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Mörder und Gespenster – Band 1 – 16. Teil

August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Der Erbe des Teufels

Kapitel 6

Er hatte die Gasse, in der der Pfefferküchler wohnte, bald erreicht. Der Goldschmied saß hier bei seiner lieben Gevatterin im Erdgeschoss neben dem Laden, das wusste er. Das kleine Stäbchen war mit Absicht gewählt worden, um jeden Verdacht der Sträflichkeit dieses Beisammenseins von dem Mann zu entfernen.

Der Schäfer horchte an der Tür, blickte durch den Laden und klopfte ziemlich heftig an, nachdem er Licht gesehen und Stimmen vernommen hatte. Die Störung erschreckte das Pärchen nicht wenig. Schließlich fasste sich die Frau, öffnete ein kleines Gitterfenster und fragte, was sein Begehren sei.

Als sie die unbekannte Stimme hörte und so viel sie in der Dunkelheit erkennen konnte, den ihr gänzlich fremden Menschen erblickte, machte sie die Haustür auf, um ihn einzulassen. Franz, der einen schönen Mantel aus dem Kleidervorrat seines Oheims umgeworfen hatte, sah stattlich genug aus, um für einen Boten des höchsten Gerichts gelten zu können, für den er sich ausgab. Unter diesem Vorwand bat er den Goldschmied, vom Tisch aufzustehen, wo er es sich gerade recht gemütlich gemacht hatte, und führte ihn in eine Ecke, um heimlich mit ihm zu sprechen.

»Würdet Ihr nicht, lieber Meister«, begann er, um sogleich das Problem beim Schopf zu packen, »einen schlechten Kerl von Nachbar, der sich unterfängt, Euch ein Gebüsch auf die Stirn pflanzen zu wollen, gehörig zurechtweisen?«

»Wer seid Ihr«, fragte der Goldschmied ganz verdutzt, »der Ihr Euch unterfangt, meinem rechtlichen Weib so etwas nachzusagen?«

»Sagt mir vorerst«, drängte nun noch einmal unser Schäfer den Goldschmied, »was würdet Ihr tun, wenn man Euch den Burschen an Händen und Füßen gebunden überliefern würde?«

Der Goldschmied wurde durch dieses zuversichtliche Drängen denn doch ziemlich in die Enge getrieben.

»Ich würde … ich würde …«, stotterte er.

»Gebt Ihr mir Euer Wort, dass Ihr ihn ins Wasser werfen lassen würdet?«, fragte Franz schnell.

»Zumindest«, rief der Goldschmied und wurde dabei rot vor Zorn. »Ja, ich würde ihn ins Wasser werfen lassen. Aber wer es sich erlaubte, mich mit einem unbegründeten Verdacht zu ärgern oder mich gar zu verspotten, dürfte gewiss überzeugt sein, kein gesundes Glied davonzutragen.«

»Schon gut, schon gut, mein lieber Herr«, sprach Franz besänftigend. »Ich bin Ihr Freund schon lange, ohne dass Sie mich kennen; drum hören Sie mich an. So oft ihr hierherkommt, um euch die Pfefferkuchen eures Geratters gut schmecken zu lassen, ebenso oft schleicht der Advokat Storchbein zu eurem Weib. Wenn Ihr mir jetzt folgt, wette ich mit Euch, dass Ihr in Eurer Schmiede wackeres Feuer finden werdet. Das tut aber nichts; hört mich weiter! Bei eurem Erscheinen wird euer Stellvertreter sich wie gewöhnlich in den großen Schrank flüchten, in dem eure Frau neben vielen anderen Dingen auch ihre Hausapotheke verwahrt. Nun müsst ihr aber sagen, dass ihr im Weinhaus, das ihr besucht, einen Fremden angetroffen habt, der euch den Schrank abgekauft hat und der mit einem Karren auf der Brücke hinter eurem Haus hält, um ihn aufzuladen.«

Der Goldschmied warf einen flüchtigen Blick auf den Boten und sagte kein Wort – denn was hätte er darauf noch erwidern können? Er nahm Hut und Stock, sagte seiner Freundin Lebewohl, die ganz erstaunt über den schnellen Aufbruch war, da sie die Sache ziemlich leise verhandelt hatten. Er rannte wie eine Ratte, die Arsenik im Leib hat, zu seinem Loch.

Bald stand er vor seinem Haus, klopfte, es wurde ihm geöffnet, er trat ein und stürzte die Treppe hinauf. Auf dem noch gedeckten Tisch bemerkte er, dass zwei Personen gegessen hatten. Zugleich vernahm er, wie man den Schrank im Nebenzimmer zuschloss. Gleichzeitig trat seine Frau in das Zimmer.

»Du hast ja für zwei gedeckt, mein Kind«, fragte der Goldschmied mit unterdrücktem Grimm.

»Nun ja, lieber Mann, weil ich dich erwartete. Sind wir nicht zwei?«

»Nein«, entgegnete er barsch, »wir sind drei.«

»Vielleicht kommt dein Gevatter ja noch so spät nach«, hinterfragte sie mit vollkommen unschuldigem Ton, während sie das Licht ergriff, um die Treppe hinabzuleuchten.

»Nun ja, ich spreche von dem Gevatter, aber nicht von dem, der da kommen soll, sondern von dem, der schon da ist – dem im Schrank drinnen.«

»In welchem Schrank?«, fragte sie, durchaus keine Verlegenheit zeigend. »Bist du bei vollem Verstand? Wo siehst du hier einen Schrank? Und legt man die Gevatter denn in die Schränke? Bin ich eine Frau, die ihre Schränke voller Gevatter hat? Und seit wann lassen es sich die Gevatter gefallen, in Schränken zu liegen? Kommst du betrunken nach Hause, dass du deine Gevatter und deine Schränke durcheinanderbringst? Ich kenne keinen anderen Gevatter als unseren guten Freund, den Pfefferküchler, und keinen anderen Schrank als den alten da drinnen, in dem ich meine Kamillen und meine Tropfen von den heiligen Schwestern aus Rössel aufbewahre.

»So, so«, sagte der Goldschmied etwas beruhigter und hoffte, dass der Fremde ihn zum Besten gehalten hatte. »So wisse denn, meine liebe Frau, dass mir eine böse Zunge zugeflüstert hat, du hättest einen verbotenen Liebeshandel mit dem Advokaten Sembrowski, dem Storchbein, und – damit ich es dir nur geradeheraus sage – dass er hier nebenan in dem Schrank versteckt sei.«

»Ich sollte das tun?«, rief die gute Frau. »Ich mich mit einem solchen Menschen einlassen? Und habe ich denn nicht dich? Will ich denn nicht nur dich allein haben?«

»So recht, Weibchen«, schmunzelte der Goldschmied. »Ich wusste es ja längst, dass ich eine gute Frau in dir besitze. Wir werden in Zukunft kein Wort mehr um des elenden Schrankes willen verlieren, der am Ende doch nur seiner Größe und Heimlichkeit wegen die Veranlassung zu dem Gerede der Leute wurde.« Der mir den Floh ins Ohr setzte, ist ein Kistler. Der soll mir den Schrank abkaufen, ich will ihn nicht mehr in meinem Haus behalten. Für das Geld schaffe ich dir dann zwei neue, kleine und manierliche Schränke, in denen kein Kind Platz haben soll. So wollen wir dem Gerede der Bösen, denen deine Tugend ein Dorn im Auge sein mag, ein Ende machen.«

»Du hast recht«, sprach sie, immer noch keine Verlegenheit zeigend, »mir liegt nichts an dem alten Kasten. Zum Glück ist er leer, unser Leinen ist in der Wäsche und die Kräuter und Arzneien habe ich bei dieser Gelegenheit auch ausgekramt. Morgen früh kannst du den Schrank fortschaffen lassen. Willst du aber nicht essen?«, setzte sie einschmeichelnd schnell hinzu.

»Nicht doch«, sagte er. »Es ist sonderbar, aber es wird mir besser schmecken, wenn der Schrank aus dem Haus ist.«

»Das sehe ich nun wohl«, versetzte sie, »dieser Unglücksschrank wird leichter aus dem Haus zu bringen sein als dir aus dem Kopf.«

»Holla ho!«, schrie der Goldschmied nun seinen Gesellen und Lehrlingen zu, ohne auf die letzten Worte zu achten. »Kommt her und tragt mir den Schrank hinab.«

In einem Augenblick waren die Leute zur Hand, und da der Meister selbst den gemessensten Befehl gab, wurde dieser Liebesschrank auch bald von seiner Stelle gehoben und durch das Zimmer getragen. Als er aber durch die etwas enge Tür getragen werden sollte, wurde es nötig, ihn umzustoßen. Dabei musste der arme Advokat, der nicht daran gewöhnt war, auf dem Kopf zu stehen, großes Leidwesen empfinden und stieß einen leisen Seufzer nach dem anderen aus.

Die Frau konnte ihre innere Bewegung nun nur mit Mühe verbergen. Sie bat, dass man, um das Möbel zu schonen, etwas glimpflicher damit umgehen möge, da beim Stürzen leicht etwas abgestoßen werden könne. Der Goldschmied beruhigte sie jedoch, da der Handel ja bereits abgeschlossen sei. Der Kasten wurde in der einmal für gut befundenen Lage längs der Treppe hinabgelassen.

»Hoho! Wo ist der Kärrner?«, schrie der Goldschmied, nachdem sie unten waren.

Franz, der sich derweil bei einem Nachbarn nach einem Handkarren erkundigt hatte, pfiff zur Antwort und half den Gesellen beim Ausladen.

»Ach, Himmel, sei gnädig!«, wimmerte leise der Advokat im Schrank.

»Meister, der Schrank hat gesprochen!«, rief ängstlich einer der Lehrlinge.

»Warum nicht gar, Esel?«, schnauzte ihn der Goldschmied an.

»Er hat wahrhaftig gesprochen, Meister!«, schrie der Lehrling wieder, während er das Ohr ans Schlüsselloch legte.

Ein kräftiger Rippenstoß schleuderte den Jungen fort.

»Welche Sprache spricht denn der Schrank?«, fragte höhnisch der Karrenmann. Aber der arme Junge hatte genug und wollte seine Sprachstudien beim Schrank nicht weiter fortsetzen.

Die Gehilfen und Lehrlinge durften nun wieder ins Haus gehen, während der Goldschmied dem Schäfer half, den Karren auf die Brücke zu ziehen. Obwohl noch manches Wort daraus hervortönte, taten sie, als hätten sie nichts von der seltsamen Beredsamkeit des Schrankes vernommen. Nachdem sie noch einige Steine daran gebunden hatten, um ihrer Sache gewisser zu sein, hoben sie den Schrank auf das Geländer der Brücke und stürzten ihn hinab in den Fluss.

»Schwimm nur zu, guter Freund«, schrie ihm der Schäfer mit lauter Stimme nach, ehe der Kasten noch versunken war – in dem Augenblick, als er einen schönen Entenwurf bildete.

Nachdem die Tat geschehen war, schüttelte der Goldschmied dem Schäfer die Hand und wollte seinen Namen wissen. Dieser aber hüllte sich tiefer in seinen Mantel und eilte durch die Nacht davon. Große Beklemmung war über ihn gekommen. Wenn auch Notwehr ihn dazu gezwungen hatte, so hatte er doch einen Mord vollbringen helfen. Auch wenn der Getötete ein Bösewicht gewesen war, der ihm selbst nach dem Leben getrachtet hatte, war er doch eines Mordes schuldig geworden. Er fühlte, dass seine Ruhe, der Friede in seiner Brust, nie wiederkehren würde. An die Folgen, die es für ihn haben könnte, dachte er nicht einmal.

Während er über die Brücke eilte, schien ihm das Wasser des Flusses unheimlich zu rauschen und ein schmerzvolles Stöhnen daraus hervorzuschallen. Es war ihm, als schwimme der Schrank gleich einer Arche auf den Wellen und als erhebe sich daraus die knochendürre Gestalt des Advokaten Sembrowski. Er sah, wie sie flehend die mageren Arme zu ihm erhob und leise wimmerte: »Rette mich, bitte!«

Taumelnd erreichte er das Ende der Brücke und ein finsteres Gässchen. Er sank erschöpft auf einen Stein, um sich zu sammeln.

Aber bald trieb es ihn wieder empor. Noch diese Nacht musste das blutige Werk vollendet sein, sonst war er verloren. Wenn morgen der Advokat vermisst wurde und seine Rache nur halb vollführt war, drohte ihm die augenscheinlichste Gefahr durch den Kapitän.

Eine wunderbare Erleuchtung kam über ihn und ohne dass er sich darüber Rechenschaft ablegen konnte, hatte sich ein Plan in ihm gestaltet: Auch den anderen Vetter musste er noch in dieser Nacht vernichten. Welche Eingebung ihm dabei half, welche Macht ihn dabei unterstützte, wusste er nicht, aber in diesem Augenblick dachte er recht eifrig an seinen alten, guten Oheim, den er so freundlich am Kamin verlassen hatte. Er meinte, es schien ihm ja gut zu gefallen, und da konnte es nichts Böses sein. »Sie trachteten mir doch auch nach dem Leben, und was tue ich denn anderes, als mich verteidigen?«

Beruhigter durch diese Gedanken schritt er in der Nacht weiter.

Bald erreichte er eine Straße, in der er ein Haus kannte. Dort klopfte er eilig an die Tür.

»Macht auf im Namen des Gerichts!«, rief er.

Im Haus war ein langsames Scharren zu hören, als würden alte Pantoffeln über den Steinboden gezogen. Zitternd öffnete ein alter Mann mit grauem Bart ein kleines Fenster. Dies war Rabbi Jüdel, einer der reichsten Hebräer der Stadt. Eine solche nächtliche Mahnung versetzte ihn in großen Schrecken.

»Was ist’s? Was soll’s? Was will man von mir?«, rief er dem unten Stehenden in einem Atem mit bebender Stimme zu.

»Öffnet nur getrost, Reb Jüdel, und fürchtet euch nicht«, sagte der Schäfer. »Ihr seht, ich bin allein. Bringt euren Meschores mit herab, so seid ihr zu zweit.« Ihr habt nichts von mir zu befürchten. Nur säumt nicht, denn ich habe euch eine Sache von größter Wichtigkeit anzuvertrauen.«

»Um Gottes willen! Warum kommt ihr bei Nacht!«, schrie Jüdel.

»Hat er nicht Zeit bis zum Morgen?«, fragte er.

»Es hat keine Zeit bis zum Morgen«, entgegnete der Schäfer, »denn nicht nur euer Leben, sondern auch euer Reichtum ist bedroht. Noch diese Nacht sollen euch all eure Schätze und Kostbarkeiten entwendet werden.«

»Reichtum, Schätze, Kostbarkeiten! Was sprecht Ihr doch so dumm? Gott verzeih mir’s!«, waren Jüdels Worte. »Ich komme nicht, ich kann nicht, da steckt was dahinter.«

»Ja, es steckt was dahinter, Jüdel! Hört an«, nahm der Schäfer nun schnell das Wort. »Ich bin vom Vogt geschickt, euch zu melden, dass man es diese Nacht auf einen großen Raub in eurem Haus abgesehen hat. Der Vogt lässt zwar ringsum Häscher patrouillieren, allein er will euch doch auffordern, gute Wache zu halten und eure Hausleute um euch zu versammeln. Verseht sie mit Waffen aus eurer alten Rüstkammer. Man weiß ja, dass unsere Edelleute euch die prächtigsten Damaszener und sonstiges Gewehr zu verschachern pflegen. Auch weiß man, dass ihr zwei starke Knechte, Christen, in eurem Dienst habt, die wohl ihrem Mann stehen, und dass ihr so das kostbare Blut eurer Glaubensgenossen nicht in Gefahr bringen müsst. Benutzt diese Warnung, um euch vor Schaden zu bewahren, und lasst es euch gesagt sein. Ich aber muss auf meinen Posten.

Der alte Jude rief noch allerlei hinab, doch Franz hörte nichts mehr davon. Er eilte weiter, während jener mit klopfendem Herzen die kleinere Treppe hinabstolperte, um seine Leute zu wecken.

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