Felsenherz der Trapper – Teil 02.2
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 2
Das Geheimnis der Llano Estacado
2.Kapitel
Die Verfolgung
Der Mescalero-Häuptling war inzwischen wieder zu sich gekommen. Seine dunklen Augen glitten unstet hin und her, bis sie hasserfüllt an Felsenherz hängen blieben.
Der junge Trapper lag flach auf dem Bauch neben seinen Gefährten, den Kopf nur leicht erhoben. Mit einer unheimlichen, fast eisigen Ruhe sagte er zum Apachen: »Wattami trägt das Jagdmesser meines ermordeten Onkels im Gürtel. Er war dabei, als die Farm überfallen wurde. Früher trug Felsenherz den Frohsinn der Jugend in sich. Jetzt ist sein Herz zu Stein erstarrt. Wattami wird durch meine Büchse sterben. Ich habe gesprochen.«
Der Mescalero verzog das Gesicht zu einem hämischen Grinsen. »Ich höre eine Eule krächzen, die nur nachts durch die Bäume fliegt! Felsenherz wird am Marterpfahl sterben. Wattami wird ihn fangen, noch bevor die Sonne hinter dem Felsengebirge verschwindet.«
»Master Felsenherz«, warf Jimmy dazwischen, »erledigt Eure Privatfehden später. Für uns heißt es erst einmal: Haut retten! Und das wird schwer genug. Der Mazapil ist hier kaum hundert Meter breit – ein verdammt geringer Vorsprung.«
»Die Mescalero versammeln sich bereits in der Prärie«, meldete Lord Barnley besorgt. »Es müssen an die Hundertzwanzig Krieger sein.«
»Ein stolzes Häuflein!«, feixte der lange Billy. »Aber das macht nichts. Wir reißen jetzt die Brustwehr zum Fluss hin ein und bringen die Pferde aus der Spalte ans Ufer. Die Roten werden im Staub kaum bemerken, dass sie dort saufen.«
Billy gelangte ungehindert mit den vier Tieren ins schützende Gebüsch. Drüben an den Buschinseln lösten sich derweil zehn Reiter aus der Masse der Mescalero: die fünf gefangenen Comanchen und ihre fünf Bewacher.
Als die Comanchen sich allein dem Felsen näherten, ließen die Weißen auch Wattami frei. Der Häuptling entfernte sich in einem weiten Bogen nach rechts. Kaum waren die Comanchen herangeprescht, lenkten sie gemeinsam mit den Weißen ihre Pferde in den Mazapil. Nur in der Mitte gab es eine tiefe Stromrinne, die sie schwimmend überwinden mussten, bevor sie das jenseitige Ufer erreichten.
»Nach rechts am Ufer entlang!«, rief Felsenherz sofort. »Ich traue den Mescalero nicht. Sie könnten uns …«
»Unsinn!«, unterbrach ihn Billy kurz angebunden. »Dort vor uns liegt schluchtenreiches Gelände mit Steinboden. Da hinterlassen wir kaum Fährten. Vorwärts!«
»Dann müssen wir uns trennen!«, entschied Felsenherz hastig. »Die Mescalero tauchen drüben schon wieder auf. Hoffentlich bereut ihr es nicht, Billy, dass ihr meinen Rat ausschlagt!«
Er gab seinem Braunen die Sporen und jagte mit den fünf Comanchen am Ufer des Mazapil nach Südwesten davon, während der Lord und die beiden alten Trapper direkt nach Osten galoppierten.
Tukoma, der Älteste der Comanchen – ein grauhaariger Krieger von gewaltiger Statur – hielt sich dicht neben Felsenherz. »Mein weißer Bruder ist klug wie der Biber, der erst schwimmt, dann abtaucht und die Richtung ändert«, rief er ihm zu. »Wir werden den räudigen Apachenhunden entgehen. Aber die drei Bleichgesichter …«
Er brach ab. Von Osten her trug der Wind den fernen Knall mehrerer Schüsse herüber.
»Ich wusste es!«, sagte Felsenherz mit unerschütterlicher Ernsthaftigkeit. »Die Mescalero hätten Billys Vorschlag niemals angenommen, wenn sie nicht schon den Verrat geplant hätten. Bruder Tukoma, du trägst den Schnee des Alters im Haar, ich bin noch jung. Sag mir, was du denkst.«
»Felsenherz ist ein Comanche geworden«, antwortete Tukoma bescheiden. »Er ist der Bruder Chokarigas, unseres Oberhäuptlings. Tukoma schweigt und folgt.«
Der junge Trapper blickte zurück. Etwa siebenhundert Meter hinter ihnen tauchte eine Gruppe Verfolger auf – sicher vierzig Mescalero. Vor ihnen stieg die Prärie sanft an und ging in eine Kette kahler, düsterer Berge über. Felsenherz hielt nun weg vom Fluss auf ein enges Tal zu, das sich in den Hügeln öffnete.
Die Felswände wurden höher, der Pfad schmaler und steiler. Felsenherz zügelte seinen Braunen, sprang ab und erklomm einen Nebenpfad, der auf eine steinige Hochebene führte. Die Comanchen folgten ihm schweigend. Oben angekommen, galoppierten sie zwischen vereinzelten Felsblöcken und spärlichem Gras nach Süden.
Tukoma drängte sein Pferd wieder näher heran. »Mein weißer Bruder wird die Apachen bald wieder im Nacken haben. Wattami hat die Augen eines Falken. Diese Ebene ist eine Falle: Vor uns steile Felswände, hinter uns die Mescalero.«
Felsenherz spürte den Vorwurf in Tukomas Stimme. Er musterte den südlichen Rand der Ebene, wo das Gestein wie eine Mauer aufragte. Dann entdeckte er rechts eine dunkle Spalte – ein abzweigender Canyon.
»Die Mescalero! Dort links, ein zweiter Trupp!«, rief Tukoma.
Ohne sein Pferd zu überfordern, trieb Felsenherz es zur Eile an. Doch die Comanchen zögerten. Felsenherz war jung, verschlossen und erst seit drei Tagen im Stamm. Das Vertrauen schwand. Tukoma holte ihn ein, seine Stimme klang nun gereizt: »Mein weißer Bruder mag sich uns anschließen. Wir lassen die Pferde zurück und erklimmen die Wand zu Fuß.«
»Nein!«, rief Felsenherz bestimmt. »Dort rechts ist ein Canyon. Wir behalten die Pferde.«
»Dieser Canyon kann eine Sackgasse sein!«, entgegnete Tukoma. »Felsenherz läuft den Mescalero in die Arme. Ich trage nicht die Schuld daran.«
Die fünf Comanchen bogen nach links ab. Das Kriegsgeschrei der Mescalero schwoll zu einem Triumphgeheul an, als sie sahen, dass die Gruppe sich spaltete. Sie beobachteten, wie die Comanchen von den Pferden sprangen, um eine Felswand zu erklettern.
Felsenherz setzte seinen Weg allein fort. Er ritt in den Canyon ein, musste aber bald absatteln und das Tier führen, da der Boden so steil und glatt wurde, dass sein Brauner wegzurutschen drohte. Schließlich versperrte ihm gewaltiges Steingeröll den Weg – die Überreste eines Felssturzes.
Geduldig redete er auf sein Tier ein und kletterte über die Trümmer. Oben erreichte er einen Absatz der Felswand, der ihn um das Hindernis herumführte. Vor ihm öffnete sich nun eine Schlucht, an deren Ende ein Wasserfall donnernd in die Tiefe stürzte.
Felsenherz ließ das Pferd stehen und kehrte zum Geröllhaufen zurück. Für einen Moment dachte er an die brennende Farm, an seine Braut und seine Verwandten. Die Trauer in ihm war längst zu eiskalter Entschlossenheit gefroren. Er duckte sich hinter einen Block, spannte die Hähne seiner Doppelbüchse und wartete.
Wenig später erschien die Vorhut: Wattami höchstpersönlich! Hinter ihm folgten etwa zwanzig Krieger in langer Reihe. Felsenherz zielte kurz und drückte ab.
Der Schuss hallte wie Donner durch den Canyon. Wattami stürzte vornüber auf sein Gesicht. Sofort feuerte Felsenherz den zweiten Lauf ab, packte dann einen zentnerschweren Stein und schleuderte ihn in die Schlucht hinab, gefolgt von einem zweiten. Mit wütendem Geheul wichen die Mescalero zurück und verschwanden hinter der nächsten Biegung.
Felsenherz verließ sein Versteck, nahm den Braunen am Zügel und suchte einen Ausweg. Dort, wo der Bach auf den Boden prallte, hatte er ein tiefes Becken ausgewaschen. Der Trapper entdeckte einen schmalen, fast fettig glänzenden Pfad, der hinter den Wasserfall führte. Eine Wildfährte – wahrscheinlich der Weg eines Bären.
Vorsichtig schritt er voran. Das Pferd schnaubte nervös, doch Felsenherz beruhigte es, hielt ihm die Nüstern zu, um den Bärengeruch abzuschirmen, und betrat die dunkle Höhle hinter dem Wasserfall. Schon nach wenigen Schritten sah er Licht am Ende. Die Höhle war ein natürlicher Tunnel, der auf eine breite Bergterrasse führte.
Zwei Stunden lang ritt er weiter, stetig ansteigend, bis er unvermittelt vor einer endlosen Wüste stand: der berüchtigten Llano Estacado. Diese riesige Hochlandwüste verdankt ihren Namen – die gepfählte Ebene – den Holzstangen, die Reisenden den Weg zu den seltenen Wasserstellen weisen.
Es war gegen vier Uhr nachmittags. Felsenherz hatte die Hufe seines Pferdes mit Stoffstücken umwickelt, um keine Spuren auf dem Gestein zu hinterlassen. Er war sicher, dass er die Verfolger vorerst abgehängt hatte. Er war erschöpft und durstig, doch in der Ferne entdeckte er die ersehnten Pfähle einer Wasserstelle.
Einsam ritt er dem Horizont entgegen. Düstere Gedanken plagten ihn. Die Comanchen hatten ihn verlassen, Billy und der Lord waren vielleicht schon tot. Und irgendwo da draußen war Fred Hobler mit seiner Schwester Anna.
Plötzlich hielt er den Braunen an. Seine Augen fixierten den Boden. Eine Spur: fünf unbeschlagene Pferde, etwa zwölf Stunden alt, im Gänsemarsch. Indianer? Hier im Norden der Estacado?
Er folgte der Fährte, bis er an einer sandigen Stelle etwas glitzern sah. Er sprang ab und hob es auf. Seine Hand zitterte. Es war eine Haarnadel – eine jener Nadeln, die deutsche Auswanderer aus der Heimat mitgebracht hatten. Harry Felsen, wie Felsenherz eigentlich hieß, erkannte sie sofort.
Sein Entschluss stand fest. So gern er seinen Gefährten geholfen hätte – er musste Anna finden. Er erkannte, dass Hobler die fünf Pferde als Reit- und Packtiere für seine geraubten Pelze benutzte.
Wenig später erreichte er eine natürliche Zisterne in einer Schlucht. Die Asche eines Feuers verriet ihm: Hier hatte Hobler gerastet. Die Jagd hatte gerade erst begonnen.
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