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Bastei

Tony Tanner – Agent der Weißen Väter

Das Netz der Eisernen Seite – Teil 5

Mit spitzen Fingern klaubte Lucille Chaudieu die Glassplitter aus dem pappigen Haferbrei. Eine Spitze bohrte sich in ihre Fingerkuppe. Sie schrie auf und saugte an der Wunde. Ihr Mund füllte sich mit dem Eisengeschmack von Blut. Als sie ihn fütterte – füttern war ein allzu wohlklingender Ausdruck für das langwierige Hineinschieben von Nahrung in einen Schlund, dessen Schluckreflex in den letzten Tagen merklich nachgelassen hatte – war der ansonsten leblose Körper Tony Tanners von Krämpfen zusammengerissen worden, und ein Schrei hatte sich aus der stummen Kehle gelöst.

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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter

Das Netz der Eisernen Seite – Teil 4

Die Hoffnung wurde mit jedem Tag geringer, und mit jedem neuen Tag, an dem sie sich in diesen völlig leeren Augen gespiegelt sah, wuchs eine andere Hoffnung. Dass es bald vorbei sein möge. Es waren nicht die Anstrengungen der Pflege, die Lucille Chaudieu zermürbten, nicht die tausend Löffel Brei, die sie in Tony Tanners sabbernden Mund stopfte, und nicht die Peinlichkeiten der Hygiene bei einem Männerkörper, der ohne Geist und Bewusstsein war, aber auf der körperlichen Ebene bestens funktionierte.

Es war vielmehr, auch wenn sie sich selbst diese Gewissheit nie eingestand, die Schuldgefühle, dass sie wieder einmal versagte. Dass sie nicht die Fähigkeiten hatte, einem Weiterlesen

Tony Tanner – Agent der Weißen Väter

Das Netz der Eisernen Seite – Teil 3

Die Grenze zwischen hinreißend und billig ist ein schmaler Grat, und es bedarf einer gehörigen Portion Erfahrung, Selbstkritik und Selbsterkenntnis, um stets auf der richtigen Seite zu bleiben. Lucille Chaudieu besaß diese Fähigkeiten neben einer ganzen Reihe weiterer solcher, und so trug sie ein dunkelrotes Seidenkleid, das die Schultern frei ließ und eine Handbreit über dem Knie endete, das einiges andeutete und versprach wie eine kultiviert flüsternde Kupplerin und nichts verriet.

Lucille war sich ihrer blutgefäßsprengenden Aura durchaus bewusst und erlaubte sich, Weiterlesen

Tony Tanner – Agent der Weißen Väter

Das Netz der Eisernen Seite – Teil 2

Eisenbahnfahren, fand Dorkas, war eine durchaus angenehme Sache.

Man flegelte sich in einem leidlich bequemen Sessel und rührte keinen Finger, während die Landschaft an einem vorbeigetragen wurde. Das gleichförmige Geräusch der Räder, der Rhythmus der Telegrafenstangen neben dem Gleis und das immer neue, sanfte Auf- und Abschwingen der Leitungen versetzten Dorkas in einen angenehmen Zustand der Gelassenheit.

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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter

Das Netz der Eisernen Seite – Teil 1

Tony Tanners Tagebuch

London. Manchmal überkommt mich das ungeheuer tröstliche Gefühl, dass ich bald eine Stimme an meinem Ohr hören werde, die mir befiehlt, aufzuwachen, und dann öffne ich die Augen und sehe einige weiß gekleidete Gestalten, darunter natürlich eine exklusiv hübsche blonde Krankenschwester, und einer der Ärzte sagt: »Sie haben ziemlich lange geschlafen, Herr Tanner.«

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