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Storys & Lyrik

Nächtliche Jagd

Nächtliche Jagd

Müde saß ich in meinem Auto und war erleichtert, endlich den Heimweg antreten zu können. Meine Augen brannten und ich fragte mich, ob ich die rund einstündige Fahrt ohne Pause durchhielte. Hinter mir lag eine Betriebsfeier, die sich länger als befürchtet hingezogen hatte. Ich wollte nicht der Erste sein, der Abschiedsworte in die Runde rief, und so hatte ich bis nach Mitternacht warten müssen, bis endlich einige Kollegen aufbrachen. Mir lagen solche Feiern einfach nicht, vielleicht lag es am sinnleeren Gerede oder dem heimlichen Profilieren einiger Kollegen, zu dem es unweigerlich immer kam.

Genug jetzt, sagte ich mir und versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Müde rieb ich über mein Gesicht und schaltete das Radio ein. Ich suchte eine Weile einen Sender, der eine einigermaßen annehmbare Musik spielte. Die Straße, die mich zur Autobahn brachte, lag dunkel und gerade vor mir und lud dazu ein, mit Weiterlesen

Seit ich mich entsinnen kann …

Ich weiß schon nicht mehr genau, wie all das, was ich hier zu berichten beabsichtige, eigentlich begonnen hat und kann auch nicht im geringsten abschätzen, wann dies enden wird. Jedoch befürchte ich, dass ich den Schrecken und meine Verstrickung, in Form etlicher widersinniger Handlungen meinerseits, darin nur äußerst unzureichend für meine Hinterbliebenen beschreiben und erklären kann. Weshalb ich auch auf keinerlei Verständnis oder gar mildtätiger Gnade durch meine durch mich derart geplagten Verwandten oder meine Mitmenschen hoffen kann und werde. Ich vermag es nur alleine hier an dieser Stelle so gut und verständlich wie möglich darzulegen, was mir aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht gelingen mag, doch die Entscheidung darüber liegt nun nicht mehr in meinen Händen. Denn Weiterlesen

Dämonentanz

Der Schänder, der Schlächter und der Fleischer

Unsere Zusammenkünfte waren sporadischer Natur. Wir trafen uns nicht etwa auf düsteren Friedhöfen oder in dunklen, nebelschwangeren Wäldern, wie man es uns in uralten Legenden zuschreibt.

Nein, wir trafen uns in unregelmäßigen Abständen auf einem großen Parkplatz, außerhalb einer kleinen Stadt, deren Namen ich nicht einmal kannte.

Der Ort selbst gefiel mir recht gut, und doch war sie mir so gleichgültig wie alles andere, was Weiterlesen

Die Frau

April 2008

Kirsten war mittlerweile am Ende der knapp 60 Meter langen, nebelverhangenen Allee angekommen. Seit sie hier lebten, hatte sie es sich angewöhnt, regelmäßig zu joggen. Ralph fuhr lieber Fahrrad, weshalb sie das immer alleine machte. Doch obwohl sie gerade in einen leichten Laufschritt gefallen war, stoppte sie unwillkürlich und zog sich die Stöpsel ihres Kopfhörers aus den Ohren.

Er war wieder da und sie musste unbehaglich schlucken. Der Mann saß wieder vor der Einfahrt, genau wie in den vergangenen Tagen. Saß da, wie ein stummer Vorwurf, wobei sie Weiterlesen

Rumpelstilzchen einmal anders

Rumpelstilzchen einmal anders
Stroh zu roter Seide spinnen

Dina hatte es nicht leicht mit ihrem Vater, dem Gastwirt zum Roten Hahn. Jedes Mal, wenn der einen über den Durst getrunken hatte, begann er mit Ausdauer Unsinn zu reden. Da wurde die nahe Mühle schon mal zu einem Ungeheuer oder in ihr passierten seltsame Dinge. Diesmal saß der ganze Schankraum voller fremder Männer. Dina eilte mit ihren Krügen flink von Tisch zu Tisch, um alle bestmöglich zufriedenzustellen. Denn die Kleidung der Herren ließ vermuten, dass sie eher im Schloss, als auf dem Marktplatz zuhause waren. Hin und wieder spendierte einer dem Wirt einen Krug Bier oder ein Glas Branntwein. Und dann passierte wieder genau das, was Dina schon zitternd erwartete – ihr Vater fing an, seine Lügengeschichten zu erfinden. Die Bauern aus der Nachtbarschaft suchten eilends das Weite, denn irgendwie roch es nach Ärger. Dina wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Eigentlich war es nur ihrer Schönheit und Anmut zu verdanken, dass überhaupt noch einer der jungen Weiterlesen