Mörder und Gespenster – Band 1 – 15. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels
Kapitel 5
Nachdem der Schäfer seinen alten Onkel zu Bett gebracht und zugedeckt hatte, ging er wieder in das Nebenzimmer, um alles in Ordnung zu bringen, damit der Kanonikus am nächsten Morgen keinen Grund zum Schelten haben würde. Er konnte nicht schlafen, obwohl er nach dem Weggang seiner beiden Begleiter lange geschlafen hatte. War es die seltsame Aufregung, in die ihn der Vorfall mit dem Kanonikus versetzt hatte? Er kleidete sich nicht aus, öffnete ein Fenster und blickte hinunter auf den Platz vor der Domkirche, an dem das Haus des Kanonikus lag.
Auf dem Platz war alles still und ruhig. Die Türen und Fenster der Häuser waren geschlossen und nur das Knarren der Wetterfahnen war zu hören. Diese Ruhe wirkte bald auf das Gemüt des Schäfers ein. Sein Blick erhellte sich im Dunkeln gleichsam, und er sah manches wie in weiter Ferne schimmern, was die Zukunft noch verbarg. Der alte Volksglaube schreibt den Schäfern bekanntlich die Gabe des Ahnens und Voraussehens zu, und es gibt viele Beispiele, die uns nötigen, dem alten Glauben wenigstens nicht offen entgegenzutreten.
Näherkommende Schritte störten schließlich seine Betrachtungen. Seine Aufmerksamkeit wurde plötzlich von diesen ab und einer anderen Seite zugewendet.
Er blickte schärfer, als er um eine Ecke des Platzes zwei Männergestalten kommen sah, die ihm bekannt schienen. Als sie sich aus dem Schatten lösten, blieb ihm weder der Höcker des einen noch die Magerkeit des anderen verborgen, und er wusste nun genau, wer sie waren. Betroffen zog er sich zurück, um nicht von ihnen bemerkt zu werden, doch blieb er so stehen, dass er sie belauschen konnte. Es schien ihm kein Zweifel, von wo sie kamen, denn seine beiden stolzen Vettern, die ihn gerade für nichts betrachteten, hatten oft in seiner Gegenwart von ihren geheimen Abenteuern gesprochen, und so wusste er denn auch, dass sie beide ihre Liebchen hatten: der eine die Frau eines tüchtigen Goldschmieds, der andere ein vornehmes Fräulein, das seine Gunst nach Laune verschenkte.
Sie gingen beide unter dem nahe gelegenen Säulenportal der Kirche auf und ab. Da sie keinen Lauscher befürchteten, sprachen sie mit lauter Stimme.
»Was denkst du nun aber mit Franz anzufangen?«, sagte Storchbein zu Krummbuckel.
»Was ich denke? Was ich denke?«, brummte dieser, während er sich den Schnurrbart strich. »Bei meinen Wonzen! (bekanntlich nennen Polen und Litauer so ihren Schnurrbart). »Bei meinen Wonzen! Ich will ihm den Kopf vor die Füße legen und er mag dann sehen, wie er ihn sich wieder aufsetzt.«
»Nichts da«, fiel ihm Storchbein ins Wort, »deine Art ist zu bekannt, man würde gleich sagen: Das war der Arm des tapferen Kapitän Sembrowski. Darum höre meinen Plan. Wir laden ihn zu einem guten Mahl ein. Nachdem wir ihm ordentlich zugesprochen haben, stellen wir uns betrunken und vollführen allerlei lustige Streiche mit ihm. Dann wollen wir auch das Spiel an die Reihe bringen, das in Warschau bei Hofe jetzt Mode ist. Man steigt in einen Sack, und dann gilt es, wer schneller als der andere laufen kann. Haben wir ihn dann einmal gutwillig im Sack, so binden wir ihn zu und werfen ihn in die Narew. Hier mag er sehen, wie er schwimmen kann.«
»Dieser Plan will reiflich überlegt sein«, brummte der Kapitän vor sich hin.
»Oh, er ist reif und wohl überlegt«, versetzte der Advokat. »Ist der Vetter erst einmal beim Teufel, gehört die ganze Erbschaft uns beiden, das ist doch klar.«
»Was mich betrifft«, sprach daraufhin der Raufbold, »so bin ich jedenfalls dabei und dir in allem zu Diensten. Allein nötig ist es jedenfalls«, fügte er mit schielendem, misstrauischem Blick hinzu, »dass wir fortan unzertrennlich beieinander bleiben, gleich zwei Beinen desselben Körpers. Denn wenn du fein bist wie Seide, so bin ich hart wie Stahl: List und Kraft! Eine Klinge ist doch wohl noch so viel wert als eine Falle. Das merke dir, Herr Bruder.«
»Nun ja!«, sprach der Advokat mit verständigem Lächeln. »Die Sache ist unter uns abgemacht und es kommt nur darauf an, ob er sich in der Falle fängt oder das Schwert ihn trifft.«
»Beim heiligen Leib Gottes! Das Ganze ist es nicht wert, viele Worte darum zu verlieren. Wer ist denn der Bursche? Wollen wir etwa ein gesalbtes oder geweihtes Haupt aus der Welt schaffen? Was soll’s, ob ein solcher Rüpel von Schläger mehr oder weniger in der Welt herumläuft? Also höre mich, Bruder von der Feder! Es gibt zwanzigtausend Zloty aus der Erbschaft für denjenigen, der ihn aus dem Weg räumt. Gelingt es mir, so will ich ihm zurufen: Setz dir den Kopf wieder auf.«
»Ich aber will ihm zurufen: Schwimm zu, guter Freund!«, rief der Advokat und lachte dabei so sehr, dass eine Fledermaus bequem in seinen geöffneten Mund hätte hineinfliegen können.
Hierauf schüttelten sich die beiden Ehrenmänner zum Abschied die Hände, und der eine ostwärts, der andere westwärts gehend, verließen sie den Platz.
Wie erstaunt war der arme Franz aber, als er plötzlich sein Todesurteil hörte!
»O, die Bösewichter«, sagte er leise vor sich hin. »Da gehen sie nun beide vor der Kirche spazieren in der stillen Nacht, wo alles so heilig ist, und sprechen ihre blutigen Gedanken aus, als beteten sie zu Gott mit fester, erhobener Stimme.«
Er war so ergriffen und verwirrt, dass er nicht wusste, ob die Worte zu ihm hinaufgestiegen oder seine Ohren zu den beiden Sprechenden hinabgestiegen waren.
Der alte Kanonikus regte sich im Bett, hustete und sprach einige unverständliche Worte.
»Haben Sie vielleicht auch etwas gehört, Herr Oheim?«, fragte Franz und wandte sich dem Alten zu.
»Ja, ja«, sprach der Alte, »ich höre das Holz im Feuer knistern.«
Franz eilte zum Kamin, warf frisches Reisig hinein, sodass die Flamme lustig emporschoss. Nachdem er das Fenster geschlossen hatte, legte er sich auf eine wollene Decke zu den Füßen des Bettes, in dem der Alte schlief. Dies war sein gewöhnliches Lager. Ein Hund in einem vornehmen Haus schläft gewöhnlich besser, aber ein polnischer Diener ist eben nichts anderes gewöhnt.
Dass Franz nicht schlafen konnte, muss nicht extra erwähnt werden, denn seine Gedanken an die Gefahr, die ihn bedrohte, sowie seine Pläne, ihr zu begegnen, beschäftigten ihn zu sehr.
Am folgenden Morgen, als er seinem Oheim im Bett den Kräutertee reichte, war er noch unentschlossen, ob er ihm das Gehörte mitteilen sollte oder nicht. Der Alte war grämlicher als gewöhnlich, und Franz zögerte aus Furcht, ihn zu erbittern, wenn er ihm von den beiden Bediensteten so Schlimmes berichten würde. So verging der Tag und Franz fasste nicht den Mut, sein Herz zu erleichtern. Nachmittags hatte er eine Botschaft zu besorgen und kam erst im Zwielicht nach Hause. Er fand den Alten auf seinem gewohnten Platz am Kamin, der ihm freundlich zurief, er möge Feuer machen.
Franz, der schon aus dem kräftigen Ton vernahm, dass der Kanonikus wieder einmal in einer guten Stimmung war, eilte dem Befehl nachzukommen. Nachdem das Feuer loderte und die Kerzen brannten, sah er denn auch bald, dass er sich nicht getäuscht hatte. Der Onkel war gesprächig wie selten, doch Franz konnte sich dennoch nicht entschließen, sein Geheimnis zu offenbaren, da er fürchtete, die gute Laune des Onkels dadurch zu verscheuchen. So oft er auch anfangen wollte, so oft erstickte ihm das Wort auf der Zunge.
Ei, dachte er bei sich selbst, ich verwalte, so gut ich kann, wozu braucht er’s denn zu wissen? Ich helfe mir schon aus meinen Nöten selbst. Und hätte mich der Himmel durch ihre Schurkenhände untergehen lassen wollen, so hätte er mich sie nicht haben belauschen lassen.
Obwohl er kein lautes Wort gesprochen hatte, war er doch, als ob der Kanonikus alles verstanden hätte, so zufrieden lächelte er und so zustimmend schüttelte er den alten Kopf.
Franz hatte dies kaum bemerkt, als er sich ihm vertraulich näherte und mit Bezug auf ihre früheren Gespräche ihm die folgenden herzlichen Worte sagte: »Wenn ich auch nicht an den Teufel glaube, Herr Kanonikus, so glaube ich doch an St. Franziskus, meinen heiligen Schutzpatron, und ihm folge ich, wohin er mich ruft …«
»Tue das, mein Sohn, aber sei auf deiner Hut«, entgegnete der Kanonikus. »Nicht bloß die Spitzbuben von Handwerk sind zu fürchten, sondern es gibt Gefährlichere. Ich glaube, einen Säbel klirren und Wasser fließen zu hören. Gib Acht, mein Sohn, dass du nicht nass wirst und nicht den Kopf verlierst.«
Diese Worte machten den Schäfer stutzig. Wusste der Alte nicht schon alles, ohne dass er es ihm gesagt hatte? Die Hochachtung vor dem heiligen Mann wich Verwunderung. Er wäre gern vor ihm niedergesunken, begnügte sich aber vorläufig damit, ihn genau anzusehen. In seinem Blick konzentrierte sich all seine Liebe und Verehrung.
Da saß der Alte, ein fast hundertjähriger Greis, ganz und gar nicht zusammengekrümmt, mit heiterer Miene und lebhaftem Auge. Als Franz seine Blicke nun auf die Füße seines Oheims lenkte, fand er sie sonderbar gekrümmt und bemerkte, dass sie nicht ordentlich in die Pantoffeln passten. Er dachte, dass dem alten Oheim die Nägel bedeutend gewachsen sein mussten, und nahm sich vor, sie ihm am nächsten Tag zu beschneiden. Dieser aber, der fast alle Gedanken seines Dieners zu erraten schien, reichte ihm freundlich die Hand zum Kuss hin und sagte: »So gehe doch, mein Sohn, aber sei vorsichtig, das rate ich dir.«
Da fiel dem Schäfer wieder ein, welche Gefahr ihm drohte und dass er sie von sich abwenden müsse. Bei sich überlegte er, dass er nach getaner Arbeit ja noch Zeit genug haben würde, den alten Kanonikus zu bewundern und ihm die Nägel an den Füßen zu putzen. So machte er sich flugs auf den Weg und war guter Dinge, als ginge er zum Tanzen oder zu einer anderen Vergnüglichkeit.
Was ihm zugutekam, war, dass seine beiden Vettern bei ihren Gesprächen niemals die kleinste Notiz von ihm genommen hatten und ihm somit ihre geheimsten Gedanken sowie ihre nächtlichen Gänge und Abenteuer bekannt waren. So erinnerte er sich, dass der Advokat an manchen Abenden, um den Kanonikus, der sich gerade in guter Laune befand, zu unterhalten, erzählt hatte, wie er die Frau des Goldschmieds bezirzte und ihrem Mann im Feuer vergoldete Hörner aufsetzte, wie jener sie mit aller Kunst nicht zu machen imstande war. Nach seiner Erzählung war das hübsche Weibchen wie ein Schneckchen rund und fett und in kritischen Fällen gar nicht scheu. Sie ließ sich noch eine Umarmung gefallen, wenn ihr Mann schon die Treppe hinaufstieg, und war nie verlegen, wenn es galt, ihm eine Nase zu drehen. Dabei war ihr Aussehen so züchtig und sittsam, als trübte sie kein Wasser, und sie tat auch ihrem Gatten in allem Genüge, der sie unendlich liebte. Sie war fein wie der Duft von Reseda, und seit den fünf Jahren, in denen sie verheiratet war, wusste sie ihr Treiben so schön vor der Welt zu verbergen, dass sie überall für die Ehrbarste galt. Neben dem Vertrauen ihres Mannes, dem Goldschmied, hatte sie auch die Schlüssel des Hauses und der Geldkasse, kurz: alles.
Wenn dann der alte Onkel in einer guten Stimmung war, pflegte er zu lächeln und mit sichtbarer Lüsternheit zu fragen: »Wie oft, mein Söhnchen, besucht Ihr Euer Schätzchen?«
»Jeden Abend«, war die Antwort.
»Wie macht Ihr es denn aber, wenn Euch der Goldschmied überrascht?«, fragte der Alte dann wieder, als würde er sich dabei wohlgefällig seiner eigenen Jugend erinnern.
»Das will ich Ihnen sagen«, erwiderte der Neffe. »In der Nebenkammer steht ein großer Schrank, in dem ich mich verberge. Kommt der Goldschmied dann von seinem Gevatter, dem Pfefferkuchenbäcker, nach Hause, zu dem er die Frau besucht hat, in gleicher Absicht wie ich seine, so stellt sich meine Geliebte krank und lässt ihn allein zu Bette gehen. Sie aber geht zum Schrank, um etwas zu suchen, das ihr das Übel nehmen könne, denn dort hat sie ihre kleine Hausapotheke, wie sie sagt. An anderen Tagen, wenn mein Goldschmied in der Werkstatt ist, mache ich mich aus dem Staub. Da das Haus zwei Ausgänge hat – einen nach der Brücke und einen nach der Straße – wähle ich natürlich den, wo der Mann nicht ist. Wenn er mich zufällig sieht, spreche ich mit ihm über seine Prozesse, die ich alle so trefflich führe, dass sie so bald nicht enden sollen. Er liebt mich sehr, wie eigentlich jeder Hahnrei denjenigen lieben soll, der ihm dabei hilft, seinen Garten zu bebauen. Er ist gern um mich und unternimmt ohne mich zu fragen nichts.«
Solche Geständnisse hatte der gute Schäfer nun oft angehört. Sie flößten ihm bei seinem natürlichen Sinn und seiner wackeren Gemütsart eine rechte Abneigung gegen seine Vettern ein.
Wie ist es möglich, dachte er, dass Menschen das göttliche Gebot so überschreiten können? Ist es nicht deutlich ausgesprochen: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib? Und gibt es denn nicht genug Mädchen in der Welt, dass sich jeder eines aussuchen kann, das ihm gefällt, ohne sein Gewissen mit so Unerlaubtem zu belasten?
Jetzt kamen ihm all diese Dinge wieder in das Gedächtnis. Die Gefahr, in der er sich befand, schien ihn wunderbar erleuchtet zu haben. Von dem natürlichen Gefühl der Selbsterhaltung geleitet, das sogar in dem unvernünftigsten Tier lebt, ging er geradewegs fort, um eine schnelle Entscheidung herbeizuführen und diese dann mit List oder Gewalt zu seinem Vorteil zu lenken.
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