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Mystery

Tür des Todes – Kapitel 4

John Esteven
Tür des Todes
Kapitel 4
Francis Ballion

Er stand in der Tür und betrachtete uns. Ich spürte sofort die Dominanz seiner Persönlichkeit wie ein Gewicht. Es war etwas Katzenhaftes an ihm, aber eher wie bei einem Löwen: seine arrogante Haltung, das implizite Gefühl von Macht und seine bedrohliche Wachsamkeit. Dass er wütend war, war offensichtlich, denn er trug das weiße Band der Leidenschaft auf seiner Stirn und seine Augen glühten, wenn er uns ansah. Aber ansonsten waren seine Bewegungen bedächtig. Es war die Ruhe einer langsam brennenden Zündschnur. Ohne den Blick abzuwenden, zog er ein Etui aus der Tasche, zündete sich eine Zigarette an und atmete langsam aus. Doch jede seiner Gesten strahlte Verachtung aus. Und als er endlich sprach, klang die Tiefe und Höflichkeit seiner Stimme giftig.

»Meine Herren! Sie haben mir gegenüber den Vorteil des Namens. Vielleicht kann mir der eine oder andere von Ihnen sagen, ob Weiterlesen

Mörder und Gespenster – Band 1 – 19. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 9

Franz erwachte gewöhnlich sehr früh, ganz wie es die Schäfer tun, die mit der Sonne aufzustehen oder ihr gar zuvorzukommen pflegen. Die schauerlichen Begebenheiten der vergangenen Nacht lagen wie ein Traum hinter ihm und sein Herz fühlte sich wunderbar erleichtert. Welche Macht diese Ruhe über ihn gebracht hatte, kümmerte ihn nicht sehr.

Er sprang auf und sah nach dem Alten, der mit klaren Augen dalag, ohne ihn zu fragen, wo er die Nacht verbracht hatte. Auch dies fiel Franz nicht auf, da er wusste, dass der Alte manchmal Gedächtnislücken hatte und oft nicht imstande war, einen Gedanken festzuhalten.

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Tür des Todes – Kapitel 3

John Esteven
Tür des Todes
Kapitel 3
Eine Aussage

Francis Ballion: Was für ein Mensch er war, wo er in dieser letzten Oktobernacht gewesen war – das war nun die entscheidende Frage. Für Norse und mich war er, abgesehen von seinem Porträt unten, immer noch nur ein Name. Meiner Meinung nach konnten wir nichts anderes tun, als auf seine Ankunft zu warten.

In dieser Hinsicht war Norse jedoch anderer Meinung.

»Ich weiß nicht, wann er hier sein wird«, bemerkte der Detektiv, »aber ich hoffe, eher später als früher, denn das verschafft uns Zeit.«

»Wofür?«, fragte ich.

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Mörder und Gespenster – Band 1 – 18. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 8

In der Zwischenzeit hatte der alte Jüdel große Mühe, seine Leute auf die Beine zu bringen. Zuerst weckte er seine Familie auf: Männer, Frauen und Kinder. Sein Sohn war groß und kräftig gewachsen, hatte einen schwarzen, gekräuselten Bart und ein blasses Gesicht. Er war keiner von denen, die einer Waffentat aus dem Weg gehen oder vor einer Gefahr zurückschrecken. Auf seinen Reisen nach Wilna, Grodno, Warschau oder noch weiter nach Lemberg oder Krakau galt es, viele meilenlange Wälder zu durchziehen, in denen Gefahren aller Art lauerten. Mit diesem nicht geringen Grad eines rühmlichen Mutes verband er die nötige Gegenwart des Geistes, ohne die jener zu nichts nützt. Der scharfe Überblick, die Fertigkeit im Kombinieren, die gewöhnlich den Begabteren seines Volkes innewohnt, hatten bei ihm, dem im Handel und Wandel Geübten, eine bedeutende Ausbildung erfahren.

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Der mysteriöse Doktor Cornelius – Band 1 – Episode 6 – Kapitel 6

Gustave Le Rouge
Der mysteriöse Doktor Cornelius
La Maison du Livre, Paris, 1912 – 1913
Sechste Episode
Die Ritter des Chloroform

Sechstes Kapitel
Gentlemen des Chloroforms

Seit der Ankunft von Andrée de Maubreuil, Frédérique und den Verlobten der jungen Mädchen in New York war Oscar Tournesols Herz voller Freude. Schon lange hatte sich der Bucklige nicht mehr so glücklich gefühlt. Er war wieder mit denen vereint, die seine wahre Familie darstellten – oder besser: seine einzige –, und er war fest davon überzeugt, dass Monsieur Bondonnat bald gefunden und befreit werden würde.

An diesem Abend hatten sich Andrée und Frédérique früh zurückgezogen, da sie sich noch nicht von den Strapazen der langen Reise Weiterlesen