Kommissar Rosic – Band 1.02
Rodolphe Bringer
Kommissar Rosic
Band 1
Der Dolch aus Kristall
Kapitel 2: Der blutige Schlafwagen
Der B-14 ist ein internationaler Luxuszug, der einmal pro Woche vom Hafenbahnhof in Marseille abfährt und direkt nach Calais fährt. Seine Abfahrt ist variabel und erfolgt je nach Ankunft des Postdampfers aus Indien am Freitag oder Samstag. Er nimmt dann alle für England bestimmten Depeschen sowie einige Reisende auf, die es eilig haben, in das Vereinigte Königreich zurückzukehren. Daher nimmt er unterwegs weder Fahrgäste auf noch lässt er welche aussteigen.
Gegen zehn Uhr erreicht er Valence, wo er vorschriftsmäßig nur zwei Minuten lang hält. Daher löst seine Durchreise in diesem großen Bahnhof auch keine jener lärmenden Unruhen aus, die den Halt anderer Züge kennzeichnen; die Bahnsteige bleiben verlassen, leer von Reisenden wie von Angestellten. Einzig ein stellvertretender Bahnhofsvorsteher unter seiner weißen Dienstmütze wohnt der Durchfahrt dieses Schnellzugs bei und wartet die zwei vorgeschriebenen Minuten ab, um das Signal zur Abfahrt zu geben.
An jenem Tag hatte Monsieur Guillenot Dienst, ein intelligenter junger Mann mit großer Zukunft. Um zwanzig Uhr dreizehn (neuer Zeitrechnung) war der B-14 in den Bahnhof eingefahren. Als die zwei Minuten verstrichen waren, setzte M. Guillenot bereits die Pfeife an die Lippen, um dem Luxuszug das Abfahrtssignal zu geben, als – wie der NOUVELLISTE DE LYON berichtete – seine Aufmerksamkeit plötzlich auf eine Flüssigkeitsspur gelenkt wurde, die unter der Hintertür des dritten und letzten Schlafwagens hervorfloss.
Er trat näher und bückte sich, um zu erkennen, was die Ursache dieser Flüssigkeit sein könnte, denn der Bahnhof war schlecht beleuchtet. Er richtete sich bleich wieder auf, als er erkannte, dass es Blut war.
Drei Bahnmitarbeiter kamen vorbei; er rief sie herbei.
»Sehen Sie sich das an!«
»Das ist Blut!«, sagten die drei Männer. Einen Moment lang blieben sie stumm vor Staunen.
Währenddessen hatte sich der Zugführer aus seinem Gepäckwagen an der Spitze gelehnt, verwundert darüber, das Abfahrtssignal nicht zu hören, und rief: »Nun? Was ist los? Fahren wir nicht ab?«
»Kommen Sie her!«, schrie Monsieur Guillenot.
Der Zugführer sprang aus seinem Wagen und kam näher; bereits sieben oder acht Männer bildeten einen Kreis um den Waggon.
»Aber das ist ja Blut!«, stellte nun auch der Zugführer fest. »Was hat das zu bedeuten?«
»Das werden wir gleich sehen!«, entgegnete Herr Guillenot.
Er stieg auf das Trittbrett und betrat den Wagen. Es war recht dunkel, da die elektrischen Lampen auf Nachtlicht gedimmt waren. Aber einer der Männer hatte seine Laterne dabei. Da sah man, dass das Blut, das auf das Trittbrett des Wagens tropfte, eine breite Rinne bildete, die von der Tür des mittleren Abteils ausging.
Guillenot öffnete sie.
Und er sah auf dem Boden des Abteils einen Mann liegen, der in einer Blutlache schwamm: Der Hals war durch einen so tiefen Schnitt durchtrennt, dass der Kopf nur noch an wenigen dünnen Fleischfasern hing.
Ein Schauder des Entsetzens packte den stellvertretenden Bahnhofsvorsteher und die vier oder fünf Männer, die gerade diese schaurige Entdeckung gemacht hatten.
Inzwischen war der Angestellte der Schlafwagengesellschaft, der für diesen Wagen zuständig war, herbeigeeilt. Beim Anblick der Leiche des Reisenden erstarrte er förmlich vor Entsetzen.
»Was sollen wir tun?«, fragte der Zugführer.
»Tja …«, antwortete der Angestellte vage und ausweichend.
»Wir können hier nicht stehen bleiben und auf die Polizei warten«, fuhr der Zugführer fort. »Das Einfachste wäre wohl, die Fahrt bis Lyon fortzusetzen und die Polizei von dort aus telefonisch zu verständigen.«
»Nein!«, warf Guillenot ein.
Er wandte sich an den Schlafwagenschaffner.
»Haben Sie in den anderen Wagen noch freie Plätze?«
»An Plätzen mangelt es in diesem Zug sicher nicht!«
»Dann lassen wir die Fahrgäste in die anderen Wagen umsteigen und koppeln diesen hier ab.«
»Das wird einfach sein. Außer diesem Reisenden war niemand in diesem Wagen.« — »Dann beeilen wir uns.«
Guillenot sprang auf den Bahnsteig und gab Anweisungen. Zwei Bahnarbeiter koppelten den Wagen vom Zug ab, der auf ein Abstellgleis rangiert wurde. Nachdem der Schlusswagen wieder angehängt war, gab der stellvertretende Bahnhofsvorsteher das Abfahrtssignal, während der Zugführer zum Lokführer sagte: »Zehn Minuten Verspätung … das müssen wir bis Lyon wieder reinholen, verstanden!«
Befreit von seinem tragischen Waggon, verschwand der B-14 im Tunnel.
Unterdessen verbreitete sich die Nachricht von der schaurigen Entdeckung im ganzen Bahnhof wie ein Lauffeuer. Die Kunde erreichte bereits die Cafés rund um den Bahnhof, aus denen die späten Gäste auf die Bahnsteige eilten, um Einzelheiten über diese tragische Angelegenheit zu erfahren. Guillenot sah sich plötzlich von einer Schar neuer Freunde umringt, deren Namen er beim besten Willen nicht hätte nennen können. Aber was sollte er tun? Er hatte ohnehin Wichtigeres zu erledigen, als zu berichten, was er gesehen hatte. Kaum war der Wagen auf dem Abstellgleis, hatte er bereits den Bahnhofsvorsteher wecken, den Aufsichtskommissar verständigen und die Staatsanwaltschaft benachrichtigen lassen.
Der Bahnhofsvorsteher, der als Erster eintraf, postierte zunächst fünf oder sechs Bahnarbeiter um den blutigen Wagen, um Neugierige fernzuhalten. Dann erschien Monsieur Jeulin, der Aufsichtskommissar – völlig verschwitzt, außer Atem und aufgewühlt von dem, was er gerade erfahren hatte. Vielleicht war er auch wütend darüber, dass er ein Kartenspiel hatte unterbrechen müssen, gerade, als er alle Trümpfe auf der Hand hielt. Er war ein dicker, gemütlicher Mann, ein großer Liebhaber von Bier und Karten, der diesen geruhsamen und sicheren Posten einem alten Kameraden aus Studientagen im Quartier Latin verdankte, der inzwischen Minister geworden war.
Seit fünf oder sechs Jahren bekleidete er diesen Posten voller Vertrauen und Nutzlosigkeit, ohne jemals Intelligenz oder Tatkraft beweisen zu müssen. Und nun zwang ihn ein Verbrechen in seinem Zuständigkeitsbereich, das alle Anzeichen einer Sensation trug, ins Rampenlicht zu treten – er war regelrecht fassungslos.
Doch die Justiz traf ein: der Untersuchungsrichter, Monsieur Hardi, der Staatsanwalt, Monsieur Chaulvet, und der Gerichtsschreiber Philippon.
Vor dem Waggon, im fahlen Licht der Laternen der Angestellten, berichtete M. Guillenot, wie er das Blut bemerkt hatte, wie er den Wagen betreten und welche Entdeckung er dort gemacht hatte.
»Sie haben gut daran getan, den Wagen abhängen zu lassen«, lobte ihn Monsieur Chaulvet. »Ihn bis nach Lyon mitzuführen, wäre Zeitverschwendung gewesen. Wir gewinnen so eine gute Stunde, und in einer Stunde kann eine Ermittlung weiter kommen als ein Mörder.«
Im Grunde war er entzückt, sich endlich mit einem so bedeutenden Fall befassen zu können, der zweifellos seinen Scharfsinn, seinen Riecher und seine Qualitäten als geschickter Ermittler unter Beweis stellen würde. Darin unterschied er sich völlig von M. Hardi, dem Untersuchungsrichter – einem Mann ohne Ehrgeiz, der in diesem Verbrechen zunächst nur die Unannehmlichkeiten und Störungen sah, die es ihm bereiten würde.
»Betreten wir den Wagen!«, entschied Monsieur Chaulvet. M. Guillenot ging ihnen voran.
Es herrschte tiefe Dunkelheit: Da der kleine Dynamo zwischen den Rädern des Schlafwagens nicht mehr angetrieben wurde, waren alle Lampen erloschen. Der stellvertretende Bahnhofsvorsteher trug seine Laterne bei sich; der Richter, der Staatsanwalt, der Kommissar sowie der Gerichtsschreiber liehen sich die Laternen der Bahnarbeiter aus.
Die Leiche lag noch immer ausgestreckt auf dem Teppich des Abteils. M. Chaulvet beugte sich vor, doch plötzlich fuhr er wie von einer Feder geschnellt hoch: »Aber diese Leiche wurde vollständig enthauptet! Diese Leiche hat keinen Kopf mehr!«
»Was? Was sagen Sie da?«, rief der stellvertretende Bahnhofsvorsteher entsetzt.
»Sie sagten mir, dem Mann sei die Kehle aufgeschlitzt, der Hals durchtrennt worden. Sehen Sie doch selbst. Er hat keinen Kopf mehr!«
M. Guillenot beugte sich nun seinerseits vor, und auch er richtete sich bleich und verstört auf, als stünde er vor dem Unbegreiflichen, dem Unerklärlichen.
»Monsieur«, sagte er mit einem Schauder des Entsetzens. »Ich habe ihn gesehen … ich habe ihn ganz deutlich gesehen … vorhin, als ich als Erster diesen Wagen betrat: den Kopf dieses Unglücklichen. In der Tat, wie ich Ihnen sagte, hing er nur noch an einigen Fleischfetzen … aber er war da … ich habe ihn gesehen … und der Zugführer … der Steward und auch die Bahnarbeiter haben ihn gesehen!«
»Seltsam«, murmelte der Staatsanwalt. »Man müsste also glauben, dass jemand diesen Kopf gestohlen hat. Aber wer? Der Mörder! Damit man sein Opfer nicht identifizieren kann. Das hieße dann, dass er im Zug war. Er ist noch immer darin!«
Und an Guillenot gewandt fragte er: »Der erste Halt des B-14 ist Lyon?«
»Ja.«
»Und er kommt dort an um …?«
»Zwanzig Minuten nach Mitternacht, aber wegen der Verspätung …«
Der Staatsanwalt hatte seine Uhr hervorgeholt. »Zehn Minuten vor Mitternacht!«
Dann wandte er sich an den Aufsichtskommissar. »Monsieur Jeulin … schnell, ein Telefonanruf bei Ihrem Kollegen am Bahnhof Perrache, der hoffentlich auf seinem Posten ist. Er soll den B-14 überwachen, niemanden aussteigen lassen und sofort die Lyoner Staatsanwaltschaft verständigen, die ich gleich selbst telefonisch auf den neuesten Stand bringen werde.«
Während der Kommissar zum Telegrafenamt des Bahnhofs eilte, zog M. Chaulvet ein Notizbuch aus der Tasche, bekritzelte drei Blätter und reichte sie den Bahnarbeitern mit den Worten: »Schnell, diese Nachricht zur Gendarmerie, diese zum Polizeikommissar, diese zum Chef der mobilen Brigade, und zwar im Laufschritt. In einer Viertelstunde müssen alle hier sein!«
Er überlegte eine Sekunde lang, dann ging er auf die Tür des Schlafwagens zu. »Kümmern wir uns um das Dringendste. Danach haben wir noch genug Zeit für die Tatbestandsaufnahme.«
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