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The Theatre Bizarre

Die Hochzeit des Episodenhorrors liegt wohl unbestritten in den 1960ern und 70ern, als Amicus mit Erfolg Die Todeskarten des Dr. Schreck, Totentanz der Vampire und noch einige weitere Anthologiefilme produzierte. Nicht zu vergessen auch Mario Bavas Die drei Gesichter der Furcht (1963). Doch auch in jüngerer Zeit gab es besonders im Horrorbereich immer wieder Spielfilme im Anthologieformat z. B. Die Nacht der Schreie (USA 1987), The Three Faces Of Terror (Italien 2004), Trick or Treat (USA 2007).
Aktuell buhlen sogar zwei Episodenstreifen um die deutsche Publikumsgunst: V.H.S., der den Found-Footage-Stil mit Episodenhorror kombiniert und The Theatre Bizarre, der sich die makaber-blutigen Stücke des Grand Guignol zum Vorbild genommen hat.

Theatre Guignol (Jeremy Kasten)
Die labile Enola Penny (Virginia Newcomb) ist fasziniert von dem heruntergekommenen Theater auf der anderen Straßenseite. Im Zuschauerraum sitzen vereinzelt reglose Gestalten und von der Bühne herunter erzählt eine lebendige Marionette Geschichten.

Die perfekte Einstimmung für The Theatre Bizarre, der sich im Geist der wenig zimperlichen Grand Guignol-Spektakel sieht, von denen ebenfalls mehrere an einem Abend aufgeführt wurden. Gemeinsam mit Enola lauschen wir den bizarren Geschichten der Marionette (Udo Kier), die nach jeder Erzählung menschlicher zu werden scheint, während Enola immer mehr das Aussehen einer Puppe annimmt.

The Mother Of Toads (Richard Stanley)
Das amerikanische Pärchen Marina und Martin stößt während ihres Frankreichurlaubs auf die Spuren von H. P. Lovecrafts Mythologie. Der esoterisch interessierte Martin ist sofort Feuer und Flamme, als eine alte Frau ihn mit der Aussicht auf eine Kopie des legendären Necronomicon in ihr Haus lockt. Erst einmal in dem einsamen Haus angekommen, ist Martin ein hilfloses Opfer der Mutter der Kröten.
Richard Stanley (M.A.R.K. 13 – Hardware) kombiniert hier Tierhorrorszenen mit lovecraftschen Motiven und baut durch die immer wieder eingeschnittenen nebelverhangenen dichten Wälder und das Sounddesign eine sehr bedrohliche Atmosphäre auf. Als personifizierte Mutter der Kröten ist die – eigentlich ziemlich attraktive – Catriona MacColl zu sehen, die durch ihren Auftritt in Lucio Fulcis The Beyond als Horror-Ikone bezeichnet werden darf.
Von den Fans wurde dieses Segment mit Spannung erwartet, da sich Stanley Anfang der 1990er mit Dust Devil und M.A.R.K. 13 – Hardware als vielversprechende Horror-Hoffnung etabliert hat, danach aber nur noch sporadisch in Erscheinung getreten ist.

I Love You (Buddy Giovinazzo)
Kurz nachdem Alex (André Hennicke) ohne Erinnerung und mit zerschnittenen Händen in seinem Badezimmer aufwacht, betritt seine Frau Mona die gemeinsame Wohnung. Doch nur, um ihre Koffer zu packen und Alex zu verlassen. Dieser beschwört sie, nicht zu gehen, worauf sie ihm von ihren zahlreichen Affären berichtet und Alex ausrastet.
Der von USA nach Deutschland übergesiedelte Buddy Giovinazzo (Tatort, Polizeiruf 110) serviert hier ein gelungenes Psychokammerspiel, das am Ende mit einer deftigen Überraschung aufwartet. Grandios unsympathisch als schmieriger Säufer Alex agiert der viel beschäftigte André Hennicke (Der Untergang, Tatort, Sophie Scholl, Pandorum).

Wet Dreams (Tom Savini)
Donnie (James Gill) wird von Kastrationsträumen geplagt, woraufhin er einen Therapeuten (Tom Savini) aufsucht, der jedoch eine Affäre mit Donnies Frau Carla (Debbie Rochon) unterhält. Inzwischen werden Donnies Träume immer wilder.
(Ex-)Maskenbildner Tom Savini (Maniac, From Dusk Till Dawn) legt hier als Regisseur einen wilden Ritt hin, der sich rasant immer mehr steigert, bis das freudianische Traumhopping in ein brutales und herrlich überdrehtes Ende mündet, in dem sich Donnie und Carla (zumindest verbal) nichts mehr schenken. Damit sind Tom Savini und B-Movie Scream-Queen Debbie Rochon (u.a. bei Troma) die perfekte Besetzung für diesen überdrehten Splatterspaß.

The Accident (Douglas Buck)
Ein kleines Mädchen wird Zeuge, wie ein verunfalltest Reh durch einen Kehlenschnitt von seinen Leiden erlöst wird und fragt ihre Mutter daraufhin nach dem Sinn des Sterbens.
Douglas Buck (Sisters-Remake) erzählt hier eine edel gefilmte, kleine und feine Geschichte, die den (notwendigen) Schrecken der realen Welt durch die Augen des kleinen Mädchens zeigt. Keine Horrorgeschichte im eigentlichen Sinne und gerade durch seine ruhige und hypnotische Atmosphäre ungemein fesselnd.

Vision Stains (Karin Husson)
Eine Autorin überfällt und tötet Junkies und Obdachlose um ihnen per Spritze Augenflüssigkeit zu entnehmen. Diese injiziert sie sich selbst und sieht so unmittelbar das Leben ihrer Opfer um es niederzuschreiben.
Auch wenn das moralische Potenzial, das die Geschichte hergibt, deutlich zu kurz kommt und das Filmchen in erster Linie gekonnt auf seine Effekte setzt. Nichts für Augen- und Spritzenphobiker

Sweets (David Gregory)
Die Beziehung von Estelle und Greg steht vor dem Aus. Während sich Greg gerne an die Momente zurückerinnert, in denen er und Estelle sich gegenseitig gefüttert haben, sieht sie trotz allem keine Zukunft und sie befriedigt ihre Neigungen unter anderen Gleichgesinnten, doch nicht ganz ohne Gregs Beteiligung.
Die abschließende Episode stammt von Horror- und Exploitation-Dokumentarfilmer David Gregory (Plague Town), der hier den Fress- und Fütterfetisch zum Thema macht. Im weiß gekachelten Ambiente freuen sich hier die lackgekleideten Gäste auf den Hauptgang. Sicherlich nicht jedermanns Sache und insgesamt zu steril.

Gleich vorneweg: The Theatre Bizarre ist ein blutiges Fest für die Fans des makabren und schwarzhumorigen Horrors. Mit The Accident schleicht sich zwar auch eine sehr leise Geschichte in die Sammlung, doch dient diese an der richtigen Stelle zum kurzen Durchatmen, bevor es deftig weiter geht.
Die gut gemischte internationale Besetzung vor und hinter der Kamera sorgt für inhaltliche und formale Abwechslung. Dennoch behält The Theatre Bizarre nahezu durchgehend seine bizarre Grundstimmung – und somit den Geist des Grand Guignol. In diese Richtung wirkt sich auch der Independent-Charakter des Films positiv aus. Nichts wirkt glattgebügelt oder entschärft. Stets hat man das Gefühl, hier tatsächlich die Vision des Regisseurs vor sich zu haben.
Das Sahnehäubchen schließlich ist das Mitwirken einiger gestandener Horror-Ikonen (Udo Kier, Tom Savini, Debbie Rochon, Catriona MacColl) mit dem Mut zum kalkulierten chargieren und zur Hässlichkeit.
Der einzige Wermutstropfen ist der, dass ausgerechnet die schwächste Episode an den Schluss gepackt wurde.

Fazit:
The Theatre Bizarre bietet einige abwechslungsreiche Facetten des härteren und makabren Horrors. Zart besaitet sollte man hier also nicht sein, doch wer mit Kurzfilmen prinzipiell etwas anfangen kann und sich gerne überraschen lässt, für den stellt The Theatre Bizarre eine deutliche Empfehlung dar.

Copyright © 2012 by Elmar Huber

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The Theatre Bizarre
The Theatre Bizarre
Frankreich, USA, Kanada, 2011
MIG Filmgroup, Düren, 24.09.2012
1 DVD, Horror
EAN: 4250128409100
Laufzeit ca. 114 Minuten
gesehen 09/12 für 11,98 Euro
FSK 18
Regie: Douglas Buck
Drehbuch: Emiliano Ranzani
Darsteller: André Hennicke,
Udo Kier, Debbie Rochon,
Tom Savini, Catriona MacColl,
Virginia Newcomb
Musik: Simon Boswell,
Mark Raskin, Susan DiBona,
Pierre Marchand