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Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten – Teil 4

Zehn Geschichten aus Meister Hämmerlings Leben und Denkwürdigkeiten

Memoiren eines Scharfrichters aus den Zeiten des Mittelalters
Herausgegeben von Wilhelm von Chézy

Dudel-Gunz

Wo der Schlossberg steil zum Ufer des Stroms abfällt, steht im Schatten uralter Nussbäume unterhalb der Brücke ein dunkles Häuschen, das sich rückwärts an das starke Gemäuer eines ehemaligen Wachtturms lehnt. Dessen Gewölbe und Räume dienen als Keller, Vorratskammern und Speicher. Das Häuschen trägt als Zeichen eine Distel, ist dem Grafen zinsbar, obwohl es im Burgrecht der Stadt liegt, und eine von den Scholaren vielfach besuchte Schenkwirtschaft. An hellen Sommerabenden sitzen sie dort in Schwärmen unter den Bäumen, lagern im Gras, zechen und singen ihre fröhlichen Lieder, bis sie sich schließlich, wie es später geschah, nach dem Läuten der Lumpenglocke auf den Heimweg machen. Zuvor wurde die Brücke gesperrt und neben der großen Hauptpforte auch das Schiffertörlein geschlossen. Letzteres ließ bis zu den Tagen des großen Scholarauflaufs, von welchem später noch die Rede sein wird, nur bei ganz außerordentlichen Anlässen sein Fallgatter nieder und klappte seine Flügel zu, sodass bis dahin zu allen Stunden des Tages und der Nacht ein Weg von der Stadt über die Brücke frei blieb. Dieser Weg war nur für Ortsunkundige und nicht leicht zu finden.

Zu jener Zeit, als ich ein Knabe war, hauste in der Distel ein wunderliches altes Ehepaar. Sie waren kinderlos, karg und, wie es hieß, reich an Geld und Geldeswert. Vater Fink, den die Scholaren Distelfink zu nennen pflegten, und Mutter Blutrude gingen stets in abgeschossenen und höchst ärmlichen Gewändern einher. Sie gönnten sich keinen guten Bissen und wiesen jedem die Tür, der auch nur andeutungsweise an ihre finanzielle Situation anspielte. Auch hüteten sich die Gäste, die Alten zu necken und zu ärgern, denn Blutrude stand in dem Ruf, geheimer Wissenschaften kundig zu sein. Das kam daher, dass ein lockerer Junggeselle sie oftmals in Zorn zu hetzen pflegte, plötzlich siech geworden und dahingewelkt war, als hätte ihm jemand einen Atzmann in den Hafen gesetzt.

Doch konnten sie nicht verhindern, dass die Leute heimlich von verborgenen Schätzen munkelten und mancher Lotterbube Mittel und Wege suchte, die gefangenen Goldgulden aus dem Kerker zu befreien und unter die Menschen zu bringen. Ein solcher war auch Guntram von Ulm, ein Student, der sonst Dudel-Gunz genannt wurde, weil er statt zu den Füßen des Meisters zu sitzen und zu lernen, gewöhnlich mit dem Dudelsack umhertrieb, den Bauern zum Tanz aufspielte und seine schnarrende Musik vor den Türen der Schenken hören ließ. Sobald er ein paar Pfennige in der Tasche hatte, nahm er sein Quartier in der Distel, ließ es sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend gut gehen, bis das Geld ausgegeben war. Dabei benutzte er seine Zeit so gut es ging, um die Gegend zu erkunden. Er half den Alten die Krüge und Kannen in den Keller tragen und schleppte das Getränk in den Fässchen hinab oder herauf, ohne je dafür entlohnt zu werden. Das gefiel dem Distelfink und seiner Trude. Da der dienstfertige Scholar zudem die alte Schwabenkunst besaß, zu allem, was er hörte und sah, ein tölpisches Gesicht zu schneiden und sich wie ein ehrlicher Grobian zu gebärden, galt er vollends seinen Batzen und wurde wie ein ungefährliches Haustier angesehen, auf das niemand sonderlich mehr achtete. So wurde schließlich nur noch dann von Gunz gesprochen, wenn er sich einen Tag lang nicht sehen ließ, weil er auf einem seiner Streifzüge abwesend war.

Als er bis dahin gediehen war und sich insbesondere gemerkt hatte, welche Winkel und Zugänge die Alten am sorgfältigsten zu hüten schienen, sah er eines Abends seine Gelegenheit. Er schlüpfte durch die nur einen Augenblick offen gelassene Speichertür, deren Schlüssel Fink niemals aus den Händen ließ. Leise wie eine behände Katze schlich er die steile Seitentreppe hinauf in den oberen Raum des Turmes, wo er nach den verborgenen Schätzen der Alten zu suchen im Sinn hatte. Sobald er sie gefunden hatte, wollte er in später Mitternacht hinabsteigen, die Tür mit einem Fußtritt aus Schloss, Riegel und Angeln sprengen und mit Gewalt aus dem Haus brechen, um seine Beute in Sicherheit zu bringen. Dabei würden ihn weder die hinfälligen Wirtsleute noch die schwache, kaum zehnjährige Schenkdirne aufhalten hätte können. Das hatte sich der Dudel-Gunz schon im Voraus hinlänglich überlegt. Nachdem er nach langen Mühen endlich in das Heiligtum des Hauses eingedrungen war, ging es nur noch darum, das verborgene Gut zu finden. Doch auch hierbei lächelte ihm das Glück, denn kaum warf der Mond seinen Schein durch die schmale Dachluke, fiel das spähende Auge des Diebes auf einen kleinen Eisenring, der grell beleuchtet aus einem Haufen alter Lumpen hervorlugte. Mit hastigen Bewegungen räumte Gunz das Zeug ein wenig zur Seite, schob, rückte und zog an dem Ring, bis er das Brett ausheben konnte. Im Licht des nächtlichen Gestirns lag vor seinen erstaunten Blicken ein Haufen edlen Metalls: alte Sonnenkronen, Schildtaler und Silberlinge. Er riss die Augen weit auf, seine Fingerspitzen streckten sich verlangend nach dem Reichtum aus. Gerade wollte er beginnen, sich der Beute zu bemächtigen, als er unter sich einen Schlüssel im Schloss rasseln, eine Tür knarren und sich wieder schließen hörte. Da legte er das Brett schnell und leise wieder über den Schatz, schob die Lumpen an ihren alten Ort und hatte sich bereits im tiefsten Schatten hinter einer Truhe verborgen, als der Fink und sein Weib die obersten Sprossen der Treppe erreichten.

Er drückte sich ganz an die Dachsparren, hielt den Atem und die Seufzer zurück, die sich aus seiner schwer gepressten Brust zu entringen drohten, und packte sein Messer mit krampfhaftem Griff fest. Er war entschlossen, allen beiden die Gurgel zu durchtrennen, sollten sie ihn entdecken oder sich ihm nähern, um das Geld zu nehmen. Jene aber hatten keine Ahnung von der Gefahr, die ihnen drohte. Sie kauerten sich zusammen, ließen das Silber durch ihre dürren Hände klirren und klingen, zählten die einzelnen Münzarten und die Gesamtsumme zwei- und dreimal nach.

Und endlich sagte der Mann: »Alles richtig, Alte.«

»Alles wohl, Alter«, versetzte das Weib heiser lachend. »Die weißen Vögelein haben keine Flügel mehr.«

Sollen sie schon bekommen, dachte der Lauscher, während Fink nach kurzem Besinnen wiederum sagte: »Was meinst du, Alte, wenn wir sie in den Keller unter den Sand scharrten?«

»Meinst du?«, entgegnete sie bedenklich.

»Wenn unten Feuer ausbricht, so verschmelzen sie da oben. Im Keller können sie höchstens verschüttet werden.«

»Du könntest recht haben«, sagte sie. Doch beide zauderten, Hand anzulegen, und lauschten ängstlich, als vernähmen sie den Flügelschlag des Todesengels, der in diesem Augenblick mit ausgebreiteten Schwingen über ihrem Leben schwebte wie der Falke über der Lerche.

»Halt«, sagte endlich Blutrude. »Mir fällt etwas auf das Herz. Diese alten Mauern und Gewölbe frisst kein Brand, wohl aber könnte des Lauschers Auge zum Keller dringen.«

»Das ist wahr«, bestätigte Fink, »auch kommen die Dirnen und der Gunz öfter hinunter. Wir wollen lieber die Füchslein auch heraufschleppen. Wollen wir all unsere Eier in einen Sack stecken, Alte?«

»Ja, Alter. Was nützen uns die paar Taler, wenn unsere hundert Goldgulden verloren wären?«

»Was doch das Geld für Sorgen macht.«

»Jawohl, Weib. Wir waren früher viel glücklicher und haben besser geschlafen. Wollen wir morgen Nacht die Goldstücke heraufholen?«

»Es geschehe, wie du gesagt hast.«

Die beiden Gespenster schlichen wieder auf leisen Sohlen hinab und der Scholar blieb Herr und Meister, sich des Geldes zu bemächtigen. Aber er tat es nicht, denn so groß ihm der hier aufgehäufte Reichtum eben noch vorgekommen war, so schien er ihm nun nur noch ein elendes Häuflein. All sein Sinnen und Trachten stand nach dem Gold, das aus dem Kellergewölbe heraufkommen sollte.

Er saß zusammengekauert wie ein Häuflein Unglück, starrte auf einen Fleck und dachte nur an die ungarischen Dukaten. Er spürte weder Hunger, Durst noch Schlaf und auch nicht die Langsamkeit der mit bleiernem Fuß dahinschleichenden Stunden, bis die Nacht wieder kam und die Sinne des Lauschers weckte. Er horchte auf jedes Geräusch, vernahm den Fußtritt des Männleins, das über den Boden schlich, und das Nagen der Ratte, die mit geschäftigem Zahn das Holzwerk abraspelte. Aber was er so sehnlich begehrte, kam ihm nicht vor Augen und Ohren. Der helle Morgen schien nochmals durch die Dachluke, ohne dass der Fink das Gold gebracht hätte. Da wand sich Gauz in bitteren Nöten. Der Durst schnürte ihm die Kehle zu, der Hunger nagte an ihm wie eine Ratte am Getäfel. Als er zu schlummern versuchte, wollten sich seine entzündeten, geschwollenen Augen nicht schließen. Schon dachte er daran, sein Versteck zu verlassen. Doch als er die Treppe erreichte, ergriff ihn erneut mit unwiderstehlicher Gewalt die heiße Begierde nach dem Gold. Er taumelte in den Winkel zurück, schnallte den Gürtel um seinen Leib immer fester, um den begehrlichen Magen zu beschwichtigen. Er krallte die Hände ineinander und vor seinen wirren Blicken webte ein Goldregen, wie ein Mückenschwarm im Sonnenschein. Schließlich verfiel er in eine Art dumpfer Betäubung. Nach vielen Stunden erwachte er wieder, ohne zu wissen, ob es Morgen oder Abend war, und war überhaupt nicht mehr fähig, etwas wahrzunehmen. Mit wahnsinniger Gier raffte er das Geld aus dem Versteck zusammen, füllte es in sein Barett, stürzte die steile Stiege hinab, sprengte mit kräftigem Fußtritt die Tür auf, packte unten den Wirt, der inmitten von dem Lärm ins Haus gelockten Gäste stand, bei der Kehle und schrie mit schrillender Stimme: »Dein Gold, alter Sünder! Hol das Gold aus dem Keller, das du mir versprochen hast!« Er hörte nicht auf, dies zu verlangen, während die Anwesenden ihn niederrissen und banden. Die Silberstücke rollten aus dem Barett auf den Boden, und Blutrude warf sich mit gieriger Hast darauf, ohne ihres halb erwürgten Mannes oder der namenlosen Verwirrung zu achten. Sie schrie Zeter, als einer der Gäste nur Miene machte, die Münzen anzurühren. Sobald der alte Fink aber wieder zu Atem gekommen war, trieb er alle Anwesenden aus dem Haus und half dem Weib, die Taler aufzulesen, während einige starke Männer den rasenden Scholar, der fort und fort nach dem Gold schrie, zur Stadt schleppten. Er hatte vor Hunger und Goldgier den Verstand verloren.

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