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Rumpelstilzchen einmal anders

Rumpelstilzchen einmal anders
Stroh zu roter Seide spinnen

Dina hatte es nicht leicht mit ihrem Vater, dem Gastwirt zum Roten Hahn. Jedes Mal, wenn der einen über den Durst getrunken hatte, begann er mit Ausdauer Unsinn zu reden. Da wurde die nahe Mühle schon mal zu einem Ungeheuer oder in ihr passierten seltsame Dinge. Diesmal saß der ganze Schankraum voller fremder Männer. Dina eilte mit ihren Krügen flink von Tisch zu Tisch, um alle bestmöglich zufriedenzustellen. Denn die Kleidung der Herren ließ vermuten, dass sie eher im Schloss, als auf dem Marktplatz zuhause waren. Hin und wieder spendierte einer dem Wirt einen Krug Bier oder ein Glas Branntwein. Und dann passierte wieder genau das, was Dina schon zitternd erwartete – ihr Vater fing an, seine Lügengeschichten zu erfinden. Die Bauern aus der Nachtbarschaft suchten eilends das Weite, denn irgendwie roch es nach Ärger. Dina wäre vor Scham am liebsten im Boden versunken. Eigentlich war es nur ihrer Schönheit und Anmut zu verdanken, dass überhaupt noch einer der jungen Männer aus dem Dorf in den »Roten Hahn« kam. Zuerst lachten die Fremden über die verrückten Geschichten des Wirtes, doch bald hörten sie ihm aufmerksam zu, denn hinter jeder Lüge steckte irgendwo ein Körnchen Wahrheit. Dina kam aus dem Keller, woher sie soeben einen Krug Rotwein geholt hatte.

»… natürlich kann sie das. Ich schwöre«, hörte sie ihren Vater mit trunkener Stimme lallen. »Sie kann es, ich sage euch, sie kann es.«

Dina nahm ihn am Arm.

»Vater bitte, du redest dich noch um Kopf und Kragen«, flüsterte sie. »Hör bitte auf.«

Der Wirt riss sich los. »Kann doch jeder wissen, dass du aus Stroh mohnrote Seidenfäden spinnen kannst.« Dann fiel er auf einen Stuhl und schlief ein.

Es war still geworden. Aller Augen waren auf das blonde Mädchen gerichtet, das völlig verzweifelt die Hände rang.

»So, so, du kannst also Stroh zu roter Seide spinnen?«, fragte einer der Männer.

»Nein, mein Herr, das kann ich nicht«, entgegnete sie leise.

Er ging langsam um sie herum, ihr hübsches Gesicht und den schlanken Körper aufmerksam betrachtend. Die Kleine gefiel ihm. Dina hatte die Augen niedergeschlagen, so entging ihr völlig das Interesse des gut aussehenden überaus reich gekleideten Edelmannes.

»Dein Vater hat es aber geschworen!« Er ging noch einmal um sie herum, wobei er leicht ihre Schulter berührte.

Dina erschrak. Das Kleid, welches sie trug, war aus fast blutroter Seide genäht und auch die rot karierten Tischdecken der Wirtschaft hatten einen Rand aus ebensolchem Material. »Egal …«, sprach der Fremde, »hat dein Vater gelogen, dann wird er im Kerker verrotten, wenn nicht, dann mache ich dich zu meiner Frau.« Er warf ihr einen Beutel Silbermünzen zu, um die Zeche zu begleichen. Dina brachte das Geld in eine Truhe. Die Schankstube leerte sich.

»Nehmt sie mit«, befahl der edle Herr. »Alle beide.«

»Nein, so habt doch erbarmen«, flehte das junge Mädchen – umsonst.

Einer der Reiter warf den volltrunkenen Wirt vor sich quer über das Pferd, ein anderer hob Dina auf sein Tier. Sicher hielt er sie im Arm, während sie im Galopp über die Wiesen dem Schloss entgegen ritten.

»Es liegt ganz an dir, wie die Geschichte endet«, flüsterte er ihr ins Ohr.

Dina schluchzte auf. Sie konnte es ja nicht einmal mit Schafwolle, wie sollte sie dann ausgerechnet Stroh zu Seide spinnen?

Auf dem Schlosshof ließ der Reiter Dina vom Pferd gleiten. An die anderen gewandt rief er: »Werft ihn in den Hungerturm, sie bringt ihr in das kleine Verlies an der Zugbrücke.«

»Sehr wohl Majestät«, antworteten die Diener und beeilten sich seine Order zu erfüllen.

»Der König«, hauchte die Tochter des Wirtes erbleichend. »Diesmal ist Vater eindeutig zu weit gegangen und ich werde ihm nicht helfen können.«

»Damit wirst du wohl recht haben«, antwortete ihr der Kerkermeister. »Sei froh, dass du nicht das Schicksal deines Vaters teilen musst. Noch nicht.« Er verschloss hinter ihr die schwere Eisentür.

Man brachte ihr ein Spinnrad und mehrere Bund Stroh. Bis tief in die Nacht war das herzzerreißende Schluchzen an der Zugbrücke zu hören. Mit Glockenschlag Mitternacht raschelte es in Dinas Verlies. Sofort wurde sie still, sie lauschte. Ein meckerndes Lachen ließ ihr fast das Blut in den Adern gefrieren. Auf dem Schemel des Spinnrades saß ein kicherndes Männlein mit grauem Bart.

»Stroh zu roter Seide, wie witzig«, brabbelte er vor sich hin, drehte sich abrupt zu Dina um, taxierte sie: »Na Süße, ein kleines Wunder gefällig?«

Ihre Antwort war eine Mischung aus Nicken und Kopfschütteln. Dem Gnom traten vor Lachen die Tränen in die Augen. »Willst du deinen Vater retten oder nicht?«

»Ich will es ja, aber ich kann es nicht«, murmelte Dina.

»Vielleicht greife ich dir ja ein wenig unter die Arme. Natürlich am liebsten von hinten.« Er leckte sich die wulstigen Lippen und kicherte widerlich. Das zitternde Mädchen presste sich so heftig an die Wand, dass es schon an Wunder grenzte, dass sie darin keinen Abdruck hinterließ.

»Was willst du dafür haben?«, fragte sie scheu.

Der Zwerg sprang von seinem Sitz. Ganz langsam kam er auf sie zu, streckte die dünnen Spinnenfinger aus und zog das kleine goldene Medaillon aus ihrem Ausschnitt, welches ihr einst ihre Großmutter geschenkt hatte.

»Nimm es«, flüsterte sie.

Das Männlein ließ es in seiner Tasche verschwinden, setzte sich wortlos ans Spinnrad und begann seltsame Worte zu murmeln. Vor Dinas Augen bildete sich ein roter Strudel, dass sie zu Boden stürzte, merkte sie nicht mehr. Ein heftiges Rütteln an der Schulter weckte sie. Der Kopf schmerzte, ihr war übel und nur ganz langsam kam die Erinnerung wieder. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Neben ihr auf dem Boden lagen vier Spulen mit dem feinsten Seidenfaden in leuchtendem Rot. Jede Mohnblume wäre vor Neid erblasst. Dina hatte erwartet, dass man sie und ihren Vater nun freilassen würde. Stattdessen brachte man einen Webstuhl in ihren Kerker.

»Bis übermorgen früh webst du aus der Seide einen ganzen Ballen Stoff oder dein Vater wird es büßen«, hieß der Befehl.

Dina weinte sich wieder in den Schlaf und wieder erschien pünktlich um Mitternacht der Zwerg. »Na mein Schatz, was darf ich diesmal für dich tun?«

»Nichts, denn ich kann dir nichts mehr geben«, sagte die Wirtstochter mit tonloser Stimme.

Mit gierig funkelnden Augen spazierte das Männlein vor ihr auf und ab. »Wie wäre es, wenn du als Gegenleistung deine Hochzeitsnacht mit mir verbringst?«

»Niemals!« Dina wurde übel bei dem Gedanken, dass dann diese dürren Spinnenfinger oder gar diese wulstigen Lippen über ihren Körper wandern würden.

»Hast du eine andere Wahl?«, zischte der Kleine giftig. »Willst du nun deinen nutzlosen Alten befreien oder nicht? Kannst du mir sagen, wie ich heiße, dann lasse ich dich in Ruhe. Ich gebe dir bis morgen Zeit für die Antwort.« Im selben Augenblick war er verschwunden. Stattdessen machte es vor dem vergitterten Fenster: »Pst, pst, pst.«

Dina spähte vorsichtig hinaus. Im schlammigen Wasser des breiten Grabens unter der Zugbrücke, verborgen hinter Gestrüpp, tauchte Mario, der Müller auf.

»Ich habe gehört, weshalb man euch mitgenommen hat. Ich möchte dir helfen.«

Dina klagte ihm ihr Leid und auch, was der hässliche Zwerg verlangte.

»Na verstehen kann ich ihn schon«, murmelte Mario. Eine Nacht bei der Schönen zu liegen hätte ihm auch nicht schlecht gefallen.

»Was hast du gesagt?«, fragte Dina.

»Dass ich mich sofort auf die Suche nach dem Männlein mache«, entgegnete Mario geistesgegenwärtig. Er kletterte die Böschung hinauf und verschwand in der Nacht. »Ausgerechnet die Hochzeitsnacht mit ihr verbringen, das könnte dem Lustmolch so passen«, brummte er verstimmt. Schnurstracks suchte er die alte Kräuterfrau auf, die um diese frühe Stunde meist schon auf den Beinen war.

»Du suchst also das Zaubermännlein«, sinnierte sie. »Ja, ja, von dem hab ich schon gehört. Der soll ganz oben in den Bergen hausen. Nur seinen Namen, den kennt wohl niemand. Es heißt, dass der, der den Namen ausspricht, drei Wünsche frei hat.«

Mario bedankte sich und versprach ihr einen halben Sack vom feinsten Mehl, auch wenn er das Männlein nicht finden sollte.

Mit ein wenig Mundvorrat zog er ins Gebirge. Mittags, als die Sonne das Land unter Glut fast erstarren ließ, hörte er vor sich ein widerliches Kichern. Vorsichtig spähte er über einen Felsblock. In einer Mulde tanzte ein Zwerg um ein Feuer und sang: »Heute back ich, morgen brau ich und übermorgen mach ich der Königsbraut ein Kind. Ach, wie gut das niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß.«

»Mistkerl«, quetschte Mario zwischen den Zähnen hervor. »Das werde ich zu verhindern wissen.«

Noch vor Mitternacht erreichte er Dinas Verlies. Flüsternd berichtete er, was er erlebt und gehört hatte. Als er wieder ging, bat er traurig: »Vergiss mich nicht ganz, wenn du einst Königin bist. Lebewohl.«

Augenblicke später erschien der Gnom, gut gelaunt und kichernd wie immer. »Nun?« Er dehnte die Frage genüsslich.

Dina hob resigniert die Hände. »Ich hab doch wirklich keine Wahl. Ich werde die Nacht mit dir verbringen.«

Der Zwerg machte einen Freudensprung und begann wie der Teufel zu weben. Bald lag ein Riesenballen roten Seidenstoffes vor ihm. »Na, wie bin ich?«

»Rumpelstilzchen, du bist der Größte«, antwortete sie leichthin.

Dem Männlein quollen fast die Augen aus dem Kopf. »Das hat dir der Satan gesagt!!!«, heulte es schrill. »Das hat dir der Satan gesagt!«

»Vielleicht.« Dina trat auf ihn zu, fasste ihn im Genick. »Und nun zu meinen drei Wünschen.«

Rumpelstilzchen hatte vor Wut Schaum vor dem Mund. »Ich höre.«

»Erstens: Du bringst meinen Vater nach Hause. Zweitens: Du bringst mich zu Mario in die Mühle. Und drittens: Du gibst dem König eine Frau, die ihn von früh bis spät herumkommandiert und der er nichts recht machen kann.«

»Ich gehorche«, würgte das Männlein hervor.

Dina wurde schwarz vor Augen. Es blieb auch schwarz, als sie sie wieder öffnete. Nur eine völlig verwunderte Stimme rief. »He, was machst du in meinem Bett?« Dann wurde eine Kerze angezündet.

»Dina?«

»Mario? Dann haben meine drei Wünsche tatsächlich funktioniert«, jubelte die Wirtstochter überglücklich.

Mario zog sie in seine Arme. »Heißt das, dass nun ich die Hochzeitsnacht mit dir verbringen kann?«

»Gern, du musst mich vorher nur heiraten«, lachte Dina. »Lieber sieben Tage die Woche schneeweißes Mehl, als noch ein einziges Mal mohnrote Seide.« Sie zog sich vor dem verblüfften Müller nackt aus, warf ihre Kleider in die noch glimmende Asche des Kamins, wo sie sofort Feuer fingen und restlos verbrannten. Dann kuschelte sie sich zu ihm unter die Decke. »Und denke daran, das, was Rumpelstilzchen vorhatte, gibt es wirklich erst in der Hochzeitsnacht.«

»Versprochen«, schmunzelte Mario. »Bis dahin passe ich eben auf.«

(rd)

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