zu überlassen. Bei dem Überfall hatte Helene jedoch drei Mescaleros erschossen, woraufhin ein Apache sie mit seinem Tomahawk niedergeschlagen hatte. Um den Verdacht, die Farm geplündert zu haben, auf die Comanchen abzuwälzen, ließ Hobler den Tomahawk des Schwarzen Panthers in der Schädelwunde der Toten zurück. Er war dann gleich nach dem Überfall heimlich in die Grotte zurückgekehrt, wohin er Anna Felsen mitgeschleppt hatte. Am vergangenen Abend war er mit seinem Boot, den reichen Pelzvorräten und der Gefangenen den Mazapil abwärts geflohen.

Benito entging dem Marterpfahl nur auf Bitten des jungen Trappers, der noch am selben Vormittag mit zehn der besten Comanchenkrieger die Verfolgung Hoblers aufnahm. Der Schwarze Panther wollte, sobald der Weiße Adler feierlich beigesetzt war, mit Felsenherz am Canadian an einer bestimmten Stelle wieder zusammentreffen.

Ende

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