Archiv

Storys & Lyrik

Kleiner Stern – Teil 1

Ein weiterer unerbittlicher Winter wollte mal wieder nicht enden. Obwohl auch dieser bereits seit Monaten überfällig war, wurde sein tosendes Wüten täglich sogar noch ein wenig schlimmer. Ganz so, als ob er es sich hier auf Dauer gemütlich machen wollte, grollte seine frostige Wildheit unablässig über eine geschundene, mittlerweile uralte Erdoberfläche, auf der nahezu alles bedeckt war von einer gigantischen Stadt. Einem unbegreiflichen, in vielen Jahrhunderten gewachsenen Moloch. In dem jetzt eisiger, mit glitzernden Schneeflocken durchwirkter Wind stetig durch die verwinkelten Straßenschluchten heulte, dabei wie rasend gegen schützende Mauern drückte und an den arg strapazierten Nerven ihrer Bewohner zerrte.

Einer davon war Lesandor Thalen, ein junger Arbeiter der Klasse C, dem es schon seit Weiterlesen

Bloody Piano

Eine Amsel auf dem Dach sang ihre Regenballade, und das Sirren und Summen der Insekten in der sommerlichen Luft verabschiedete den Tag. Die ersten kühlen Schatten des hereinbrechenden Abends krochen durch die offenen Fensterflügel in den edel eingerichteten Wohnraum. Transparente Organzavorhänge wehten in der leichten Brise. Große, mit Blumen befüllte Vasen schmückten das holzgetäfelte Zimmer, dessen Zentrum ein majestätischer, schwarzer Flügel einnahm. Ein Bouquet roter Rosen zierte den glänzenden Lack und bildete einen lebendigen Kontrast zu dem kalten Schwarz.

Wie jeden Tag um 18 Uhr wurde Alicia Morraine von der Haushälterin Katharina in das Musikzimmer gebracht. Ihre schlanken Finger brachten die weißen und schwarzen Tasten Weiterlesen

Rot und vorbei

Vorbei.
Bis vor wenigen Wochen verlief ihr Leben in geordneten Bahnen, doch nun war es vorbei. Obwohl sie es gehasst hatte, als sie noch Teil des täglichen Trotts war, sehnte sie ihn nun herbei.
Jeden Morgen der gleiche Ablauf; Wecker klingeln, Morgendusche, Zähneputzen, Kaffee kochen, Frisieren, Ankleiden, Kaffee trinken und dann fast in Panik geraten, dass man den Morgenbus verpasst.

Im Bus dann das übliche Geplänkel, die Morgennachrichten, Tipps zur Kindererziehung oder Kochvorschläge wurden ausgetauscht. Aussteigen, Stechkarte herauskramen und los ging Weiterlesen

Die im Schatten sterben wollten

Die im Schatten sterben wollten

Kreischend sprang der halb nackte Sioux-Krieger auf den Soldaten zu. Der Wilde schwang den Tomahawk und war fest entschlossen, seinem Gegner den Schädel zu spalten.

Lieutenant Thomas Morgan wirbelte herum, legte den Revolver an und drückte ab. Die Kugel zerfetzte die rechte Schädelseite des Angreifers, der nach einem spektakulären Salto auf den sandigen Boden stürzte und mit verdrehten Gliedern liegen blieb.

Keuchend und am ganzen Leib zitternd wandte sich der Offizier von dem grässlichen Anblick des Toten ab und sah bereits den nächsten Feind auf sich zu rennen. Erneut legte er an und betätigte den Abzug. Jedoch löste sich diesmal kein Schuss. Verdammt, die Trommel ist leer, dachte er verzweifelt und wich in letzter Sekunde dem tödlichen Hieb des bemalten Sioux-Kriegers aus. Er schleuderte das nutzlose Schießeisen zur Seite und zog den Säbel, der Weiterlesen

Das Treffen

Das Schneetreiben wurde immer dichter. Berta und Kurt Siebrecht stapften mit den Füßen auf und klopften sich den Schnee von den Jacken. Schon die paar Meter vom Parkplatz hoch zu der einsam gelegenen Skihütte hatten gereicht, sie gänzlich mit der pulvrigen, weißen Masse zu bedecken. Sie betraten den kleinen Windfang, der nur durch eine Schiebetür von dem großen Wohnraum abgetrennt war. Der Durchgang war offen. Im Kamin am anderen Ende des Zimmers brannte bereits ein gemütliches Feuer. Aus der angrenzenden Küche drangen das Klappern von Besteck und das Klirren von Gläsern. Carolin, Bertas Schwester, war also schon hier. Die beiden Neuankömmlinge zogen ihre schweren Jacken, die Stiefel und die Handschuhe aus, um die Garderobe damit zu bestücken.

Weiterlesen